Nur wer die Sehnsucht kennt ...

Part 4

Chapter 43,749 wordsPublic domain

Mit Geduld ertrug er nun diese Pause, solange es ihm schicklich schien, dann sagte er voll Freundlichkeit: „So, meine liebe gnädige Frau -- vorbereitet sind Sie -- das Genauere, und wie Malte sich alles denkt -- das lesen Sie ja wohl besser in seinem Brief. Ich bitt’ bloß: Ruhe, Ruhe, Ruhe! Und vielleicht -- könnt’ man ja auch sagen: der Mann geht dem Kind vor. Aber da bin ich noch nicht kompetent ...“

Jutta erhob ihren Kopf, mit einer schweren Gebärde, als wöge er Bleilasten. Sie wandte langsam ihr Gesicht und sah Hochhagen an. Ihre Lippen waren zu einem Lächeln verzerrt.

„Das haben *Sie* gemacht ...“

Hochhagen wurde rot. Er zauderte -- nur einen knappen Augenblick.

„Ja,“ sagte er dann einfach, „weil ich Malte und Sie liebhabe ...“

Ihr strömten die Augen über. Unsicher erhob sie sich.

Sie hielt mit ihren beiden Händen seine Rechte fest.

Er fühlte: das war alles. Dank! Verständnis seiner Treue! Bitte um Verzeihung! Bitte um Halt!

Ganz aufgelöst war die arme Frau -- in Weichheit und Gram, und zerrüttet von tausend Nöten, deren Ineinanderwirken er dumpf zu ahnen begann.

„Gott helfe ihr!“ dachte er.

Und fühlte: nun keine Worte mehr! Dieses schwere Schweigen ist heiliger Kampf ...

Und so ging er mit einem festen Händedruck -- wie ihn sonst nur ein Mann dem anderen gibt, wenn er ihm eben sagen will: sei ein Mann.

Nur wenige Minuten verflossen Jutta in einem seltsamen, fast gedankenlosen Hinbrüten. Es war beinahe, als ob das, was nun herankam, zu chaotisch war, als daß sie es recht ins Auge fassen und überdenken könne.

Da stürzte Martha wieder herein, mit dem fast lärmenden Wesen einer, die denkt, daß sie etwas Heißerwartetes bringt.

Der Brief -- der Brief aus Ostasien war da.

Daß er ganz bestimmt mit dieser zweiten Morgenpost zu erwarten gewesen war, hatte Jutta vergessen. Ihr erschien nun sein Eintreffen wie ein Zufall, der Aberglauben erwecken konnte ... als käme wie auf ein Stichwort, wie herbeigerufen, ein Gespenst ... das Gespenst des in weiter Ferne weilenden Mannes.

Ihre Lider zuckten nervös.

Sie wollte sagen und klagen: „Sie sind sehr laut, Martha.“ Aber sie brachte kein Wort über die Lippen.

Sie sah das stillvergnügte Gesicht des Mädchens -- ganz vertraulich lächelte das die Herrin an -- ein Weib das andere -- das versteht, wie einem zumute ist, wenn ein Brief vom fernen Liebsten kommt ...

Und von diesem Lächeln wandte sich die Herrin stumm ab ...

Sie hatte ein Gefühl, als dürfe niemand sehen und wissen, daß sie diesen Brief läse.

In das Zimmer ihres Mannes ging sie und schloß die Tür hinter sich.

An dem aufgeräumten, nie mehr benutzten Schreibtisch saß sie und starrte den Brief an -- den sie zwischen den Fingern hielt und wendete.

Ihr deuchte, sie hielt ihr Schicksal in der Hand.

Als hinge die ganze Zukunft an den weißen Blättern, die dieser kleine Umschlag einschloß.

Erst nach langem, selbstquälerischem Warten las Frau Jutta den Brief ihres fernen Mannes:

„Mein geliebtes Weib! Mein letzter Brief schilderte Dir unsere Reise von Tsingtau nach Tschemulpo und meine ersten Eindrücke von Korea. Ich gab in Tschemulpo jenen Brief zur Post, und Du wirst inzwischen aus der Zeitung ersehen haben, daß wir in Hakodate ankamen. Das ist ja das Angenehme für Euch zu Hause, daß Ihr immer die telegraphische Nachricht unter der Rubrik ‚Marine‘ findet, daß wir da und da ankamen und an Bord alles wohl ist. Dann wißt Ihr doch so ungefähr, wie es um uns bestellt ist.

Also wir liegen zurzeit noch vor Hakodate und werden von hier nach Kobe gehen, um dort ein paar Tage zu bleiben. Da gibt es nämlich ziemlich viel deutsche Kaufleute, meist Hanseaten. Und die Deutschen fühlen sich immer erhoben, in ihren Interessen gefördert, in ihrem Ansehen gestärkt, wenn mal eins von unseren Kriegschiffen sich zeigt. Nachher gondeln wir so um Japan ’rum und werden wohl Ende Juni in Nagasaki ankommen. Also ungefähr, wenn Du diesen Brief bekommst, und wenn Ihr in den mehr oder minderen Wonnen der Kieler Woche schwelgt. Die hast Du diesmal hoffentlich mitgemacht, nachdem Du vorigen Sommer durch Dein damaliges Befinden daran verhindert warst. Ich hab’ es Rosenfelds und Hochhagen auf die Seele gebunden, daß sie Dich nicht einsam und trauernd in Deiner Klosterzelle verkümmern lassen.

Von Nagasaki aus machen wir noch eine Fahrt nach den Philippinen, müssen nochmal nach Schanghai zurück, und dann gehen wir nach Hongkong, wo wir unseren Kahn mal auf Dock bringen müssen.

Und in Hongkong bleiben wir fast zwei Monate.

Meine liebe, süße Frau -- ja, da also bleiben wir fast zwei Monate lang!

Kommt Dir nicht auf der Stelle der Gedanke: _plenty time_, meinen Schatz mal zu besuchen?

Und dazu lade ich Dich hiermit feierlichst ein! Ich rate Dir, schiffe Dich nicht schon in Bremerhaven ein, sondern geh erst in Genua an Bord. Das Alleinreisen braucht Dich in keiner Hinsicht zu schrecken. Du bist an Bord eines Norddeutschen Lloyddampfers. Das sagt alles! Das sagt, daß der Kapitän -- wer es auch sei, und wie er auch heiße -- Dich wie Vater und Mutter in einer Person betreuen wird. Du bittest Exzellenz Marweg oder auch einfach Rosenfeld, dem betreffenden Kapitän vorher ein Dich an ihn empfehlendes Wort zu schreiben. Und Du sollst mal sehen, mit welcher Fürsorglichkeit, bis zur Stewardeß herab, Dich alles umgibt. So ’n Kapitän von so einem Riesendampfer, mußt Du wissen, ist schon ein Kerl! Der hat für viele Menschenleben und viele Millionen einzustehen, der hat, wohin er kommt, deutsche Art und deutschen Namen imposant zu vertreten. -- Er ist eine Art Regent. Und die Welt, die kleine schwimmende Welt, die er regiert, die hat viel zu bedeuten. Wenn Du Dir das so recht klar machst, wirst Du jede Angst vor der weiten Reise verlieren, und das heißt, eigentlich kann ich mir’s gar nicht vorstellen, daß Du überhaupt vor irgend etwas Angst haben solltest. Du hast immer so etwas Kühnes und Sicheres in Deinem Wesen gehabt. Ich weiß noch, ich traute mich damals erst gar nicht recht an Dich ’ran.

Da wir, geliebtes Weib, ja schon beinahe in der Stunde der Verlobung von Geld sprechen mußten und uns darin gottlob immer einig waren, lieber auf etwas zu verzichten, als uns finanziell bedrückt zu fühlen, so denkst Du natürlich gleich an die Kosten. Also: wir können es machen. Von meiner Bordzulage verbrauche ich fast nichts. Gekauft habe ich eigentlich nichts, außer ein paar hübsche Kleiderstoffe für Dich: Rohseide und sehr helle Seidenkrepps. Du selbst, schriebst Du mir, hast im völlig geordneten bescheidenen Budget leben können und Dich seit unserer Heirat nicht von Kiel weggerührt. So dürfen wir die fünf- bis sechstausend Mark -- so schätze ich Reise und Aufenthalt hier -- wohl daran wenden, uns diese große Freude zu gönnen.

Das Schicksal ist ja eigentlich ein bißchen schikanös mit uns verfahren. Wir lernen uns kennen, lieben, verloben uns. Und erfahren von Deinem Vater, der sich im Jahr vorher, in Dir recht unerwünschter Weise, wieder verheiratet hatte, daß Du, einem testamentarisch geäußerten Wunsch Deiner Mutter gemäß, erst heiraten darfst, wenn Du mündig seiest. Und daß er erst dann verpflichtet sei, Dir Dein mütterliches Erbteil auszuzahlen. Was war da zu machen! Es hieß eben: warten.

Weißt Du, ich habe oft gedacht, Deine Mutter wird wohl nicht so sehr glücklich gewesen sein und hat nachmals ihre urteilslosen achtzehn Jahre, mit denen sie in die Ehe trat, dafür verantwortlich gemacht.

Fast alle Menschen bestimmen ja nach ihren persönlichen Erfahrungen.

Meine Mutter hat uns das Warten -- diese gräßlichen drei Jahre -- so viel erleichtert, als sie konnte. Und in meinen knappen, ach so knappen Urlaubszeiten haben wir bei ihr köstliche Stunden verbracht. Aber es waren eben doch nur Lichtblicke in dieser langen Zeit voll Sehnsucht. Es war eine Schinderei. Jawohl, das war es.

Und endlich wirst Du einundzwanzig Jahre! Dein Vater -- verzeih mir’s -- aber ich glaub’, er tat’s mit heimlichem Zähneknirschen -- legte Deine zweihunderttausend Mark auf den Tisch des Hauses nieder. Und sozusagen in selbiger Stunde heirateten wir.

Manchmal denk’ ich: sind wir bloß einen Tag Mann und Frau gewesen? Einen verrückten, seligen Tag lang? So schrumpft mir die Zeit zusammen in der Erinnerung.

Wie viele Kameraden sind förmlich gierig auf ein Auslandkommando. Und ich, der ich schon so ziemlich auf allen Meeren ’rumgegondelt bin, ich kann wohl sagen: Ost- und Nordsee hätten mir auf lange hinaus als Schauplätze meiner unsterblichen Seemannstaten genügt.

Aber nein! Da trifft es ausgerechnet mich, Erster Offizier auf S. M. S. ‚Luise‘ zu werden.

Erster Offizier mußte ich ja werden. Dieses schöne Mädchen-für-alles-Kommando, das auch die dicksten Nerven zu Spinnwebfäden zermürbt, blüht ja allen. Warum konnte ich es nicht auf einem der Linienschiffe der Ostseestation werden?

Grad’ ein Vierteljahr haben wir glücklich sein dürfen!

Nun, ich habe nicht zu klagen. Es ist mein Beruf. Um nichts gäbe ich ihn hin. Wer weiß, ob er einem nicht durch solche Opfer nur noch teurer wird. Die Größe des Zwecks wird einem so klar.

Aber zu was schreib’ ich Dir die vielen Bogen Überseepapier voll -- das weißt Du ja alles selbst. Ich sollte eigentlich nur ein Wort sagen: Komm!

Depeschiere mir nach Nagasaki. Nur ein Wort natürlich! Taxe: Acht Mark für ein Wort! Nur den Namen des Dampfers. Das sagt ja dann auch alles: daß wir uns wiederhaben werden, daß wir die Tage zählen bis zu Deiner Ankunft in Hongkong. Ich sehe dann bei der Lloydagentur in Nagasaki die Segellisten ein und kann im Geist Deine Reise verfolgen vom Tag Deiner Einschiffung in Genua an.

Mit welcher Spannung ich Deiner Depesche entgegensehe, brauche ich Dir nicht zu sagen. Es umarmt Dich liebend

Dein Malte.

Ja, und Baby fällt mir noch eben ein -- es kommt mir doch immer so märchenhaft vor, daß ich eine kleine Tochter haben soll -- Baby wird gewiß von meiner Mutter in Obhut genommen. Ich habe mir sagen lassen, so kleine Kinder wüßten noch nichts von ihrer Mutter und schliefen fast den ganzen Tag. Also wird die Kleine Dich nicht entbehren.“

Das war der Brief ...

Sehr genau legte Jutta ihn wieder zusammen. Bogen paßte sie auf Bogen, und das dünne, zähe Papier mußte immer wieder flachgestrichen werden. Dann faltete sie den Packen zusammen und tat ihn wieder in den Umschlag.

Hier war kein Beobachter, und niemand hätte belauern können, was in dem Gesicht der jungen Frau vorgehe.

Aber es ging nichts darin vor. Es war wie versteinert.

Wenn sie einen bestimmten Gedanken gehabt hatte, war es vielleicht der: In einer Nachschrift ...

Ja, das Wort ging wie ein Pendel hin und her, hin und her durch ihren Kopf.

Es tönte immer stärker. Es schwoll so an, daß es rings die Welt wie mit dumpfen Schlägen zu erfüllen schien.

In einer Nachschrift gedachte er auch des Kindes!

Besann sich noch im letzten Moment, ehe er den Brief schloß, daß er auch ein Kind habe ...

Es war nicht das erstemal ...

Zuweilen, im Anfang, hatte Jutta versucht, das ganz gerecht, ganz nüchtern zu nehmen.

Sie erinnerte sich: einmal starb einer ihrer beiden Brüder in Argentinien. Seit vielen Jahren war dieser Bruder nicht mehr in Europa gewesen. Man wußte kaum mehr, wie er aussah. Seine Bilder, die er in großen Zwischenräumen von sich schickte, waren eigentlich die eines fremden Mannes. Man mußte sich ihnen gegenüber in ein Gefühl der Zusammengehörigkeit hineinsteigern. Als die Nachricht kam, er sei tot, hatte die Trauer etwas Erkünsteltes gehabt.

Sie schloß aus dieser Erinnerung: so wenig wie man sich ein fernes Sterben vorstellen kann, ebensowenig kann man sich ein neues, fernes Leben vorstellen. Das ist alles nicht mehr wie eine Geschichte. Sie interessiert ein paar kurze Stunden lang. Nachher ist die zudringliche Wirklichkeit, die uns umgibt, wieder da mit all ihren tausend greifbaren und sichtbaren Ereignissen.

Wenn das Kind stürbe, ehe er es gesehen? Was hätte ihm dieser Tod bedeuten können? Nichts. Selbst sein Mitleid mit ihr, der Mutter, würde in solchem Fall nur eine erzwungene Empfindung sein können.

Man konnte wohl sagen: dieses Kind hatte noch keinen Vater. Die heilige Wissenschaft seiner neuen Würde konnte dem Fernen nicht aufgegangen sein ... Er hatte den offenbarenden, den großen, den unbegreiflichen Augenblick des ersten Schreies nicht miterlebt ...

Aber die Zeit war längst vorbei, wo Jutta das in gerechter Ruhe überdenken konnte ...

Sie war jetzt wie benommen von dem erbitterten Gedanken: In einer Nachschrift! ...

Wie leicht hätte er’s ganz vergessen können ...

Und über diesen monotonen Gedanken vergaß sie fast, daß der Brief ihr eine ungeheure Entscheidung abforderte ...

Heute noch -- oder doch in den nächsten Tagen mußte sie ihm das Wort hinüberrufen über Länder und Meere ...

Sie erhob sich. Sie ging ein paarmal langsam hin und her.

„Nein,“ dachte sie, „ich verlasse nicht mein Kind ...“

Aber neben diesem trotzigen, klaren Vorsatz war noch ein anderes Gefühl in ihr: bang und dunkel ...

Gab es nicht einen, der vielleicht unaussprechlich leiden würde, wenn sie sagte: „Ich gehe zu meinem Mann!“

Und sie selbst -- ging sie mit Jubel?

War *das* die Erfüllung all der schweren Sehnsucht in ihr?

Ihre Gedanken flüchteten sich fort von diesem dunkeln und gefährlichen Gebiet ...

„Nein, ich gehe nicht von meinem Kind!“ murmelte sie.

Es klopfte.

Unwillig sah sie nach der Tür. Diesmal kam Martha ganz bescheiden herein -- im Bewußtsein, eine Freveltat zu begehen. Die der Störung.

Und sie sagte kleinlaut: „Oh -- gnädige Frau möchten man mal eben ’n büschen ans Telephon kommen.“

Jutta ging rasch in den Flur. Dieser Vormittag hatte schon so viel gebracht. ... Kam noch etwas? Noch mehr Erregendes?

Aber nein. Eine ganz kleine, ganz jammervolle Stimme antwortete, als Jutta sich gemeldet hatte: „Bist du es selbst, Liebes? Ach Gott, ich habe grauenhafte Kopfschmerzen.“

„Das tut mir leid,“ antwortete Jutta nicht sehr ergriffen, „aber du kannst das Tanzen ja nun mal nicht vertragen.“

„Und das weiß Hektor doch,“ klagte die hinsterbende Stimme, „und er hätte doch strenger sein müssen. Ich sage dir, Liebes: meine Beine sind Zwirn, und schauderhaft ist mir ganz und gar.“

Jutta brauchte nicht viel Phantasie, um sich Lisbeth Rosenfeld am Telephon vorzustellen: schlapp wie ein Wesen ohne Rückgrat, ohne Knochen, bloß ein Kleiderbündel mit einem schweren Kopf darauf.

„Dann leg dich doch,“ riet sie.

„Will ich auch. Ja, und was ich dir sagen muß, Liebes -- du weißt es auch natürlich schon: Hochhagen schrieb eben -- er hat sich mit der süßen Renée Gervasius verlobt -- eine reizende Crewschwester -- nett für uns beide, nicht? Und du bist natürlich auch da heut abend? Improvisierte Vorverlobungsfeier. Liebes, was ziehst du an?“

„Ich denke, du stirbst vor Kopfweh?“ sagte Jutta.

„Ich will mich auch auf der Stelle hinlegen. Und bis zum Abend liegen bleiben, damit ich dann wieder im Gange bin. Und deshalb telephoniere ich. Liebes -- sei nicht böse ... aber ich kann nicht zum Tee zu dir kommen heute nachmittag.“

„Ja,“ sprach Jutta etwas heiser in den dunkeln kleinen Schallfänger hinein und wurde rot, als stehe sie einem scharfen Auge gegenüber, „ja -- schon’ dich nur ... es läßt sich nicht ändern ...“

„Aber nun bist du ja wohl ganz allein mit Herrn von Gamberg heute nachmittag?“ erinnerte die klägliche Stimme aus dem Unsichtbaren heraus.

„Ich sage ihm ab!“ rief Jutta. „Schluß.“

Aber sie wußte auch schon fast im gleichen Moment, daß sie ihm *nicht* absagen würde.

Und als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, trug sie das Haupt herrisch erhoben.

„Das hat so kommen sollen,“ dachte sie.

Sie fühlte sich wie getragen von großen, entscheidenden Entschlüssen ... nur daß es Entschlüsse waren ins Unbestimmte hinein ... Mehr Stimmung als Wille.

III

Oberleutnant z. S. von Reiswitz kam vom Jachthafen bei der Seebadeanstalt, ging sehr langsam die Düsternbrooker Allee hinunter und bog in den Schwanweg ein. Da hatte er links den Botanischen Garten und rechts die vornehmen Villen, die sich die Sonne ins Gesicht scheinen ließen. Sacht wand sich die Straße, fast schluchtartig am Fuß der hochliegenden Gärten hin, an Fundamenten entlang, auf denen sich Gitter erhoben. Rosengerank und alles, was es an grünem, sich schlingendem Gewucher gibt, kletterte um die Gitter und an den Hausfronten empor. In den Büschen brütete die Hitze. Über den Rosen bebte sichtbar die Luft in Wellen. An den Baumkronen, die alt, stolz und vielästig den Gartenbildern Wucht gaben, regte sich kein Blatt. Blau war der Himmel, unerhört blau, monoton blau -- als sei er mit sehr fetter Ölfarbe glatt auf eine Riesenleinwand hingestrichen.

Das Herz voll Zorn und Erbitterung ging Reiswitz.

Wenn diese faule Sommerprotzerei mit Windstille und Sonnenbrand etwa anhalten sollte, konnte es morgen eine schöne Geschichte werden -- die Flaute und Glut von Kiel nach Travemünde ... das wäre, um blödsinnig zu werden.

Aber in dem Gemüt eines Seeoffiziers kann kein Seglerzorn so groß sein, daß er nicht auf der Stelle hinschmölze und sich in das angenehmste Wohlbehagen löste, wenn ein liebliches weibliches Wesen in Sicht kommt.

Reiswitz, aus dem an Temperatur einer überhitzten Ofenröhre ähnlichen, eingeschlossenen Schwanwege kommend, betrat, träge und geschlagen von Ärger, den Klaus-Groth-Platz. Auf diesen kleinen, stillen Platz mündete rechts der Niemannsweg und links die von den Universitätsanlagen herführende Hospitalstraße. Reiswitz nahm Richtung dahin, um in seine Karlstraße zu gelangen, die ihrerseits wieder auf die Hospitalstraße stieß.

Und da raffte er sich plötzlich straff zusammen und trug den Kopf mit der weißen, ein wenig schräg gesetzten Marinemütze wieder hoch.

Denn von der Hospitalstraße her kam Fräulein Renate Gervasius.

„Donnerwetter,“ dachte Reiswitz und gar nichts anderes.

Denn sein Seemannsherz wallte auf vor Entzücken über all die jugendliche Anmut, die da, ihrer erfrischenden Holdseligkeit gänzlich unbewußt, durch den Sonnenbrand leichtfüßig schritt, als sei er lindeste Lenzeslust.

Sie trug ein weißes Kleid und einen großen, weißen Strohhut, auf dem ein Kranz von La-France-Rosen lagerte. Von Rand zu Rand des breiten Hutes, unterm Kinn seiner Trägerin weg, zog sich ein weißes, seidenes Band, das gerade am linken Ohr zu einer sehr kleidsamen Schleife gebunden war. Und unter diesem Hut, von diesem Band umspannt, zeigten sich die weichen Züge in einem Lächeln, vor dem Reiswitz’ Erbitterung einfach in eine Versenkung hinabfuhr.

Er grüßte schon von weither, strahlte und ging schnurstracks auf sie zu.

Da weder Ost noch West wehte, konnte der Wind es nicht auf seine Flügel genommen und weiter getragen haben. Es mußte aber noch andere unbegreifliche Beförderungsmittel für solche wundervollen Neuigkeiten geben. Denn beim Mittagessen im Marinekasino war es schon erzählt worden: der Korvettenkapitän Emmich Hochhagen hat sich mit Fräulein Renate Gervasius, des berühmten Geheimrats Tochter, verlobt.

Reiswitz wußte: natürlich durfte er, konnte er nicht gratulieren. Vielleicht war es doch am Ende bloß Klatsch. Wenn’s aber auch keiner war, schien es immer schicklicher, daß ein Fernstehender wartete mit Glückwünschen, bis es offiziell bekannt gemacht sei.

Aber immerhin: Eine sehr interessante, erfreuliche und belebende Begegnung ...

Und als er ihr näher kam, sah er: Einen ganz verklärten Ausdruck hatte sie ... Na, ja ...

Der große Hut teilte ihr Gesicht in eine obere beschattete und eine untere helle Hälfte. Und in dem Schattenstrich glänzten die Augen zugleich träumerisch und glücklich.

Als er vor ihr die Honneurs machte, sah sie ihn erwachend und sehr fröhlich an.

„Gnädiges Fräulein, an diesem verzweiflungsvollen Tag *ein* Sonnenstrahl! Wie geht es Ihnen? Wie ist Ihnen der Ball bekommen?“

Renate lachte.

„Ein Sonnenstrahl?“

„Lachen Sie mich nur aus -- gut -- ja. Aber die viel zu viele Sonne, die heute vom Himmel kommt, ist mehr Strafe als Erquickung. Es sind keine Sonnenstrahlen mehr, es ist Hochofenhitze. Und insofern hatte ich doch recht. Und Ihnen ist der Ball vorzüglich bekommen? Gnädiges Fräulein sehen sehr vergnügt aus.“

„Wie sollte ich nicht! Wenn man das große Los gewonnen hat!“ sagte sie und führte den Rosenstrauß, den sie trug, an ihr Gesicht, um mit Nase und Mund den Duft einzuatmen. Dabei guckten ihre Augen schelmisch, über die Blumen weg, Reiswitz an.

„Ach? Ich spiele nämlich mit Lebus zusammen auch ein Achtel -- war denn Ziehung?“

„Muß wohl gewesen sein ...“

Sie lachten beide.

„Also meine allerbesten, allerinnigsten Glückwünsche dazu,“ sagte er.

Sie schüttelten sich die Hände.

„Es ist also wahr,“ dachte er sehr, sehr zufrieden. „Ja, dies Mädchen mußte in die Marine fallen. Die hätte man keinem anderen als einem Kameraden gönnen dürfen. Und Hochhagen ist ja einfach ’n famoser Kerl.“

„Gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite?“

„Gern,“ sagte sie, „ich will zu Frau von Falckenrott -- es sind nur noch die paar Schritte den Niemannsweg hinauf.“

„Aha -- zur Frau ‚seines‘ besten Freundes,“ dachte er, und da er zufällig genau wußte, daß Fräulein Gervasius bisher nicht bei Frau von Falckenrott verkehrt hatte, war ihm dies der bündigste Beweis.

Seelenvergnügt schwatzten sie zusammen, plötzlich war eine gewisse Zusammengehörigkeit zwischen ihnen.

Renée hatte ihren Gang mit einer heimlichen Unsicherheit, fast ein wenig aufgeregt, angetreten. Aber in Reiswitz’ Gesellschaft kam sie darüber weg, und sie empfand etwas merkwürdig Beglückendes: das Kameradschaftliche. Als wenn ihr selbst dieser im Grunde doch ganz ferne und gleichgültige Reiswitz näher gekommen sei ...

Beinahe hätte sie aus überquellendem Gefühl gesagt: Lieber Reiswitz -- ich gehöre nun dazu ...

An der Gartenpforte von Professor Doktor Krämers Haus, wo oben Frau von Falckenrott wohnte, standen sie noch ein Weilchen und sprachen sich noch über das scheußliche, schandbare, nicht ausdenkbare Pech aus, das es für Reiswitz und die von ihm geführte „Freia“ bedeutete, wenn morgen Flaute sein würde.

Und dann fragte Reiswitz sehr plötzlich: „Falls ich zufällig Herrn Kapitän Hochhagen begegnen sollte, dürfte ich ihm einen Gruß vom gnädigen Fräulein bestellen --“

„Herr von Reiswitz,“ sagte Renate, vor großer Heiterkeit ganz übermütig, „Sie sollten Diplomat werden. Hier, ich gebe Ihnen eine Rose. Wenn Sie Hochhagen auf dem Weg zu Ihrer Wohnung in der Karlstraße treffen sollten, überreichen Sie sie ihm als Zeichen meines Respektes. Wenn Sie ihn aber nicht treffen, behalten Sie die Rose selbst als Erinnerung an diesen historischen Augenblick.“

Sie wußten ja beide, daß Hochhagen ganz gewiß nicht in dieser Gegend und Tageszeit auf der Straße angetroffen werden würde.

„Ich danke gehorsamst für das Geschenk dieser Rose,“ sagte er in fröhlicher Feierlichkeit, „und wenn mein Achtel, das ich mit Lebus spiele, auch mal mit dem großen Los herauskommt, lass’ ich zu der Rose eine silberne Kapsel machen.“

„Großartig. Und wenn wir beide alte Leute sind, dann frag’ ich mal: Bewahren Exzellenz immer noch die Rose auf?“

Und wie große Kinder lachten sie hell und fanden all dies sehr unterhaltend.

Oben auf dem Balkon, im Schutz seiner ihn einhüllenden Blatt- und Blütenwirrnis, stand eine Frau und horchte auf jedes Wort.

In der großen, heißen Nachmittagstille wurde jeder Laut so klangvoll, schien zu schwellen, zersprengte das Schweigen. Und die beiden jungen Menschen in ihrer lustigen Unbefangenheit dachten auch gar nicht daran, ihre Stimmen zu dämpfen.

Den Rest des Vormittags, die schweren schleichenden Stunden des Mittags hatte Jutta gelitten wie eine Angekettete.

Immerfort peitschte sie das Bewußtsein: ich muß einen Entschluß fassen! Ich muß das Wort hinaussenden in die weite, weite Welt, das ihn erreichen soll, das ihm meldet: ich komme -- ich komme -- das Wort, auf das er wartet.

Hochhagen hatte ihr die Segellisten des Norddeutschen Lloyd geschickt. Sein Bursche brachte sie, während Jutta dicht vor ihrer Tischzeit die Kleine frisch bettete und tränkte.