Oberon

Part 13

Chapter 13 3,876 words Public domain Markdown

3 Die heiße Tageszeit vertritt das Amt der Nacht In diesem Land, und wird verschlummert und verträumet. Allein, so bald der Abendwind erwacht, Fragt Hüon, den die Liebe munter macht, Schon alle Schatten an, wo seine Holde säumet? Er weiß, die Nacht wird hier mit Wachen zugebracht; Doch darf sich in den Gärten und Terrassen Nach Sonnenuntergang nichts männlichs sehen lassen.

4 Die Damen pflegen dann, beym sanften Mondesglanz Bald paarweis', bald in kleinen Rotten, Die blühenden Alleen zu durchtrotten; Und ziert die Fürstin selbst den schönen Nymfenkranz, Dann kürzt Gesang und Saitenspiel und Tanz Die träge Nacht; drauf folgt in stillen Grotten Ein Bad, zu dem Almansor selbst (so scharf Gilt hier des Wohlstands Pflicht) sich niemahls nähern darf.

5 Amanden (die, wie unser Ritter glaubte, Im Harem war) zu sehn, blieb keine Möglichkeit, Wofern er nicht sich um die Dämm'rungszeit Im Garten länger säumt als das Gesetz erlaubte. Er hatte dreymahl schon die unruhvollste Nacht In einem Busch an dem vorbey zu gehen Wer aus dem Harem kam genöthigt war, durchwacht, Gelauscht, geguckt, und ach! Amanden nicht gesehen!

6 Fußfällig angefleht von Fatme, Ibrahim Und Scherasmin, ihr und sein eignes Leben So offenbar nicht in Gefahr zu geben, Wollt' er, wiewohl der Sonnenwagen ihm Zu schnell hinab gerollt, am vierten Abend (eben Zur höchsten Zeit) sich noch hinweg begeben, Als plötzlich, wie er sich um eine Hecke dreht, Almansaris ganz nahe vor ihm steht.

7 Sie kam, gelehnt an ihrer Nymfen eine, Um, lechzend von des Tages strengem Brand, Im frischen Duft der Pomeranzenhaine Sich zu ergehn. Ein leichtes Nachtgewand, So zart als hätten Spinnen es gewebet, Umschattet ihren Leib, und nur ein goldnes Band Schließt's um den Busen zu, der durch die dünne Wand Mit schöner Ungeduld sich durchzubrechen strebet.

8 Nie wird die Bildnerin Natur Ein göttlicher Modell zu einer Venus bauen Als diesen Leib. Sein reitzender Kontur Floß wellenhaft, dem feinsten Auge nur Bemerklich, zwischen dem Genauen Und Überflüssigen, so weich, so lieblich hin, Schwer war's dem kältsten Josefssinn, Sie ohne Lüsternheit und Sehnsucht anzuschauen!

9 Es war in jedem Theil, was je die Fantasie Der Alkamenen und Lysippen Sich als das Schönste dacht' und ihren Bildern lieh; Es war Helenens Brust, und Atalantens Knie, Und Leda's Arm, und Erigonens Lippen. Doch bis zu jenem Reitz erhob die Kunst sich nie, Der stets, so bald dazu die Lust in ihr erwachte, Sie zur Besiegerin von allen Herzen machte.

10 Der Geist der Wollust schien alsdann Mit ihrem Athem sich den Lüften mitzutheilen, Die um sie säuselten. Von Amors schärfsten Pfeilen Sind ihre Augen voll, und wehe dann dem Mann, Der mit ihr kämpfen will! Denn, könnt' er auch entgehen Dem feurig schmachtenden Blick, der ihn so lieblich kirrt, Wie wird er diesem Mund voll Lockungen, wie wird Er seinem Lächeln widerstehen?

11 Wie dem Sirenenton der zauberischen Stimme, Der des Gefühls geheimste Saiten regt? Der in der Seele Schooß die süße Täuschung trägt, Als ob sie schon in Wollustseufzern schwimme? Und wenn nun, eh' vielleicht die Weisheit sich's versah, Verräth'risch jeder Sinn, zu ihrem Sieg vereinigt, Den letzten Augenblick der Trunkenheit beschleunigt: O sagt, wer wäre dann nicht seinem Falle nah?

12 Doch, ruhig! Fern ist noch und ungewiß vielleicht Der Schiffbruch, der uns itzt fast unvermeidlich däucht. Zu fliehen--sonst auf alle Fälle Das klügste--ging in diesem Augenblick Nicht an--sie war zu nah--wiewohl an Hüons Stelle Ein wahrer Gärtner doch geflohen wär'. Zum Glück, Hilft, falls sie fragt, ein Korb mit Blumen und mit Früchten, Den er im Arme trägt, ihm eine Antwort dichten.

13 Natürlich stutzt die schöne Königin, In ihrem Wege hier auf einen Mann zu treffen. Was machst du hier? fragt sie den Paladin Mit einem Blick, der jedem andern Neffen Des alten Gärtners tödtlich war. Doch Hüon, unterm Schirm gesenkter Augenlieder, Läßt auf die Kniee sich mit edler Ehrfurcht nieder, Und stellt den Blumenkorb ihr als ein Opfer dar.

14 Er hatte, (spricht er) bloß es ihr zu überreichen, Die Zeit versäumt, die allen seines gleichen Die Gärten schließt. Hat er zu viel gethan, So mag sein Kopf den raschen Eifer büßen. Allein die Göttin scheint in einen mildern Plan Vertieft, indeß zu ihren Füßen Der schöne Frevler liegt. Sie sieht ihn gütig an, Und scheint mit Mühe sich zum Fortgehn zu entschließen.

15 Den schönsten Jüngling, den sie jemahls sah--und schön Wie Helden sind, mit Kraft und Würde--fremde Der Farbe nach--in einem Gärtnerhemde-- Dieß schien ihr nicht natürlich zuzugehn. Gern hätte sie mit ihm sich näher eingelassen, Hielt' nicht der strenge Zwang des Wohlstands sie zurück. Sie winkt ihm endlich weg; doch scheint ein Seitenblick, Der ihn begleitet, viel, sehr viel in sich zu fassen.

16 Sie schreitet langsam fort, stillschweigend, dreht sogar Den schönen Hals, ihm hinten nachzusehen, Und zürnt, daß er dem Wink so schnell gehorsam war. War er, den Blick, der ihn erklärte, zu verstehen, Zu blöde? Fehlt's vielleicht der reitzenden Gestalt An Seele? Trügt das ungeduld'ge Feuer In seinem Auge? Macht Gefahr ihn kalt? Wie, oder sucht' er hier ein andres Abenteuer?

17 Ein andres?--Dieser Zweifel hüllt Ihr plötzlich auf, was sie sich selber zu gestehen Erröthet. Unruhvoll, verfolgt von Hüons Bild, Irrt sie die ganze Nacht durch Lauben und Alleen, Horcht. Jedem Lüftchen das sich regt Entgegen, jedem Blatt, das an ein andres schlägt: Still! spricht sie zur Vertrauten, laß uns lauschen! Mir däucht, ich hörte was durch jene Hecke rauschen.

18 Es ist vielleicht der schöne Gärtner, spricht Die schlaue Zof': er ist, wofern mich alles nicht An ihm betrügt, der Mann sein Leben dran zu setzen, Um hier, im Hinterhalt, an einen Busch gedrückt, Mit einem Anblick sich noch einmahl zu ergetzen, Der ihn ins Paradies verzückt. Wie wenn wir ihn ganz leise überraschten, Und auf der frischen That den schönen Frevler haschten?

19 Schweig, Närrin, spricht die Haremskönigin; Du faselst, glaub' ich, gar im Traume? Und gleichwohl richtet sie geraden Wegs zum Baume, Woher das Rauschen kam, die leichten Schritte hin. Es war ein Eidechs nur gewesen, Der durchs Gesträuch geschlüpft.--Ein Seufzer, halb erstickt, Halb in den Strauß, den sie zum Munde hielt, gedrückt, Bekräftigt was Nadin' in ihrem Blick gelesen.

20 Unmuthig kehrt sie um, und mit sich selbst in Zwist, Beißt sich die Lippen, seufzt, spricht etwas, und vergißt Beym dritten Wort schon was sie sagen wollte, Zürnt, daß Nadine nicht die rechte Antwort giebt, Und nicht erräth, was sie errathen sollte; Die schöne Dame ist, mit Einem Wort--verliebt! Sogar ihr Blumenstrauß erfährt's--wird, ohn' ihr Wissen, Zerknickt, und, Blatt für Blatt, verzettelt und zerrissen.

21 Drey Tage hatte nun das Übel schon gewährt, Und war, durch Zwang und Widerstand genährt, Mit jeder Nacht, mit jedem Morgen schlimmer Geworden. Denn, so bald der Abendschimmer Die bunten Fenster mahlt, verläßt sie ihre Zimmer, Und streicht, nach Nymfen-Art, mit halb entbundnem Haar, Durch alle Gartengäng' und Felder, wo nur immer Den Neffen Ibrahims zu finden möglich war.

22 Allein, vergebens lauscht' ihr Blick, vergebens pochte Ihr Busen Ungeduld: der schöne Gärtner ließ Sich nicht mehr sehn, was auch die Ursach' heißen mochte. Unglückliche Almansaris! Dein Stolz erliegt. Wozu dich selbst noch länger quälen, (Denkt sie) und was dich nagt Nadinen, die gewiß Es lange merkt, aus Eigensinn verhehlen? Verheimlichung heilt keinen Schlangenbiß.

23 Sie wähnt, sie suche Trost an einer Freundin Busen; Doch was sie nöthig hat ist eine Schmeichlerin. In dieser Hofkunst war Nadine Meisterin. Der Saft von allen Pompelmusen In Afrika erfrischte nicht so gut Der wollustathmenden Sultanin gährend Blut, Als dieser Freundin Rath und zärtliches Bemühen, Den Mann, den sie begehrt, bald in ihr Netz zu ziehen.

24 Um Mitternacht und bey verschloßnen Thüren Ihn in den Theil des Harems einzuführen Worin Almansaris ganz unumschränkt befahl, Schien nicht so schwierig, seit der Sultan, ihr Gemahl, Der Leidenschaft zur schönen Zoradinen (Wie sich die junge Fremde hieß Die durch ein Wunder jüngst an diesem Strand erschienen) Ganz öffentlich und frey sich überließ.

25 Die Amme hatte sich im Schließen nicht betrogen; Es war Amanda selbst, die aus der Räuber Macht Titania durch einen Blitz gezogen Und unverletzt an diesen Strand gebracht. Ihr wißt, was sich begab als sie ans Land gekommen; Wie ihr Almansor stracks sein flüchtig Herz geweiht, Und wie mit neidischer verstellter Zärtlichkeit Almansaris sie aufgenommen.

26 Der Sultan war vielleicht der allerschönste Mann Auf den die Sonne je geschienen, Und wußte dessen sich so siegreich zu bedienen, Daß ihm noch nie ein weiblich Herz entrann. Zum ersten Mahl bey dieser Zoradinen Verlor er seinen Ruhm. Für Sie ist nur Ein Mann Auf Erden; Sie hat keine Augen, keinen Gedanken, keinen Sinn, als nur für diesen Einen.

27 Die Würde ohne Stolz, die edle Sicherheit, Die anstandvolle, unterstellte Gleichgültigkeit und ungezwungne Kälte, Womit sie ihn, der hier befehlen kann, so weit Von sich zu halten weiß, daß er, wie sehr er brennet, Ihr kaum durch einen stummen Blick Zu klagen wagt,--dieß alles sieht und nennet Almansaris der Buhlkunst Meisterstück.

28 Gewohnt, des Sultans Herz nach ihrer Lust zu drehen, Zu herrschen über ihn, im Harem unbeschränkt Zu herrschen, könnte sie den Zepter ungekränkt Von dieser Fremden aus der Hand sich spielen sehen? Zwar leiht sie ihrem Haß ein lächelndes Gesicht, Und thut als zweifle sie an Zoradinen nicht; Doch überall ist's in des Harems Mauern Verborgner Augen voll, die all ihr Thun belauern.

29 Allein, seitdem des schönen Gärtners Reitz Mit Amors schärfstem Pfeil ihr stolzes Herz durchdrungen, Hat Lustbegier die Eifersucht verschlungen. Ihr Ehrgeitz weicht nun einem süßern Geitz, Dem Geitz nach seinem Kuß. Ihn wieder zu besiegen Ist nun ihr einz'ger Stolz. Mag doch die ganze Welt Zu Zoradinens Füßen liegen, Wenn Sie nur den sie liebt in ihren Armen hält!

30 Sie selbst befördert nun den Anschlag--Zoradinen, Entfernt von ihr, in einem andern Theil Des Harems, den Almansor schon in Eil' Für sie bereiten ließ, anständ'ger zu bedienen: Der Fremden wahrer Stand, wiewohl sie ihn noch nicht Gestanden, mache dieß zu einer Art von Pflicht; Beym ersten Anblick könn' es keinem Aug' entgehen, Sie sey gewohnt nichts über sich zu sehen.

31 Indem Almansaris, mit lust'ger Höflichkeit, Auf diese Weise sich in ihren eignen Zimmern Von einer Zeugin, die ihr lästig ist, befreyt, Läßt, ohne sich um sie, und wie sie sich die Zeit Vertreiben kann und will, im mindesten zu kümmern, Almansor, der nun ganz sich seiner Liebe weiht, Ihr freyen Raum, Entwürfe auszubrüten, Wozu im Harem ihr sich hundert Hände bieten.

32 Unmäßig grämt indeß der schöne Gärtner sich, Daß ihm--der schon seit mehr als sieben Tagen Die Mauern, wo Amanda trau'rt, umschlich, (Denn daß sie trau'rt, das kann sein eignes Herz ihm sagen) Das holde Weib auch durch ein Gitter nur Zu sehn, nur ihres leichten Fußes Spur, (Er würd' ihn, o gewiß! aus tausenden erkennen!) Die unmitleidigen Gestirne noch mißgönnen.

33 Er wirft sich unmuthsvoll bey seinen Freunden hin: "Könnt ihr, wenn ihr mich liebt, denn keinen Weg ersinnen, Nur einen einz'gen Mund im Harem zu gewinnen, Der meinen Nahmen nur und daß ich nah ihr bin Ins Ohr ihr flüstre?"--Still! da kommt mir was zu Sinn, Ruft Fatme aus: Ihr sollt ihr einen Mahneh schicken! Geht nur, die Blumen, die uns nöthig sind, zu pflücken; In dieser Sprache bin ich eine Meisterin.

34 Und Hassan eilt, wie Fatme ihm befohlen, Ein Myrtenreis, und Lilien, und Schasmin, Und Rosen und Schonkilien herzuhohlen. Drauf heißt sie ihn ein Haar aus seinen Locken ziehn, Nimmt dünnen goldnen Draht, und windet Und dreht das Haar mit ihm zusammen, bindet Den Strauß damit, und drein ein Lorberblatt, Worauf er A und H, verschränkt, gekritzelt hat.

35 Nun, spricht sie, wenn ich's noch mit Zimmetwasser netze, So ist's der schönste Brief, den je ein Herzensdieb Von eurer Art an seine Liebste schrieb. Wollt ihr, daß ich's geschwind euch übersetze? Verliere keine Zeit, ruft Hüon, tausend Dank! Du kannst nicht bald genug mir eine Antwort bringen; Die Liebe schütze dich und laß' es dir gelingen! Geh, wir erwarten dich auf dieser Rasenbank.

36 Die gute Fatme ging. Allein, weil ihr kein Zimmer Im innern Theil des Harems offen stand, So lief der Strauß durch manche Sklavenhand, Und ward zuletzt (wie sich der Zufall immer In alles ungebeten mischt) Durch einen Irrthum von Nadinen aufgefischt, Und ihrer Königin, nachdem sie erst durch Fragen Das Wie und Wann erforscht, frohlockend zugetragen.

37 Weil Fatme diesen Brief gebracht, Die Sklavin Ibrahims, so konnte der Verdacht Auf keinen andern als den schönen Hassan fallen; Und daß er aus des Harems Schönen allen Der Schönsten gelten muß, scheint eben so gewiß, Zumahl nach dem was jüngst sich zugetragen. Was könnte denn das A und H sonst sagen, Als--Hassan und Almansaris?

38 Und hätte sie, wiewohl es nicht zu glauben, Auch eine Nebenbuhlerin; Nur desto mehr Triumf für ihren stolzen Sinn, Der Feindin mit Gewalt die Beute wegzurauben! Die Eifersucht, die dieß auf einmahl rege macht, Vereinigt sich mit andern sanftern Trieben, Nicht länger als bis auf die nächste Nacht Den schönen Sieg, nach dem sie dürstet, zu verschieben.

39 Indessen kommt, entzückt von ihres Auftrags Glück, Und ohne Argwohn, hintergangen Zu seyn, fast athemlos, mit glühend rothen Wangen Vor Freud' und Hastigkeit, die Amme nun zurück. Ihr Blick ist schon von fern als wie ein Sonnenblick Aus Wolken, die sich just zu theilen angefangen. Herr Ritter (raunt sie ihm ins Ohr) was gebt ihr mir, So öffnet heute noch sich euch die Himmelsthür?

40 Mit Einem Wort, ihr sollt Amanden sehen! Noch heut, um Mitternacht, wird euch die kleine Thür Ins Myrtenwäldchen offen stehen: Der Sklavin, die euch dort erwartet, folget ihr Getrost wohin sie geht, und fürchtet keine Schlingen; Sie wird euch unversehrt an Ort und Stelle bringen. Das gute Weib, dem nichts von Arglist schwant, Verläßt sich auf den Weg, den sie ihm selbst gebahnt.

41 "Wie hoch, o Fatme! bin ich dir verbunden! Ruft Hüon aus--Ich soll sie wiedersehn! Noch diese Nacht! Und wär's, durch tausend Wunden Unmittelbar von Ihr in meinen Tod zu gehn, Kaum würde weniger die Nachricht mich erfreuen!" Mein bester Herr, ich habe guten Muth; Die Sterne sind uns hold, ihr werdet sie befreyen, (Spricht Scherasmin) und alles wird noch gut!

42 Gebt mir drey Tage nur, um heimlich eine Pinke Zu miethen, die nicht fern in einer sichern Bucht Vor Anker liegen soll, bereit, beym ersten Winke, So bald der Augenblick zur Flucht Uns günstig wird, frisch in die See zu stechen. Noch läßt's das Kästchen uns an Mitteln nicht gebrechen; Nur Gold genug, so ist die Welt zu Kauf; Ein goldner Schlüssel, Herr, schließt alle Schlösser auf!

43 Indeß daß unser Held die Zeit von seinem Glücke Mit Ungeduld an seinem Pulse zählt, Und, weil sein Puls mit jedem Augenblicke Behender schlägt, sich immer überzählt, Seufzt, nicht geduldiger, die reitzende Sultane, Gerüstet schon zum Sieg, die Mitternacht herbey. Gefällig bot der Zufall ihrem Plane Die Hand, und machte sie von allen Seiten frey.

44 Ein großes Fest, der schönen Zoradinen Zu Ehren im Palast vom Sultan angestellt, Wobey die Odalisken all' erschienen, Gab ihr in ihrem Theil des Harems offnes Feld. Daß sich Almansaris für überflüssig hält Bey dieser Lustbarkeit, schien keinem ungebührlich: Im Gegentheil, man fand das Kopfweh sehr natürlich, Das, wie gebeten, sie auf einmahl überfällt.

45 Die Stunde ruft. Der schöne Gärtner nahet Sich leise durchs Gebüsch der kleinen Gartenthür. Wie klopft sein Herz! Ihm fehlt der Athem schier, Da eine weiche Hand im Dunkeln ihn empfahet, Und sanft ihn nach sich zieht. Stillschweigend folgt er ihr, Mit leisem Tritt, bald auf bald ab, durch enge Sich oft durchkreuzende lichtarme Bogengänge, Und nun entschlüpft sie ihm vor einer neuen Thür.

46 Wo sind wir? flüstert er und tappt mit beiden Händen. Auf einmahl öffnet sich die Thür. Ein matter Schein (Wie wenn sich, zwischen Myrtenwänden Mit Efeu überwölbt, in einem Frühlingshain Der Tag verliert) entdeckt ihm eine Reihe Zimmer Die ohne Ende scheint; und, wie er vorwärts geht, Wird unvermerkt das matte Licht zu Schimmer, Der Schimmer schnell zum höchsten Glanz erhöht.

47 Er steht betroffen und geblendet Von einer Pracht, die alles, was er ie Gesehn, beschämt; so sehr ist Gold und Lapis Lazuli, Und was Golkond und Siam reiches sendet, Mit stolzer Üppigkeit hier überall verschwendet. Doch unbefriedigt sucht sein liebend Auge--Sie. Wo ist Sie? seufzt er laut. Kaum ist sein Ach! entflogen, So wird, in einem Blitz, ein Vorhang weggezogen.

48 Zu beiden Seiten rauscht der reiche Goldstoff auf, Und welch ein Schauspiel zeigt sich seinen starren Blicken! Ein goldner Thron, und eine Dame drauf, So wie ein Bildner sich, verloren in Entzücken, Die Liebesgöttin denkt. Zwölf Nymfen, jede jung Und voller Reitz, wie Amors Schwestern, schweben In Gruppen rings umher,--um, gleich der Dämmerung, Den steigenden Triumf der Sonne zu erheben.

49 Von rosenfarbner Seide kaum Beschattet, schienen sie, zu ihrer Dame Füßen, Wie Wölkchen, die in einem Dichtertraum Um Cythereens Wagen fließen. Sie selbst, im reichsten Putz und mit Juwelen ganz Belastet, zeigt ihm bloß, daß all dieß bunte Funkeln Nicht fähig ist, den angebornen Glanz Von ihrer Schönheit zu verdunkeln.

50 Herr Hüon, (der sich nun der Gärtner Hassan nennt) So wie sein Auge sich zu ihr erhebt--erkennt Almansaris, erschrickt, verwirrt sich, wankt zurücke. Dieß allverblendende wollüst'ge Traumgesicht, Was soll es ihm?--Er sieht Amanden nicht! Sie suchte hier sein Herz, Sie suchten seine Blicke. Almansaris, die sehr verzeihlich irrt, Glaubt, daß ihr Glanz allein ihn blendet und verwirrt.

51 Sie steigt vom Thron herab, kommt lächelnd ihm entgegen Und nimmt ihn bey der Hand, und scheint bereit, für ihn Die Majestät, vor der ihm schwindelt, abzulegen, Und allen Vortheil bloß von ihrem Reitz zu ziehn. Unmerklich wird ihr Anstand immer freyer; In ihren Augen brennt ein lieblich lodernd Feuer Und spielt elektrisch sich in seinen Busen ein; Sie drückt ihm sanft die Hand, und heißt ihn fröhlich seyn.

52 Halb unentschlossen scheint sein Blick ihr was zu sagen: Sie winkt die Nymfen weg, und weg ist auch sein Muth; Er scheint zu furchtsam nur die Augen aufzuschlagen. Die Scene ändert sich. Ein zweyter Vorhang thut Sich auf. Almansaris führt ihren blöden Hirten In einen andern Sahl, wo rings umher die Wand Bekleidet war mit Rosen und mit Myrten, Und mit Erfrischungen ein Tisch beladen stand.

53 Beym Eintritt werden sie mit Sang und Klang empfangen, Aus Saiten und Gesang ertönt der Freude Geist; Und Hassan setzt, wie ihm's die Dame heißt, Ihr gegenüber sich. Erröthendes Verlangen Und schöne Ungeduld bekennet, furchtsam dreist, In ihrem schwimmenden Blick, auf ihren glühenden Wangen, Ihm seinen Sieg: allein, aus seinen Augen bricht Wie aus Gewölk ein traurig düstres Licht.

54 Zwar irrt, nicht blöde mehr, sein Blick von freyen Stücken Auf ihren Reitzungen umher; Doch nicht aus Liebe, nicht mit schmachtendem Entzücken, Nicht, wie sie wünscht, vom Thau wollüst'ger Thränen schwer. Er ist zerstreut, er scheint sie zu vergleichen, Und jeder Reitz, der ihm nachstehend sich enthüllt, Mahlt nur lebendiger Amandens edles Bild, Und muß, beschämt, dem keuschen Reitze weichen.

55 Vergebens reicht sie ihm den blinkenden Bokal Mit einem Blick, der Amors ganzen Köcher In seinen Busen schießt. Beym frohsten Göttermahl Reicht ihrem Herkules den vollen Nektarbecher Mit süßerm Lächeln selbst die junge Hebe nicht. Umsonst! Mit frostigem Gesicht Nimmt er den Becher an, den kaum ihr Mund berührte, Und trinkt, als ob er Gift auf seiner Zunge spürte.

56 Die Dame winkt; und schnell schlingt sich die Schwesterschaar Der Nymfen, die vorhin den goldnen Thron umgaben, In einen Tanz, der Todte auf der Bahr' Mit neuen Seelen zu begaben, Und Geister zu verkörpern fähig war. In Gruppen bald verweht, bald wieder Paar und Paar, Sieht Hüon hier die lieblichsten Gestalten In tausendfachem Licht freigebig sich entfalten.

57 Vielleicht zu deutlich nur, scheint alles abgezielt Begierden ihm und Ahnungen zu geben: Er fühl' es immerhin, denkt sie, wenn er nur fühlt, Wie reich das Schauspiel ist das hier die Schönheit spielt! Wie reitzend ist der Arme leichtes Schweben, Der Hüften üppiger Schwung, der Knöchel wirbelnd Beben! Wie schmachtend fallen sie, mit halb geschloßnem Blick, Als wie in süßen Tod itzt stufenweise zurück!

58 Unwillig fühlt die überraschten Sinnen Der edle Mann in dieser Gluth zerrinnen. Er schließt zuletzt die Augen mit Gewalt, Und ruft Amandens Bild zum mächt'gen Gegenhalt; Amandens Bild, aus jener ernsten Stunde, Als er, den Druck noch warm auf seinem Munde Von ihrem Kuß, zu Dem, der die Natur Erfüllt und trägt, den Eid der Lieb' und Treue schwur.

59 Er schwöret ihn, aufs neue, in Gedanken Auf seinen Knie'n vor diesem heil'gen Bild: Und plötzlich ist's als hielt' ein Engel seinen Schild Vor seine Brust, so matt und kraftlos sanken Der Wollust Pfeile von ihr ab. Almansaris, die Acht auf alles gab Was ihr sein Blick verrieth, klopft schnell in ihre Hände, Und macht in einem Wink dem üpp'gen Tanz ein Ende.

60 Und ob sie gleich mit Müh kaum über sich gewann, Dem marmorharten jungen Mann In ihren Armen nicht Empfindung abzuzwingen, Versucht sie doch noch eins, das schwerlich fehlen kann: Sie läßt sich ihre Laute bringen. Auf ihrem Polstersitz mit Reitz zurück gelehnt, Und, zum Bezaubern fast, durch ihre Gluth verschönt, Was wird ihr durch die Gunst der Musen nicht gelingen?

61 Wie rasch durchläuft in lieblichem Gewühl Der Rosenfinger Flug die seelenvollen Saiten! Wie reitzend ist dabey aus ihrem offnen weiten Rückfallenden Gewand der schönen Arme Spiel! Und, da aus einer Brust, die Weise zu bethören Vermögend war, das mächtige Gefühl Sich in Gesang ergießt, wie kann er sich erwehren Auf seinen Knie'n die Göttin zu verehren?

62 Süß war die Melodie, bedeutungsvoll der Sinn. Es war das Lied von einer Schäferin, Die lange schon ein Feu'r, das keine Rast ihr gönnet, Verbarg--doch nun dem allgewalt'gen Drang Nicht länger widersteht, und dem, der sie bezwang, Erröthend ihre Pein und seinen Sieg bekennet. Das Lied stand zwar im Buch; allein, so wie sie sang, Singt keine, die nicht selbst in gleichen Flammen brennet.

63 Hier weicht die stolze Kunst der siegenden Natur; So lieblich girrt der Venus Taube nur! Die Sprache des Gefühls, so mächtig ausgesprochen, Der schönen Töne klarer Fluß Durch kleine Seufzerchen so häufig unterbrochen, Der Wangen höhers Roth, des Busens schnellers Pochen, Kurz, alles ist vollströmender Erguß Der Leidenschaften, die in ihrem Innern kochen.

64 Im Übermaß von dem was sie empfand Fällt ihr zuletzt die Laute aus der Hand. Die Arme öffnen sich--Doch, Hüon, dem es graute, Greift eilends noch im Fallen nach der Laute Wie ein Begeisterter, und stimmt mit mächt'gem Ton Die Antwort an, gesteht, daß eine andre schon Sein Herz besitzt, und daß im Himmel und auf Erden Ihn nichts bewegen kann ihr ungetreu zu werden.

65 Fest war sein Ton, und unbestechlich streng Sein edler Blick. Die Zaubrerin, wider Willen, Fühlt seine Obermacht. Sie blaßt, und Thränen füllen Ihr zürnend Aug'; die Lust kommt ins Gedräng Mit ihrem Stolz. Sie eilt sich zu verhüllen; Verhaßt ist ihr das Licht, der weite Sahl zu eng: Mit einem kalten Blick auf ihren Rebellen, winket sie, ihn schleunig abzuführen

66 Die Gipfel glänzten schon im ersten Purpurlichte, Als unser Held, die Stirn in finstern Gram Gehüllt, zurück zu seinen Freunden kam. Erschrocken lasen sie in seinem Angesichte Beym ersten Blick die Hälfte der Geschichte. Unglückliche, spricht er zu Fatmen, die vor Scham Zur Erde sinkt, wohin war dir dein Sinn entflogen? Doch--dir verzeih' ich gern--du wurdest selbst betrogen.