Oberon

Part 2

Chapter 2 4,043 words Public domain Markdown

53 Herr Hüon fuhr dann zu erzählen fort: Wie stracks auf dieses einz'ge Wort Der Aufruhr sich gelegt, die Ritter alle zurücke Gewichen, und Karl, wiewohl im Herzen ergrimmt, Mit stiller Wuth im halb entwölkten Blicke, Den achten Tag zum Urtheilskampf bestimmt; Wie beide Theile sich mit großer Pracht gerüstet, Und, des Triumfs gewiß, sich Amory gebrüstet.

54 Der stolze Mann, wiewohl in seiner Brust Ein Kläger pocht der seinen Muth erschüttert, War eines Arms von Eisen sich bewußt, Der manchen Wald von Lanzen schon zersplittert. Er hatte nie vor einem Feind gezittert, Und Kampf auf Tod und Leben war ihm Lust. Doch all sein Trotz und seine Riesenstärke Betrogen ihn bey diesem blut'gen Werke.--

55 Gekommen war nunmehr der richterliche Tag, Versammelt alles Volk. Mit meinem silberblanken Turnierschild vor der Brust, und, wie ich sagen mag, Von allen mit Liebe begrüßt, erschien ich in den Schranken. Schon stand der Kläger da. In einem Erker lag Der alte Karl, umringt von seinen Fürsten, Und schien, in offenem Vertrag Mit Amory, nach meinem Blut zu dürsten.

56 Die Sonne wird getheilt. Die Richter setzen sich. Mein Gegner scheint vor Ungeduld zu brennen Bis die Trompete ruft. Nun ruft sie, und wir rennen, Und treffen so gewaltiglich Zusammen, daß aufs Knie die Rosse stürzen, und ich Und Hohenblat uns kaum im Sattel halten können. Eilfertig machen wir uns aus den Bügeln los, Und nun, in einem Blitz, sind beide Schwerter bloß.

57 Daß ich von unserm Kampf dir ein Gemählde mache Verlange nicht. An Grimm und Stärke war, Wie an Erfahrenheit, mein Gegner offenbar Mir überlegen; doch die Unschuld meiner Sache Beschützte mich, und machte meine Kraft Dem Willen gleich. Der Sieg blieb lange zweifelhaft; Schon floß aus manchem Quell des Klägers Blut herunter, Und Hüon war noch unverletzt und munter.

58 Der wilde Amory, wie er sein dampfend Blut Den Panzer färben sieht, entbrannt von neuer Wuth, Und stürmt auf Hüon ein, gleich einem Ungewitter Das alles vor sich her zertrümmert und verheert, Blitzt Schlag auf Schlag, so daß mein junger Ritter Der überlegnen Macht mit Mühe sich erwehrt. Ein Arm, an Kraft mit Rolands zu vergleichen, Bringt endlich ihn, nach langem Kampf, zum Weichen.

59 Des Sieges schon gewiß faßt Amory sogleich Mit beiden angestrengten Händen Sein mächtig Schwert, den Kampf auf Einen Schlag zu enden. Doch Hüons gutes Glück entglitscht dem Todesstreich, Und bringt, eh jener sich ins Gleichgewicht zu schwingen Vermag, da wo der Helm sich an den Kragen schnürt, So einen Hieb ihm bey, daß ihm die Ohren klingen, Und die entnervte Hand den Degengriff verliert.

60 Der Stolze sinkt zu seines Gegners Füßen, Und Hüon, mit gezücktem Schwert, Dringt auf ihn ein. Entlade dein Gewissen, Ruft er, wenn noch das Leben einen Werth In deinen Augen hat. Gesteh es auf der Stelle Bandit, schreyt Amory, indem er alle Kraft Zum letzten Stoß mit Grimm zusammen rafft, Nimm dieß und folge mir zur Hölle!

61 Zum Glücke streift der Stoß, mit ungewisser Hand Vom Boden auf geführt, durch eine schnelle Wendung Die Hüon macht, unschädlich nur den Rand Des linken Arms; allein, mein Ritter, in der Blendung Des ersten Zorns, vergißt, daß Hohenblat, Um öffentlich vor Karln die Wahrheit kund zu machen, Noch etwas Athem nöthig hat, Und stößt sein breites Schwert ihm wüthend in den Rachen.

62 Der Frevler speyt in Wellen rother Flut Die schwarze Seele aus. Der Sieger steht, entsündigt Und rein gewaschen in seines Klägers Blut, Vor allen Augen da. Des Herolds Ruf verkündigt Es laut dem Volk. Ein helles Jubelgeschrey Schallt an die Wolken. Die Ritter eilen herbey Das Blut zu stillen, das an des Panzers Seiten Herab ihm quillt, und ihn zum Kaiser zu begleiten.

63 Doch Karl (so fährt der junge Ritter fort Dem Mann vom Felsen zu erzählen) Karl hielt noch seinen Groll. Kann dieser neue Mord Mir, rief er, meinen Sohn beseelen? Ist Hüons Unschuld anerkannt? Ließ Hohenblat ein Wort von Widerruf entfallen? Auf ewig sey er denn aus unserm Reich verbannt, Und all sein Land und Gut der Krone heimgefallen!

64 Streng war dieß Urtheil, streng der Mund Aus dem es ging; allein, was konnten wir dagegen? Das einzige Mittel war aufs Bitten uns zu legen. Die Pärs, die Ritterschaft, wir alle knieten, rund Um seinen Thron, uns schier die Kniee wund, Und gaben's endlich auf, ihn jemahls zu bewegen; Als Karl zuletzt sein langes Schweigen brach: Wohlan, ihr Fürsten und Ritter, ihr wollt's, wir geben nach.

65 Doch höret den Beding, den nichts zu widerrufen Vermögend ist!--Hier neigt' er gegen mich Herunter zu des Thrones Stufen Den Zepter--Ich begnadige dich: Allein, aus allen meinen Reichen Soll dein verbannter Fuß zur Stunde stracks entweichen, Und, bis du Stück für Stück mein kaiserlich Gebot Vollbracht, ist Wiederkunft unmittelbarer Tod.

66 Zeuch hin nach Babylon, und in der festlichen Stunde, Wenn der Kalif, im Staat, an seiner Tafelrunde, Mit seinen Emirn sich beym hohen Mahl vergnügt, Tritt hin, und schlage dem, der ihm zur Linken liegt, Den Kopf ab, daß sein Blut die Tafel überspritze. Ist dieß gethan, so nahe züchtig dich Der Erbin seines Throns, zunächst an seinem Sitze, Und küß' als deine Braut sie dreymahl öffentlich.

67 Und wenn dann der Kalif, der einer solchen Scene In seiner eignen Gegenwart Sich nicht versah, vor deiner Kühnheit starrt, So wirf dich, an der goldnen Lehne Von seinem Stuhle, hin, nach Morgenländer-Art, Und, zum Geschenk für mich, das unsre Freundschaft kröne, Erbitte dir von ihm vier seiner Backenzähne Und eine Hand voll Haar aus seinem grauen Bart.

68 Geh hin, und, wie gesagt, eh' du aufs Haar vollzogen Was ich dir hier von Wort zu Wort gebot, Ist deine Wiederkunft unmittelbarer Tod! Wir bleiben übrigens in Gnaden dir gewogen. Der Kaiser sprach's und schwieg. Allein wie uns dabey Zu Muthe war, ist nothlos zu beschreiben. Ein jeder sah, daß so gewogen bleiben Nichts besser als ein Todesurtheil sey.

69 Ein dumpfes Murren begann im tiefen Sahl zu wittern. Bey Sankt Georg! (sprach einer von den Rittern Der auf der Lanzelot und Tristan rauher Bahn Manch Abenteu'r mit Ehren abgethan) Sonst pfleg' ich auch nicht leicht vor einem Ding zu zittern; Setz' einer seinen Kopf, ich setz' ihm meinen dran: Doch was der Kaiser da dem Hüon angesonnen Hätt' auch, so brav er war, Herr Gawin nicht begonnen!

70 Was red' ich viel? Es war zu offenbar Daß Karl durch dieß Gebot mir nach dem Leben trachte. Doch, wie es kam, ob es Verzweiflung war, Ob Ahnung, oder Trotz, was mich so tollkühn machte, Genug, ich trat vor ihn und sprach mit Zuversicht: Was du befohlen, Herr, kann meinen Muth nicht beugen. Ich bin ein Frank! Unmöglich oder nicht, Ich unternehm's, und seyd ihr alle Zeugen!

71 Und nun, kraft dieses Worts, mein guter Scherasmin, Siehst du mich hier, nach Babylon zu reisen Entschlossen. Willst du mir dahin Den nächsten Weg aus diesen Bergen weisen, So habe Dank; wo nicht, so mach' ich's wie ich kann. Mein bester Herr, versetzt der Felsenmann, Indem die Zähren ihm am Bart herunter beben, Ihr ruft, wie aus dem Grab, mich in ein neues Leben!

72 Hier schwör' ich euch, und da, zum heil'gen Pfand, Ist diese alte zwar doch nicht entnervte Hand, Mit euch, dem theuren Sohn und Erben Von meinem guten Herrn, zu leben und zu sterben. Das Werk, wozu der Kaiser euch gesandt, Ist schwer, doch ist damit auch Ehre zu erwerben! Genug, ich führ' euch hin, und steh' euch festen Muths Bis auf den letzten Tropfen Bluts.

73 Der junge Fürst, gerührt von solcher Treue, Fällt dankbarlich dem Alten um den Hals. Drauf legen sich die beiden auf die Streue, Und Hüon schläft als wär' es Flaum. Und als Der Tag erwacht, erwacht mit muntern Blicken Der Ritter auch, schnallt seine Rüstung an, Der Alte nimmt den Quersack auf den Rücken, Den Knittel in die Hand, und wandert frisch voran.

Zweyter Gesang.

1 So zieht das edle Paar, stets fröhlich, wach und munter, Bey Sonnenschein und Sternenlicht Drey Tage schon den Libanon hinunter; Und wenn die Mittagsgluth sie auf die Scheitel sticht, Dient hohes Gras im Schatten alter Cedern Zum Ruheplatz; indeß in bunten Federn Das leichte Volk der Luft die Silberkehlen stimmt, Und traulich Theil an ihrer Mahlzeit nimmt.

2 Am vierten Morgen läßt ein kleiner Haufen Reiter Sich ziemlich nah auf einer Höhe sehn. Es sind Araber, spricht zu Hüon sein Begleiter, Und aus dem Wege dem rohen Volke zu gehn, Wo möglich, wäre wohl das beste: Ich kenne sie als unverschämte Gäste. Ey, ey, wo denkst du hin? erwiedert Siegwins Sohn, Wo hörtest du, daß Franken je geflohn?

3 Die Söhne der Wüste, magnetisch angezogen Von Hüons Helm, der ihnen im Sonnenglanz Entgegen blitzt, als wär' er ganz Karfunkel und Rubin, sie kommen mit Pfeil und Bogen, Den Säbel gezückt, in Sturm heran geflogen. Ein Mann zu Fuß, ein Mann zu Pferd Scheint ihnen kaum des Angriffs werth; Allein sie fanden sich betrogen.

4 Der junge Held, bedeckt mit seinem Schild, Sprengt unter sie, und wirft mit seinem Speere Den, der ihr Führer schien, so kräftig von der Mähre, Daß ihm ein blutiger Strom aus Mund und Nase quillt. Nun stürzen alle zumahl, des Hauptmanns Fall zu rächen, Auf seinen Sieger zu, mit Hauen und mit Stechen; Allein von Scherasmin, der ihm den Rücken deckt, Wird auf den ersten Schlag ein Pocher hingestreckt;

5 Und auf den andern Troß arbeitet unser Ritter So unverdrossen los, daß bald ein Zweyter und Dritter Den Sattel räumt. Auf jeden frischen Zug Fliegt hier ein Kopf, und dort ein Arm, den Säbel Noch in der Faust. Nicht minder kräftig schlug Der Alte zu mit seinem schweren Hebel. Zu ihrem Mahom schrey'n die Helden fluchend auf, Und wer noch fliehen kann, der flieht in vollem Lauf.

6 Das Feld liegt grauenhaft mit Leichen und mit Stümmeln Von Roß und Mann bedeckt, die durch einander wimmeln. Der Held, so bald sein neuer Spießgesell Das beste Roß, das seinen Herrn verloren, Nebst einem guten Schwert sich aus der Beut' erkohren, Spornt seinen schnaubenden Hengst und eilet vogelschnell Den Thälern zu, die sich in unabsehbarn Weiten An des Gebirges Fuß vor ihrem Blick verbreiten.

7 Es schien ein wohl gebautes Land, Mit Bächen überall durchschnitten, Die Anger mit Schafen bedeckt, die Auen im Blumengewand, Und zwischen Palmen die friedlichen Hütten Der braunen Bewohner verstreut, die froh ihr Tagwerk thun, In ihrer Armuth reich sich dünken, Und, wenn sie hungrig und müd' in kühlen Schatten ruhn, Zum rohen bäurischen Mahl dem Pilger freundlich winken.

8 Hier läßt der Ritter, da ihn die Sonne zu drücken begann, Sich Brot in frische Milch von einer Hirtin brocken. Das gute Volk begafft zur Seite, halb erschrocken, Wie er im Grase liegt, den fremden eisernen Mann; Allein da Blick und Ton ihm schnell ihr Herz gewann, So wagen bald Kinder sich hin und spielen mit seinen Locken. Den tapfern Mann ergetzt ihr traulich frohes Gewühl, Er wird mit ihnen Kind, und theilt ihr süßes Spiel.

9 Wie selig, denkt er, wär's in diesen Hütten wohnen! Vergeblicher Wunsch! ihn ruft sein Schicksal anderwärts. Der Abend winkt. Beym Scheiden wallt sein Herz, Und, um dem guten Volk das freundliche Mahl zu lohnen, Wirft Hüon eine Hand voll Gold Der Wirthin in den Schooß. Allein die Glücklichen wußten Nicht was es war, und übten das Gastrecht ohne Sold, So daß die Herren ihr Gold nur wieder nehmen mußten.

10 Nun ritten sie zu, bis endlich, da der Tag Zu dämmern begann, ein Wald vor ihnen lag. Freund, spricht der Paladin zum Alten, Mich brennt's wie Feuer bis ich dem Kaiser Wort gehalten. Den nächsten Weg nach Bagdad wolltest du Mich führen? Mir ist's, ich sey vier Jahre schon geritten. Der nächste Weg, versetzt sein Spießgesell, geht mitten Durch diesen Wald; allein, ich rath' euch nicht dazu.

11 Man spricht nicht gut von ihm, zum wenigsten noch keiner, Der sich hinein gewagt, kam jemahls wieder 'raus. Ihr lächelt? Glaubt mir's, Herr, ein übellauniger kleiner Boshafter Kobold hält in diesem Walde Haus. Es wimmelt drin von Füchsen, Hirschen, Rehen, Die Menschen waren so gut als wir. Der Himmel weiß in welches wilde Thier Wir, eh' es morgen wird, uns umgekleidet sehen!

12 Geht nur, erwiedert Siegwins Sohn, Durch diesen Wald der Weg nach Babylon, So fürcht' ich nichts.--"Herr, laßt auf meinen Knieen Euch bitten! Es ist, bey Gott! mir mehr um euch als mich: Denn gegen diesen Geist, das glaubt mir sicherlich, Hilft weder Gegenwehr noch Fliehen. Mit fünf, sechs Tagen später ist's gethan; Und ach! ihr kommt noch stets zu früh in Bagdad an!

13 Wenn du dich fürchtest, spricht der Ritter, So bleibe du, ich geh', mein Schluß ist fest. Das nicht, ruft Scherasmin: der Tod schmeckt immer bitter, Allein, ein Schelm der seinen Herrn verläßt! Wenn ihr entschlossen seyd, so folg' ich ohne Zaudern, Und helf' uns Gott und Unsre Frau zu Acqs! Wohlan, spricht Hüon, komm! und reitet, bleich wie Wachs, Den Wald hinein. Der Alte folgt mit Schaudern.

14 Kaum war er in der Dämmerung Zwey hundert Schritte fortgetrottet, Als links und rechts in vollem Sprung Ein Heer von Hirschen und Rehen sich ihm entgegen rottet. Sie schienen, mit Thränen im warnenden Blick, (Wie Scherasmin, wiewohl bey wenig Lichte, Bemerken will) aus Mitleid sie zurück Zu scheuchen, als sprächen sie: O flieht, ihr armen Wichte!

15 Nun! merkt ihr, (flüstert er zum Ritter) wie es steht? Und werdet ihr ein andermahl mir glauben? Trifft's nicht ganz wörtlich ein? Die Thiere, die ihr seht, Die aus Erbarmen uns so stark entgegen schnauben, Sind Menschen, sag' ich euch; und wenn ihr weitergeht, Glaubt mir, so haben wir den Kobold auf der Hauben. Seyd nicht so hart und rennt aus Eigensinn, Trotz eines Freundes Rath, in euer Unglück hin!

16 Wie, Alter? spricht der Held, ich geh' mit diesen Schritten Nach Bagdad, den Kalif um eine Hand voll Haar Aus seinem Bart und vier von seinen Zähnen zu bitten, Und du verlangst, ich soll von ungewisser Fahr Mich schrecken lassen? Wo ist dein Sinn geblieben? Wer weiß, der Kobold ist vielleicht mein guter Freund. Mit diesen wenigstens ist's nicht so schlimm gemeint; Sieh, wie sie all' in einem Huy zerstieben!

17 Indem er's sagt, so sprengt er auf sie zu, Und alles weicht wie Luft und ist im Huy verflogen. Herr Hüon und sein Führer zogen Nun eine Weile fort in ungestörter Ruh, Stillschweigend beide. Der Tag war nun gesunken, Und ihren Mohnsaft goß die braune Nacht herab; Rings um sie lag schon alles schlummertrunken, Und durch den ganzen Wald war's stille wie im Grab.

18 Zuletzt kann länger sich der Alte nicht entbrechen. Herr, spricht er, stör' ich euch in einem Grillenplan, So haltet mir's zu gut; 's ist eine meiner Schwächen, Ich läugn' es nicht; allein, im Dunkeln muß ich sprechen, Das war so meine Art von meiner Kindheit an. Es ist so stille hier als sey der große Pan Gestorben. Tönte nicht der Hufschlag unsrer Pferde, Ich glaube daß man gar den Maulwurf scharren hörte.

19 Ihr denkt ich fürchte mich; doch ohne Prahlerey, (Denn, was der Mensch auch hat, so sind's am Ende Gaben, Auch leben manche noch, die es gesehen haben) Wo Schwerter klirren, im Feld und im Turney, Mann gegen Mann, auf Stechen oder Hauen, Wär's auch im Nothfall zwey und drey An fünf bis sechs, ich bin dabey! Da kann man doch auf seine Knochen trauen.

20 Kurz, hat ein Feind nur Fleisch und Blut, Ich bin sein Mann! Allein, das muß ich frey gestehen, Um Mitternacht an einem Kirchhof gehen Das lupft ein wenig mir den Hut. Gesetzt, so einem Geist, der querfeld mir begegnet, Steht meine Fysionomie Nicht an: was hilft mir Arm und Degen, ventregris! Wenn's unsichtbare Schläg' auf meinen Rücken regnet?

21 Gesetzt, wie man Exempel hat, Ich hau' ihm auch den Schädel glatt vom Rumpfe; Noch weil er rollt, stehn schon an dessen Statt Zwey neue Köpfe auf dem Stumpfe. Oft rennt sogar der Rumpf in vollem Lauf Dem Kopfe nach, und setzt ihn wieder auf Als wär' es nur ein Hut, den ihm der Wind genommen: Nun, bitt' ich euch, wie ist so einem beyzukommen?

22 Zwar, wie ihr wißt, so bald der Hahn gekräht, So ist's mit all dem Spuk, der zwischen eilf und zwölfen Im Dunkeln schleicht, Gespenstern oder Elfen, Als hätte sie der Wind davon geweht. Allein, der Geist der hier sein Wesen treibet, Ist euch von ganz besonderm Schlag, Hält offnen Hof, ißt, trinkt, und lebt und leibet Wie unser eins, und geht bey hellem Tag.

23 Um meine Neugier aufzuschrauben, Hast du dein bestes gethan, erwiedert Siegwins Sohn: Man spricht von Geistern so viel, und lügt so viel davon, Daß Laien unsrer Art nicht wissen was sie glauben. Einst kam an unsern Hof ein tief studierter Mann, Der schwor uns hoch, es wäre gar nichts dran, Und schimpfte weidlich los auf alle Geisterseher; Auch hieß ihn der Kaplan nur einen Manichäer.

24 Sie disputierten oft bey einer Flasche Wein; Doch, wenn das letzte Glas zu Kopf zu gehn begonnte, So mischten sie so viel Latein darein Daß unser einer kaum ein Wort verstehen konnte. Da dacht' ich oft: Schwatzt noch so hoch gelehrt, Man weiß doch nichts als was man selbst erfährt; Ich wollt' ein Geist erwiese mir die Ehre Und sagte mir was an der Sache wäre.

25 Indem sah unser wandernd Paar Sich unvermerkt in einem Park befangen, Durch den sich hin und her so viele Wege schlangen, Daß irre drin zu gehn fast unvermeidlich war. Der Mond war eben itzt vollwangig aufgegangen, Um durch ein trüglich Dunkelklar Die Augen, die nach einem Ausweg irren, Mit falschen Lichtern zu verwirren.

26 Herr, sagte Scherasmin, hier ist's drauf angesehn Uns in ein Labyrinth zu winden. Der einz'ge Weg sich noch heraus zu finden, Ist--auf gut Glück der Nase nachzugehn. Der Rath (der weiser ist als mancher Klügling meinet) Führt unsre frommen Wandrer bald Zum Mittelpunkt, wo sich der ganze Wald In einen großen Stern vereinet.

27 Und in der Fern' erblicken sie in Büschen Ein Schloß, das, wie aus Abendroth gewebt, Sich schimmernd in die Luft erhebt. Mit Augen, worin sich Lust und Grauen mischen, Und zwischen Traum und Wachen zweifelhaft Schwebt Hüon sprachlos da und gafft; Als plötzlich auf die goldnen Thüren flogen Und rollt' ein Wagen daher, den Leoparden zogen.

28 Ein Knäbchen, schön, wie auf Cytherens Schooß Der Liebesgott, saß in dem Silberwagen, Die Zügel in der Hand.--Da kommt er auf uns los, Mein bester Herr, ruft Scherasmin mit Zagen, Indem er Hüons Pferd beym Zaume nach sich zieht: Wir sind verloren! flieht, o flieht! Da kommt der Zwerg!--Wie schön er ist! spricht jener-- "Nur desto schlimmer! Fort! und wär' er zehnmahl schöner.

29 "Flieht, sag' ich euch, sonst ist's um uns gethan!" Der Ritter sträubt sich zwar, allein da hilft kein Sträuben; Der Alte jagt im schnellsten Flug voran Und zieht ihn nach, und hört nicht auf zu treiben, Zu jagen über Stock und Stein, Durch Wald und Busch, und über Zaun und Graben Zu setzen, bis sie aus dem Hain Ins Freye sich gerettet haben.

30 Mit Regen, Sturm und Blitz verfolgt ein Ungewitter Die Fliehenden; die fürchterlichste Nacht Verschlingt den Mond; es donnert, saust und kracht Rings um sie her, als schlüg's den ganzen Wald in Splitter; Kurz, alle Element' im Streit Zerkämpfen sich mit zügellosem Grimme; Doch mitten aus dem Sturm ertönt von Zeit zu Zeit Mit liebevollem Ton des Geistes sanfte Stimme:

31 "Was fliehst du mich? Du fliehst vor deinem Glück; Vertrau dich mir, komm, Hüon, komm zurück!" Herr, wenn ihr's thut, seyd ihr verloren, Schreyt Scherasmin: fort, fort, die Finger in die Ohren, Und sprecht kein Wort! Er hat nichts Guts im Sinn! Nun geht's aufs neue los durch Dick und Dünn, Vom Sturm umsaust, vom Regen überschwemmet, Bis eine Klostermau'r die raschen Reiter hemmet.

32 Ein neues Abenteu'r! Der Tag da dieß geschah War just das Nahmensfest der heil'gen Agatha, Der Schützerin von diesem Jungfernzwinger. Nun lag kaum einen Büchsenschuß Davon ein Stift voll wohl genährter Jünger Des heil'gen Abts Antonius; Und beide hatten sich in diesen Abendstunden Zu einer Betefahrt freundnachbarlich verbunden.

33 Sie kamen just zurück, als, nah am Klosterbühl, Indem sie Paar und Paar in schönster Ordnung wallten, Der Rest des Sturms sie überfiel. Kreuz, Fahnen, Skapulier, sind toller Winde Spiel, Und strömend dringt die Flut bis in des Schleiers Falten. Umsonst ist alle Müh den Anstand zu erhalten; Die Andacht reißt; mit komischem Gewühl Rennt alles hin und her in seltsamen Gestalten.

34 Hier wadet bis ans Knie geschürzt Ein Nönnchen im Morast, dort glitscht ein Mönch im Laufen, Und, wie er sich auf einen Haufen Von Schwesterchen, die vor ihm rennen, stürzt, Ergreift er in der Angst die Domina beym Beine. Doch endlich, als der Sturm sein äußerstes gethan, Langt athemlos die ganze Korgemeine, Durchnäßt und wohl bespritzt, im Klostervorhof an.

35 Hier war noch alles voll Getümmel, Als durch das Thor, das weit geöffnet stund, Mein Scherasmin sich mitten ins Gewimmel Der Klosterleute stürzt; denn auf geweihtem Grund Ist's, wie er glaubt, so sicher als im Himmel. Bald kommt auch Hüon nach; und, wie er gleich den Mund Eröffnen will, die Freyheit abzubitten, So steht mit einem Blitz--der Zwerg in ihrer Mitten.

36 Auf einmahl ist der Himmel wolkenleer, Und alles hell und mild und trocken wie vorher. Schön, wie im Morgenroth ein neugeborner Engel, Steht er, gestützt auf einen Lilienstängel, Und um die Schultern hängt ein elfenbeinern Horn. So schön er ist, kommt doch ein unbekanntes Grauen Sie alle an: denn Ernst und stiller Zorn Wölkt sich um seine Augenbrauen.

37 Er setzt das Horn an seine Lippen an Und bläst den lieblichsten Ton. Stracks übermannt den Alten Ein Schwindelgeist; er kann sich Tanzens nicht enthalten, Packt eine Nonne ohne Zahn, Die vor Begierde stirbt ein Tänzchen mitzumachen, Und hüpft und springt als wie ein junger Bock So rasch mit ihr herum, daß Schleiertuch und Rock Weit in die Lüfte wehn, zu allgemeinem Lachen.

38 Bald faßt die gleiche Wuth den ganzen Klosterstand; Ein jeder Büßer nimmt sein Nönnchen bey der Hand, Und ein Ballet beginnt, wie man so bald nicht wieder Eins sehen wird. Die Schwestern und die Brüder Sind keiner Zucht noch Regel sich bewußt; Leichtfert'ger kann kein Faunentanz sich drehen. Der einz'ge Hüon bleibt auf seinen Füßen stehen, Sieht ihren Sprüngen zu, und lacht aus voller Brust.

39 Da naht sich ihm der schöne Zwerg, und spricht In seiner Sprach' ihn an, mit ernstem Angesicht: Warum entfliehn vor mir, o Hüon von Guyenne? Wie? du verstummst? Beym Gott des Himmels, den ich kenne, Antworte mir!--Nun kehrt die Zuversicht In Hüons Brust zurück. Was willst du mein? erwiedert Der Jüngling.--Fürchte nichts, spricht jener: wer das Licht Nicht scheuen darf, der ist mit mir verbrüdert.

40 Ich liebte dich von deiner Kindheit an, Und was ich Gutes dir bestimme, An keinem Adamskind hab' ich es je gethan! Dein Herz ist rein, dein Wandel ohne Krümme, Wo Pflicht und Ehre ruft, fragst du nicht Fleisch und Blut, Hast Glauben an dich selbst, hast in der Prüfung Muth: So kann mein Schutz dir niemahls fehlen, Denn meine Strafgewalt trifft nur befleckte Seelen.

41 Wär' nicht dieß Klostervolk ein heuchlerisch Gezücht, Belög' ihr keuscher Blick, ihr leiser Bußton nicht Ein heimlich strafbares Gewissen, Sie ständen, trotz dem Horn, wie du, auf ihren Füßen. Auch Scherasmin, für den sein redlich Auge spricht, Muß seiner Zunge Frevel büßen. Sie alle tanzen nicht weil sie der Kitzel sticht, Die Armen tanzen weil sie müssen.

42 Indem beginnt ein neuer Wirbelwind Den Faunentanz noch schneller umzuwälzen; Sie springen so hoch, und drehn sich so geschwind, Daß sie in eigner Gluth wie Schnee im Thauwind schmelzen, Und jedes zappelnde Herz bis an die Kehle schlägt. Des Ritters Menschlichkeit erträgt Den Anblick länger nicht; er denkt, es wäre Schade Um all das junge Blut, und fleht für sie um Gnade.

43 Der schöne Zwerg schwingt seinen Lilienstab, Und stracks zerrinnt der dicke Zauberschwindel; Versteinert stehn Sankt Antons fette Mündel, Und jedes Nönnchen, bleich als stieg' es aus dem Grab, Eilt, Schleier, Rock, und was sich sonst im Springen Verschoben hat, in Richtigkeit zu bringen. Nur Scherasmin, zu alt für solchen Scherz, Sinkt kraftlos um, und glaubt ihm berste gleich das Herz.