Oberon

Part 10

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9 Und hört nicht auf ihm sein Erstaunen zu bezeigen, Wie einem, der sich nicht zwey Flügel angeschraubt, Es möglich war die Felsen zu ersteigen, Wo, dreyßig Jahre schon, er sich so einsam glaubt Als wie in seinem Grab. "Es ist ein wahres Zeichen Daß euch ein guter Engel schützt; Allein, setzt er hinzu, das nöthigste ist itzt Dem jungen Weibe die Hand des Trosts zu reichen.

10 "Ein sichrer Pfad, wiewohl so gut versteckt, Daß ohne mich ihn niemand leicht entdeckt, Soll in der Hälfte Zeit, die du herauf zu dringen Gebrauchtest, dich zu ihr, zurück euch beide bringen. Was meine Hütte, was mein kleines Paradies Zu eurer Nothdurft hat, ist herzlich euch erboten. Glaubt, auch auf Heidekraut schmeckt Ruh der Unschuld süß, Und reiner fließt das Blut bey Kohl und magern Schoten."

11 Herr Hüon dankt dem gütigen alten Mann, Der seinen Stab ergreift ihm selbst den Weg zu zeigen; Und, daß der Rückweg ihn nicht irre machen kann, Bezeichnet er den Pfad mit frischen Tannenzweigen. Noch eh' ins Abendmeer die goldne Sonne sinkt, Hat den erseufzten Berg Amanda schon erstiegen, Wo sie mit durstigen weit ausgehohlten Zügen Den milden Strom des reinsten Himmels trinkt.

12 In eine andre Welt, ins Zauberland der Feen, Glaubt sie versetzt zu seyn; ihr ist als habe sie Den Himmel nie so blau, so grün die Erde nie, Die Bäume nie so frisch belaubt gesehen: Denn hier, in hoher Felsen Schutz Die sich im Kreis um diesen Lustort ziehen, Beut noch der Herbst dem Wind von Norden Trutz, Und Feigen reifen noch, und Pomeranzen blühen.

13 Mit ehrfurchtbebender Brust, wie vor dem Genius Des heil'gen Orts, fällt vor dem eisgrau'n Alten Amanda hin, und ehrt die dürre Hand voll Falten, Die er ihr freundlich reicht, mit einem frommen Kuß. In unfreiwilligem Erguß Muß ihn ihr Herz für einen Vater halten: Die Furcht ist schon beym zweyten Blick verbannt; Ihr ist, sie hätten sich ihr Leben lang gekannt.

14 In seinem Ansehn war die angeborne Würde, Die, unverhüllbar, auch durch eine Kutte scheint; Sein offner Blick war aller Wesen Freund, Und schien gewohnt, wiewohl der Jahre Bürde Den Nacken sanft gekrümmt, stets himmelwärts zu schau'n; Der innre Friede ruht auf seinen Augenbrau'n, Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben, Scheint überm Erdentand die reine Stirn zu schweben.

15 Den Rost der Welt, der Leidenschaften Spur, Hat längst der Fluß der Zeit von ihr hinweg gewaschen. Fiel' eine Kron' ihm zu, und es bedürfte nur Sie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen, Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier, Von keiner Furcht, von keinem Schmerz betroffen, Ist nur dem Wahren noch die heitre Seele offen, Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr.

16 Alfonso nannt' er sich, bevor er aus den Wogen Der Welt geborgen ward, und Leon war das Land Das ihn gebar. Zum Fürstendienst erzogen, Lief er mit Tausenden, vom Schein wie sie betrogen, Dem Blendwerk nach, das immer vor der Hand Ihm schwebte, immer im Ergreifen ihm entschwand, Dem schimmernden Gespenst, das ewig Opfer heischet, Und, gleich dem Stein der Narr'n, die Hoffnung ewig täuschet.

17 Und als er dergestalt des Lebens beste Zeit Im Rausch des Selbstbetrugs an Könige verpfändet, Und Gut und Blut, mit feur'ger Willigkeit Und unerkannter Treu', in ihrem Dienst verschwendet, Sah er ganz unverhofft, im schönsten Morgenroth Der Gunst, durch schnellen Fall sich frey von seinen Ketten; Noch glücklich, aus der Schiffbruchsnoth Das Leben wenigstens auf einem Bret zu retten.

18 In diesem Sturm, der alles ihm geraubt, Blieb ihm ein Schatz, wodurch (ganz gegen Hofes Sitte) Alfonso sich vollkommen schadlos glaubt, Ein liebend Weib, ein Freund, und eine Hütte. Laß, Himmel, diese mir! war nun die einz'ge Bitte, Die sein befriedigt Herz zu wagen sich erlaubt. Zehn Jahre lang ward ihm, was er sich bat, gegeben; Allein, sein Schicksal war, auch dieß zu überleben.

19 Drey Söhn', im vollen Trieb der ersten Jugendkraft, Der eignen Jugend Bild, die Hoffnung grauer Jahre, Sie wurden durch die Pest ihm plötzlich weggerafft. Bald legt auch Schmerz und Gram die Mutter auf die Bahre. Er lebt, und niemand ist der mit dem Armen weint, Denn ach! verlassen hat ihn auch sein letzter Freund! Er steht allein. Die Welt die ihn umgiebet Ist Grab--von allem Grab, was er, was ihn geliebet.

20 Er steht, ein einsamer vom Sturm entlaubter Baum, Die Quellen sind versiegt, wo seine Freuden quollen. Wie hätt' ihm itzt die Hütte, wo er kaum Noch glücklich war, nicht schrecklich werden sollen? Was ist ihm nun die Welt? Ein weiter leerer Raum, Fortunens Spielraum, frey ihr Rad herum zu rollen! Was soll er länger da? Ihm brach sein letzter Stab, Er hat nichts mehr zu suchen--als ein Grab.

21 Alfonso floh in dieses unwirthbare Verlaßne Eiland, floh mit fast zerstörtem Sinn In dieß Gebirg, und fand mehr als er suchte drin, Erst Ruh, und, mit dem stillen Fluß der Jahre, Zuletzt Zufriedenheit. Ein alter Diener, der Ihn nicht verlassen wollt', die einz'ge treue Seele Die ihm sein Unglück ließ, begleitet' ihn hierher, Und ihre Wohnung war nun eine Felsenhöhle.

22 Allmählich hob sein Herz sich aus der trüben Flut Des Grams empor; die Nüchternheit, die Stille, Die reine freye Luft, durchläuterten sein Blut, Entwölkten seinen Sinn, belebten seinen Muth. Er spürte nun, daß, aus der ew'gen Fülle Des Lebens, Balsam, auch für seine Wunden, quille. Oft brachte die Magie von einem Sonnenblick Auf einmahl aus der Gruft der Schwermuth ihn zurück.

23 Und als er endlich dieß Elysium gefunden, Das, rings umher mit Wald und Felsen eingeschanzt, Ein milder Genius, recht wie für ihn, gepflanzt, Fühlt' er auf einmahl sich von allem Gram entbunden, Aus einer ängstlichen traumvollen Fiebernacht Als wie zur Dämmerung des ew'gen Tags erwacht. Hier, rief er seinem Freund, vom unverhofften Schauen Des schönen Orts entzückt, hier laß uns Hütten bauen!

24 Die Hütte ward erbaut, und, mit Verlauf der Zeit, Zur Nothdurft erst versehn, dann zur Gemächlichkeit, Wie sie dem Alter eines Weisen Geziemt, der minder stets begehret als bedarf. Denn, daß Alfons, als er den ersten Plan entwarf Von seiner Flucht, sich mit Geräth und Eisen, Und allem was zur Hülle nöthig war, Versehen habe, stellt von selbst sich jedem dar.

25 Und so verlebt' er nun in Arbeit und Genuß Des Lebens späten Herbst, beschäftigt seinen Garten, Den Quell von seinem Überfluß, Mit einer Müh, die ihm zu Wollust wird, zu warten. Vergessen von der Welt,--und nur, als an ein Spiel Der Kindheit, sich erinnernd aller Plage Die ihm ihr Dienst gebracht,--beseligt seine Tage Gesundheit, Unschuld, Ruh, und reines Selbstgefühl.

26 Nach achtzehn Jahren starb sein redlicher Gefährte. Er blieb allein. Doch desto fester kehrte Sein stiller Geist nun ganz nach jener Welt sich hin, Der, was er einst geliebt, itzt alles angehörte, Der auch er selbst schon mehr als dieser angehörte. Oft in der stillen Nacht, wenn vor dem äußern Sinn Wie in ihr erstes Nichts die Körper sich verlieren, Fühlt' er an seiner Wang' ein geistiges Berühren.

27 Dann hört' auch wohl sein halb entschlummert Ohr, Mit schauerlicher Lust, tief aus dem Hain hervor, Wie Engelsstimmen sanft zu ihm herüber hallen. Ihm wird als fühl' er dann die dünne Scheidwand fallen, Die ihn noch kaum von seinen Lieben trennt; Sein Innres schließt sich auf, die heil'ge Flamme brennt Aus seiner Brust empor; sein Geist, im reinen Lichte Der unsichtbaren Welt, sieht himmlische Gesichte.

28 Sie dauern fort, auch wenn die Augen sanft betäubt Entschlummert sind. Wenn dann die Morgensonne Den Schauplatz der Natur ihm wieder aufschließt, bleibt Die vorige Stimmung noch. Ein Glanz von Himmelswonne Verkläret Fels und Hain, durchschimmert und erfüllt Sie durch und durch; und überall, in allen Geschöpfen, sieht er dann des Unerschaffnen Bild, Als wie in Tropfen Thau's das Bild der Sonne, wallen.

29 So fließt zuletzt unmerklich Erd' und Himmel In seinem Geist in Eins. Sein Innerstes erwacht. In dieser tiefen Ferne vom Getümmel Der Leidenschaft, in dieser heil'gen Nacht Die ihn umschließt, erwacht der reinste aller Sinne Doch--wer versiegelt mir mit unsichtbarer Hand Den kühnen Mund, daß nichts unnennbars ihm entrinne? Verstummend bleib' ich stehn an dieses Abgrunds Rand.

30 So war der fromme Greis, vor dem mit Kindestrieben Amanda niederfiel. Auch Er, so lang' entwöhnt Zu sehn, wornach das Herz sich doch im stillen sehnt, Ein menschlich Angesicht--erlabt nun an dem lieben, Herzrührenden, nicht mehr gehofften Anblick sich, Und drückt die sanfte Hand der Tochter väterlich, Umarmt den neuen Sohn zum zweyten Mahl, und blicket Sprachlosen Dank zu dem, der sie ihm zugeschicket;

31 Und führt sie ungesäumt nach seiner Ruhestatt, Zu seinem Quell, in seine Gartenlauben, Bedeckt mit goldnem Obst und großen Purpurtrauben, Und setzt sie in Besitz von allem was er hat. Natur, spricht er, bedarf weit minder als wir glauben; Wem nicht an wenig g'nügt, den macht kein Reichthum satt: Ihr werdet hier, so lang' die Prüfungstage währen, Nichts wünschenswürdiges entbehren.

32 Er sagte dieß, weil ihm der erste Blick gezeigt Was er nicht fragen will und Hüon ihm verschweigt. Denn beide, hatte gleich das Elend ihre Blüthe Halb abgestreift, verriethen durch Gestalt Und Sinnesart, wo nicht ein königlich Geblüte, Doch sichrer einen Werth, dem selbst die Allgewalt Des Glücks nichts rauben kann vom reinen Vollgehalt Der innern angebornen Güte.

33 Schon dreymahl wechselte der Tag sein herbstlich Licht, Seit diese Freystatt sie in ihrem Schooße heget, Und beide können noch sich des Gedankens nicht Entschlagen, daß der Greis, der sie so freundlich pfleget, Kein wahrer Greis, daß er ein Schutzgeist ist, Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt, Und, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet, Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.

34 Nun schwindet zwar allmählich dieser Wahn, Und ach! mit ihm stirbt auch, nicht ohne Schmerzen, Die Hoffnung die er nährt; doch schmiegen ihre Herzen Sich an ein Menschenherz nur desto stärker an. Es war so sanft das Herz des guten Alten, So zart sein Mitgefühl, sein innrer Sinn so rein, Unmöglich konnten sie sechs Tage um ihn seyn Und länger sich vor ihm verborgen halten.

35 Der junge Mann, im Drang der Dankbarkeit Und des Vertrau'ns, (zumahl da ihn zu fragen Sein Wirth noch immer säumt) eröffnet ungescheut Ihm seinen Nahmen, Stand, und was, seit jener Zeit, Da er zu Montlery des Kaisers Sohn erschlagen, Bis diesen Tag mit ihm sich zugetragen; Durch welchen Auftrag Karl den Tod ihm zugedacht, Und wie er glücklich ihn mit Oberons Schutz vollbracht;

36 Und wie in einem Traum die Liebe sich entsponnen, Die ihn beym ersten Blick mit Rezia vereint; Wie er mit ihr aus Babylon entronnen, Und das Verbot, das sein erhabner Freund Ihm auferlegt, und wie, so bald er dessen In einem Augenblick von Liebesdrang vergessen, Die ganze Natur sich gegen sie empört Und ihres Schützers Huld in Rache sich verkehrt.

37 Wohl, spricht der edle Greis, wohl dem, den sein Geschick So liebreich, und zugleich so streng, als dich, erziehet, Den kleinsten Fehltritt ihm nicht straflos übersiehet, Wohl ihm! denn ganz gewiß, das reinste Erdenglück Erwartet ihn. Auf Herzen wie die euern Zürnt Oberon nicht ewig. Glaube mir, Mein Sohn, sein Auge schwebt unsichtbar über dir; Verdiene seine Huld, so wird sie sich erneuern!

38 Und wie verdien' ich sie? mit welchem Opfer still' Ich seinen Zorn? fragt Hüon rasch den Alten; Ich bin bereit, es sey so schwer es will! Was kann ich thun?--Freywillig dich enthalten, Antwortet ihm Alfons; was du gesündigt hast Wird dadurch nur gebüßt.--Der junge Mann erblaßt. Ich fühl' es, spricht der Greis mit sanft erröthender Wange; Allein, ich weiß von wem ich es verlange!

39 Ein edles Selbstgefühl ergreift den jungen Mann: "Hier hast du meine Hand!" Mehr ward kein Wort gesprochen. Und wohl ihm, der, nach mehr als hundert Wochen, Sich selbst das Zeugniß geben kann, Er habe sein Gelübde nicht gebrochen! Es war der schönste Sieg den Hüon je gewann. Doch hat er oft die Furcht vorm Alten zu erröthen, Oft Rezia's standhaftem Ernst vonnöthen.

40 Nichts unterhält so gut (versichert ihn der Greis) Die Sinne mit der Pflicht im Frieden, Als fleißig sie durch Arbeit zu ermüden; Nichts bringt sie leichter aus dem Gleis Als müß'ge Träumerey. Um der zuvor zu kommen, Wird ungesäumt, so bald der Tag erwacht, Die scharfe Axt zur Hand genommen, Und Holz im Hain gefällt bis in die dunkle Nacht.

41 Noch eine Hütte für Amanden aufzurichten, Und Dach und Wände wohl mit Leim und Moos zu dichten, Dann zum Kamin, der immer lodern muß, Und für den Herd, den nöthigen Überfluß Von fettem Kien und klein gespaltnen Fichten Hoch an den Wänden aufzuschichten, Dieß und viel andres giebt dem Prinzen viel zu thun: Allein es hilft ihm Nachts auch desto besser ruhn.

42 Zwar Anfangs will es ihm nicht gleich nach Wunsch gelingen, Die Holzaxt statt des Ritterschwerts zu schwingen; Die ungewohnte Hand greift alles schwerer an, Und in der halben Zeit hätt' es ein Knecht gethan. Doch täglich nimmt er zu, denn Übung macht den Meister; Und fühlt er dann und wann sich dem Erliegen nah, So wehet der Gedank', es ist für Rezia, Sein Feuer wieder an, und stärkt die matten Geister.

43 Indessen Hüon sich im Wald ermüdet, pflegt Der edle Greis, der mit noch festem Tritte Die schwere Last von achtzig Jahren trägt, Der Ruhe nicht; nur daß er von der Hütte Sich selten weit entfernt. Kein heitrer Tag entflieht, Der nicht in seinem lieben Garten Ihn dieß und das zu thun beschäftigt sieht. Amandens Sorge ist des kleinen Herds zu warten.

44 Da sähe man (wiewohl, wenn Engel nicht Mit stillem Blick ihr Ebenbild umweben, Wer sieht sie hier?) mit heiterm Angesicht, Auf dem die Sorgen nur wie leichte Wölkchen schweben, Die Königstochter gern sich jeder niedern Pflicht Der kleinen Wirthschaft untergeben: Auch was sie nie gekannt, viel minder je gethan, Wie schnell ergreift sie es, wie steht ihr alles an!

45 Oft schürzt sie, ohne mindsten Harm Daß ihre zarte Haut den schönen Schmelz verliere, Beym Wassertrog, vor ihrer Hüttenthüre, Den schlanken schwanenweißen Arm. Die Freud' (ihr süßer Lohn) den väterlichen Alten Und den geliebten Mann in einem Stand zu halten, Der von dem Drückendsten der Armuth sie befreyt, Veredelt, würdigt ihr des Tagwerks Niedrigkeit.

46 Und sieht sie dann (auch Er ist jener Engel einer) Der heil'ge Greis, der von der Arbeit kehrt, Und segnet sie: o dann ist ihre Freude reiner Und inniger, als würd' ihr dreymahl mehr verehrt Als sie zu Bagdad ließ. Wenn dann bey Sternenlichte Die Nacht sie alle drey am Feuerherd vereint, Und auf Amandens lieblichem Gesichte, Das halb im Schatten steht, die Flamme wiederscheint:

47 Dann ruht, mit stillem liebevollen Entzückten Blick, der junge Mann auf ihr, Und seine Seele schwillt, und süße Thränen rollen Die dunkle Wang' herab. Tief schweiget die Begier! Sie ist ein überirdisch Wesen Das ihm zum Trost erscheint--er ist beglückt genug Daß er sie lieben darf, und o! in jedem Zug, In jedem keuschen Blick, daß er geliebt ist, lesen!

48 Oft sitzen sie, der fromme freundliche Greis In ihrer Mitt', Amanda seine rechte In ihrer linken Hand, und hören halbe Nächte Ihm zu, von seiner langen Lebensreis' Ein Stück, das ihm lebendig wird, erzählen. Vom Antheil, den die warmen jungen Seelen An allem nehmen, wird's ihm selber warm dabey, Dann werden unvermerkt aus zwey Geschichten drey.

49 Zuweilen, um den Geist des Trübsinns zu beschwören, Der, wenn die Flur in dumpfer Stille trau'rt, Im Schneegewölk mit Eulenflügeln lau'rt, Läßt Hüon seine Kunst auf einer Harfe hören, Die er von ungefähr in einem Winkel fand, Lang' ungebraucht, verstimmt, und kaum noch halb bespannt: Doch scheint das schnarrende Holz von Orfeus Geist beseelet, So bald sich Rezia's Gesang mit ihm vermählet.

50 Oft lockte sie ein heller Wintertag, Wenn fern die See von strenger Kälte rauchte, Der blendend weiße Schnee dicht auf den Bergen lag, Und itzt die Abendsonn' ihn wie in Purpur tauchte, Dann lockte sie der wunderschöne Glanz Im reinen Strom der kalten Luft zu baden. Wie mächtig fühlten sie sich dann gestärkt! wie ganz Durchheitert, neu belebt, und alles Grams entladen!

51 Unmerklich schlüpfte so die Winterzeit vorbey. Und nun erwacht aus ihrem langen Schlummer Die Erde, kleidet sich aufs neu In helles Grün; der Wald, nicht mehr ein stummer Verödeter Ruin, wo nur die Pfeiler stehn Der prächt'gen Laubgewölb' und hohen Schattengänge Des Tempels der Natur, steht wieder voll und schön, Und Laub drückt sich an Laub in lieblichem Gedränge.

52 Mit Blumen decket sich der Busen der Natur, Aufblühend lacht der Garten und die Flur; Man hört die Luft von Vogelsang erschallen; Die Felsen stehn bekränzt; die fließenden Krystallen Der Quellen rieseln wieder rein Am frischen Moos herab; den immer dichtern Hain Durchschmettert schon, im lauen Mondenschein, Die stille Nacht hindurch, das Lied der Nachtigallen.

53 Amanda, deren Ziel nun immer näher rückt, Sucht gern die Einsamkeit, sucht stille dunkle Steige Im Hain sich aus, und dicht gewölbte Zweige. Da lehnt sie oft, von Ahnungen gedrückt, An einem blüh'nden Baum, und freuet sich des Webens Und Sumsens und Gedrängs und allgemeinen Lebens In seinem Schooß--und drückt mit vorempfundner Lust Ein lieblich Kind im Geist an ihre Brust;

54 Ein lieblich Kind, das ihre Mutterliebe Mit jedem süßen Reitz verschwenderisch begabt, Sich schon voraus an jedem zarten Triebe, Der ihm entkeimt, sich schon am ersten Lächeln labt, Womit es ihr die Leiden alle danket Die sie so gern um seinetwillen trug, Sich labt an jedem schönen Zug Worin des Vaters Bild sanft zwischen ihrem schwanket.

55 Allmählich wird der wonnigliche Traum Von schüchternen Beängstigungen Und stillem Gram, den sie vor Hüon kaum Verbergen kann und doch verbirgt, verdrungen. Ach Fatme, denkt sie oft, und Thränen stehen ihr Im Auge, wärest du in dieser Noth bey mir! Getrost, o Rezia! Das Schicksal, das dich leitet, Hat dir zu helfen längst die Wege vorbereitet!

56 Titania, die Elfenkönigin, Sie hatte seit dem Tag, da Trotz und Widersinn So unvermuthet sie um Oberons Herz betrogen, Sich in dieß nehmliche Gebirg zurückgezogen. Mit dem Gemahl, der ihr durch einen Schwur entsagt, Den unterm unbegrenzten Bogen Des himmlischen Azurs kein Geist zu brechen wagt, Mit seiner Lieb' und ihm war all' ihr Glück entflogen.

57 Zu spät beweint sie nun die eitle, rasche That Des Augenblicks; fühlt mit beschämten Wangen Die Größe ihrer Schuld, den schweren Hochverrath Den sie an ihm und an sich selbst begangen. Vergebens kämpft ihr Stolz der stärkern Zärtlichkeit Entgegen!--Ach! sie flöge himmelweit, Und würfe gern, um ihr Vergehn zu büßen, In Thränen sich zu des Erzürnten Füßen.

58 Was hälf' es ihr? Er schwor, in Wasser noch in Luft, Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen, Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft Bey Zauberschätzen wacht, ihr jemahls zu begegnen! Vergebens käm' ihn selbst die späte Reue an; Auf ewig fesselt ihn der Schwur den er gethan. Ihn auszusöhnen bleibt ihr keine Pforte offen! Denn von der einz'gen, ach! was ist von der zu hoffen?

59 Sie ist auf ewig zu. Denn nur ein liebend Paar, Wie keines ist, wie niemahls eines war Noch seyn wird, schließt sie auf. Von schwachen Adamskindern Zu hoffen eine Treu', die keines Sturmwinds Stoß Erschüttert, eine Treu', die keine Probe mindern, Kein Reitz betäuben kann? Unmöglich! Hoffnungslos Sinkt in der fernsten Zukunft dunkeln Schooß Ihr thränenschwerer Blick; nichts kann ihr Elend mindern!

60 Verhaßt ist ihr nunmehr der Elfen Scherz, der Tanz Im Mondenlicht, verhaßt in seinem Rosenkleide Der schöne May. Ihr schmückt kein Myrtenkranz Die Stirne mehr. Der Anblick jeder Freude Reißt ihre Wunden auf. Sie flattert durch das Leer Der weiten Luft im Sturmwind hin und her, Find't nirgends Ruh, und sucht mit trübem Blicke Nach einem Ort, der sich zu ihrer Schwermuth schicke.

61 Zuletzt entdeckt sich ihr im großen Ocean Dieß Eiland. Aufgethürmt aus schwarzen ungeheuern Ruinen, lockt es sie durch seine Schwärze an Den irren Flug dahin zu steuern. Es stimmt zu ihrem Sinn. Sie taumelt aus der Luft Herab, und stürzet sich in eine finstre Gruft, Um ungestört ihr Daseyn wegzuweinen, Und, unter Felsen, selbst, wo möglich, zu versteinern.

62 Schon siebenmahl, seitdem Titania Dieß traurige Leben führt, verjüngte sich die Erde Ihr unbemerkt. Als wie auf einem Opferherde Liegt sie auf einem Stein, den Tod erwartend, da; Der Tag geht auf und sinkt, die holde Schattensonne Beleuchtet zauberisch die Felsen um sie her; Vergebens! strömten auch die Quellen aller Wonne Auf einmahl über sie, ihr Herz blieb wonneleer.

63 Das einz'ge, was ihr noch, mit einem Traum des Schattens Von Trost, ihr ewig Leid versüßt, Ist, daß vielleicht der Zustand ihres Gattens Dem ihren gleicht, und Er vielleicht noch härter büßt. Gewiß, noch liebt er sie! und o! wofern er liebet, Er, durch sich selbst verdammt zum Schöpfer ihrer Pein Und seiner eignen Qual, wie elend muß er seyn! So elend, daß sie gern ihm ihren Theil vergiebet!

64 Doch, da für jede Seelenwunde, Wie tief sie brennt, die Zeit, die große Trösterin, Den wahren Balsam hat: so kam zuletzt die Stunde Auch bey Titania, da ihr verdumpfter Sinn Sich allgemach entwölkt, ihr Herz geduld'ger leidet, Und ihre Fantasie in Grün sich wieder kleidet; Sie giebt den Schmeicheley'n der Hoffnung wieder Raum, Und was unmöglich schien wird itzt ihr Morgentraum.

65 Auf einmahl grauet ihr vor diesen düstern Schlünden, Worin sie einst sich gern gefangen sah; Schnell muß aus ihrem Aug' ein Theil der Klippen schwinden, Und ein Elysium steht blühend vor ihr da. Auf ihren leisen Ruf erschienen Drey liebliche Sylfiden, die ihr dienen; Ein schwesterliches Drey, das ihren Gram zerstreut, Und der Verlaßnen, mehr aus Lieb' als Pflicht, sich weiht.

66 Das Paradies, das sich die Elfenkönigin In diese Felsen schuf, war eben das, worin Alfonso schon seit dreyßig Jahren wohnte; Und, ihm unwissend, war's die Grotte, wo sie thronte, Woraus ihm, durchs Gebüsch vom Nachtwind zugeführt, Der liebliche Gesang, gleich Engelsstimmen, hallte; Sie war's, die ungesehn bey ihm vorüber wallte, Wenn er an seiner Wang' ein geistig Weh'n verspürt.

67 Auch unsre Liebenden, vom Tag an, da die Wogen An dieses Eiland sie getragen, hatte sie Bemerkt, und täglich spät und früh Erkundigung von ihnen eingezogen. Oft stand sie selbst, wenn jene sich allein Vermeinten, ungesehn, sich näher zu belehren; Und was sie hört' und sah gab ihr den Zweifel ein, Ob sie vielleicht das Paar, das sie erwartet, wären.

68 Je länger sie auf ihr Betragen merkt, Je mehr sie sich in ihrer Hoffnung stärkt. Sind Hüon und Amanda die getreuen Probfesten Seelen nicht, die Oberon begehrt, So mag sie ihrer nur auf ewig sich verzeihen! Von nun an sind sie ihr wie ihre Augen werth, Und sie beschließt, mit ihren kleinen Feen Dem edlen jungen Weib unsichtbar beyzustehen.

69 Die Stunde kam. Von dumpfer Bangigkeit Umher getrieben, irrt Amanda im Gebüsche, Das um die Hütten her ein liebliches Gemische Von Wohlgeruch zum Morgenopfer streut. Sie irret fort, so wie der schmale Pfad sich windet, Bis sie sich unvermerkt vor einer Grotte findet, Die ein Geweb von Efeu leicht umkränzt, Auf dessen dunkelm Schmelz die Morgensonne glänzt.

70 Alfonso hatte oft vordem hinein zu gehen Versucht, und allemahl vergebens; eben dieß War seinem alten Freund, war Hüon selbst geschehen, So oft er, um des Wunders sich gewiß Zu machen, es versucht. Sie hatten nichts gesehen: Sie fühlten nur ein seltsam Widerstehen, Als schöbe sich ein unsichtbares Thor, Indem sie mit Gewalt eindringen wollten, vor.

71 Schnell überfiel sie dann ein wunderbares Grauen; Sie schlichen leise sich davon, Und keiner wollte sich der Probe mehr getrauen. Man weiß nicht, ob Amanda selbst es schon Zuvor versucht; genug, sie konnte dem Gedanken, Die erste, der's geglückt, zu seyn, Nicht widerstehn; sie schob die Efeuranken Mit leichter Hand hinweg, und--ging hinein.