Novellenbuch, 1. Band

Part 8

Chapter 83,802 wordsPublic domain

Nein, das geht zu weit! Ihr Herren, jetzt sollt ihr selber hören und urteilen, ob diese kleine, ein halbes Jahr alte Frau hier berechtigt ist, mich, ihren lebenslänglichen Gatten, mit solchen Ehrentiteln zu schmücken; und ob ich die Bescheidenheit verletze, wenn ich behaupte, daß ich nicht meinem Witz, nicht meinen Kenntnissen, nicht meiner Liebenswürdigkeit, sondern einzig und allein diesen meinen breiten Schultern und den Armen, die daran hängen, mein einträgliches Amt und meine unverträgliche Frau verdanke.

Lassen Sie uns hören! sagte der Assessor.

Die gnädige Frau gibt Ihnen die Erlaubnis, sagte der Leutnant.

Meinetwegen, sagte Emmy.

Sie hatte sich wieder in die Sophaecke gesetzt und tat, als ob sie schmollte; aber der Leutnant sah nicht ohne Wehmut, daß die sanften Augen der jungen Frau mit sehr freundlichem Ausdruck auf der mächtigen Gestalt ihres Gatten ruhten, der den dampfenden Inhalt seines Glases noch einmal umrührte, ein paar blaue Ringe aus seiner Zigarre blies, sich behaglich in seinen Stuhl zurücklehnte und also anhub:

Sie müssen nämlich wissen, lieben Freunde, daß ich eigentlich ein Taugenichts bin, oder, wenn das zuviel sein sollte, ein Tunichtgut. Es muß das wohl wahr sein, denn sie haben es mir oft genug gesagt. Als ich kaum laufen konnte, hat meine Wärterin mich gleichsam zum zweiten Male mit diesem Namen getauft; ich war noch keine halbe Stunde in der Klippschule, so hatte mich der Lehrer allen andern Kindern als einen Taugenichts denunziert; meine liebe selige Mutter hat mich oft mit Tränen an ihren Busen gedrückt und mich schluchzend gefragt: ob ich denn gar nicht gut tun wolle? und mein Vater hat mich mehr als ein Mal in seine Stube kommen lassen und mir lange Reden gehalten, von denen ich meistens nur das eine verstand: daß ich ein heilloser Taugenichts sei, dessen späteres Schicksal sein (meines braven alten Vaters) Herz mit bangster Sorge erfülle.

Sie glauben nicht, wie viel heiße Tränen mich diese düsteren Prophezeiungen gekostet haben. Ich hatte nämlich dabei stets das innigste Mitleiden mit mir selber. Ich sah mich selbst in gelb- und schwarzgestreiftem Anzuge, eine Eisenstange zwischen den Beinen, einen Besen auf der Schulter, in der Gesellschaft anderer Herren in demselben Kostüm durch die Straßen meiner Vaterstadt geführt, zum Entsetzen aller Nachbarsleute und besonders aller Nachbarskinder, die sämtlich klein und unschuldig geblieben waren, während ich zu solcher Größe des Leibes und des Lasters heranwuchs; ich sah mich am Galgen hängen, des Nachts im Mondenscheine, umkrächzt von gefräßigen Raben und Dohlen; ich sah mich auf das Rad geflochten, dies Bild aber weniger deutlich, weil ich mir keine rechte Vorstellung von der interessanten Situation machen konnte. ~Enfin~: ich war innig überzeugt, daß ich dies alles und noch viel mehr durch meine abgrundtiefe Schlechtigkeit vielfach verdient hätte, und daß, wenn der Himmel mit seinen Strafgerichten noch immer zögerte, er dies nur meines Kanarienvogel wegen tue, der ohne mich verhungern würde. Du lieber Himmel: der Kanarienvogel -- es war ein hübsches goldgelbes Tierchen mit einer grün-braunen glänzenden Tolle und besaß meine ganze Liebe -- er verhungerte wirklich, aber nicht ohne mich, sondern durch mich, und ich denke noch jetzt mit Entsetzen an die Nacht, die dem Tage folgte, an welchem mein Hänschen zum letzten Male mit seinen verhungerten Beinchen zum Himmel gezuckt hatte. Ich war darauf gefaßt, daß der Teufel mich holen würde, und hatte mir ein Gebet zurecht gemacht, womit ich seine Barmherzigkeit anrufen wollte, und das, glaube ich: »lieber, lieber Teufel« anfing.

Wenn die Herren mich nun fragen, worin denn eigentlich jene meine absonderliche Schlechtigkeit bestand, so weiß ich wirklich selbst noch in diesem Augenblicke keine rechte Antwort darauf zu geben. Daß ich in der Schule stets da, wo der Bänke letzte sind, mich aufhielt, daß ich -- und wenn es mein Leben gegolten hätte -- kein lateinisches Exercitium unter einem Dutzend Fehler machen konnte -- ich muß es einräumen; aber es gab dümmere und faulere Jungen, die nicht halb so viel Schläge bekamen und denen kein Mensch prophezeite, daß sie in ihren Schuhen sterben würden. Von Herzen war ich auch nicht schlecht, ja, ich darf wohl sagen, ich hatte ein gutes Herz, vielleicht, wie die Welt einmal geht und steht, ein zu gutes Herz; und mindestens die Hälfte der unzähligen dummen Streiche, deren ich mich schuldig machte, hatte mir mein Herz gespielt. Ich kam ohne Jacke nach Hause, weil ich sie einem zerlumpten Betteljungen, der mich neidisch darauf ansah, geschenkt hatte; einmal bin ich von einer Droschke übergefahren, damit ein Kind, das auf der Straße spielte, nicht unter die Räder geriet; ein anderes Mal wäre ich fast ertrunken, um einen räudigen Hund zu retten, den sie in den Kanal geworfen hatten; nie habe ich einen Kameraden in der Klemme stecken lassen, dafür aber oft genug die Schuld anderer -- und nicht minder die Schläge, um die es sich in letzter Instanz handelte -- auf meinen breiten Rücken genommen. Das klingt nun allerdings fast wie Prahlerei, Ihr Herren; aber, was kann ich dafür, daß meine Schädelweite und meine Schulterbreite in keinem proportionalen Verhältnis standen? »Etwas muß der Mensch sein eigen nennen,« sagt Schiller, und wenn jemand von der Natur verdammt ist, in einem Extemporale stets die meisten Fehler zu machen und von jedem Knirps, den er, sozusagen, in die Tasche stecken kann, übersehen zu werden, fällt er ganz naturgemäß darauf, sich mit seinem Überfluß an Körperkraft über den Mangel seiner geistigen Kapazität zu trösten. Und ich war in jener Beziehung so ausstattet, daß man mich ebenso oft den dicken oder den starken Gottlieb, auch wohl Goliath, Mammut-Gottlieb und dergleichen, als den dummen oder den faulen Gottlieb nannte. Diese meine Stärke wurde neben meiner Gutmütigkeit die zweite Quelle, aus der für mich viel Unheil, aber auch, wie Sie bald sehen werden, das Heil meines Lebens geflossen ist. Es war, als ob mich die Natur selbst als die geeignetste Person zur Ausführung dummer und dümmster Streiche gezeichnet hätte. Es war, wie in dem Volksliede: »Geh' du voran, du hast hohe Stiefel an, daß dich der Has' nicht beißen kann.« Und was habe ich im späteren Leben nicht alles wegen meiner breiten Schultern leiden müssen! Wie oft bin ich aus den Nähten geplatzt in Zeiten, wo ich nur einen Gott und einen Rock hatte; wie oft haben sich in Post- und Eisenbahnwagen meine Nachbarn bitter beklagt, daß ich gut zwei Drittel des für zwei berechneten Platzes okkupiere; noch vorgestern hat eine kleine Dame, die im Parquet hinter mir saß, angefangen von der chinesischen Mauer zu sprechen, weil sie weder rechts noch links an mir vorbeisehen konnte; ja, sie haben mich seiner Zeit meiner breiten Schultern wegen von der Schule gewiesen. Die Geschichte ist charakteristisch für den Unstern, der in früheren Jahren über meinem Haupte stand.

Es war an einem Tage vor den großen Sommerferien, und wir in der Tertia waren guter Dinge, und weil die Zeit, wo wir noch alle beisammen waren, nur noch so sehr kurz, so benutzten wir die Zwischenviertelstunde zum Ausfechten eines alten Haders, wobei es geschah, daß die Partei, zu der ich gehörte, die andere Partei schließlich zur Tür hinauswarf. »Gottlieb, du mußt die Tür zuhalten!« hieß es nun von allen Seiten. Ich stemmte also meine Schultern gegen die Tür und hielt wacker aus, so stark auch die von außen drängten, und zuletzt, wie in Verzweiflung, mit den Fäusten gegen die Tür schlugen, während meine Kameraden vor Freuden über meine Widerstandsfähigkeit wie die Besessenen tobten. Endlich wurde mir -- schier zu meinem Erstaunen -- der Druck gegen meine Schultern zu stark; ich mußte nachgeben, und herein fielen durch die aufspringende Tür der Schuldiener, der Direktor und mindestens ein halbes Dutzend Lehrer, mit denen ich während dieser ganzen Zeit zu tun gehabt hatte. Das Ende können Sie sich denken: ich sollte meine Dränger recht gut gekannt haben; ich sollte nur dem frechen Übermut, dem Frevelmut meines bösen, verstockten Herzens gefolgt sein. Es war der schändlichste Streich, der seit Menschengedenken auf der Schule vorgekommen war, und ich wurde ~cum infamia~ relegiert.

Mein guter alter Vater war außer sich. In seinen Augen war relegiert und auf offenem Markte gestäupt und gebrandmarkt werden so ziemlich dasselbe. Er nannte mich mit Tränen im Auge seinen verlorenen Sohn, und ich dankte Gott, daß meine Mutter, wenn sie mir doch einmal so früh entrissen werden sollte, nun schon lange in der schwarzen Erde lag, und sich über die Schande ihres Sohnes nicht mehr die lieben Augen auszuweinen brauchte.

Von diesem Augenblick ging es schneller und immer schneller mit mir bergab, und weniger und immer weniger konnte ich begreifen, weshalb gerade ich Gottlieb heißen mußte, der ich weder Gott noch den Menschen lieb zu sein und etwas recht machen zu können schien.

Mein Vater hatte mich zu einem Gutsbesitzer in die Lehre getan, der ihm als ein exemplarischer Ökonom gerühmt worden war. Ich hätte in keine schlimmeren Hände fallen können. Herr Bartel war ein gänzlich unwissender, brutaler Mensch, ein Vieh- und Leuteschinder, ein kleinlicher Tyrann, der jeden, der es sich gefallen ließ, mit der Reitpeitsche traktierte. Ich sah das eine Zeitlang, meines Vaters wegen, geduldig mit an, bis eines schönen Sommermorgens, zur Zeit der Roggenernte, auf offenem Felde, angesichts des Himmels und sämtlicher Gutsleute beiderlei Geschlechts, zwischen mir und Herrn Bartel eine Szene erfolgte, die der genannte Herr schwerlich provoziert haben würde, wenn er den Ausgang vorhergesehen hätte. Ich höre immer noch das dreimalige Hurrah, das aus den Kehlen der armen weißen Sklaven erschallte, als der Elende am Boden lag, und ich nach einigen letzten, kräftigsten Hieben die Reitpeitsche weit hinein in das blinkende Wasser des benachbarten Sees schleuderte. Ja, Ihr Herren, das Hurrah tut mir wohl, so oft ich daran denke, und ich habe mich schon in trüben Stunden damit getröstet, daß es im Hauptbuche meines Lebens auf der Kredit-Seite verzeichnet steht, und so eine oder die andere meiner Dummheiten straflos bleiben wird.

Nach dieser Katastrophe wagte ich, wie Sie sich denken können, nicht, in das väterliche Haus zurückzukehren. Ich drückte mich eine Zeitlang bei Verwandten herum, bis der Termin kam, wo ich des Königs Rock anziehen konnte. Ich wurde mit den Kanonen viel besser fertig als mit den lateinischen Exerzitien, und da mein Hauptmann mich gern hatte und mein Vater es wünschte, meldete ich mich, als mein Jahr zu Ende war, zum Weiterdienen und brachte es auch wirklich in verhältnismäßig kurzer Zeit zum Vize-Feuerwerker. Schon sah ich die Epauletten auf meinen Schultern blinken, als -- nun, Berkenfeld, Ihren Stand in allen Ehren, aber mit der militärischen Subordination ist es doch manchmal ein wunderlich Ding, das einen ehrlichen Kerl zur Verzweiflung bringen kann. Gerade zu der Zeit wurde ein Bürschchen, mit dem ich zusammen auf der Schule gewesen war, und das ich oft und oft, ich glaube noch heute verdientermaßen, durchgeprügelt hatte, aus der Kadettenschule entlassen, und natürlich -- um das Maß meiner Sünden voll zu machen -- in meine Batterie eingestellt. Wie viel der neugebackene Leutnant auf der Kadettenschule gelernt hatte, lasse ich dahingestellt, daß er aber nichts vergessen hatte, zum wenigsten nichts, was sich auf unser früheres Verhältnis bezog, wurde mir nur zu bald klar. Der Name tut nichts zur Sache, Ihr Herren; auch habe ich dem Manne längst vergeben, und wenn er in diesem Augenblick zur Tür hereinträte, sollte er mir willkommen sein; aber damals war ich zehn Jahre jünger und dümmer, vielleicht trieb er es auch gar zu toll; zum wenigsten kam ich nur fünf Jahre auf Festung, was, wie man mir sagte, unter diesen Umständen ein ganz unerhörtes Glück zu nennen sei.

Nun: es hat jedes Ding seine zwei Seiten, selbst eine Festungshaft. Die schlimme und schlimmste Seite war für mich die, daß mein armer Vater sich über meine Schande gar nicht zu trösten vermochte und bald darauf, ich fürchte an gebrochenem Herzen, starb. Ich war sein einziges Kind gewesen, und der Himmel weiß, welche glänzende Zukunft er für mich erträumt hatte. Er hatte es nie über die Stellung eines viel gehudelten Subalternbeamten hinausbringen können; ich sollte nun wenigstens Regierungsrat werden. Er hatte mich sehr geliebt, mein guter alter Vater, und der größte Kummer meines Lebens ist, daß ich ihm -- der Himmel weiß, wie sehr gegen meinen Willen! -- so viel Kummer habe machen müssen. Er war vielleicht kein Genie, mein guter alter Vater, aber ein braver Mann -- Friede seiner Asche!

Ja! und die gute Seite von meiner fünfjährigen Einsperrung? Vielleicht war ich zu vollblütig, oder mein Blut hatte nicht die rechte Mischung, oder mußte sich erst zurecht arbeiten, wie ein Wein, den man ein paar Monate im Keller liegen läßt, bevor man ihn auf Flaschen zieht. So viel weiß ich, daß in der ersten Zeit mein Blut gar fürchterlich in mir tobte, so daß ich schier glaubte: ich überlebte es nicht, oder würde zum wenigsten verrückt werden; aber nach und nach wurde es stiller und ruhiger in mir, ordentlich sonntäglich still und ruhig, und ich konnte mich gar nicht so unglücklich fühlen, wie ich es für meine Pflicht hielt. Wenn ich auch nicht recht begreifen konnte, weshalb ein Mensch, der sich keines Verbrechens bewußt war, wie ein Verbrecher behandelt werden müsse, so dachte ich: der liebe Gott werde es wohl wissen; und wenn der sich nicht um einen armen Schelm bekümmere, so sei es eben mein Schicksal, und gegen sein Schicksal könne der Mensch nichts. Und dann war ich ja doch ohne Zweifel sehr leichtsinnig gewesen, und es fiel mir schwer auf die Seele, wie schlecht ich immer meine lateinischen Vokabeln gelernt hatte. Zuletzt kam ich auf den Gedanken: ich müsse meiner Faulheit, meines Leichtsinns und meiner dummen Streiche wegen fünf Jahre lang nachsitzen. Das tröstete mich ungemein.

Dazu kam, daß man mich auf der Festung sehr, ja, ich kann wohl sagen, unverdienterweise gut behandelte. Im Anfang hatte ich allerdings meine Karre schieben müssen, wie die anderen; aber in der wilden Stimmung, in welcher ich mich damals befand, war das eigentlich ein rechter Segen für mich, und da ich Kräfte für Drei hatte, so arbeitete ich auch für Drei. In dieser Station bin ich aber nur wenige Wochen gewesen. Der Festungs-Gouverneur, Hauptmann von Eisenfresser, der trotz seines grimmigen Namens ein gar gütiger, lieber Herr war, mußte wohl recht warm für mich gesprochen haben. Die Ketten wurden mir abgenommen, und ich durfte in dem Festungsbureau als Schreiber arbeiten. Da bin ich denn die ganze übrige Zeit gewesen, und weil ich mich, schon aus purer Dankbarkeit gegen den edlen Mann, der ein wirklicher Edelmann war, wacker hielt und eine recht gute Hand schrieb -- das Einzige, was ich auf der Schule ohne Anstrengung gelernt hatte -- wurde ich bald Privatsekretär, so zu sagen, meines Gönners und so freundlich von ihm und seiner ganzen Familie behandelt, daß ich eigentlich nur noch dem Namen nach ein Sträfling war. Herr von Eisenfresser nahm sich meiner noch weiter an. Er machte die merkwürdige Entdeckung, daß ich nicht blos schreiben, sondern auch rechnen konnte, ja, daß ich, wie er sagte, ein entschiedenes Talent für die Mathematik habe. Ich lachte darüber zuerst ganz despektierlich; aber da er selbst ein ausgezeichneter Mathematiker und sehr stark im Beweisen war, so bewies er mir, daß er recht hatte. Mir war dabei ganz wunderlich zu Mute. Ich bekam zum ersten Male eine Art Respekt vor mir selber, aber einen noch viel größeren Respekt vor meinem Wohltäter, und als ich bald darauf eine leidlich schwere Aufgabe, die er mir gestellt hatte, ganz richtig löste und er mir auf die Schulter klopfte und sagte: Sehen Sie, Roland, daß Sie das ganz gut begreifen können -- da habe ich helle Freudentränen geweint und dem guten Manne aus tiefinnerster Dankbarkeit die Hände geküßt.

Er tat noch mehr für mich.

Gerade in dieser Zeit wurde in der Zitadelle ein kleiner Gasometer aufgestellt. Herr von Eisenfresser leitete die Arbeiten selbst und ließ mich in seinem Bureau nicht allein sämtliche Anschläge und Zeichnungen anfertigen, sondern stellte mich auch als Aufseher bei dem Bau an, so daß ich das Theoretische und Praktische der Sache mit seiner Hilfe gründlich kennen lernte. Das kann Ihnen für Ihre Zukunft sehr nützlich werden, lieber Roland, sagte er oft, wenn er auf den Bau kam und mir, um mir seine Zufriedenheit zu erkennen zu geben, auf die Schultern klopfte.

Er liebte meine Schultern, der brave Herr. Sie waren so breit, und die seinen so sehr schmal. Es tut einem wohl, Sie anzusehen; man atmet ordentlich leichter, meinte er manchmal, und dabei lächelte er stets so freundlich und so traurig zugleich. Ich glaube, ich hätte mein Herzblut für ihn hingeben können, aber es würde ihm doch nichts geholfen haben. Er starb an der Schwindsucht -- in meinen Armen, ein paar Wochen, bevor ich meine fünf Jahre nachgesessen und aus dem Karzer entlassen wurde.

Da war ich nun wieder auf freien Füßen, und, weiß es Gott, ich sehnte mich oft genug noch nach meinem Gefängnis und meinem gütigen Kerkermeister zurück. Die Welt kam mir sehr weit und, trotz all' der unzähligen Menschen, sehr öde vor. Es kümmerte sich keiner um mich. Mein Vater war tot, und so arm gestorben, wie er gelebt hatte. Meine Verwandten wollten von dem entlassenen Sträfling nichts wissen und verleugneten mich, wenn ich ihnen in den Weg kam, was ich natürlich so selten wie möglich tat. Ich kann wohl sagen, daß es mir eine Zeit lang recht herzlich schlecht ging und daß ich es für ein großes Glück hielt, als es mir endlich gelang, in der Gasanstalt hier eine Unteraufseherstelle zu erhalten. Ich hatte den Monat fünfzehn Taler. Sie können sich denken, wie weit ich damit bei meinem Appetite reichte! Oder vielmehr: Sie können es sich nicht denken. Ihr Herren seid in der Fülle des Glückes groß geworden und habt keine Ahnung davon, wie jemandem zu Mute ist, wenn ihm der Genuß in so spärlichen Rationen zugemessen wird. Und dann, war mein Vater auch nur Rechnungsrevisor gewesen, so war er doch ein Gentleman und hatte mich als Gentleman erzogen, ja, im Anfang vielleicht ein wenig verzogen. Meine Mutter war eine gebildete, feine Frau, und meine Eltern hatten sich stets in Kreisen bewegt, die eigentlich schon über der Sphäre ihrer gesellschaftlichen Stellung lagen. Ich hatte, bei allem meinem Leichtsinn und wilden Wesen, dennoch den Geschmack meiner Eltern für gute Formen und vielleicht auch etwas von dem Ehrgeize meines Vaters geerbt; und wenn jemand bei solchen Ansprüchen in einer Dachkammer wohnt, in einer Garküche vorletzten Ranges unter Bedienten, Zettelträgern, Wagenschiebern und ähnlicher ganz ehrenwerter, aber nicht immer ganz feiner Gesellschaft seine Diners und Soupers einnimmt und gezwungen ist, in einer beschmutzten Bluse oder, noch schlimmer, in einem schäbigen Rock, den er beim Trödler kaufte, über die Straße zu gehen -- so hat das seine Unbequemlichkeiten, wie ich Sie aus jahrelanger intimster Erfahrung versichern kann.

Indessen war auch diese Zeit für mich nicht verloren. Ich lernte mein Fach von allen Seiten und auch von denen kennen, welche nur der eigentliche Arbeiter zu sehen bekommt; dabei trieb ich, schon aus Pietät für das Andenken meines lieben verstorbenen Wohltäters, meine mathematischen Studien eifrig fort, und mit Hilfe derselben und meiner täglichen praktischen Übung kam ich auf gewisse Entdeckungen in der Konstruktion der Öfen und der Behandlung des Coaks, die ich für Verbesserungen hielt und die sich in der Folge wirklich als solche bewährt haben. Das alles machte mich nun natürlich ein wenig übermütig, und ich fing an, mich mit Plänen zu tragen, wie ich aus dieser meiner abhängigen untergeordneten Stellung in eine Position gelangen möchte, in der ich meine Entdeckungen verwerten könnte, und die überhaupt des Sohnes meines Vaters würdiger wäre. Sie müssen nämlich wissen, daß mich das Andenken an meinen guten alten Vater, der in Herzeleid über mich zur Grube gefahren war, fortwährend verfolgte und daß ich die Empfindung nicht los werden konnte: er werde sich noch im Grabe freuen, wenn ich es trotz alledem in der Welt zu etwas Ordentlichem brächte.

So vergingen fünf Jahre, und ich fing nachgerade an, darüber ungeduldig zu werden, daß ich noch immer in meiner Dachkammer wohnte. Da wurde die Gasdirektorstelle hier vakant, und die Gesellschaft forderte befähigte Bewerber auf, sich zu melden. Es war am 21. Januar, also gerade heute vor einem Jahr, als ich die Anzeige las, und weil just mein dreißigster Geburtstag war, so hielt ich das für ein gutes Zeichen und sagte zu mir: »Courage, Gottlieb, jetzt oder nie!« Und es tat Not, daß bei der ganzen Sache so ein günstiges Omen war, sonst hätte ich doch am Ende den Mut nicht gehabt. Sie wissen, daß mit dieser Stelle zugleich die eines technischen Ober-Direktors für die sämtlichen vierzig Gasanstalten, welche die Gesellschaft bereits gegründet hat, verbunden ist. -- Ich mußte also Vorgesetzter meines eigenen bisherigen Direktors werden, und das alles aus der Position eines Unteraufsehers, die ich nach wie vor einnahm. Ihr Herren müßt zugeben, daß die Sache einen etwas tollen Anstrich hatte. Aber es war im Januar des vorigen Jahres sehr kalt; durch die Ritzen meiner Dachstube pfiff der eisige Wind; mich fror und hungerte wechselweise gar erbärmlich, und wenn der Teufel damals auf mich geboten hätte, ich glaube, er hätte mich billig haben können.

Ebenso gut aber wie zum Teufel, dachte ich, könne ich auch auf das Komtor der Firma Jäger, Breitkopf u. Co. gehen und mich als Kandidaten für die erledigte Stelle präsentieren.

Die Sache war aber nicht ganz so leicht, wie sie aussah. Zuerst war Gefahr im Verzuge, denn ich wußte, daß sich bereits binnen der drei ersten Tage zweiundzwanzig Bewerber gemeldet hatten; und doch konnte ich vor dem nächsten Sonnabend, wo ich nach der Morgenwache einen freien Nachmittag hatte, meinen Posten nicht verlassen. Sodann fehlte es mir gänzlich an einer Garderobe, die für den feierlichen Akt berechnet gewesen wäre. Mit den Stiefeln und der Wäsche ging es ungefähr, auch ein paar schwarze Beinkleider fanden sich, die ihren Zweck zu erfüllen versprachen, wenn ich die Nähte mit Tinte nachschwärzte. Eine weiße Weste kaufte ich mir merkwürdig billig bei meinem Antipoden, einem Trödler, der fünf Stock unter mir im Keller desselben Hauses wohnte. Es fehlte jetzt nur noch an einem Frack, und den lieh mir mein damaliger Kollege und jetziger Ober-Aufseher und hoffentlich lebenslänglicher Freund, Hans Ohnesorge, der vor vierzehn Tagen Hochzeit gemacht hatte und im Vollbesitze eines neuen, vor Neuheit, wie mir schien, geradezu strahlenden Fracks war.

Hans Ohnesorge, sagte ich, als er mich am Sonnabend Mittag ablöste und ich den Frack, den er mir, in ein Tuch geschlagen, mitgebracht hatte, im Gasometergebäude anprobierte, Hans Ohnesorge, ich kann nicht dafür stehen, daß ich Ihnen nicht die Nähte an den Ärmeln oder gar den ganzen Rücken herausplatze.

Immer d'rauf, Herr Roland, sagte Hans Ohnesorge; wenn Sie die Stelle bekommen, können Sie mir ja einen andern schenken, und wenn Sie die Stelle nicht bekommen -- aber das ist ja gar nicht möglich! Ein Mann wie Sie braucht ja nur merken zu lassen, daß es ihm Ernst ist, da geht es ja von selbst.

Hans Ohnesorge, müssen Sie wissen, hielt mich so ziemlich für den größten Mann meines Jahrhunderts. Ich war ihm sein Held, sein Ideal; und wenn ich gesagt hätte: Hans Ohnesorge, ich bin entschlossen, Kaiser von Fez und Marokko zu werden, er würde gesagt haben: Immer d'rauf, Herr Roland; das ist Ihnen ja eine Kleinigkeit.