Part 11
72 Kaum sah sie sich darin, so kam ein heimlich Zittern Sie an; sie sank auf einen weichen Sitz Von Rosen und von Moos. Itzt fühlt sie, Blitz auf Blitz, Ein schneidend Weh Gebein und Mark erschüttern. Es ging vorbey. Ein angenehm Ermatten Erfolgte drauf. Es ward wie Mondesschein Vor ihrem Blick, der stets in tiefre Schatten Sich taucht', und, sanft sich selbst verlierend, schlief sie ein.
73 Itzt dämmern liebliche verworrene Gestalten In ihrem Innern auf, die bald vorüber fliehn, Bald wunderbar sich in einander falten. Ihr däucht, sie seh' drey Engel vor ihr knien, Und ihr verborgene Mysterien verwalten, Und eine Frau, gehüllt in rosenfarbnem Licht, Steh' neben ihr, so oft der Athem ihr gebricht Ein Büschel Rosen ihr zum Munde hin zu halten.
74 Zum letzten Mahl beklemmt ihr höher schlagend Herz Ein kurzer sanft gedämpfter Schmerz; Die Bilder schwinden weg, und sie verliert sich wieder. Doch bald, erweckt vom Nachklang süßer Lieder Der halb verweht aus ihrem Ohr entflieht, Schlägt sie in ihrem Traum die Augen auf, und sieht Die Drey nicht mehr, sieht nur die Königin der Feen In Rosenglanz sanft lächelnd vor ihr stehen.
75 Auf ihren Armen liegt ein neu geboren Kind. Sie reicht's Amanden und verschwebet Vor ihren Augen, wie im Morgenwind Ein Wölkchen schmilzt aus Blumenduft gewebet. Im gleichen Nu entwacht Amanda ihrem Traum, Und streckt die Arme aus, als wollte sie den Saum Des rosigen Gewandes noch erfassen; Umsonst! sie greift nach Luft, sie ist allein gelassen.
76 Doch, einen Pulsschlag noch, und wie unnennbar groß Ist ihr Erstaunen, ihr Entzücken! Kaum glaubt sie dem Gefühl, kaum traut sie ihren Blicken! Sie fühlt sich ihrer Bürde los, Und zappelnd liegt auf ihrem sanften Schooß Der schönste Knabe, frisch wie eine Morgenros' Und wie die Liebe schön! Mit wonnevollem Beben Fühlt sie ihr Herz sich ihm entgegen heben.
77 Sie fühlt's, es ist ihr Sohn!--Mit Thränen inniger Lust Gebadet, drückt sie ihn an Wange, Mund, und Brust, Und kann nicht satt sich an dem Knaben sehen. Auch scheint der Knabe schon die Mutter zu verstehen. Laßt ihr zum mindsten den Genuß Des süßen Wahns! Er schaut aus seinen hellen Augen Sie ja so sprechend an--und scheint nicht jeden Kuß Sein kleiner Mund dem ihren zu entsaugen?
78 Sie hört den stillen Ruf--wie leise hört Ein Mutterherz!--und folgt ihm unbelehrt. Mit einer Lust, die, wenn sie neiden könnten, Die Engel, die auf sie herunter sahn, Die Engel selbst beneidenswürdig nennten, Legt sie an ihre Brust den holden Säugling an. Sie leitet den Instinkt, und läßt nun an den Freuden Des zartsten Mitgefühls ihr Herz vollauf sich weiden.
79 Indessen hat im ganzen Hain umher Ihr Hüon sie gesucht, zwey ängstlich lange Stunden, Und, da er nirgends sie gefunden, Führt ihn zuletzt sein irrer Fuß hierher. Er nähert sich der unzugangbar'n Grotte; Nichts hält ihn auf, er kommt--o welch ein Augenblick! Und sieht das holde Weib, mit einem Liebesgotte An ihrer Brust, vertieft, verschlungen in ihr Glück.
80 Ihr, denen die Natur, beym Eingang in dieß Leben, Den überschwenglichen Ersatz Für alles andre Glück, den unverlierbar'n Schatz, Den alles Gold der Aureng-Zeben Nicht kaufen kann, das beste in der Welt Was sie zu geben hat, und was ins beßre Leben Euch folgt, ein fühlend Herz und reinen Sinn gegeben, Blickt hin und schaut--Der heil'ge Vorhang fällt!
Neunter Gesang.
1 Es ist nun Zeit, uns auch nach Fatmen umzuschauen, Die wir, seit Rezia mit Hüon sich ins Meer Gestürzt, im Schiff, allein und alles Trostes leer Gelassen, Tag und Nacht das Schicksal ihrer Frauen Beweinend, und ihr eignes freylich auch. Denn ach! sie weint, sie schreyt, sie rauft ihr Haar vergebens; Er ist verweht, mit einem einzigen Hauch Verweht, der ganze Bau der Ruhe ihres Lebens.
2 Was soll nun aus ihr werden, so allein In einem Schiff, von zügellosen Söhnen Des rauhen Meers umringt, die ihren Jammer höhnen, Mit frechen Augen schon, berauscht in feurigem Wein, Verschlingen ihren Raub--was wird ihr Schicksal seyn? Zum Glück erbarmet sich der schutzberaubten Schönen Ein unverhoffter Sturm, der in der zweyten Nacht Die See zum Tummelplatz empörter Wogen macht.
3 Die Pinke treibt, indeß ein allgemeines Zagen Das Volk entnervt, auf ungewissem Meer Herum gejagt, bald west--bald südwärts hin und her; Bis, da der Winde Wuth in sieben schrecklichen Tagen Erschöpft ist, an den Strand von Tunis sich verschlagen Der Hauptmann sieht. Den Zufall, der ihn sehr Zur Unzeit überrascht, in Vortheil zu verwandeln, Beschließt er Fatmen hier als Sklavin zu verhandeln.
4 Denn Fatme, die kaum vier und dreyßigmahl Den May sein Blumenkleid entfalten Gesehn, war eine aus der Zahl Der lange blühenden Gestalten, Die nicht so leicht verwittern noch veralten, Und die mit Reitzen von Gewicht, Viel Feu'r im Blick, viel Grübchen im Gesicht, Euch für den Rosenglanz der Jugend schadlos halten.
5 Des Königs Gärtner kam durch Zufall auf den Platz, Wo alles das um hundert Sultaninen Zu kaufen war. Es schien Bemerkung zu verdienen. Er trat hinzu, besah's und fand es sey ein Schatz. Sein grauer Kopf ward nicht zu Rath gezogen. Es fehlte, dünkt ihn, nichts in seinem Gulistan Als eben dieß. Das Gold wird hurtig vorgewogen, Und Fatme duldet still was sie nicht ändern kann.
6 Indeß verfolgt mit stets gewognem Winde Der treue Scherasmin den anbefohlnen Lauf. Kaum nahm Massiliens Port ihn wohlbehalten auf, So setzt er sich zu Pferd, und eilt so schnell, als stünde Sein Leben drauf, zum Kaiser nach Paris. Er hatte schon den Märt'rerberg erstiegen Und sah im Morgenroth die Stadt noch schlummernd liegen, Als plötzlich sich sein Kopf an einen Zweifel stieß.
7 "Halt, sprach sein Geist zu ihm, und eh' wir weiter traben, Bedenke wohl was du beginnst, mein Sohn! Zwar sollte das dein weiser Schädel schon Zu Askalon erwogen haben, Obgleich der Wind, der dort in Hüons Segel blies, Dir wenig Zeit zum Überlegen ließ. Doch, wenn wir ehrlich mit einander sprechen wollen, Du hättest damahls dich ganz anders sträuben sollen.
8 "Denn, unter uns gesagt, es ist doch offenbar Kein Menschensinn in dieser Ambassade. Den Kaiser, der vorhin uns nie gewogen war, Erbittert sie gewiß im höchsten Grade. Am Ende wär' es nur ums reiche Kästchen Schade! Denn, wahrlich, mit der Hand voll Ziegenhaar, Und mit den Zähnen da, Gott weiß aus welchem Rachen, Wird deine Excellenz sehr wenig Eindruck machen.
9 "Ja, wenn Herr Hüon selbst, mit stattlichem Geleite Von Reisigen, Trabanten und so fort, Und mit der Tochter des Kalifen an der Seite Herein geschritten wär', und hätte selbst das Wort Geführt, und mit gehörigen Grimassen, Wie einem Ritter, Duc und Pair Geziemt, auf rothem Sammt, von goldnen Quasten schwer, Die Sachen überreicht--da wollt' ich's gelten lassen!
10 "Da kommt des Aufzugs Pracht, die Fei'rlichkeit, der Glanz Der Sultanstochter, an der Hand des stolzen Gatten, Kurz, jeder Umstand kommt dem andern da zu Statten, Und trägt das Seine bey, die Sache rund und ganz Zu machen. Karlen bleibt nichts weiter einzuwenden, Er hat den Glauben in den Augen und in Händen; Der Ritter hat sein Wort gehalten als ein Mann, Und fordert frey was ihm kein Recht versagen kann.
11 "Das alles geht auf einmahl in die Brüche, Freund Scherasmin, wenn du nicht klüger bist Als der dich abgeschickt. Wohlan, was Raths? was ist Zu thun?--Das beste wär', auf allen Fall, er schliche Mit seinem Kästchen sich ganz sachte wieder ab Eh' jemand ihn bemerkt, und ritt' im großen Trab Geraden Wegs nach Rom, dem Freyport aller Frommen, Wo hoffentlich sein Herr inzwischen angekommen."
12 So sprach zu Scherasmin sein beßrer Genius: Und da er ihm nach langem Überlegen Nichts klügers, wie ihn dünkt, entgegen Zu setzen hatte, war sein endlicher Entschluß, Der guten Stadt Paris das Schulterblatt zu weisen, Und sporenstreichs nach Rom zu seinem Herrn zu reisen. Er übersteigt die Alpen, langet an, Und gleich sein erster Gang ist--nach dem Lateran.
13 Allein, umsonst ermüdet er mit Fragen Nach seinem Herrn den Schweizer, der die Wach' Am Thore hat, umsonst das ganze Vorgemach, Kein Mensch kann ihm ein Wort von Ritter Hüon sagen. Vergebens rennet er die Stadt von Haus zu Haus Und alle Kirchen und Spitäler fragend aus, Und schildert ihn vom Fersen bis zur Scheitel Den Leuten vor,--all' seine Müh ist eitel.
14 Vier ewige Wochen lang, und dann noch zwey dazu, Verweilt er sich in stets betrognem Hoffen, Läßt keinen Tag sich selbst noch andern Ruh Mit Forschen, ob sein Prinz denn noch nicht eingetroffen; Und, da kein Warten hilft, beginnt er überlaut Den großen Schwur des Baskenvolks zu fluchen, Und schwört, so weit der Himmel blaut, In einem Pilgerkleid den Ritter aufzusuchen.
15 Was konnt' er anders thun? Sein Geld war aufgezehrt, Und eine Perle nur vom Kästchen anzugreifen, (Das billig hundertfachen Werth In Hüons Augen hat, weil's Oberon ihm verehrt) Eh ließ er sich den Balg vom Leibe streifen! Von einem Pilgersmann wird weder Gold begehrt Noch Silbergeld; er kann mit Muschelschalen Und Litaney'n die halbe Welt bezahlen.
16 So bettelt nun zwey Jahre lang und mehr Der treue unverdroßne Alte Sich durch die Welt, die Länge und die Quer', Und macht an jedem Port, auf jeder Insel Halte, Fragt überall vergebens seinem Herrn Und seiner Dame nach--bis ihn zuletzt sein Stern, Und ein geheimer Trieb, der seine Hoffnung schüret, Nach Tunis vor die Thür des alten Gärtners führet.
17 Er setzt sich dort auf eine Bank von Stein, Um, müd' und schwach von langem Fasten, Im Schatten da ein wenig auszurasten, Und eine Sklavin bringt ihm etwas Brot und Wein. Sie sieht dem Mann im braunen Pilgerkleide Erstaunt ins Aug', und er der Sklavin ebenfalls, Und, sich mit einem Schrey des Schreckens und der Freude Erkennend, fallen sie einander um den Hals.
18 Bist du es, Fatme? ruft an ihrer nassen Wange Der Pilger freudig aus; ist's möglich?--Ach! schon lange Ließ Scherasmin die Hoffnung sich vergehn! Ist's möglich daß wir uns zu Tunis wieder sehn? Was für ein Wind hat euch in diese Heidenlande Verweht? Und wo ist Hüon und Amande? Ach, Scherasmin, schreyt Fatme laut, und bricht In Thränen aus--Sie sind--Ich Arme!--Frage nicht!
19 Was sagst du? ruft der Alte--Gott verhüte! Was sind sie? Sprich!--"Ach, Scherasmin, sie sind -!" Mehr bringt sie nicht heraus! Das stockende Geblüte Erstickt die Red' in ihrer Brust--Sie sind?-- O Gott! schluchzt Scherasmin, und weinet wie ein Kind An Fatmens Hals--In ihrer vollen Blüthe! Das ist zu hart! Allein mir schwante lang' vorher Nichts gutes! Fatme--ach, die Probe war zu schwer!
20 So bald die gute Frau zum kläglichen Berichte Nur wieder Athem hat, erzählt sie Stück für Stück, Von seiner Abreis' an bis auf den Augenblick Der Schreckensnacht--da, beym auffackelnden Lichte Der Blitze, Rezia durch alles Volk, das dichte Auf Hüon drängt, sich stürzt, den Arm in Liebeswuth Um den Geliebten schlingt und in die wilde Flut Ihn mit sich reißt,--die traurige Geschichte.
21 Drauf sitzen sie wohl eine Stunde lang Beysammen, sich recht satt zu klagen und zu weinen, Und beide sich, aus treuem Liebesdrang, Zum Preis des schönsten Paares zu vereinen, Das je die Welt geziert. Nein, ruft sie vielmahls, nie, Nie werd' ich eine Frau, wie diese, wieder sehen! Noch ich, ruft Scherasmin in gleicher Melodie, Je einem Fürstensohn wie Er zur Seite stehen!
22 Zuletzt, nachdem er sich wohl dreymahl sagen lassen Wie alles sich begab, geht ihm ein schwacher Schein Von Glauben auf, und läßt ihn Hoffnung fassen, Sie könnten beide doch vielleicht gerettet seyn. Je mehr er es bedenkt, je minder geht ihm ein, Daß Oberon auf ewig sie verlassen. In allem dem, was er für sie gethan, War Absicht, wie ihn däucht, und ein geheimer Plan.
23 Bey diesem schwachen Hoffnungsschimmer, Der wie ein fernes Licht in tiefer Nacht ihm scheint, Entschließt er sich, von Fatmen nun sich nimmer Zu trennen, und, mit ihr durch gleichen Schmerz vereint, Des Schicksals Aufschluß hier in Tunis abzuwarten. Durch ihren Vorschub tauscht er Pilgerstab und Kleid Mit einem Sklavenwamms und einem Grabescheid, Und dient um Tagelohn im königlichen Garten.
24 Indessen Fatme und der wackre Scherasmin Die Blumenfelder, die sie bauen, Wie ihrer Lieben Grab, mit Thränen oft bethauen; Sieht Hüon, seit sein prüfend Schicksal ihn In jene Einsied'ley voll Anmuth und voll Grauen Verbannt, nicht ohne Gram den dritten Frühling blühn. Unmöglich kann er noch sein Heldenherz entwöhnen, Ins Weltgetümmel sich mit Macht zurück zu sehnen.
25 Der kleine Hüonnet, das schönste Mittelding Von mütterlichem Reitz und väterlicher Stärke, Das je am Hals von einer Göttin hing, Und wahrlich doch zu anderm Tagewerke Bestimmt, als mit der Axt auf seiner Schulter einst Ins Holz zu gehn, vermehrt nur seinen Kummer. Auch dich, o Rezia, in Nächten ohne Schlummer, Belauscht dein Engel oft, wenn du im Stillen weinst.
26 Tief fühlt ihr beid' in dieser Jugendblüthe, Daß Abgeschiedenheit euch unnatürlich ist, Fühlt Kraft zu edlerm Thun in eurer Brust, vermißt Des Heldensinns, der unbegrenzten Güte Gleich unbegrenzten Kreis!--Umsonst bemühn sie sich Die Thräne, die dem abgewandten Aug' entschlich, Dem alten Vater zu verhehlen; Ihr Lächeln täuscht ihn nicht, er liest in ihren Seelen.
27 Und ob ihm diese Welt gleich nichts mehr ist, doch stellt Er sich an Ihren Platz, in das was sie verloren, Was ihnen zugehört, wozu sie sich geboren Empfinden--fühlt aus Ihrer Brust, und hält Die Thräne für gerecht, die sie vor ihm aus Liebe Verbergen, tadelt nicht die unfreiwilligen Triebe, Und frischt sie nur, so lang' als ihren Lauf Das Schicksal hemmt, zu stillem Hoffen auf.
28 An einem Abend einst--das Tagwerk war vollbracht, Und alle drey, (Amande mit dem Knaben Auf ihrem Schooß) um an der herrlichen Pracht Des hellgestirnten Himmels sich zu laben, Sie saßen vor der Hütt' auf einer Rasenbank, Versenkten sich mit ahnungsvollem Grauen In dieses Wundermeer, und blickten stillen Dank Zu ihm, der sie erschuf--gen Himmel aufzuschauen:
29 Da fing der fromme Greis, mit mehr gerührtem Ton Als sonst, zu reden an von diesem Erdenleben Als einem Traum, und vom Hinüberschweben Ins wahre Seyn.--Es war, als wehe schon Ein Hauch von Himmelsluft zu ihm herüber, Und trag' ihn sanft empor indem er sprach. Amanda fühlt's; die Augen gehn ihr über, Ihr ist's, als sähe sie dem Halbverschwundnen nach.
30 Mir, fuhr er fort, mir reichen sie die Hände Vom Ufer jenseits schon--Mein Lauf ist bald zu Ende; Der eurige beginnet kaum, und viel, Viel Trübsal noch, auch viel der besten Freuden, (Oft sind's nur Stärkungen auf neue größre Leiden) Erwarten euch, indeß ihr unvermerkt dem Ziel Euch nähert. Beides geht vorüber, Und wird zum Traum, und nichts begleitet uns hinüber;
31 Nichts als der gute Schatz, den ihr in euer Herz Gesammelt, Wahrheit, Lieb' und innerlicher Frieden, Und die Erinnerung, daß weder Lust noch Schmerz Euch je vom treuen Hang an eure Pflicht geschieden. So sprach er vieles noch; und als sie endlich sich Zur Ruh begaben, drückt' er, wie sie dünkte, Sie wärmer an sein Herz, und eine Thräne blinkte In seinem Aug', indem er schnell von ihnen wich.
32 In eben dieser Nacht, von dunkeln Vorgefühlen Der Zukunft aufgeschreckt, erhob Titania Die Augen himmelwärts--und alle Rosen fielen Von ihren Wangen ab, indem sie stand, und sah Und las. Sie rief den lieblichen Gespielen, Mit ihr zu sehen, was in diesem Nu geschah, Und wie zu unglückschwangern Zügen Amandens Sterne schon sich an einander fügen.
33 Und, dicht in Schatten eingeschleiert, fliegt Sie schnell dem Lager zu, wo zwischen Mandelbäumen (Der Knabe neben ihr) die Königstochter liegt, Aus ihrem Schlaf von ahnungsvollen Träumen Oft aufgestört. Titania berührt Die Brust der Schläferin (damit die Unruh schweige Die in ihr klopft) mit ihrem Rosenzweige, Und raubt den Knaben weg, der nichts davon verspürt.
34 Sie kommt zurück mit ihrem schönen Raube, Und spricht zu ihren Grazien: Ihr seht Das grausame Gestirn, das ob Amanden steht! Eilt, rettet dieses Kind in meine schönste Laube, Und pfleget sein, als wär's mein eigner Sohn. Drauf zog sie aus dem Kranz um ihre Stirne Drey Rosenknospen aus, gab jeder holden Dirne Ein Knöspchen hin, und sprach: Hinweg, es dämmert schon!
35 Thut wie ich euch gesagt, und alle Tag' und Stunden Schaut eure Rosen an; und wenn ihr alle drey Zu Lilien werden seht, so merket dran, ich sey Mit Oberon versöhnt und wieder neu verbunden. Dann eilet mit Amandens Sohn herbey, Denn mit der meinen ist auch ihre Noth verschwunden. Die Nymfen neigten sich und flohn In einem Wölkchen schnell hinweg mit Hüons Sohn.
36 Kaum war der Morgen aufgegangen, So sucht mit bebendem unruhigem Verlangen Amanda ihren Freund, der seine Lagerstatt, Fern von Alfons und ihr, in einem Felsen hat. So hastig eilt sie fort, daß sie (was nie geschehen Seitdem sie Mutter war) vor lauter Eil' vergißt, Nach ihrem Sohn, der noch ihr Schlafgeselle ist, Und ruhig (glaubt sie) schläft, vorher sich umzusehen.
37 Sie findet ihren Mann, im Garten irrend, auf, Und beide nehmen auf der Stelle, Was sie besorgen sich verbergend, nach der Zelle Des alten Vaters ihren Lauf. Wie klopft ihr Herz, indem sie seinem Lager Sich langsam nahn! Er liegt, die Hände auf sein Herz Gefaltet, athemlos, sein Antlitz bleich und hager, Doch edel jeder Zug, und rein, und ohne Schmerz.
38 Er schlummert nur, spricht Rezia, und legt Die Hand, so leicht daß sie ihn kaum berühret, Auf seine Hand--und, da sie kalt sie spüret Und keine Ader mehr sich regt, Sinkt sie in stiller Wehmuth auf den blassen Erstarrten Leichnam hin; ein Strom von Thränen bricht Aus ihrem Aug' und badet sein Gesicht: O Vater, ruft sie aus, so hast du uns verlassen!
39 Sie rafft sich auf, und sinkt an Hüons Brust, Und beide werfen nun sich bey der kalten Hülle Der reinsten Seele hin, in ehrfurchtsvoller Stille, Und sättigen die schmerzlich süße Lust Zu weinen,--drücken oft, um endlich wegzugehen, Auf seine Hand der Liebe letzten Zoll, Und bleiben immer, nie gefehlter Regung voll, Bey dem geliebten Bild, als wie bezaubert, stehen.
40 Es war als sähen sie auf seinem Angesicht Die Dämmerung von einem neuen Leben, Und wie von reinem Himmelslicht Den Widerschein um seine Stirne weben, Der schon zum geist'gen Leib den Erdenstoff verfeint, Und um den stillen Mund, der eben Vom letzten Segen noch sich sanft zu schließen scheint, Ein unvergängliches kaum sichtbar's Lächeln schweben.
41 Ist dir's nicht auch (ruft Hüon, wie entzückt, Amanden zu, indem er aufwärts blickt) Als fall' aus jener Welt ein Strahl in deine Seele? So fühlt' ich nie der menschlichen Natur Erhabenheit! noch nie dieß Erdenleben nur Als einen Weg durch eine dunkle Höhle Ins Reich des Lichts! nie eine solche Stärke In meiner Brust zu jedem guten Werke!
42 Zu jedem Opfer, jedem Streit Nie diese Kraft, nie diese Munterkeit Durch alle Prüfungen mich männlich durchzukämpfen! Laß seyn, Geliebte, daß der Trübsal viel Noch auf uns harrt--sie nähert uns dem Ziel! Nichts soll uns muthlos sehn, nichts diesen Glauben dämpfen! So spricht er, sich mit ihr von diesem heiligen Ort Entfernend--und ihn nimmt das Schicksal gleich beym Wort.
43 Denn, wie sie Hand in Hand nun wieder Hervor gehn aus der Zell', und ihre Augenlieder Erheben--Gott! was für ein Anblick stellt Sich ihren Augen dar! In welche fremde Welt Sind sie versetzt! Verschwunden, ganz verschwunden Ist ihr Elysium, der Hain, die Blumenflur. Versteinert stehn sie da. Ist's möglich? Keine Spur, Sogar die Stätte wird nicht mehr davon gefunden!
44 Sie stehn an eines Abgrunds Rand, Umringt, wohin sie schaudernd sehen, Von überhangenden gebrochnen Felsenhöhen; Kein Gräschen mehr, wo einst ihr Garten stand! Vernichtet sind die lieblichen Gebüsche, Der dunkle Nachtigallenwald Zerstört! Nichts übrig, als ein gräßliches Gemische Von schroffen Klippen, schwarz, und öd', und ungestalt!
45 Zu welchen neuen Jammerscenen Bereitet sie dieß grause Schauspiel vor? Ach, rufen sie, und heben, schwer von Thränen, Den kummervollen Blick zum heil'gen Greis empor: "Ihm wurde dieß Gebirg in Frühlingsschmuck gekleidet, Dieß Eden Ihm gepflanzt; um Seinetwillen nur Genossen wir's; und Schicksal und Natur Verfolgen uns aufs neu', so bald er von uns scheidet!"
46 Ich bin gefaßt, ruft Rezia, und schlingt Ein Ach zurück das ihrer Brust entsteiget. Unglückliche! der Tag, der all dieß Unglück bringt, Hat dir noch nicht das schrecklichste gezeiget! Sie eilt dem Knaben zu, den sie vor kurzem, süß Noch schlummernd, (wie sie glaubt) verließ! Er ist ihr letzter Trost; des Schicksals härtsten Schlägen Geht sie getrost, mit ihm auf ihrem Arm, entgegen.
47 Sie fliegt dem Lager zu, wo er An ihrer Seite lag, und, wie vom Blitz getroffen, Schwankt sie zurück--der Knab' ist weg, das Lager leer. "Hat er sich aufgerafft? Fand er die Thüre offen Und suchte sie? O Gott! wenn er verunglückt wär'? Entsetzlich!--Doch vielleicht hat um die Hütte her, (So denkt sie zwischen Angst und Hoffen) Vielleicht im Garten nur der Kleine sich verloffen?"
48 Im Garten? ach! der ist nun felsiger Ruin! Sie stürzt hinaus, und ruft mit bebenden Lippen Den Knaben laut beym Nahmen, suchet ihn Ringsum, mit Todesangst, in Höhlen und in Klippen. Der Vater, den ihr Schreyn herbey gerufen, spricht Umsonst den Trost ihr zu, woran's ihm selbst gebracht: "Er werde sich gewiß in diesen Felsgewinden Gesund und frisch auf einmahl wieder finden."
49 Zwey Stunden schon war alle ihre Müh Vergeblich. Ach! umsonst, laut rufend, irren sie Tief im Gebirg umher, besteigen alle Spitzen, Durchkriechen alle Felsenritzen, Und lassen sich, um wenigstens sein Grab Zu finden, kummervoll in jede Kluft hinab: Ach! keine Spur von ihm entdeckt sich ihrem Blicke, Und von den Felsen hallt ihr eigner Ton zurücke.
50 Das Unbegreifliche des Zufalls, daß ein Kind Von seinem Alter sich verliere, An einem Ort, wo weder wilde Thiere Noch Menschen (wilder oft als jene) furchtbar sind, Mehrt ihre Angst; doch nährt es auch ihr Hoffen: "Es kann nicht anders seyn, er hat sich nur verloffen, Und schlief vielleicht auf irgend einem Stein Vom Wandern müd', in seiner Unschuld ein."
51 Aufs neue wird der ganze Felsenrücken, Wird jeder Winkel, jeder Strauch Der ihn vielleicht versteckt, durchsucht mit Falkenblicken. Die Unruh treibt sogar, wie unwahrscheinlich auch Die Hoffnung ist ihn dort lebendig aufzuspüren, Sie bis zum Strand herab, wo, unter dem Gemisch Von aufgethürmtem Sand und sumpfigem Gebüsch, Sie endlich unvermerkt einander selbst verlieren.
52 Auf einmahl schreckt Amandens Ohr Ein ungewohnter Ton. Ihr däucht, es glich dem Schalle Von Stimmen. Doch, weil's wieder sich verlor, Und sie bey einem Wasserfalle, Der mit betäubendem Getöse übern Rand Von einem hohen Felsenbogen Herunter stürzt, sich ziemlich nah befand, Glaubt sie, sie habe sich betrogen.
53 Ihr schwanet nichts von größerer Gefahr, Ihr einziger Gedank' ist ihres Sohnes Leben: Und plötzlich, da sie kaum um einen Hügel, neben Dem Wasserfall, herum gekommen war, Sieht sie, bestürzt, von einer rohen Schaar Schwarzgelber Männer sich umgeben, Und hinter einem hohen Riff Erblickt sie in der Bucht ein ankernd Ruderschiff.
54 Sie hatten kurz zuvor, um Wasser einzunehmen, Vor Anker hier gelegt, und waren noch damit Beschäftigt: als, mit schnell gehemmtem Schritt, Auf einmahl eine Frau vor ihre Augen tritt, Gemacht beym ersten Blick die schönsten zu beschämen. Erstaunen schien sie alle schier zu lähmen, An diesem öden Ort, den sonst der Schiffer fleucht, Ein junges Weib zu sehn, die einer Göttin gleicht.
55 Der Schönheit Anblick macht sonst rohe Seelen milder, Und Tieger schmiegen sich zu ihren Füßen hin: Doch diese fühlen nichts. Ihr stumpfer Räubersinn Berechnet sich den Werth der schönsten Frauenbilder (Von Marmor oder Fleisch, gleich viel!) mit kaltem Blut Bloß nach dem Marktpreis, just wie andres Kaufmannsgut. Hier, ruft der Hauptmann, sind zehn tausend Sultaninen Mit Einem Griff, so gut wie hundert, zu verdienen.