Oberon

Part 3

Chapter 3 4,017 words Public domain Markdown

44 Ach! keicht er, gnädiger Herr, was sagt' ich euch?--Nicht weiter, Freund Scherasmin! fällt ihm der Zwerg ins Wort: Ich kenne dich als einen wackern Streiter, Nur läuft zuweilen dein Kopf mit deinem Herzen fort. Warum, auf andrer Wort, so rasch, mich zu verlästern? Fy! graulich schon von Bart, an Urtheil noch so jung! Nimm in Geduld die kleine Züchtigung! Ihr andern, geht, und büßt für euch und eure Schwestern!

45 Das Klostervolk schleicht sich beschämt davon. Drauf spricht der schöne Zwerg mit Freundlichkeit zum Alten: Wie, Alter? immer noch des Argwohns düstre Falten? Doch, weil du bieder bist, verzeiht dir Oberon. Komm näher, guter alter Zecher, Komm, faß' ein Herz zu mir und fürchte keinen Trug! Du bist erschöpft; nimm diesen Becher Und leer' ihn aus auf Einen Zug.

46 Mit diesem Wort reicht ihm der Elfenkönig Ein Trinkgeschirr von feinem Gold gedreht. Der Alte, der mit Noth auf seinen Beinen steht, Stutzt, wie er leer es sieht, nicht wenig. Ey, ruft der Geist, noch keine Zuversicht? Frisch an den Mund, und trink, und zweifle nicht! Der gute Mann gehorcht, zwar nur mit halbem Willen, Und sieht das Gold sich flugs mit Wein von Langon füllen.

47 Und als er ihn auf Einen Zug geleert, Ist's ihm, als ob mit wollustvoller Hitze Ein neuer Lebensgeist durch alle Adern blitze. Er fühlet sich so stark und unversehrt, Als wie er war, da er, in seinen besten Jahren, Mit seinem ersten Herrn zum heiligen Grab gefahren. Voll Ehrfurcht und Vertraun fällt er dem schönen Zwerg Zu Fuß und ruft: Nun steht mein Glaube wie ein Berg!

48 Drauf spricht der Geist mit ernstem Blick zum Ritter: Mir ist der Auftrag wohl bekannt, Womit dich Karl nach Babylon gesandt. Du siehst, was für ein Ungewitter Er dir bereitet hat; sein Groll verlangt dein Blut: Allein, was du mit Glauben und mit Muth Begonnen hast, das helf' ich dir vollenden; Da, wackrer Hüon, nimm dieß Horn aus meinen Händen!

49 Ertönt mit lieblichem Ton von einem sanften Hauch Sein schneckengleich gewundner Bauch, Und dräuten dir mit Schwert und Lanzen Zehn tausend Mann, sie fangen an zu tanzen, Und tanzen ohne Rast im Wirbel, wie du hier Ein Beyspiel sahst, bis sie zu Boden fallen: Doch, lässest du's mit Macht erschallen, So ist's ein Ruf, und ich erscheine dir.

50 Dann siehst du mich, und wär' ich tausend Meilen Von dir entfernt, zu deinem Beystand eilen. Nur spare solchen Ruf bis höchste Noth dich dringt. Auch diesen Becher nimm, der sich mit Weine füllet, So bald ein Biedermann ihn an die Lippen bringt; Der Quell versieget nie, woraus sein Nektar quillet: Doch bringt ein Schalk ihn an des Mundes Rand, So wird der Becher leer, und glüht ihm in der Hand.

51 Herr Hüon nimmt mit Dank die wundervollen Pfänder Von seines neuen Schützers Huld; Und da er sich des Ostens Purpurränder Vergülden sieht, forscht er mit Ungeduld Nach Babylon den kürzesten der Wege. Zeuch hin, spricht Oberon, nachdem er ihn belehrt; Und daß ich nie die Stunde sehen möge, Da Hüons Herz durch Schwäche sich entehrt!

52 Nicht daß ich deinem Muth und Herzen Mißtraue! aber, ach! du bist ein Adamskind, Aus weichem Thon geformt, und für die Zukunft blind! Zu oft ist kurze Lust die Quelle langer Schmerzen! Vergiß der Warnung nie, die Oberon dir gab! Drauf rührt er ihn mit seinem Lilienstab, Und Hüon sieht aus seinem liebevollen Azurnen Augenpaar zwey helle Perlen rollen.

53 Und wie er Treu' und Pflicht ihm heilig schwören will, Entschwunden war der Waldgeist seinem Blicke, Und nur ein Lilienduft blieb wo er stand zurücke. Betroffen, sprachlos, steht der junge Ritter still, Reibt Aug' und Stirn, wie einer, im Erwachen Aus einem schönen Traum, sich sucht gewiß zu machen, Ob das, was ihn mit solcher Lust erfüllt, Was wirklichs ist, ob nur ein nächtlich Bild?

54 Doch, wenn er auch gezweifelt hätte, Der Becher und das Horn, das ihm an goldner Kette Um seine Schultern hing, ließ keinem Zweifel Platz. Der Becher sonderlich dünkt dem verjüngten Alten Das schönste Stück im ganzen Feenschatz. Herr, spricht er, (im Begriff den Bügel ihm zu halten) Noch einen Zug, dem guten Zwerg zum Dank! Sein Wein, bey meiner Treu'! ist echter Göttertrank!

55 Und nun, nachdem sie sich gestärkt zur neuen Reise, Ging's über Berg und Thal, nach alter Ritter Weise, Den ganzen Tag; und nur ein Theil der kurzen Nacht Wird unter Bäumen zugebracht. So zogen sie, ohn' alles Abenteuer, Vier Tage lang--der Ritter schon im Geist Zu Babylon, und glücklich sein Getreuer, Daß Siegwins Sohn es ist, dem er zur Seite reist.

Dritter Gesang.

1 Am fünften, da ihr Weg sich durch Gebirge stahl, Auf einmahl sehen sie in einem engen Thal Viel reiche Zelten aufgeschlagen, Und Ritter, mehr als zwanzig an der Zahl, Die gruppenweise umher in Palmenschatten lagen. Sie ruhten, wie es schien, nach ihrem Mittagsmahl: Indessen Helm' und Speer' an niedern Ästen hingen, Und ihre Pferde frey im Grase weiden gingen.

2 Kaum wird die ritterliche Schaar Der beiden Reisigen noch auf der Höh' gewahr, So raffen alle von der Erde Sich eilends auf aus ihrer Mittagsruh, Als ob zum Kampf geblasen werde. Das ganze Thal wird reg' in einem Nu, Man zittert hin und her, man läuft den Waffen zu, Die Ritter rüsten sich, die Knappen ihre Pferde.

3 Laß sehen, spricht mein Held zu Scherasmin, Was diese Ritterschaft, die dem Verdauungswerke So friedlich obzuliegen schien, In solche Unruh setzt.--Wir selber, wie ich merke, Erwiedert jener; seyd auf eurer Hut. Sie kommen uns in halbem Mond entgegen. Herr Hüon zieht mit kaltem Blut den Degen, Freund, spricht er, der ist mir für allen Schaden gut.

4 Indem tritt aus dem Kreis, in seinem Wehrgeschmeide, Ein feiner Mann hervor, grüßt höflich unsre beide, Und bittet um Gehör. Mit Gunst, Herr Paladin! Ein jeder, spricht er, ist hier angehalten worden, Wer noch von unserm Stand und Orden Seit einem halben Jahr in diesem Thal erschien. Nun steht's in eurer Wahl, ein Speerchen hier zu brechen, Wo nicht, sogleich zu thun, warum wir euch besprechen.

5 Und was? fragt Hüon züchtiglich. Nicht weit von hier, spricht jener, mästet sich In einer festen Burg der Riese Angulaffer; Ein arger Christenfeind, ein wahrer Wütherich, Auf schöne Frau'n erpichter als ein Kaffer, Und, was das schlimmste ist, fest gegen Hieb und Stich, Kraft eines Rings, den er dem Zwerg genommen, Aus dessen Park die Herren hergekommen.

6 Mein Herr, ich bin ein Prinz vom Berge Libanon. Ich hatte mich dem Dienst der schönsten aller Schönen Drey Jahre sonder Minnelohn Verdingt, bevor sie sich so viele Treu' zu krönen Erbitten ließ: und wie ich nun als Bräutigam Ihr eben itzt den Gürtel lösen wollte, Da kam der Wehrwolf, nahm sie untern Arm und trollte Vor meinen Augen weg mit meinem holden Lamm.

7 Fast sieben Monden sind verflossen, Seit ich zu ihrem Heil mein äußerstes versucht: Allein der Eisenthurm, worein er sie verschlossen, Wehrt mir den Zugang, ihr die Flucht. Das Einz'ge, was von Amors süßer Frucht Ich in der langen Zeit genossen, War, Tage lang von fern auf einem Baum zu lauern, Und hinzusehn nach den verhaßten Mauern.

8 Zuweilen däuchte mich sogar Ich sehe sie, in los gebundnem Haar, Am Fenster stehn, mit aufgehobnen Armen, Als flehte sie zum Himmel um Erbarmen. Mir fuhr ein Dolch ins Herz. Und die Verzweiflung nun Trieb mich, seit jenem Tag, aus bloßer Noth zu thun Was ihr erfahren habt, wie alle diese Streiter: Kurz, ungefochten, Herr, kommt hier kein Ritter weiter.

9 Gelingt es euch, was keinem noch gelang, Aus meinem Sattel mich zu heben, So seyd ihr frey und reiset ohne Zwang Wohin ihr wollt: wo nicht, so müßt ihr euch ergeben, Wie diese Herren hier, mir zu Gebot zu stehn, Und keinen Schritt von hier zu gehn, Bis wir das Abenteu'r bestanden Und meine Braut erlöst aus Angulaffers Banden.

10 Doch, wenn ihr etwa lieber schwört In seinen Eisenthurm geraden Wegs zu dringen, Und meine Angela allein zurück zu bringen, So habt ihr freye Wahl, und seyd noch Dankes werth. Prinz, sprach der Paladin, was braucht's hier erst zu kiesen? Genug, daß ihr die Ehre mir erwiesen! Kommt, einen Ritt mit euch und eurer ganzen Zahl, Vom übrigen ein andermahl!

11 Der schöne Ritter stutzt, doch läßt er sich's gefallen: Sie reiten, die Trompeten schallen, Und, kurz, Herr Hüon legt mit einem derben Stoß Den Prinzen Libanons gar unsanft auf den Schooß Der guten alten Mutter Erde. Drauf kommen nach der Reih' die edeln Knechte dran; Und als er ihnen so wie ihrem Herrn gethan, Hebt er sie wieder auf mit höflicher Geberde.

12 Bey Gott, Herr Ritter, (spricht, indem er zu ihm hinkt, Der Cedernprinz) ihr seyd ein scharfer Stecher! Doch Basta! eure Hand! Kommt, weil der Abend winkt, Zum brüderlichen Mahl und zum Versöhnungsbecher. Herr Hüon nimmt den Antrag dankbar an: Drey Stunden flogen weg mit Trinken und mit Scherzen; Und, wie die Ritter ihn so schön und höflich sahn, Verziehn sie ihm ihr Rippenweh von Herzen.

13 Itzt, spricht er, liebe Herr'n und Freunde, da ich euch Was mein war ehrlich abgewonnen, Itzt, sollt ihr wissen, geht's geraden Weges gleich Dem Riesen zu. Ich war's vorhin gesonnen, Und thu' es nun mit desto größ'rer Lust, Weil einem Biedermann ein Dienst damit geschiehet. Drauf dankt er daß sie sich so viel mit ihm bemühet, Und drückt der Reihe nach sie all' an seine Brust.

14 Und als sie ihm zur Burg des ungeschlachten Riesen Durch einen Föhrenwald den nächsten Weg gewiesen, Entläßt er sie, mit der Versicherung, Sie sollten bald von ihrer Dame hören. Lebt wohl, ihr Herr'n!--"Viel Glücks!"--Und nun in vollem Sprung Zum Wald hinaus. Kaum röthete die Föhren Die Morgensonn', als ihm im blachen Feld Ein ungeheurer Thurm sich vor die Augen stellt.

15 Aus Eisen schien das ganze Werk gegossen, Und ringsum war's so fest verschlossen, Daß nur ein Pförtchen, kaum zwey Fuß breit, offen stand; Und vor dem Pförtchen stehn, mit Flegeln in der Hand, Zwey hochgewaltige metallene Kolossen, Durch Zauberey belebt, und dreschen unverdrossen So hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag Sich unzerknickt kein Lichtstrahl drängen mag.

16 Der Paladin bleibt eine Weile stehen; Und, wie er überlegt was anzufangen sey, Läßt eine Jungfrau sich an einem Fenster sehen, Und winkt gar züchtiglich ihn mit der Hand herbey. Ey ja! ruft Scherasmin, die Jungfer hat gut winken! Ihr werdet doch kein solcher Waghals seyn? Seht ihr die Schweizer nicht zur Rechten und zur Linken? Da kommt von euch kein Knochen ganz hinein!

17 Doch Hüon hielt getreu an seiner Ordensregel, Dem Satan selber nicht den Rücken zuzudrehn. Hier, denkt er, ist kein Rath als mitten durch die Flegel Geradezu aufs Pförtchen los zu gehn. Den Degen hoch, die Augen zugeschlossen, Stürzt er hinein; und, wohl ihm! ihn verführt Sein Glaube nicht; die ehernen Kolossen Stehn regungslos, so bald er sie berührt.

18 Kaum ist der Held hinein gegangen, Indessen Scherasmin im Hof die Pferde hält, So eilt die schöne Magd den Ritter zu empfangen; Mit schwarzen Haaren, die ihr am Rücken niederhangen, In weißem Atlaßrock, der bis zur Erde fällt, Und den am leicht bedeckten Busen Ein goldnes Band zusammen hält, Das zierlichste Modell zu Grazien oder Musen!

19 Was für ein Engel, (spricht, indem sie seine Hand Nur kaum berührt, das Mädchen süß erröthend) Was für ein Engel, Herr, hat euch mir zugesandt? Ich stand am Fenster just, zur heil'gen Jungfrau betend, Als ihr erschient. Gewiß hat Sie's gethan, Und als von Ihr geschickt nimmt Angela euch an. Von ihr, die schon so oft sich meiner angenommen, Zu Hülfe mir gesandt, seyd tausendmahl willkommen!

20 Nur laßt uns nicht verziehn; denn jeder Augenblick Ist mir verhaßt, den wir in diesem Kerker weilen. Ich komme nicht, spricht Hüon, so zu eilen: Wo ist der Ries'?--O der, versetzt sie, liegt, zum Glück, In tiefem Schlaf, und wohl, daß ihr ihn so getroffen; Denn, ist er wieder auferweckt, Vergebens würdet ihr ihm obzusiegen hoffen, So lang' der Zauberring an seinem Finger steckt.

21 Doch diesen Ring ihm sicher abzunehmen Ist's noch gerade Zeit. "Wie so?"--Der tiefe Schlaf, Der täglich drey--bis viermahl ihn zu lähmen Und zu betäuben pflegt, ist kein gemeiner Schlaf. Ich will euch, weil noch wohl zwey ganze Stunden fehlen Bis er erwacht, die Sache kurz erzählen. Mein Vater, Balazin von Frygien genannt, Ist Herr von Jericho im Palästinerland.

22 Beynah vier Jahre sind's, seit mich Alexis liebte, Der schönste Prinz vom Berge Libanon; Und wenn ich ihn durch Sprödethun betrübte, So wußte, glaubet mir, mein Herz kein Wort davon: Es fiel mir schwer genug! Doch, in den ersten Wochen Hatt' ich's der heiligen Alexia versprochen, Nur, wenn der Prinz drey Jahre keusch und rein Mir diente, anders nicht, die Seinige zu seyn.

23 Ganz heimlich ward er mir mit jedem Tage lieber; Die Prüfungszeit war lang, allein sie ging vorüber; Ich ward ihm angetraut,--und kurz, schon sahen wir Ins Brautgemach zusammen uns verschlossen: Auf einmahl flog im Sturm die Kammerthür Erdonnernd auf, der Riese kam geschossen, Ergriff mich, floh, und sieben Monden schier Sind, seit mich dieser Thurm gefangen hält, verflossen.

24 Zu wissen, ob der Ries' es mir so leicht gemacht Ihm Stürme ohne Zahl beständig abzuschlagen, Müßt ihr ihn selber sehn. Mein Herr, was soll ich sagen? Stets angefochten, stets den Sieg davon zu tragen, Ist schwer. Einst, da er mich in einer Mondscheinsnacht (Noch schaudert's mich!) aufs äußerste gebracht, Fiel ich auf meine Knie, rief mit gerungnen Händen Die Mutter Gottes an, mir Hülfe zuzusenden.

25 Die holde Himmelskönigin Erhörte mich, die Jungfrau voller Gnaden. Getroffen wie vom Blitz sank der Verruchet hin, Und lag, ohnmächtig mir zu schaden, Sechs ganzer Stunden lang. So oft, seit dieser Zeit, Er den verhaßten Kampf erneut, Erneut das Wunder sich; stracks muß sein Trotz sich legen, Und nichts vermag sein Zauberring dagegen.

26 Dieß war erst heute noch der Fall; und nach Verlauf Der sechsten Stunde (vier sind schon davon verloffen) Steht er zu neuem Leben auf, So frisch und stark, als hätt' ihn nichts betroffen. Des Ringes Werk ist dieß. So lang' ihn der beschützt, Kann ihm am Leben nichts geschehen. Ihr glaubt nicht was der Ring für Tugenden besitzt! Allein, was hält euch, selbst das alles anzusehen?

27 Nun ging's dem Ritter just wie euch. Er hatte sich, nach Angulaffers Nahmen, Ein Unthier vorgestellt aus Titans rohem Samen, Den wilden Erdensöhnen gleich, Die einst, den Göttersitz zu stürmen, Den hohen Pelion zusammt den Wurzeln aus Der Erde rissen, um ihn dem Ossa aufzuthürmen: Nun ward ein Mann von sieben Fuß daraus.

28 Habt ihr das Götterwerk von Glykon je gesehen, Den großen Sohn der langen Wundernacht, Im Urbild, oder nur in Gypse nachgemacht, So denkt, ihr seht den Mann leibhaftig vor euch stehen, Der in der schönen Mondscheinsnacht Die arme Angela aufs äußerste gebracht. Ihn hätte, wie er lag, von unsern neuern Alten Der Schlauste für ein Bild vom Herkules gehalten;

29 Für einen Herkules in Ruh, Als er dem Augias den Marmorstall gemistet; So breit geschultert, hoch gebrüstet Lag Angulaffer da; auch traf die Kleidung zu. Der Ritter stutzt: denn in den Alterthümern Lag seine Stärke nicht; und so, vorm keuschen Blick Des Tages, im Kostum der Heldenzeit zu schimmern, Däucht ihm ein wahres Heidenstück.

30 Nun, flüstert ihm die Jungfrau, edler Ritter, Was zögert ihr? Er schläft. Den Ring, und einen Hieb, So ist's gethan!--"Dazu ist mir mein Ruhm zu lieb. Ein Feind, der schlafend liegt, und nackter als ein Splitter, Schläft sicher neben mir: erst wecken will ich ihn." So macht euch wenigstens zuvor des Ringes Meister, Spricht sie. Der Ritter naht, den Reif ihm abzuziehn, Und macht, unwissend, sich zum Oberherrn der Geister.

31 Der Ring hat, außer mancher Kraft Die Hüon noch nicht kennt, auch diese Eigenschaft, An jeden Finger stracks sich biegsam anzufügen; Klein oder groß, er wird sich dehnen oder schmiegen Wie's nöthig ist. Der Paladin begafft Den wundervollen Reif mit schauerlichem Vergnügen, Faßt drauf des Riesen Arm, und schüttelt ihn mit Macht So lang' und stark, bis er zuletzt erwacht.

32 Kaum fängt der Riese sich zu regen an, so fliehet Die Tochter Balazins mit einem lauten Schrey. Herr Hüon, seinem Muth und Ritterstande treu, Bleibt ruhig stehn. Wie ihn der Heide siehet, Schreyt er ihn grimmig an: Wer bist du, kleiner Wicht, Der meinen Morgenschlaf so tollkühn unterbricht? Dein Köpfchen muß, weil du's von freyen Stücken Mir vor die Füße legst, dich unerträglich jücken?

33 Steh auf und waffne dich, versetzt der Paladin, Dann, Prahler, soll mein Schwert dir Antwort geben! Der Himmel sendet mich zur Strafe dich zu ziehn; Das Ende naht von deinem Sündenleben. Der Riese, da er ihn so reden hört, erschrickt Indem er seinen Ring an Hüons Hand erblickt. Geh, spricht er, eh' mein Blut beginnt zu sieden, Gieb mir den Ring zurück und ziehe hin in Frieden.

34 Ich nahm dir nur was du gestohlen ab, Und dem er angehört werd' ich ihn wieder geben, Spricht Hüon; ich verschmäh' ein so geschenktes Leben; Steh' auf und rüste dich, und komm mit mir herab! "Du hättest mich im Schlaf ermorden können, Versetzt der Reck' in immer sanfterm Muth; Du bist ein Biedermann; mich dau'rt dein junges Blut; Gieb mir den Ring, den Kopf will ich dir gönnen."

35 Feigherziger, ruft Hüon, schäme dich! Vergebens bettelst du! Stirb, oder, wenn du Leben Verdienst, verdien' es ritterlich! Jetzt springt der Unhold auf, daß selbst die Mauern beben; Sein Auge flammet wie der offne Höllenschlund, Die Nase schnaubt, Dampf fährt aus seinem Mund; Er eilt hinweg den Panzer anzulegen, Der undurchdringlich ist selbst einem Zauberdegen.

36 Der Ritter steigt herab, und ungesäumt erscheint Ganz in verlupptem Stahl sein trotzig sichrer Feind, Der in der Wuth vergaß, daß vor des Ringes Blitzen Ihn keine Zauberwaffen schützen. Allein der erste Stoß, den Hüons gutes Schwert Auf seinen Harnisch führt, giebt ihm die Todeswunde; Das Blut schießt wie ein Strom den Hals empor, und sperrt Des Athems Weg in seinem weiten Schlunde.

37 Er fällt, wie auf der Stirn des Taurus eine Fichte Im Donner stürzt; der Thurm, das Feld umher Erbebt von seinem Fall; er fühlt sich selbst nicht mehr, Sein starrend Auge schließt auf ewig sich dem Lichte, Und den verruchten Geist, von Frevelthaten schwer, Schon schleppen Teufel ihn zum schrecklichen Gerichte. Der Sieger wischt vom blutbefleckten Stahl Das schwarze Gift, und eilt zur Jungfrau in den Sahl.

38 Heil euch, mein edler Herr! ihr habt mich wohl gerochen, Ruft Angela, indem sie sich entzückt Zu seinen Füßen wirft, so bald sie ihn erblickt: Und dir, die ihn zum Retter mir geschickt, O Himmelskönigin, sey es hiermit versprochen, Der erste Sohn, mit dem ich in die Wochen Einst komme, werd', in klarem dichtem Gold, So schwer er ist, zum Opfer dir gezollt!

39 Herr Hüon, als er sie gar ehrbar aufgehoben, Erwiedert ihren Dank mit aller Höflichkeit Der guten alten Ritterzeit, Die zwar so fein, wie unsre, nicht gewoben, Doch desto derber war, und besser Farbe hielt. Des Ritters große Pflicht war Jungfrau'n zu beschützen, Und, wenn sein Herz sich gleich unangemuthet fühlt, Auf jeden Ruf sein Blut für jede zu verspritzen.

40 Die Dame hatte noch nicht Zeit und Ruh genug Gehabt, den jungen Mann genauer zu erwägen; Itzt, da sie ihn erbat die Waffen abzulegen, Itzt hätte sie sich gleich mehr Augen wünschen mögen Als Junons Pfau in seinem Schweife trug, So sehr däucht ihr der Ritter, Zug für Zug, Von Kopf zu Fuß, an Bildung und Geberden, An Großheit und an Reitz, der erste Mann auf Erden.

41 Nicht, daß sie just mit jemand ihn verglich Der zwischen ihm und ihrem Herzen stünde; Ganz arglos überließ sie ihren Augen sich, Und bloßes Sehn ist freylich keine Sünde. Kein Skrupel störte sie in dieser Augenlust, So sanft spielt noch um ihre junge Brust Der süße Trug; denn, was sie sicher machte War, daß ihr Herz nicht an Alexis dachte.

42 Ein Glück für dich, unschuldige Angela, Daß keiner deiner Blick' in Hüons Busen Zunder Zum Fangen fand. Und freylich war's kein Wunder: Denn, kam ihr auch, wie dann und wann geschah, Der seinige auf halbem Weg entgegen, So war's der Blick von einem Haubenkopf; Er hätt' auf einen Blumentopf, Auf ein Tapetenbild, nicht kälter fallen mögen.

43 Ein unbekanntes Was, das ihn wie ein Magnet Nach Bagdad zieht, scheint allen seinen Blicken Die scharfe Spitze abzuknicken, Und macht, daß jeder Reitz an ihm verloren geht. Vergebens ist ihr Wuchs wie eine schöne Vase Von Amors eigner Hand gedreht; Vergebens schließt die sanft erhobne Nase Sich an die glatte Stirn in stolzer Majestät;

44 Umsonst hebt ihre Brust, gleich einem Doppelhügel Von frischem Schnee, um den ein Nebel graut, Den dünnen weißen Flor; umsonst ist ihre Haut So rein und glatt als wie ein Wasserspiegel, Worin im Rosenschmuck Aurora sich beschaut; Vergebens hat ihr königliches Siegel Die Schönheit jedem Theil so sichtbar aufgedrückt, Daß ihr Gewand sie weder deckt noch schmückt.

45 Kurz, Angela mit allen ihren Reitzen Ist ihm vergebens schön und jung; Und, ferne nach Verlängerung Der holden Gegenwart zu geitzen, Wünscht er mit jedem Augenblick In ihres Bräut'gams Arm recht herzlich sie zurück, Und kann zuletzt sich nicht entbrechen, Da Sie nichts sagt, ihr selbst davon zu sprechen.

46 Kaum daß er ihr dazu Geleit und Schutz versprach, Und ihre Lippen sich in Dank dafür ergossen: Als ein Getös von Reisigen und Rossen Im Hof der Burg sie plötzlich unterbrach. Schon trampelt's laut die langen Wendelstiegen Herauf. Die junge Frau erschrickt--"Wer kann es seyn?" Doch bald zerschmilzt ihr Schrecken in Vergnügen, Denn, siehe da! Alexis tritt herein.

47 Ihm war, zwar etwas spät, zu Sinne Gestiegen, daß es ihm nicht allzu rühmlich sey, Wenn Hüon seine Braut dem Recken abgewinne, Indessen, weit vom Schuß, mit seiner Reiterey Er, ihr Gemahl, im Schatten, frank und frey, Sein zärtlich Blut mit Palmenwein verdünne: Auch konnte ja (wer wird dafür ihm stehn?) Der Ritter gar davon mit seinem Engel gehn.

48 Demnach, so hatt' er, stracks als ihm sein Ohr gesungen, Mit seiner Ritterschaft zu Pferde sich geschwungen, Und kam in vollem Trab, falls etwa die Gefahr Durch Hüons Tapferkeit bereits vorüber war, Die Schöne in Empfang zu nehmen, Dem fremden Ritter Gottes Lohn Zu wünschen, und--ein wenig sich zu schämen, (Denkt ihr) allein, er war ein Prinz von Libanon.

49 Herr Hüon, unverhofft des Umwegs überhoben Mit Angela zurück ins Palmenthal zu gehn, Läßt von den schönen Herr'n sich in die Wette loben, Und fühlt sich just dabey so gut, als ob man ihn Gescholten hätt'. Und nun, die Wohlthat zu vollenden, Wird, durch des Ringes Kraft, von unsichtbaren Händen Mit allem was den Gaum ergetzt Ein großer runder Tisch in Überfluß besetzt.

50 Ah, ruft die schöne Braut, schier hätt' ich es vergessen: Herr Ritter, ehe wir zum Essen Uns setzen, geht und schließt mit eigner Hand geschwind Des Riesen Harem auf; denn funfzig Jungfern sind Noch außer mir in diesem Thurm verwahret; Der schönste Mädchenflor, ein wahres Tulpenbeet! Er hatte sie für seinen Mahomed Zu Opfern, denk' ich, aufgesparet.

51 Der Harem thut sich auf, und zeigt, in vollem Putz Und buntem lieblichem Gewimmel, Ein wahres Bild von Mahoms lust'gem Himmel. Herr Hüon läßt die Damen all' im Schutz Der schönen Herr'n, und ist schon weit davon geritten, Da hinter ihm noch alles lärmt und schnarrt, Die Ehre seiner Gegenwart Sich wenigstens zur Tafel auszubitten.

52 Schon schlich, indeß in Grau das Abendroth zerfloß, Der stille Mond herauf am Horizonte, Als Hüon, weil sein Gaul nicht länger laufen konnte, An einem schönen Platz zu ruhen sich entschloß. Er sieht sich auf der grünen Erde Nach einem Lager um, indessen für die Pferde Sein Alter sorgt. Auf einmahl steht, ganz nah, Ein prächtiges Gezelt vor seinen Augen da.

53 Ein reicher Teppich liegt, so weit es sich verbreitet, Auf seinem Boden ausgespreitet, Mit Polstern rings umher belegt, Die, wie beseelt von innerlichem Leben, Bey jedem Druck sanft blähend sich erheben. Ein Tisch von Jaspis, den ein goldner Dreyfuß trägt, Steht mitten drin, und, was dem essenslust'gen Magen Zum Göttertisch ihn macht, das Mahl ist aufgetragen.