Novellenbuch, 1. Band

Part 9

Chapter 93,577 wordsPublic domain

Nun, Ihr Herren, ich lachte freilich über die treuherzige Einfalt des guten Gesellen, aber so ganz geheuer war mir denn doch nicht, als ich in dem engen Frack vor dem Komtor von Jäger, Breitkopf & Co. stand und erst leise, dann lauter und zuletzt sehr laut anklopfte.

Herein, sagte endlich eine scharfe Stimme. Ich glaubte anfänglich, es habe irgendwo in der Nähe eine Tür geknarrt, aber es war wirklich eine Menschenstimme gewesen, und so trat ich denn ein.

In dem großen Zimmer befand sich in diesem Augenblick -- es war nämlich schon etwas spät geworden und die Komtoristen waren zum Essen gegangen -- niemand Geringeres, als -- na, Ihr Herren, meine Frau ist glücklich in ihrer Ecke eingeschlafen, und so kann ich Ihnen ~sans gêne~ sagen, wie mein würdiger Schwiegervater ausschaut, wenn man ihn zum ersten Male -- besonders in der Stunde vor Tisch, wo er hungrig und beißig ist, sieht: wie das Titelkupfer auf dem englischen Punch ohne den Mops und den Höcker, aber noch ein wenig grimmiger -- ja, wie er mir an dem Mittag vorkam, ganz außergewöhnlich, und so zu sagen: polizeiwidrig grimmig und menschenbeißig.

Was wollen Sie, schnarrte der kleine alte Herr, indem er sich auf seinem Komtorstuhl halb zu mir umdrehte.

Mich ge -- ich wollte sagen gehorsamst; aber weil mir das eine verächtliche Kriecherei dünkte, so hustete ich blos und sagte dann sehr kecklich: zu der vakanten Gasdirektorstelle melden.

Sie sind der dreißigste, schnarrte Herr Jäger.

Das schadet nichts, sagte ich.

Wie so?

Einer kann sie doch nur bekommen.

Der alte Herr drehte sich noch einen Zoll weiter auf seinem Stuhle herum und sah mich noch viel grimmiger an als vorher. Die Augen unter den buschigen Brauen stachen mich ordentlich, wie Julisonnenschein vor einem Gewitter; aber ich sagte mir: wenn du jetzt mit der Wimper zuckst, bist du verloren, und so hielt ich wacker aus und dachte: Blick Du nur, Alter; der Frack ist freilich geliehen, aber es steckt ein ehrlicher Kerl darin.

In diesem Augenblick wurde abermals an die Türe geklopft und herein trat, ohne Herrn Jäger's Antwort abzuwarten, ein Mensch, der mir doppelt mißfiel, erstens, weil er mich in dem ~tête-à-tête~ mit Herrn Jäger, das eben interessant zu werden anfing, störte, und zweitens, weil er eine abscheuliche Physiognomie hatte -- eine rechte brutale Galgenphysiognomie, die vortrefflich zu seinem untersetzten, starkknochigen Körper paßte.

Was wollen Sie? schnarrte Herr Jäger.

Das wissen Sie eben so gut wie ich, erwiderte der Eingetretene im gröbsten Ton. Ich will mein Geld und damit basta.

Ich habe Ihnen bereits geschrieben, weshalb ich Ihnen das nicht geben kann, sagte Herr Jäger ganz höflich.

Dann soll das Wetter drein schlagen, sagte der Andere.

Das würde Ihnen wenig helfen, erwiderte Herr Jäger. -- Bitte, Herr --? -- Roland, sagte ich. -- Herr Roland, setzen Sie sich gefälligst etwas, bis ich diesen Herrn abgefertigt habe.

Ich setzte mich in einiger Entfernung auf einen Stuhl, und das Gespräch zwischen den beiden Widersachern nahm seinen Fortgang. Der vierschrötige Kerl war ein Schiffskapitän so und so, der für das Geschäft Kohlen nach Hamburg gebracht und, wie es schien, über seinen Kontrakt hinaus Forderungen an die Firma machte. Es war ein wunderliches Konzert, die Beiden sich streiten zu hören, als wenn in das Quinquilieren einer schrillen Pfeife die dumpfen und zugleich harten Töne einer allzustraff gespannten Pauke hereinplatzten. Die Pauke hielt es aber viel länger aus wie die Pfeife und brüllte zuletzt so, daß die Fensterscheiben klirrten.

Nun bin ich von Natur kein Freund von Zank und Streit, und gar das unvernünftige Schreien war mir von jeher verhaßt. Dazu kam, daß der Kapitän ganz unzweifelhaft im Unrecht war und gegen die klaren, sachgemäßen Auseinandersetzungen Herrn Jäger's nur Drohungen und Schimpfreden vorzubringen wußte. Je länger ich den Kerl toben hörte, desto fataler wurde er mir, und als er dem Herrn Jäger, der doch am Ende ein alter und ganz offenbar kränklicher, schwacher Mann war, seine plumpe Faust unter der Habichtsnase schüttelte, die in dem Augenblick sichtbar vor Furcht erbleichte -- riß mir endlich vollends die Geduld. Ich stand auf, ging zur Tür, indem ich ihm pantomimisch zu verstehen gab: er würde mich sehr verbinden, wenn er uns des Vergnügens seiner Gegenwart nun enthöbe. Der Kapitän wurde vor Wut ganz dunkelrotbraun und begann, sich so wahnsinnig zu geberden, daß ich wirklich um den alten Mann, der bleich und zitternd auf seinem Stuhl saß, besorgt wurde. Ich faßte also meinen Kapitän um die Schultern, drückte ihm die Arme fest gegen den Leib, hob ihn in die Höhe und trug ihn, trotzdem er sich wie ein wildes Tier geberdete, zur Tür hinaus über den Vorsaal bis an die Treppe. Dort setzte ich ihn wieder hin und beschleunigte noch in etwas seinen Rückzug die Treppe hinab. Nachdem ich mich sodann überzeugt hatte, daß er, am Fuße derselben angelangt, sehr schleunig wieder auf die Beine kommen und unter Flüchen und Drohungen das Haus verlassen konnte, kehrte ich in das Komtor zurück, machte die Türe wieder zu und sagte: Ich glaube, wir können jetzt ungestört in unserer Unterhaltung fortfahren.

Und wenn ich hundert Jahre alt würde, ich werde die Miene, mit welcher der alte Herr mich jetzt anblickte, nicht vergessen. Der Ärger und der Schrecken von vorhin mischten sich auf eine so seltsame Weise mit dem Erstaunen und, ich glaube, der Freude über meine Handlungsweise in dem schon an sich grotesken Gesicht, daß ich etwas Wunderlicheres in meinem Leben nicht gesehen habe und wirklich einen Augenblick glaubte, der alte Herr sei toll geworden. Und plötzlich fing er gar, die kleinen funkelnden Augen immer fest auf mich gerichtet, an zu lachen, oder ich müßte eigentlich sagen: zu krähen, denn es war wirklich viel mehr das Krähen eines ausländischen Vogels, als das Lachen eines christlichen Europäers. Leider sah ich, oder fühlte ich gar bald, was ihm an meiner Erscheinung so lächerlich erschien. Der neue Frack des armen Ohnesorge, dessen Stoff trotz seines Glanzes nicht der allerbeste sein mochte, war bei der Anstrengung, die es mich denn doch gekostet hatte, den starken Kerl zu bewältigen, aus allen Nähten geplatzt, und hing, so zu sagen, eigentlich nur noch in Fetzen auf meinem Leibe. Ich fühlte, daß ich sehr rot wurde, aber ich war entschlossen, die Sache nicht ernster zu nehmen, als sie es verdiente.

Entschuldigen Sie, Herr Jäger, sagte ich, meine derangierte Toilette; aber da ich Ihnen mich selber und nicht meinen Rock anbieten wollte, so kommt es schließlich auf eins heraus. Kleider machen wohl Leute, aber keinen tüchtigen Gastechniker.

Sie sind mein Mann; bei Gott, Sie sind mein Mann! rief der Alte, kam von seinem Stuhl herabgehüpft, gab mir seine kleine magere Hand und blickte mit einem beinahe zärtlichen Ausdruck zu mir hinauf. -- Wenn Sie Ihre Sache verstehen, sollen Sie die Stelle haben, so wahr ich Johann August Jäger heiße.

Ich verstehe meine Sache, Herr Jäger, sagte ich, und ich weiß noch bis auf den heutigen Tag nicht, woher ich in dem Augenblick den Mut zu dem zuversichtlichen, großsprecherischen Ton nahm; aus- und inwendig verstehe ich sie.

Ich glaub's, glaub's, glaube Ihnen auf's Wort; Sie sind ein Prachtmensch. Setzen Sie sich hier an den Tisch, und nun sagen Sie mir einmal, wo, wie und was Sie gelernt haben. Was denken Sie z. B. von der neuen Gasometer-Konstruktion des Mr. Hotwater in Liverpool?

Ich sah aus dieser Frage, daß mein alter Herr selber das Ding sehr gut verstand. Ich nahm mich also zusammen und setzte ihm auseinander, weshalb mir die sogenannte neue Erfindung des Mr. Hotwater keineswegs gefalle, und weshalb ich derselben meine Methode bei weitem vorziehe. Dabei holte ich ein paar Zeichnungen, in denen ich meine Erfindung erläutert hatte, aus der Tasche, breitete sie vor Herrn Jäger aus, und weil mich das Ding selbst interessierte und ich außer meinem ehrlichen Ohnesorge noch Niemanden gefunden hatte, dem ich mich hätte mitteilen können, so wurde ich ganz warm in meinem Vortrag und sprach wohl eine halbe Stunde, während der Alte unaufhörlich nickte und »Hm, hm, ja, ja; sehr gut; ausgezeichnet« dazwischen murmelte. Dann, weil ich nun gerade im Zuge war, erzählte ich noch: wer meine Eltern waren, und so in aller Kürze meine ganzen Schicksale, wobei ich meine Sträflingsperiode zu erwähnen nicht vergaß. Als ich am Ende war, streckte mir der Alte das magere Händchen entgegen und sagte: Hier, meine Hand, Herr Roland; Sie sollen unser Direktor werden; zweitausend Taler jährlich fix, Dienstwohnung, freie Heizung und selbstverständlich Beleuchtung und fünf Prozent vom Nettogewinn. Sind Sie zufrieden?

Mir schlug das Herz bis an die Kehle, als ich den alten Herrn so sprechen hörte. Ich ergriff seine Hand und stammelte, ich wußte selber nicht was. Ich wußte nur, daß nun die Not zu Ende sei, und daß Ohnesorge den schönsten Frack haben sollte, den Schneiderhände machen könnten.

Und nun gehen Sie nach Hause, Herr Roland, sagte der Alte, ziehen Sie sich einen andern Rock an und kommen Sie heute um fünf wieder her und speisen Sie mit uns. Ich will Sie meiner Familie vorstellen, und hernach können wir den Kontrakt unterzeichnen. Aus Ihrer bisherigen Stellung treten Sie von diesem Augenblick aus. Ich werde sofort an Ihren Direktor schreiben und ihm die Veränderung, die in unserm Personale eingetreten ist, notifizieren. Vielleicht brauchen Sie Geld, junge Leute brauchen immer Geld. Hier sind hundert Taler Avance. Machen Sie keine Umstände. Hier unten Ihren Namen. Danke! Leben Sie wohl; auf Wiedersehen; fünf Uhr pünktlich!

Damit entließ mich der Alte; ich verbeugte mich, und dann weiß ich nicht mehr, wie ich zum Hause hinaus und in Ohnesorge's Wohnung gekommen bin. Ich weiß nur, daß ich mich in den Armen der treuen Seele wiederfand, der in einem fort weinte und lachte und dazwischen rief: Ich hab' es immer gesagt: Sie brauchen ja nur merken zu lassen, daß es Ihnen Ernst ist -- da geht es ja von selbst.

Nun, ihr Herren, die Fortsetzung und das Ende von der Geschichte, wie ich um fünf Uhr zu Herrn Jäger kam und Frau Jäger und Fräulein Emmy Jäger und Herrn Breitkopf und Frau Breitkopf u. Co. vorgestellt wurde, wie ich bei Tisch neben Fräulein Emmy Jäger saß und nicht wußte, ob es der Champagner oder Emmy's schöne Augen -- Herr des Himmels, die Frauen! man braucht blos von ihren Augen zu sprechen, so sperren sie sie auf. Hast gut geschlafen, Emmy?

Ich habe gar nicht geschlafen, du schlechter Mann, sagte die junge Frau, die mit ihren schlummerroten Wangen und in ihrer Verlegenheit so reizend aussah, daß Herr von Berkenfeld sich einen Knopf über der Brust aufmachen mußte.

Aber Ihr wollt doch unmöglich schon fort, Ihr Herren, sagte Gottlieb.

Der Assessor lachte. Schon? es ist ein viertel auf zwei.

Ach was, sagte Gottlieb; was tut denn das? die Uhr schlägt keinem Glücklichen.

Herr von Berkenfeld seufzte.

Kommen Sie, Berkenfeld, sagte der Assessor, der schon den Hut in der Hand hatte; wir können es ja nicht verantworten.

* * * * *

Die beiden Herren standen auf der Straße. Der Mond glitzerte auf den schneebedeckten Dächern. Eine Nachtdroschke kam langsam dahergeknarrt.

Ich werde die Droschke nehmen, sagte der Assessor. Adieu, Berkenfeld. Und was ich sagen wollte, Berkenfeld: geben Sie die kleine Roland auf; Sie blamieren sich, Mann, und Roland ist nicht der gutmütige, einfältige Tropf, für den wir ihn anfänglich in unserm blasierten Hochmut hielten. Ich sage Ihnen, Berkenfeld: ich habe heute Abend alle Achtung vor dem Roland bekommen.

Denken Sie etwa, ich nicht? rief der Leutnant; Emmy ist entzückend, ~rosa bella senza spine~,[15] göttlich; aber Sie haben Recht: ~lasciate ogni speranza voi ch'entrate~.[16]

Und er deutete auf die Tür des Hauses, das sie soeben verlassen.

Es wird das auch wohl das Gescheiteste sein, sagte der Assessor, indem er in die Droschke stieg.

Der Leutnant blickte noch einmal wehmütig nach den Fenstern hinauf und murmelte, während er die Straße hinabging:

Beneidenswerter Mensch: Zweitausend jährlich, fünf Prozent vom Nettogewinn, Schwiegervater Millionär, das reizende Weib -- und welch' horribel breite Schultern der Mann hat; aber ich will ihn nicht unglücklich machen.

Anmerkungen.

[15] Eine schöne Rose ohne Dornen.

[16] Wenn Ihr eintretet, so lasset alle Hoffnung draußen.

Detlev von Liliencron:

Greggert Meinstorff.

Detlev von Liliencron wurde am 3. Juni 1844 in Kiel geboren und ist am 22. Juli 1909 zu Alt-Rahlstedt gestorben. Seine Knabenjahre gingen einsam dahin. Im Garten, im Feld und Holz umherzustreifen, sich dort seinen Träumereien zu überlassen, war seine Lust. Seiner Neigung folgend wurde er Soldat und kostete das fröhliche, schneidige Leutnantsleben mit »seinen Freuden, seinen Rosentagen, seinem scharfen Pflichtgefühl« in vollen Zügen. In drei Schlachten und in fünfzig Gefechten kämpfte er, und zweimal ward er verwundet. Nachdem er seinen Abschied genommen, wurde er später Hardesvogt auf der nordfriesischen Insel Pellworm. Hier ward ihm das Meer lieb und vertraut und gab ihm Stoff zu einer Fülle seiner schönsten Gedichte und Geschichten.

Er war schon in der Mitte der Dreißiger, als er sein erstes Gedicht schrieb. »Durch Zufall veranlaßt,« sagt er selbst, doch es ist derselbe Zufall, der die Linde im Juni blühen, der den Quell nach langem, unterirdischem Lauf ans Tageslicht springen läßt. Von innigster Liebe zur Natur durchdrungen, von reicher Erfahrung des Lebens erfüllt, gibt er in seinen Gedichten die Frische der Natur, die Kraft des Lebens wieder. So wurden sie ein starker Damm gegen die saft- und kraftlose Modelyrik der achtziger Jahre.

Liliencron besitzt eine Anschauungskraft sondergleichen. Er beschreibt nicht, er schildert nicht; so wie er es im Leben gesehen, zeigt er es uns, in Licht und Luft und Farbe mit allen Einzelheiten. Das offenbart sich am klarsten in seinen »_Kriegsnovellen_«, der reifsten poetischen Frucht des deutsch-französischen Krieges, wie sich die machtvolle Phantasie des Dichters nirgends gewaltiger zeigt, als in seinem großen Epos »_Poggfred_«.

Kann man den Poggfred als das poetische Tagebuch des Dichters bezeichnen, so ist der »_Mäcen_« sein prosaisches. Auch darin wie in seinen Dramen, seinen Romanen: »_Breide Hummelsbüttel_«, »_Mit dem linken Ellenbogen_«, »_Leben und Lüge_« sowie in den kleineren Erzählungen der Sammelbände »_Aus Marsch und Geest_«, »_Roggen und Weizen_«, »_Könige und Bauern_« schimmert überall das Persönliche hindurch. Gewöhnlich beginnt er die Erzählung mit scheinbar Nebensächlichem, stellt Ort und Zeit und Gelegenheit mit breitester Behaglichkeit vor Augen, um darauf mit einem Sprung uns mitten in das Ereignis und in höchste Spannung zu versetzen. Dann ein Blick ins Menschenleben, ins Menschenherz -- und er läßt uns allein. Aber was wir da miterlebt, zittert in uns nach; wir fühlen, daß ein Schicksal vorübergerauscht ist. Solche Gestalten wie der Staller _Greggert Meinstorff_, wie die schöne, blasse, stille Silk, ihr Lieben und ihr Leiden prägen sich auf immer der Seele ein. Auch in dieser kleinen Erzählung offenbart sich uns der große Dichter.

Hamburg.

J. Loewenberg.

Greggert Meinstorff.

Greggert (Gregorius) Meinstorff war zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts Staller (Vizekönig) der friesischen Inseln. Ihm stand sogar in seinem Bezirk bei zum Tode Verurteilten das Begnadigungsrecht zu, das in den andern Provinzen nur vom Könige ausgeübt wurde. Ein strenger, aber durchaus gerechter Herr, wurde er auf seinen Inseln gefürchtet und geachtet; die Liebe seiner »Untertanen« (wenn je die freien Friesen dies Wort zuließen und zulassen) hatte er nicht. Tauchte er auf der ihm als Wohnsitz angewiesenen reichen Marschinsel Schmerhörn mit seinen breiten Schultern und seinen sechs Fuß aus den die Klinkersteige und Muschelwege zu beiden Seiten begleitenden Schilfhalmen hervor, so machten die ihm Entgegenkommenden Kehrt; auf den Fennen und Weiden versteckten sich die Bauern und Knechte hinter Pflug und Vieh, um ihn nicht grüßen zu müssen. Zu den Hofbesitzern kam er nicht, öffentliche Termine, wie es noch damals, als Rest der Thinggerichte, Sitte war, hielt er nicht, für keinen war er zu sprechen, Alles mußte schriftlich und durch »untertänigste Supplik« abgefertigt werden. So kam es, daß er fremd auf seinen Inseln war, wenn er sich auch andrerseits bis ins Kleinste von den Vorfällen und Ereignissen durch seine Unterbeamten unterrichten ließ.

Greggert Meinstorff, aus einem alten holsteinischen Geschlecht, das seine Zweige weit in andre Länder getrieben, war der letzte seines Hauses. Er hatte eine Dame aus dem Landesadel geheiratet und lebte mit dieser seit elf Jahren in kinderloser Ehe. Daß er keine Nachfolger hatte, machte ihn finster und schwermütig. Die Ehe war nicht glücklich. Wenn auch beide übereinstimmten in unermeßlichem Adelsstolz, so wußte sonst Frau von Meinstorff in keiner Weise ihren Mann zu nehmen. Er, der ruhige, scheinbar kalte Verstandesmensch, dem jedes Aufwallen und Schütteln des Herzens unverständlich war, hatte Tag für Tag den Jähzorn seiner Frau zu beklagen, der oft alle Grenzen überschritt; das machte sie ihm widerwärtig.

Mit der Zeit entfernten sie sich immer mehr von einander. Freilich, eins bemerkte er nicht: daß ihn seine Frau anbetete. Zeigte sie ihm auch nicht ihr Herz, blieb sie kalt und kühl, wenn sie nicht an ihren bösen Erregtheiten litt, so ließ doch ihr Auge nicht von ihm, wenn sie ihn heimlich verfolgen konnte. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten, die sie ihm bereitete, bemerkte er niemals. So ging er schroff und hart, sie nur als ein schweres, unbequemes Anhängsel betrachtend, mit ihr durchs Leben.

Nur für _einen_ Gegenstand zeigte der Staller lebhaftes Interesse; nur bei _einer_ Sache hellte sich das finstre Gesicht auf, konnte er freundlicher werden, sprach er einmal ein freundliche Wort: wenn er als Kapitän auf seinem Schiffe stand. Mit den beiden königlichen Jachten, die ihm zur Verfügung gestellt waren, und mit seinen beiden eignen, ewerartig gebauten Schiffen, von denen das eine die Dogge, das andere der Drache hieß, fuhr er so oft wie angängig auf der tückischen Nordsee umher. Vielleicht hatte ers von seinen Ahnen: die Meinstorffs waren arge Seeräuber in früheren Jahrhunderten gewesen.

Sobald er sein Schiff betrat, war der ganze Mann verändert: die schwerfällige, starke Riesenfigur streckte und reckte sich: die traurigen, zu Boden blickenden Augen wurden lebhaft, weit und feurig; seine Stimme klang hell und scharf. Spritzte ihm der Gischt übers Gesicht, fiel der salzige Schleier wieder ab, lachte er. Als sei er erlöst aus schwerem Bann, so ganz wurde sein Wesen ein andres, wenn die Kommandeurflagge beim ersten Schritt, den er aufs Verdeck tat, am Topmast gehißt ward.

Auf einer dieser Fahrten, die er bis nach Helgoland, das ebenfalls unter seiner Verwaltung stand, und weiter auszudehnen pflegte, kreuzte er zu eigensinnig gegen einen immer stärker werdenden Westwind. Sein langer rötlicher Schnurrbart lag fest bis zu den Ohren an den Backen. Endlich drehte er bei und raste nun mit vollgefaßten Segeln auf die Küste seiner Residenzinsel Schmerhörn zu. Die Ebbe war bedeutend im Fallen. Doch er, Flut und Ebbe verstehend und kennend, irrte sich diesmal in seinen Berechnungen: der Drache stieß mit hartem Knirschton auf eine Bank, und gleich die nächste See stürzte über die Jacht, Alles mit sich fortreißend, was sie erreichen konnte. »In die Wanten!« schrie Greggert. Und hier hielten er und seine Leute sich mit der Kraft, die die Todesgefahr einem jeden gibt. Mehr und mehr sank die Ebbe, und nach einer Stunde schon konnten alle von dem arg mitgenommenen Schiff auf den bloßgelegten Sand springen und nach halbstündiger Wandrung den Deich ersteigen.

Selbst der stahlgebaute Staller bedurfte eines Ausruhens, und so ging er mit der Mannschaft in ein nahgelegenes Wirtshaus, das, armselig genug, auf einer Werft zwischen Tagelöhnerwohnungen unmittelbar am Westerdeich seinen bescheidenen Giebel zeigte.

Es gehörte dem alten blinden Frerk Tadema Frerksen, der sich, nachdem er als holländischer See-Kapitän ein beträchtliches Vermögen erworben und durch eine Fehlspekulation wieder verloren, auf seine Heimatinsel zurückgezogen hatte, um den Rest seines Lebens sich kümmerlich durchzubringen.

Die Wirtschaft führte seine Tochter Silk, die, auf Java geboren, wo ihre Mutter am Fieber gestorben, schon als Kind mit ihm hatte auf allen Meeren herumfahren müssen. Als er vor acht Jahren sein Geld eingebüßt, hatte Silk das sechzehnte Jahr erreicht. Seit der Zeit führte sie den Vorsitz in der kleinen Schenke.

Eine eigentümliche Schönheit war Silk. Viele behaupteten, sie wäre nicht die Tochter der Frau Frerk Tadema Frerksens, sondern das Kind einer Javaneserin, die der Kapitän längere Zeit an Bord gehabt. Und wunderbar war allerdings das Gemisch von Friesin und mongolischer Rasse in dem Mädchen. Von reizender, schlanker Gestalt, zeigten sich in dem blassen, schmalen Gesichtchen zwei ein wenig nach der graden Nase schief liegende, dunkelbraune Augen, die wie zwei schwarze Monde zwischen den weißen Liderwolken lagen; aber nur ein Streifen war von den Monden zu sehen. Das Haar hatte die echt flachsköpfig friesische Farbe und lag glatt zu beiden Seiten.

Ein eigentümlich Ding! Alle die zahlreich ihr gemachten Anträge hatte sie abgeschlagen. Stumm, lautlos die Gäste bedienend, saß sie die übrige Zeit und strickte und nähte den ganzen Tag. Die Wirtschaft war wenig besucht, und so wurde es einsamer und einsamer um sie her. Umgang hatte sie nicht. Von den jungen Mädchen der Insel wurde sie gemieden, wie sie diese mied. Glitt sie mit ihren stillen Schritten an den Werften vorüber, ohne rechts und ohne links zu schauen, dann folgten ihr die Augen der Männer und in Haß die Blicke aller Weiber. Diese, ohne Ausnahme, waren einig, daß Silk eine schlechte Person sei, die ihre Männer behexe, und daß es ja auch von der »Heidin« nicht anders zu erwarten sei.

Und nun saß die schöne Silk dem allmächtigen Staller gegenüber. Dieser hatte in einem geschnitzten Sessel mit dunkelroten samtnen Kissen (sie waren Strandgut) Platz genommen. Silk hatte ihm warmes Getränk gebracht, hatte ihm in ihrer ruhigen Weise den Schemel zurecht geschoben, und dann, sich mit ihrer Arbeit ihm gegenübersetzend, auf die sie züchtig die Augen senkte, ihm gelassen auf seine Fragen geantwortet. Ihre Antworten aber begleitete sie mit dem Aufheben der oberen weißen Wolken, daß die schwarzen kleinen Vollmonde sekundenlang ihn mit ihrer Nachtpracht beschienen.

Und die schöne, blasse, stille Silk saß dem allmächtigen, riesigen, breitschultrigen Staller Greggert Meinstorff gegenüber.

Der Staller blieb nicht lange. Er gab dem Mädchen für die Zehrung ein Goldstück, das sie, ohne Dank, als selbstverständlich von einem so hohen Herrn, annahm. Als Greggert, aus der Haustür tretend, seinen Heimweg antrat, sah ihm Silk nach, bis er verschwunden war.