Nur wer die Sehnsucht kennt ...

Part 5

Chapter 53,714 wordsPublic domain

Sie fühlte: es war rührende Aufmerksamkeit. Dieser Mann, der heute in einem Rausch von Glück lebte, dachte doch noch an sie und ihre Angelegenheiten.

Aber sie empfand nicht nur die Fürsorge. Sie empfand wieder darin eine Bevormundung, spürte eine Mahnung. Es hieß ihr: Entschließe dich; depeschiere; ein Nein ist unmöglich ...

Sie sagte sich: jetzt habe ich ja keine Zeit.

Dann, als die Kleine besorgt war und ihr die blanken Augen übergingen vor Schläfrigkeit -- als sie eingeschlafen war, satt und von der Hitze schlaff, da dachte Jutta wieder: „Nun will ich erst in Ruhe essen.“

Und genoß doch fast nichts.

Nachher endlich blätterte sie den großen, roten, vielfach gefalteten Bogen der Segellisten auseinander.

Sie betrachtete ihn, als sei er eine Merkwürdigkeit.

Sie las den Fahrplan: Bremen-Neuyork. Eine lange Kolonne von Schiffsnamen und Daten -- das sprach von einem unaufhörlichen Hin und Her zwischen hüben und drüben, einer atemlosen Eile von tausend und aber tausend Menschen, von einem Ufer zum anderen hinüberzurauschen.

Und all die anderen Fahrpläne verfolgten ihre Augen, als sei es wichtig, zu erfahren, wann man nach Baltimore oder Galveston, wann nach Kuba, nach La Plata oder Brasilien reisen könne, wie die Dampfer hießen, die den Mittelmeer-Levantedienst besorgten, und nach welchen Daten die Reichspostdampferlinie nach Australien sich regelte. Auch alle Agenturen des Lloyd im Inland wie im Ausland überflog sie. Nur ganz allein über den Fahrplan XV, Bremen-Hamburg-Ostasien, gingen ihre Blicke fort, vielleicht gerade, weil sie dort, ohne sehen zu wollen, doch einen kurzen, dicken Blaustiftstrich bemerkte.

Da hatte ihr Hochhagen den Dampfer angestrichen, den sie nehmen sollte ...

Dieser kleine, blaue Farbenfleck auf dem roten Papier stritt mit ihr.

Er schien ihr wieder ein Beweis, daß sie keinen freien Willen haben solle.

Sie dachte plötzlich: „Ich werde *ihn* fragen ...“

Eine verzehrende Spannung kochte in ihr auf, brannte in ihrer Brust.

Ja, das war es: ihn fragen!

Das war die einzig mögliche Form, ihm diese Sache mitzuteilen ... die zwangloseste Form ...

Sie machte sich daran, den Teetisch zu ordnen. Auf dem Balkon natürlich. Wo man so verborgen saß und das Gefühl, fast an der Straße zu sein, doch jede Unruhe und Befangenheit ausschaltete.

Die Sonne beschien nun nicht mehr den Balkon, ihre Strahlen strichen an ihm vorbei. Aber Büsche und Bäume des Vordergartens überströmte sie von rechts her mit einem Goldglanz, der etwas stumpf war von dem Staub und der Hitze, die in ihm flimmerte. Und links hinter sich, auf Rasen und Weg, hatten alle Gebüsche blaue, scharfe Schatten.

Nun war der Teetisch fertig -- viel zu früh -- Jutta übersah noch einmal alle Zierlichkeiten und Appetitlichkeiten. Die Spitzendecke, das blumige Meißner Porzellan, das Silber, die Rosen an den langen Stielen im hohen Glas.

Da hörte sie draußen auf der Straße, die gerade heute nachmittag wie verwunschen still war, Stimmen. Zwei sprachen da, die offenbar das Gefühl hatten: uns gehört die Welt, wir können uns in ihr benehmen, wie wir wollen. Oder vielleicht bewirkte es dies große, heiße Schweigen in all den Gärten, daß die Unterbrechung der sonnendurchbrüteten Stummheit etwas Vorlautes bekam.

Sie sah hinab. Wie denn? Fräulein Gervasius und der Oberleutnant von Reiswitz standen an ihrer Gartenpforte still? Das konnte doch nur die Bedeutung haben, daß eines von beiden sie zu besuchen dachte.

Ihr wurden die Füße schwer -- so bleiern befiel die große Enttäuschung ihr ganzes Wesen.

Sie dachte: ich will Martha sagen, daß sie jeden Besuch außer dem einen abweist.

Nein -- das ging nicht. Wenn Reiswitz jetzt kommen wollte, trieb ihn seine Ungeduld, die zu erfahren wünschte, ob Herr von Gamberg morgen mitsegeln wolle oder nicht. Und Jutta erinnerte sich: sie selbst hatte Reiswitz gesagt, daß Gamberg heute zum Tee käme.

Und wenn es Renate war, die kommen wollte, so durfte sie unter keinen Umständen abgewiesen werden.

Jutta stand und horchte und wartete. Kein Wort entging ihr.

Wie kindisch kam ihr das vergnügte Gespräch vor.

Mit dem Hochmut der Leidenden dachte sie: „Wie albern ... nun, sie sind jung und sorglos ... Kinder sind sie.“

Dann fiel ihr ein: Renate war höchstens drei, vier Jahre jünger als sie selbst. Darüber verlor Jutta sich in Staunen und erbittertem Sinnen ...

Alt kam sie sich vor. Wie eine, die schon ein zerbrochenes Leben hinter sich hat ...

Und jetzt nahm das Lachen und muntere Sprechen an der Gitterpforte ein Ende, und Renate Gervasius kam herein in den Garten und schritt den Seitenweg entlang, der zur Haustür führte.

Was will sie? Sie kommt zu mir? Schon heute? Und allein? fragte sich Jutta.

Sie sollte es in wenig Minuten wissen.

Mitten im Zimmer stand das befangene Mädchen vor der jungen Frau. Die lustige, etwas überlegene Sicherheit, mit der sie eben noch Reiswitz behandelt hatte, war ganz weggelöscht aus Renates Wesen. Sie hielt das Haupt schräg gesenkt und ihren Rosenstrauß in den gefalteten Händen. Das weiße Band, das sich unter dem Kinn spannte und neben dem linken Ohr geknüpft war, kleidete sie gerade in dieser Kopfhaltung ungewöhnlich lieblich. Das regelmäßige und doch so weiche Gesicht war von einer Verlegenheitsröte angehaucht.

„Mein Gott, wie ist sie reizend,“ dachte Jutta gerührt, während sie sie begrüßte und die Rosen annahm.

„Ich komme ganz heimlich,“ begann Renate fast scheu, „Emmich weiß gar nichts davon.“

„Heimlich? -- Du meine Güte -- in Gespräch und Gelächter mit Reiswitz den Niemannsweg entlang --“ dachte Jutta und mußte über diese „Heimlichkeit“ schon leise lächeln.

„Und warum? Haben Sie irgend etwas auf dem Herzen, wobei ich Ihnen helfen kann?“ fragte Jutta.

„Ja,“ sagte Renate und stand hilflos. Sie traute sich nicht einmal die Frau anzusehen und fand es doch etwas viel, daß sie so einfach hergegangen sei ... wenn diese ernste, arme, traurige Frau sie nun auslachte -- oder oder zudringlich fände ...

Sie seufzte aus Herzenstiefe.

Jutta, weltgewandter und doch neugierig geworden, nahm das Mädchen an der Hand und zog sie neben sich auf das kleine, graue Sofa, das durch einen hinter ihm aufgestellten Wandschirm den Charakter eines traulichen Eckchens bekommen hatte. Auf der zwischen Bambusstäben straff gespannten dunkelbraunen Seide des Schirms stolzierten dickgestickte goldene Reiher hochmütig zwischen Aprikosenblüten von weichem, schimmerndem Weiß. Vor diesem phantastischen Hintergrund neigten sich die beiden Frauenköpfe einander zu.

„Ich bin,“ begann Renate, „ich habe ... ach Gott -- soll ich es sagen? Ach ja -- liebe, gnädige Frau -- ich habe mich schon immer sehr für Sie interessiert -- sehr -- gleich, als Sie, jung verheiratet, hierher kamen -- Sie wissen es gewiß gar nicht mehr -- bei Exzellenz Marweg wurde ich Ihnen vorgestellt -- bei Rohrbrands trafen wir uns einmal ...“

„Ich weiß es noch gut,“ sagte Jutta herzlich.

„Und dann verschwanden Sie aus der Gesellschaft. Ihr Mann ging fort. Und ich hörte davon sprechen, daß Sie eine kleine Tochter bekamen, und Herr von Falckenrott war so weit, weit weg. Und es tat mir leid, daß ich Sie so wenig kannte. Und deshalb nicht kommen durfte und fragen, ob Sie mir erlauben wollten, Sie liebzuhaben. Ja ...“

Sie seufzte nochmals so recht aus Herzensgrund -- im Gefühl der Befreiung, des wachsenden Mutes, des Rechtes ihres Vorhabens.

„Liebes Kind ...“

„So sehr hab’ ich für Sie geschwärmt -- schon lange, von weitem ...“

Jutta erinnerte sich: ja, da können junge Mädchen -- so unbegreiflich ihre Seelen hingeben, an fremde Frauen, die sie kaum kennen, die ihnen irgendwie merkwürdig interessant scheinen ... Aus einem drängenden, gegenstandslosen Liebesbedürfnis heraus können sie für ferne, schöne Frauen schwärmen.

„Liebes Kind ...“ Sie lächelte weich und drückte Renates Hand.

„Und nun bin ich glückselig. Nun darf ich Sie lieben! Nun *muß* ich Sie lieben! Emmich hat mir gleich gesagt: Du, Rosenfeld und Falckenrott und ich, wir gehören zusammen, uns trennt nichts, nicht mal die Frauen sollen uns trennen; und mit Lisbeth Rosenfeld kann man sich gut vertragen; und Jutta Falckenrott, die mußt du sehr liebhaben, wie eine Schwester mußt du zu ihr sein. Denn sie ist vor Sehnsucht nach ihrem fernen Mann beinahe krank, und unsere Liebe muß ihr das leichter machen. Jawohl, das hat Emmich gesagt,“ schloß sie.

In Juttas Augen funkelten Tränen. Ihre Nasenflügel bebten. „Und deshalb kommen Sie ...?“

„Ja. Ich wollte Ihnen sagen, daß ich Sie bitten möchte, mich auch etwas liebzuhaben. Sehen Sie -- dann ist Emmich glücklich. Stellen Sie sich vor: wenn ich ihn damit überrasche: wir kennen uns schon gut -- ja, wir haben uns schon ausgesprochen ... was er wohl für Augen macht!“

Jutta umarmte das Mädchen.

Ein paar Augenblicke konnten sie nichts miteinander reden. Beide bemühten sich, nicht in Tränen auszubrechen.

Der einen zersprengte ihr Glück und die allgemeine Aufregung dieses für sie außerordentlichen Tages die Fassung.

Die andere war erschüttert in dem plötzlichen Gedanken, daß auch diesem zärtlichen, hingebenden, offenen Gemüt einst die gleichen Prüfungen beschieden sein könnten wie ihr selbst.

Und von diesem ihrem Gefühl hingerissen, mehr dem phantasievollen Mitempfinden als dem Verstand gehorchend, sprach sie leidenschaftlich: „Ach, Kind, wir wissen ja nicht, was wir tun, wenn wir unser Leben einem solchen Mann hingeben ... sein Beruf ist zu grausam gegen uns.“

„Dem Beruf des Mannes muß jede Frau Opfer bringen,“ meinte Renate voll wichtiger Ernsthaftigkeit, denn so hatte sie es von klein an ihre Mutter sagen hören. „Denken Sie nur an meine Mama! Wir haben so gut wie nichts von Papa. Die Vorlesungen, die vielen Operationen, die Kranken, die wissenschaftlichen Arbeiten bis in die Nacht hinein ... Mama sagt, wir müssen immer daran denken: es ist für den großen Zweck. Und zufrieden sein in dem Gedanken: er gehört uns doch, er ist da ...“

„Ja, er ist da -- er ist da ... das ist es! Ihre Mutter weiß es zu jeder Zeit: Er ist da! Sie hört seine Stimme, sie kann für ihn sorgen -- mit all den lächerlichen, kleinen, alltäglichen Dingen -- die uns gar nicht lächerlich und klein scheinen, weil wir immerfort damit Liebe zeigen können ... Aber wenn so ein Mann hinausgeht -- es ist ja beinahe immer, als hätte man den Liebsten fern im Kriege ... Und wenn man wie ich die höchste, die größte Stunde des Frauenlebens ganz allein hat bestehen müssen ... Mein Kind kam. Und wo war er, dem es gehörte? ... Das war zu hart -- für mich, ja. Wie ich nun einmal bin. Und schließlich -- in all dem Zittern und dem Entbehren -- in was für Unsicherheiten kommt man! Man weiß ja zuletzt nicht mehr ...“

Sie verstummte vor Schreck. Ihre hinstürmende Leidenschaftlichkeit hätte sie beinahe so weit gebracht zu sagen: ... ob man ihn noch liebt!

Sie drückte sehr heftig die Hand des jungen Mädchens. Als sei dieser pressende Druck der Abschluß ihrer Rede.

Renate saß still. Der starke Gram dieser Frau, der fast wie Zorn klang, machte sie unfrei. Es wirkte etwas daraus auf sie hinüber, das über ihr jubelndes Glücksgefühl dahinging wie eine Kältewelle.

Sie war zu unerfahren, um zu unterscheiden, wie Schicksal und Veranlagung und all die zufälligen Fügungen des Lebens hier feindlich gegeneinander kämpfen mochten. Sie fühlte eine unbestimmte Furcht vor eigenen künftigen Leiden ...

Sie wehrte sich dagegen und wußte nicht, daß man einen entscheidenden Augenblick erlebt hat, wenn man sich plötzlich gegen etwas wehren muß ...

Jutta faßte sich. Ihr kam zum Bewußtsein, daß das liebe Kind mit einem Male still und blaß dasaß. Reue wallte heiß in ihr auf. Nein, das hatte sie nicht gewollt, diese junge Seligkeit trüben ...

Sie lächelte erzwungen. Sagte voll künstlicher guter Laune: „Es gibt manche Kameradenfrauen, die das ganz gern mögen -- mal so eine Zeit wieder für sich sein -- Tochter im Elternhaus oder so ... Und Sie haben ja Ihre lieben Eltern hier, *wenn* Emmich mal ein Auslandkommando bekäme ... die ja übrigens auch immer seltener werden ... Und heute abend soll ich Ihre Eltern kennen lernen? Ich finde es entzückend, daß sie Rosenfelds und mich gleich als Emmichs ‚Familie‘ aufnehmen ... Aber wollen wir uns nicht beim Vornamen nennen? Lisbeth Rosenfeld und ich -- ja, wir duzen uns. Die Stunde dafür wird zwischen Ihnen und mir gewiß auch bald kommen, liebe Renate -- Renée nennt man Sie? ... nicht wahr?“

So sprach Jutta mit eiligen Worten, munter -- und hing mit ihren dunkeln, brennenden Blicken am Gesicht der anderen -- ob da nicht wieder das strahlende Glück aufgehe.

Der Ausdruck von Renate Gervasius wurde wieder heller, und das Mädchen lächelte -- wenn vielleicht auch etwas zögernd, aus noch schweren Gedanken herauf, fast aus Gefälligkeit nur für die neue Freundin.

Zugleich, während Jutta sich förmlich drängend bemühte, die Saat, die ihre unbeherrschten Worte vielleicht gestreut, wieder zu vernichten, horchte sie angestrengt mit wachsamen Ohren nach dem Korridor hinaus. Ob nicht die Glocke schrillte, ob nicht ein Schritt erklang. Und hatte doch vor dem Brausen des Bluts in ihrem Kopf alles überhört. So daß sie erschrak, als nun Martha hereinkam und meldete: „Herr von Gamberg.“

Renate schnellte förmlich empor. Sie mußte ja fort. Das ging unmöglich an, daß sie sich hier noch mit einem Besucher aufhielt, mit Tee trank -- Mama erwartete sie bald zurück.

Zwischen Tür und Angel wurde der Legationssekretär von Gamberg noch vorgestellt. Man sprach noch zu dritt eine Handvoll Worte. Über Reiswitz und die „Freia“. Daß Reiswitz über die Flaute verzweifelt sei. Ob Gamberg morgen mitsegeln wolle oder nicht? Nein -- er habe nicht die Absicht. Also werde der Platz im Boot für Lebus frei. Dann ging Renate. An der Tür umarmte Jutta das Mädchen.

Sie sahen sich in die Augen -- sehr ernst -- bis ein zärtliches Lächeln ihre Blicke hell machte.

Und nun war Jutta allein mit dem Mann.

Es kam ihr merkwürdigerweise so vor, als ob es das erstemal sei ...

Sie sprach allerlei -- ein wenig gesteigert im Ausdruck -- mit ungeregeltem Atem -- wie reizend dieses Mädchen sei, daß man heute abend ihre Verlobung feiern werde. Und Martha brachte den Tee. Damit konnte man denn noch etwas herumhantieren -- fürsorglich sein ... Aber endlich kam doch der Augenblick, daß sie einander in Ruhe gegenübersitzen mußten.

Sehr aufmerksam, kaum die notwendigsten Antworten auf alles was sie vorgebracht gebend, hatte er sie beobachtet. Und nun saß er still, sah sie mit seinen hellen Augen durchdringend an, und mit dem kleinen goldenen Teelöffel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger in der Rechten hielt, tippte er unhörbar ein Marschtempo auf den Tisch.

„Das macht mich nun wirklich nervös,“ sagte sie.

Er legte den Löffel förmlich vorsichtig hin.

„Ich spüre in Ihrem Wesen eine große Erregung. Seit gestern abend ist etwas Neues hineingekommen. Stehe ich Ihnen nah genug, liebe Jutta, um Sie fragen zu dürfen: was haben Sie?“

Sie sah ihn an -- die Antwort auf den Lippen -- doch noch zögernd. Und dann -- langsam -- von Spannung und Furcht fast entnervt, sprach sie: „Ich habe einen Brief von Malte bekommen. Ich soll in zehn Tagen nach Hongkong abreisen ... zu ihm ...“

Und nun sah sie das, wovor sie sich gefürchtet hatte. Seine Farbe veränderte sich. Rasch flackerte es rot über sein Gesicht. In seinen Augen blitzte etwas auf ... Schreck?

Aber die Pause, die entstand, war nur sekundenlang.

Voll Haltung, seinen Ton ganz und gar beherrschend, fast höflich, fragte er: „Sie werden reisen?“

„Ich bin noch nicht entschlossen.“

Und nach diesen knappen Worten wieder eine Pause. Bis er weicher, leiser fragte: „Und Ihr liebes kleines Kind, Jutta?“

Sie erschauerte. Er dachte daran. Er! Es war sein erster Gedanke fast! Er, den dies Kind gar nichts anging, der es kaum gesehen hatte, der gar keinen Blick haben konnte für das Rührende und Süße in so einem kleinen, knospenden bißchen Menschentum ...

Er dachte daran, weil er begriffen hatte, daß ihr Kind und sie *ein* Leben seien -- ein unzertrennliches ...

Wie es sie rührte ...

„Ja,“ sagte sie, „das ist es *auch* ... ich kann mich doch nicht von dem Kind trennen.“

Sie war sich nicht bewußt, dies „auch“ betont zu haben. Aber seinem Ohr war es nicht entgangen.

Von der raschen Röte, die ihm vorhin zu Kopf gestiegen war, hatte sein Gesicht eine erhöhte Färbung behalten, die aller Gefaßtheit seines Wesens widersprach.

„Ihr Mann verlangt ein Opfer von Ihnen, das nur höchste Liebe bringen kann.“

Er wartete.

Ihre Antwort entschied über sein Leben.

Sie schwieg.

Sie kämpfte mit sich. Sie wollte ihn nun fragen: Wozu raten Sie mir -- zum Gehen oder Bleiben.

Aber sie fühlte: das war eine Unredlichkeit gegen den Fernen! Ach, war nicht schon alles unredlich, schief, unwahr -- nur weil es unklar war? Ist nicht in gewissen Gefühlsdingen Unklarheit so viel wie Tod? ...

Aus einer angeborenen Kühnheit des Temperaments heraus trieb es sie, der ungeheuren Wahrheit ins Gesicht zu sehen: vielleicht liebe ich meinen Mann nicht mehr -- und vielleicht ist dieser hier mein Glück -- er, der mich liebt ... denn er liebt mich -- ich fühle es ...

Sie zwang das nieder. Sie hatte den verzweifelten Wunsch, sich so zu halten, daß beide Männer sie achten sollten ...

Sie fühlte: es war ja ihr heißes Verlangen gewesen, tapfer und stolz mit der Versuchung fertig zu werden.

Vielleicht war auch alles anders, als sie es empfand. Vielleicht kehrten nur holde, rührende Erinnerungen zurück und bezauberten ihr Herz ...

Ihre Gedanken, plötzlich wie hypnotisiert von diesen Erinnerungen, verloren sich zu vergangenen Tagen ...

Auch er besann sich schwer.

Er ahnte: sie vermochte nicht freudig zu sagen: ich *will* das Opfer bringen! Sie hatte aber auch nicht den Mut oder nicht die Klarheit in sich, zu bekennen: ich *kann* es nicht bringen.

Er wußte: sie ist ein schutzloses Weib! Und der Mann, dessen Namen sie trägt, ist fern. Das macht sie heilig ...

Mir noch mehr als anderen ...

Aber sie ist unglücklich ... sie liebt ihn nicht mehr -- gewiß nicht ...

Soll ich ihr, die ich liebe wie nichts mehr auf der Welt, soll ich ihr nicht helfen? ... Unwahrheit ist Unglück ... Ich kann nicht zusehen, wie dies junge Leben zerbricht ...

In solchen Sachen steht das Wort „Pflicht“ wie ein verschwommener Begriff. Wo fängt sie an? Wo endet sie? Gegen wen steht sie am höchsten? ...

Wäre er da, daß ich mit ihm kämpfen könnte, Mann gegen Mann ...

Ich kann nichts tun als warten -- warten, ob ihr Herz den Mut hat, zu mir zu kommen. Ich darf nicht der Versucher sein. Ich darf nur der Schutz, die Zukunft, der Hafen sein, wenn sie aus eigenstem Entschluß heraus diese ihre Ehe verläßt ...

Aber indem er dies im jagenden Flug der Gedanken bedachte, hatte er zugleich die dumpfe, quälende Erkenntnis davon, daß vielleicht alles anders sein würde, wenn der Mann zur Stelle wäre ... Daß nur die Sehnsucht die Tore ihrer Seele so weit geöffnet habe, daß Liebe gehen und Liebe kommen konnte ...

Seine ganze Mannespersönlichkeit wehrte sich dagegen auf. In dieser Erkenntnis lag zu viel Demütigendes, als daß er sich in ihr hätte bescheiden können.

Und da waren auch Erinnerungen, schöne, liebe Erinnerungen, die ihm recht zu geben schienen.

Unter dem Zwang einer ihm nicht ganz deutlich zum Bewußtsein kommenden Ideenverbindung fing er an, von ihnen zu sprechen.

„Wissen Sie noch, liebe Jutta -- die schönen Sommerwochen, vor sechs und sieben Jahren, in Schmylau?“

Sie sah ihn an -- in atemlosem Staunen -- von heißer Freude benommen. Das war sein erstes Wort -- *das*! Nach dem langen drückenden Schweigen zwischen ihnen sprach er geradezu in ihre Gedanken hinein?! Denn auch sie lebte wieder in jenen Sommerwochen und weckte ihren Zauber zum Leben auf.

Plötzlich war’s, als sei ein Quell aufgesprungen. Die ganze schwüle Gegenwart schien überströmt von Frische und Bewegung.

Jutta richtete sich auf. Ihre Augen blitzten.

„Ach, wie fröhlich waren wir da -- wir jungen Mädchen auf Schmylau -- sechzehn und siebzehn Jahre alt ... Und Sie für uns so etwas wie ein großer Herr -- ein Mann, der alle seine Examen so unerhört früh bestanden hatte, von dem es hieß, er werde Karriere machen -- vor dem wir etwas scheu waren, weil wir dachten, er würde so gut wie übermorgen Minister oder Botschafter werden. Denn Regierungsassessor und Exzellenz -- das lag für uns so ziemlich dicht beieinander. Aber nun weiß ich’s lange: es ist ein weiter Weg. Alle Wege im Leben sind sehr weit ...“

„Und ich? ... Während ich, wenn ich mit den jungen Damen zusammen war, hochmütige Gesten hatte, die ich für fabelhaft wirkungsvoll hielt, und alle weibliche Verehrung von unerreichbarer Höhe herab zu belächeln schien -- ich stand oft hinter den Gardinen meines Fensters, lauerte mit unerschütterlicher Geduld, bis ich Sie und die Schmylauer Töchter im Park sah. Dann stürzte ich hinab, nahm in Ihrem Sehfeld steife Schritte an und tat mehr gestört als erfreut über das ‚zufällige‘ Zusammentreffen. Ja, wir waren sehr jung damals. Sehr ...“

Sie lachten.

Und nun nahmen sie einander fast die Worte vom Munde.

„Wissen Sie wohl noch, an jenem Abend ...“

„Als unsere Mütter mit der Frau des Hauses die so verworrenen, unübersichtlichen Verwandtschaftsgrade ausrechneten, die sie mit den Schmylauern verbanden ...“

„Bis ich es nicht mehr ertrug und nach einem heftigen Augengezwinker mit Lu und Fi hinauslief in den Park.“

„Wohin ich den jungen Damen gleich nachging.“

„Was die Schmylauer, Vater wie Mutter, wahrscheinlich gern sahen -- denn wir, wir Mädels damals dachten, Sie sollten wohl Lu oder Fi heiraten.“

„Und wie merkwürdig dunkel der Park war -- von purpurner Schwärze. Ja, eine seltsame farbige Wärme war in der Sommernacht. Lauter verhüllte Glut. Als sei die Sonne nicht erloschen, nur zugedeckt alles Licht. Man tastete unsicher mit dem Fuß vorwärts. Still standen die Bäume. In den Büschen regte sich nichts. Es war, als sängen die Rosen -- als sei ihr Duft ein Lied. Und irgendwo in der Dunkelheit hörte ich Mädchenstimmen ... sie lachten ... das klang, als rollten kleine, silberne Kugeln durch die schwarze Luft ... Es war gar keine Düsterheit, gar keine Drohung in diesem Dunkel. Nur Erwartung, als müsse gleich ein Vorhang zerreißen und ein Strom von roter Glut hervorbrechen. Und da, als ich, so beklommen, berauscht, mich vorwärts taste, dem Klang der Mädchenstimmen zu ... da fühl’ ich plötzlich: nah, ganz nah steht eine vor mir ... ich sah ... wie man in der Dunkelheit sieht ... mit erratenden, wissenden Augen ... Ich spürte, rätselhaft, daß Sie es seien -- es wirkte auf mich durch die Dunkelheit hinüber dies Wissen: Sie! Und ...“

Er brach ab. Er stand auf. Er trat an das grün bedeckte Gitterwerk des Balkons und sah ins Unbestimmte.

Jutta rührte sich nicht. Mit geschlossenen Augen saß sie und erlebte den Rausch jener Stunde noch einmal ...

Sie zitterte wieder wie damals. Rasche Männerarme hatten sie umfangen ... heiße Lippen küßten die ihren ... Und schon ließ er sie auch wieder. Und von fern her lachte eine Mädchenstimme eine ganze Tonleiter herunter und zerschnitt voll Übermut das schwere, süße Schweigen.

„Er hat es gewußt, daß ich es war,“ dachte sie. „Er hat es gewußt!“

Sie verschwieg den Freundinnen gegenüber jenen kurzen, heißen Augenblick ... Sie lag nächtelang wach und sann: weiß er wer es war -- Lu oder Fi oder ich? ...

Und nun, nach so viel Jahren, gestand er ... Er hat es gewußt, daß ich es war -- ich ...

Dies Geständnis hob das bedrängende Glück jenes raschen Erlebens aus der Vergangenheit heraus und stellte es in die Gegenwart. Es war, als sei es eben erst geschehen ... eben erst.

Er wandte sich wieder zu ihr, die mit trockenem Munde fiebernd saß.