Part 12
56 Auf, Kinder, greifet zu! So ein Gesicht wie dieß Gilt uns zu Tunis mehr als zwanzig reiche Ballen: Der König, wie ihr wißt, liebt solche Nachtigallen; Und dieser wilden hier gleicht von den Schönen allen In seinem Harem nichts. Ihr reicht Almansaris, Die Königin, so schön sie ist, gewiß Das Wasser kaum. Wie wird der Sultan brennen! Der Zufall hätt' uns traun! nicht besser führen können.
57 Indeß der Hauptmann dieß zu seinem Volke sprach, Steht Rezia, und denkt zwey Augenblicke nach Was hier zu wählen ist. "Sind diese Leute Feinde, So hilft die Flucht mir nichts, da sie so nahe sind: Vielleicht daß Edelmuth und Bitten sie gewinnt. Ich geh' und rede sie als Freunde, Als Retter an, die uns der Himmel zugesendet. Vielleicht ist's unser Glück, daß sie hier angeländet."
58 Dieß denkend, geht, mit unschuldsvoller Ruh Im offnen Blick, und mit getrosten Schritten, Das edle schöne Weib auf die Korsaren zu: Allein sie bleiben taub bey ihren sanften Bitten. Die Sprache, die zu allen Herzen spricht, Rührt ihre eisernen entmenschten Seelen nicht. Der Hauptmann winkt; sie wird umringt, ergriffen, Und alles läuft und rennt, die Beute einzuschiffen.
59 Auf ihr erbärmliches Geschrey, Das durch die Felsen hallt, fliegt Hüon voller Schrecken Den Wald herab, zu ihrer Hülf' herbey. Ganz außer sich, so bald ihm was es sey Die Bäume länger nicht verstecken, Ergreift er in der Noth den ersten knot'gen Stecken Der vor ihm liegt, und stürzt, wie aus der Wolken Schooß Ein Donnerkeil, auf die Barbaren los.
60 Sein holdes Weib zu sehn, die mit blutrünst'gen Armen Sich zwischen Räubertatzen sträubt, Der Anblick, der zu Tiegerwuth ihn treibt, Macht bald den Eichenstock in seiner Faust erwarmen. Die Streiche fallen hageldicht Auf Köpf' und Schultern ein mit stürzendem Gewicht. Er scheint kein Sterblicher; sein Auge spritzet Funken, Und sieben Mohren sind schon vor ihm hingesunken.
61 Bestürzung, Scham und Grimm, von einem einz'gen Mann Den schönen Raub entrissen sich zu sehen, Spornt alle andern an, auf Hüon los zu gehen, Der sich, so lang' er noch die Arme regen kann, Unbändig wehrt; bis, da ihm im Gedränge Sein Stock entfällt, die überlegne Menge (Wiewohl er rasend schlägt und stößt und um sich beißt) Ihn endlich übermannt und ganz zu Boden reißt.
62 Mit einem Schrey gen Himmel sinkt Amande In Ohnmacht, da sie ihn erwürgt zu sehen glaubt. Man schleppt sie nach dem Schiff, indeß das Volk am Strande Auf den Gefallnen stürmt, und tobt und Rache schnaubt. Ihm einen schnellen Tod zu geben, Wär's auch der blutigste, däucht sie Gelindigkeit: Nein, ruft der Hauptmann aus, um desto längre Zeit Der Tode grausamsten zu sterben, soll er leben!
63 Sie schleppen ihn tief in den Wald hinein, So weit vom Strand, daß auch sein lautstes Schreyn Kein Ohr erreichen kann, und binden ihn mit Stricken Um Arm und Bein, um Hals und Rücken, An einen Baum. Der Unglücksel'ge blickt Zum Himmel auf, verstummend und erdrückt Von seines Elends Last; und laut frohlockend fahren Mit ihrem schönen Raub nach Tunis die Barbaren.
Zehnter Gesang.
1 Schon sinkt der Tag, und trauernd wirft die Nacht (Ach! nicht vertraulich mehr in süßer Herzensfülle Von Liebenden und Freunden zugebracht) Mitleidig ihre trübste Hülle Ums öde Eiland her, wo aus der tiefen Stille Nun keinen Morgen mehr der Freude Lied erwacht; Nur ein Verlassener von allem was er liebet Der Pflichten schrecklichste durch stilles Dulden übet.
2 Ihn hört Titania, in ein Gewölk verhüllt, Tief aus dem Wald herauf in langen Pausen ächzen, Sieht den Unglücklichen in stummer Angst verlechzen, Und wendet sich von ihm. Denn, ach! vergebens schwillt Ihr zartes Herz von innigem Erbarmen. Ein stärk'rer Zauber stößt mit unaufhaltbar'n Armen Sie weg von ihm; und wie sie überm Strand Dahin schwebt, blinkt vor ihr ein Goldreif aus dem Sand.
3 Amanda hatte ihn, im Ringen mit den Söhnen Des Raubes, unvermerkt vom Finger abgestreift. Die Elfenkönigin, indem sie ihn ergreift, Erkennt den Talisman, dem alle Geister fröhnen. Bald, ruft sie freudig, ist das Maß des Schicksals voll! Bald werden wieder dich die Sterne mir versöhnen, Geliebter! Dieser Ring verband uns einst; er soll Zum zweyten Mahl zu meinem Herrn dich krönen!
4 Inzwischen hatte man im Schiff, mit großer Müh, Amanden, die in Ohnmacht lag, ins Leben Zurück gerufen. Kaum begonnte sie Die schweren Augen trostlos zu erheben; So fiel vor ihr der Hauptmann auf die Knie, Und bat sie, sich dem Gram nicht länger zu ergeben: Dein Glück ist's, sprach er, bloß, wovon ich Werkzeug bin; In wenig Tagen bist du unsre Königin.
5 Besorge nichts von uns, wir sind nur dich zu schützen Und dir zu dienen da: dich, Schönste, zu besitzen Ist nur Almansor werth, der dir an Reitzen gleicht. Er wird beym ersten Blick in deinen Fesseln liegen; Und, glaube meinem Wort, du wirst ihn mit Vergnügen Zu deinen Füßen sehn. Der Hauptmann spricht's, und reicht (Um allen Argwohn, den sie hegen mag, zu stillen) Ein reiches Tuch ihr dar, sich ganz darein zu hüllen.
6 Der ist des Todes, (fährt er fort, Mit einem Blick und Ton, der alles Volk am Bord Erzittern macht) der je des Frevels sich verwäget Und seine Hand an diesen Schleier leget! Betrachtet sie von diesem Augenblick Als ein Juwel, das schon Almansorn angehöret. Er sagt's, und zieht, damit sie ungestöret Der Ruhe pflegen kann, kniebeugend sich zurück.
7 Amanda, ohne auf des Räubers Wort zu hören, Bewegungslos, betäubt von ihrem Unglück, sitzt, Die Hände vor der Stirn, die Arme aufgestützt Auf ihre Knie', mit starren, thränenleeren, Erloschnen Augen da. Ihr Jammer ist zu groß Ihn auszusprechen, ihn zu tragen Ihr starkes Herz zu zart. Ach! diesen letzten Stoß Erträgt sie nicht! Sie sinkt, doch sinkt sie ohne Klagen.
8 Sie schaut nach Trost sich um, und findet keinen; leer Und hoffnungslos, und Nacht, wie ihre Seele, Ist alles, alles um sie her; Die ganze Welt verkehrt in eine Mörderhöhle! Sie starrt zum Himmel auf--auch Der Hat keinen Trost, hat keinen Engel mehr! Am Abgrund der Verzweiflung, wo sie schwebet, Steht noch der Tod allein, der sie im Sinken hebet.
9 Mitleidig reicht er ihr die abgezehrte Hand, Der letzte, treuste Freund der Leidenden! Sie steiget Hinab mit ihm ins stille Schattenland, Wo aller Schmerz, wo aller Jammer schweiget; Wo keine Kette mehr die freye Seele reibt, Die Scenen dieser Welt wie Kinderträume schwinden, Und nichts aus ihr als unser Herz uns bleibt: Da wird sie alles, was sie liebte, wiederfinden!
10 Wie ein verblutend Lamm, still duldend, liegt sie da, Und seufzt dem letzten Augenblick entgegen: Als, in der stillen Nacht, sich ihr Titania Trost bringend naht. Ein unsichtbarer Regen Von Schlummerdüften stärkt der schönen Dulderin Matt schlagend Herz, und schläft den äußern Sinn Unmerklich ein. Da zeigt sich ihr im Traumgesichte Die Elfenkönigin in ihrem Rosenlichte.
11 Auf! spricht sie, fasse Muth! Dein Sohn und dein Gemahl Sie athmen noch, sind nicht für dich verloren. Erkenne mich! Wenn du zum dritten Mahl Mich wieder siehst, dann ist, was Oberon geschworen, Erfüllt durch eure Treu'. Ihr endet unsre Pein, Und wie Wir glücklich sind, so werdet Ihr es seyn. Mit diesem Wort zerfließt die Göttin in die Lüfte, Doch wehen, wo sie stand, noch ihre Rosendüfte.
12 Amand' erwacht, erkennt an ihrem Duft Und Rosenglanz, die nur allmählich schwanden, Die göttergleiche Frau, die in der Felsengruft, Gleich unverhofft, ihr ehmahls beigestanden. Gerührt, beschämt von diesem neuen Schutz, Ergreift ihr Herz mit dankbarlichem Beben Dieß Pfand von ihres Sohns und ihres Hüons Leben, Und beut mit ihm nun jedem Schicksal Trutz.
13 Ach! wüßte sie, was ihr (zu ihrem Glücke) Verborgen bleibt, wie trostlos diese Nacht Ihr unglücksel'ger Freund, mit siebenfachem Stricke An einen Eichenstamm gebunden, zugebracht, Wie bräch' ihr Herz!--Und Er, vor dessen Augenblitze Nichts dunkel ist, der gute Schutzgeist, weilt? Er steht, am Quell des Nils, auf einer Felsenspitze, Die, ewig unbewölkt, die reinsten Lüfte theilt.
14 Den ernsten Blick dem Eiland zugekehrt, Wo Hüon schmachtet, steht der Geisterfürst, und hört Sein Ächzen, das aus tiefer Ferne Zu ihm herüber bebt,--schaut nach dem Morgensterne, Und hüllt sich seufzend ein. Da nähert, aus der Schaar Der Geister, die theils einzeln, theils in Ringen, ihn überall begleiten und umschwingen, Sich einer ihm, der sein Vertrauter war.
15 Erblassend, ohne Glanz, naht sich der Sylfe, blickt Ihn schweigend an, und seine Augen fragen Dem Kummer nach, der seinen König drückt; Denn Ehrfurcht hält ihn ab die Frage laut zu wagen. Schau auf, spricht Oberon. Und mit dem Worte weist In einer Wolke, die mit ausgespanntem Flügel Vorüber fährt, sich dem bestürzten Geist Des armen Hüons Bild als wie in einem Spiegel.
16 Versunken in der tiefsten Noth, An seines Herzens offnen Wunden Verblutend, steht er da, verlassen und gebunden Im öden Wald, und stirbt den langen Martertod. In diesem hoffnungslosen Stande Schwellt seine Seele noch das zürnende Gefühl: "Verdient' ich das? verdiente das Amande? Ist unser Elend nur den höhern Wesen Spiel?
17 "Wie untheilnehmend bleibt bey meinem furchtbarn Leiden, Wie ruhig alles um mich her! Kein Wesen fühlt mit mir; kein Sandkorn rückt am Meer Aus seinem Platz, kein Blatt in diesen Laubgebäuden Fällt meinetwegen ab. Ein scharfer Kiesel wär' Um meine Bande durchzuschneiden Genugsam--ach! im ganzen Raum der Zeit Ist keine Hand, die ihm dazu Bewegung leiht!
18 "Und doch, wenn meine Noth zu wenden Dein Wille wär', o Du, der mich dem Tod so oft Entrissen, wenn ich es am wenigsten gehofft, Es würden alle Zweig' in diesem Wald zu Händen Auf deinen Wink!"--Ein heil'ger Schauder blitzt Durch sein Gebein mit diesem Himmelsfunken; Die Stricke fallen ab; er schwankt, wie nebeltrunken, In einen Arm, der ihn unsichtbar unterstützt.
19 Es war der Geist, dem Oberon die Geschichte Des treuen Paars im Bilde sehen ließ, Der diesen Dienst ihm ungesehn erwies. Der Sohn des Lichts erlag dem kläglichen Gesichte. Ach! rief er, inniglich betrübt, Und sank zu seines Meisters Füßen, So strafbar als er sey, kannst du, der ihn geliebt, Vor seiner Noth dein großes Herz verschließen?
20 Der Erdensohn ist für die Zukunft blind, Erwiedert Oberon: wir selbst, du weißt es, sind Des Schicksals Diener nur. In heil'gen Finsternissen, Hoch über uns, geht sein verborgner Gang; Und, willig oder nicht, zieht ein geheimer Zwang Uns alle, daß wir ihm im Dunkeln folgen müssen. In dieser Kluft, die mich von Hüon trennt, Ist mir ein einzigs noch für ihn zu thun vergönnt.
21 Fleug hin, und mach' ihn los, und trag' ihn auf der Stelle, So wie er ist, nach Tunis, vor die Schwelle Des alten Ibrahim, der, nahe bey der Stadt, Die Gärten des Serai's in seiner Aufsicht hat. Dort leg' ihn auf die Bank von Steinen, Hart an die Hüttenthür, und eile wieder fort: Doch hüte dich ihm sichtbar zu erscheinen, Und mach' es schnell, und sprich mit ihm kein Wort.
22 Der Sylfe kommt, so rasch ein Pfeil vom Bogen Das Ziel erreicht, bey Hüon angeflogen, Löst seine Bande auf, beladet sich mit ihm, Und trägt ihn, über Meer und Länder, durch die Lüfte Bis vor die Thür des alten Ibrahim; Da schüttelt er von seiner starken Hüfte Ihn auf die Bank, so sanft als wie auf Pflaum. Dem guten Ritter däucht was ihm geschieht ein Traum.
23 Er schaut erstaunt umher, und sucht sich's wahr zu machen: Doch alles was er sieht bestätigt seinen Wahn. Wo bin ich? fragt er sich, und fürchtet zu erwachen. Indem beginnt, nicht fern von ihm, ein Hahn Zu krähn, und bald der zweyte und der dritte; Die Stille flieht, des Himmels goldnes Thor Eröffnet sich, der Gott des Tages geht hervor, Und alles lebt und regt sich um die Hütte.
24 Auf einmahl knarrt die Thür, und kommt ein langer Mann Mit grauem Bart, doch frisch und roth von Wangen, Ein Grabscheit in der Hand, zum Haus heraus gegangen; Und beide sehn zugleich, was keiner glauben kann, Herr Hüon seinen treuen Alten In einem Sklavenwamms--der gute Scherasmin Den werthen Herrn, den er für todt gehalten, In einem Aufzug, der nicht glückweissagend schien.
25 Ist's möglich? rufen alle beide Zu gleicher Zeit--"Mein bester Herr!"--"Mein Freund!" "Wie finden wir uns hier?"--Und, außer sich vor Freude, Umfaßt der alte Mann des Prinzen Knie, und weint Auf seine Hand. Ihn herzlich zu umfangen Bückt Hüon sich zu ihm herunter, hebt Ihn zu sich auf, und küßt ihn auf die Wangen. Gott Lob, ruft Scherasmin, nun weiß ich daß ihr lebt!
26 Was für ein guter Wind trug euch vor diese Schwelle? Doch zum Erzählen ist der Ort hier nicht geschickt; Kommt, lieber Herr, mit mir in meine Zelle, Eh' jemand hier beisammen uns erblickt. Auf allen Fall seyd ihr mein Neffe Hassan, (flüstert Er ihm ins Ohr) ein junger Handelsmann Von Halep, der die Welt zu sehn gelüstert, Und Schiffbruch litt, und mit dem Leben nur entrann.
27 Ja, leider! blieb mir nichts, seufzt Hüon, als ein Leben Das keine Wohlthat ist!--Das wird sich alles geben, Erwiedert Scherasmin, und schiebt sein Kämmerlein Ihm hurtig auf, und schließt sich mit ihm ein. Da, spricht er, nehmet Platz; bringt dann auf einem Teller Das beste, was sein kleiner Vorrathskeller Vermag, herbey, Oliven, Brot und Wein, Und setzt sich neben ihn, und heißt ihn fröhlich seyn.
28 Mein bester Herr, daß wir, nach allen Streichen Die uns das Glück gespielt, so unvermuthet hier Zu Tunis, vor der Hüttenthür Des Gärtners Ibrahim uns finden, ist ein Zeichen, Daß Oberon ganz unvermerkt und still Uns alle wiederum zusammen bringen will. Noch fehlt das Beste; doch, zum Pfande für Amanden, Ist wenigstens die Amme schon vorhanden.
29 Was sagst du? ruft Herr Hüon voller Freuden. Demselben Ibrahim, dem ich bedienstet bin, Dient sie als Sklavin hier, erwiedert Scherasmin. Wie wird das gute Weib die Augen an euch weiden! Drauf fängt er ihm Bericht zu geben an, Was er in all' der Zeit gelitten und gethan, Und was ihn, unverrichter Sachen, Bewogen, von Paris sich wieder wegzumachen.
30 Und wie er ihn zu Rom im Lateran gesucht, Und, seiner dort viel Wochen ohne Frucht Erwartend, unvermerkt sein Bißchen Geld verzettelt, Darauf, mit Muscheln ausstaffiert, Sich durch die halbe Welt als Pilger durchgebettelt, Bis ihn sein guter Geist zuletzt hierher geführt, Wo Fatme, die er unverhofft gefunden, Auf beßre Zeit mit ihm zu harren sich verbunden.
31 Zum Glück ist immer unversehrt (Setzt er hinzu) das Kästchen mitgezogen, Das euch der schöne Zwerg zu Askalon verehrt; Denn, wie ich sehe, Horn und Becher sind entflogen. Verzeiht mir, lieber Herr! ich traf den wunden Ort; Es war nicht hübsch an mir so frey heraus zu platzen: Die Freude, daß ich euch gefunden, macht mich schwatzen; Allein, ihr kennt mein Herz, und weiter nun kein Wort!
32 Der edle Fürstensohn drückt seinem guten Alten Die Hand, und spricht: Ich kenne deine Treu', Sollst alles wissen, Freund! ich will dir nichts verhalten; Allein, vor allem, steh in Einem Ding mir bey. Das Kästchen, das du mir erhalten, Ist an Juwelen reich. Denkst du nicht auch, es sey Am besten angewandt, mir eilends Pferd und Waffen Und ritterlichen Schmuck in Tunis anzuschaffen?
33 Es sind zwölf Stunden kaum, seit eine Räuberschaar Amanden mir entriß, mir, der am ödsten Strande Allein mit ihr und unbewaffnet war. Sie führen sie vielleicht in diese Mohrenlande, Nach Marok oder Fez, gewiß nach einem Platz, Wo Hoffnung ist, sie theuer zu verkaufen: Allein kein Harem soll mir meinen höchsten Schatz Entziehen, sollt' ich auch die ganze Welt durchlaufen.
34 Der Alte sinnt der Sache schweigend nach. "Die Gegend, wo ihr euch mit Rezia befunden, Ist also wohl nur wenig Stunden Von hier entfernt?"--Nicht daß ich wüßte, sprach Der junge Fürst; vielleicht sind's tausend Stunden: Mich trug, unendlich schnell, ich weiß nicht wer, (Doch wohl ein Geist) aus einem Wald hierher, Wo mich das Räubervolk an einen Baum gebunden.
35 Das hat, ruft jener aus, kein andrer Arm gethan Als Oberons. Ich selber, spricht der Ritter, Ich trau' ihm's zu, und nehm's als ein Versprechen an, Er werde mehr noch thun. So bitter Die Trennung ist, so schreckenvoll das Bild Des holden Weibs in wilden Räuberklauen; Dieß neue Wunder, Freund, erfüllt Mein neu belebtes Herz mit Hoffnung und Vertrauen.
36 Der müßte ja ganz herzlos, ganz von Stein, Und ohne Sinn, und gänzlich unwerth seyn Daß sich der Himmel seinetwegen Bemühe, (hätt' er auch von dem die Hälfte nur Erfahren, was mir widerfuhr) Wer Kleinmuth und Verdacht zu hegen Noch fähig wär'. Es geh' durch Feuer oder Flut Mein dunkler Weg, ich halte Treu' und Muth.
37 Nur, lieber Scherasmin, wenn's möglich ist, noch heute Verschaffe mir ein Schwert und einen Gaul. Zu lang' entbehr' ich beides!--an der Seite Der Liebe zwar--doch itzt, in dieser Weite Von Rezia, däucht mir mein Herzblut stehe faul Als wie ein Sumpf, bis ich die schöne Beute Den Helden abgejagt. Ihr Leben und mein Glück, Bedenk' es, hängt vielleicht an einem Augenblick.
38 Der Alte schwört ihm zu, es soll' an ihm nicht liegen Des Prinzen Ungeduld noch heute zu vergnügen. Doch unverhofft hält seines Eifers Lauf Am ersten Abend schon ein leidiger Zufall auf. Denn Hüon fühlte von so viel Erschütterungen, Die Schlag auf Schlag gefolgt, auf einmahl sich bezwungen, Und brachte, matt und glühend, ohne Ruh, Die ganze Nacht in Fieberträumen zu.
39 Die Bilder, die ihm stets im Sinne lagen, Beleben sich; er glaubt mit einem Schwarm Von Feinden sich ergrimmt herum zu schlagen; Dann sinkt er kraftlos hin, und drückt im kalten Arm Die Leiche seines Sohns; bald kämpft er mit den Fluten, Hält die versinkende Geliebte nur am Saum Des Kleides noch; bald, selbst an einen Baum Gebunden, sieht er sie in Räuberarmen bluten.
40 Erschöpft von Grimm und Angst stürzt er aufs Lager hin Mit starrem Blick. Dem treuen Scherasmin Kommt seine Wissenschaft in dieser Noth zu Statten. Denn dazumahl war's eines Knappen Amt Die Heilkunst mit der Kunst der Ritterschaft zu gatten. Ihm war sie schon vom Vater angestammt, Und viel geheimes ward auf seinen langen Reisen Ihm mitgetheilt von Rittern und von Weisen.
41 Er eilt, so bald der schöne Morgenstern Am Himmel bleicht, (indeß bey dem geliebten Herrn Als Wärterin sich Fatme emsig zeiget) Den Gärten zu, worin noch alles ruht und schweiget; Sucht Kräuter auf, von deren Wunderkraft Ein Eremit auf Horeb ihn belehret, Und drückt sie aus, und mischet einen Saft, Der binnen kurzer Frist dem stärksten Fieber wehret.
42 Ein sanfter Schlaf beginnt schon in der zweyten Nacht Auf Hüons Stirne sich zu senken. Mit liebevoller Treu' gepfleget und bewacht, Und reichlich angefrischt mit kühlenden Getränken, Fühlt er am vierten Tag so gut sich hergestellt, Um sich, so bald der Mond die laue Nacht erhellt, In einem Gärtnerwamms, womit man ihn versehen, Mit Scherasmin im Garten zu ergehen.
43 Sie hatten in den Rosenbüschen, Nah an der Hütte, noch nicht manchen Gang gethan, So kommt die Amme (die, was neues aufzufischen, Sich oft dem Harem naht) mit einer Zeitung an, Die kräft'ger ist als irgend ein Laudan Des Kranken Blut und Nerven zu erfrischen: Es sey, versichert sie, beynahe zweifelsfrey Daß Rezia nicht fern von ihnen sey.
44 Wo ist sie? wo? ruft Hüon mit Entzücken Und Ungeduld, auffahrend--Hurtig! sprich! Wo sahst du sie?--Gesehn? erwiedert Fatme, ich? Das sagt' ich nicht; allein, ich lasse mich zerstücken Wenn's nicht Amanda ist, die diesen Abend hier Gelandet. Höret nur, was die Minute mir Die Jüdin Salome, die eben Vom innern Harem kam, für ganz gewiß gegeben.
45 Kurz, sprach sie, vor der Abendzeit Ließ auf dem hohen Meer sich eine Barke sehen; Sie flog daher mit Vogelsschnelligkeit, Die Segel schien ein frischer Wind zu blähen. Auf einmahl stürzt aus wolkenlosen Höhen Zickzack ein feur'ger Strahl herab, Und mit dem ersten Stoß, den ihm ein Sturmwind gab, Sieht man das ganze Schiff in voller Flamme stehen.
46 An Löschen denkt kein Mensch in solcher Noth. Das Feuer tobt. Vom fürchterlichsten Tod Umschlungen, springt aus seinem Flammenrachen Wer springen kann, und wirft sich in den Nachen. Der Wind macht bald sie von dem Schiffe los, Treibt sie dem Ufer zu; doch, eine Viertelstunde Vom Strand, ergreift den Kahn ein neuer Wirbelstoß, Und stürzt ihn um, und alles geht zu Grunde.
47 Die Leute schrey'n umsonst zu ihrem Mahom auf, Arbeiten, mit der angestrengten Stärke Der Todesangst, umsonst sich aus der Flut herauf: Nur eine einz'ge Frau, die sich zum Augenmerke Der Himmel nahm, entrinnet der Gefahr, Wird auf den Wellen, wie auf einem Wagen, Ganz unversehrt, und unbenetzt sogar, Dem nahen Ufer zugetragen.
48 Von ungefähr stand mit Almansaris Der Sultan just auf einer der Terrassen Des Schlosses, die hinaus ins Meer sie sehen ließ, Erwartungsvoll den Ausgang abzupassen. Ein sanfter Zefyr schien die Frau herbey zu wehn. Doch, um sich nicht zu viel auf Wunder zu verlassen, Winkt itzt Almansaris, und hundert Sklaven gehn Bis an den Hals ins Meer, der Schönen beyzustehn.
49 Man sagt, der Sultan selbst sey an den Strand gekommen, Und habe sie, von einem Idschoglan, Der aus dem strudelnden Schaum bis zur Terraß' hinan Sie auf dem Rücken trug, selbst in Empfang genommen. Man konnte zwar nicht hören was er sprach, Doch schien er ihr viel höfliches zu sagen, Und, weil's an Zeit und Freyheit ihm gebrach, Sein Herz ihr, wenigstens durch Blicke, anzutragen.
50 Wie dem auch sey, dieß ist gewiß, (Fährt Fatme fort) daß sich Almansaris Der schönen Schwimmerin gar freundlich und gewogen Bewiesen hat, und ihr viel schönes vorgelogen, Wiewohl der Fremden seltner Reitz Ihr gleich beym ersten Blick Almansors Herz entzogen; Und daß sie ein Gemach bereits Im Sommerhaus der Königin bezogen.
51 Angst, Freude, Lieb' und Schmerz, mahlt, während Fatme spricht, Sich wechselsweis' in Hüons Angesicht. Daß es Amanda sey, scheint ihm, je mehr er denket, Je minder zweifelhaft. Es zeigt sich sonnenklar, Daß Oberon, wiewohl noch unsichtbar, Die Zügel seines Schicksals wieder lenket. Wohlan denn, Freunde, rathet nun, Was meinet ihr? was ist nunmehr zu thun?
52 Dem Sultan mit Gewalt Amanden zu entreißen, Das würde Roland selbst nicht wagen gut zu heißen, Erwiedert Scherasmin; wiewohl es rathsam ist, Uns insgeheim, auf alles was geschehen Und nicht geschehen kann, mit Waffen zu versehen. Doch vor der Hand versuchen wir's mit List! Wie, wenn ihr, da ihr euch doch nicht des Grabens schämet, Bey Ibrahim als Gärtner Dienste nähmet?
53 Gesetzt, er macht auch Anfangs Schwierigkeit, Er sieht euch schärfer an, und schüttelt Sein weises Haupt; mir ist dafür nicht leid: Ein schöner Diamant hat manches schon vermittelt. Laßt diese Sorge mir, Herr Ritter! Zwischen heut Und morgen sehn wir euch, trotz aller Schwierigkeit, Zu einem Gärtnerschurz betitelt; Das weit're überlaßt dem Himmel und der Zeit.
54 Der Vorschlag däucht dem Ritter wohl ersonnen, Und wird nun ungesäumt und klüglich ausgeführt. Der alte Ibrahim ist bald so gut gewonnen, Daß er den Paladin zum Neffen adoptiert, Zu seinem Schwestersohn, der von Damask gekommen, Und in der Blumenzucht besonders viel gethan; Kurz, Hüon wird zum Gärtner angenommen, Und tritt sein neues Amt mit vielem Anstand an.
Eilfter Gesang.
1 Die Hoffnung, die ihr schimmerndes Gefieder Um Hüon wieder schwingt, Sie, die er einzig liebt, Bald wieder sein zu sehn, die goldne Hoffnung giebt Ihm bald den ganzen Glanz der schönsten Jugend wieder. Schon der Gedanke bloß, daß sie so nah ihm ist, Daß dieses Lüftchen, das ihn kühlet, Vielleicht Amandens Wange kaum geküßt, Vielleicht um ihre Lippen kaum gespielet;
2 Daß diese Blumen, die er bricht Und mahlerisch in Kränz' und Sträuße flicht, Um in den Harem sie, wie üblich ist, zu schicken, Vielleicht Amandens Locken schmücken, Ihr schönes Leben vielleicht an ihrer lieblichen Brust Verduften,--der Gedank' erfüllt ihn mit Entzücken; Das schöne Roth der Sehnsucht und der Lust Färbt wieder seine Wang' und strahlt aus seinen Blicken.