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Part 9

Chapter 93,488 wordsPublic domain

In dieser Angelegenheit gab es noch andere Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden und zu entfernen, welche nur jener begreifen konnte, der den höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht ganz ferne stand.

Der Introligator teilte mir weinend mit — wobei er seinen Lapserdack[6] zerriß — daß er den Schneider lange in »Weißkirchen« gesucht habe.

In Begleitung von verschiedenen Mischurisamen eine jüdische Herberge nach der anderen nach seinem Flüchtling absuchend, wobei ihm absichtlich falsche Angaben gemacht wurden, verlor er unnütz in dieser Weise einen ganzen Tag.

Erst als der Introligator Kiev erreichte, verfiel er auf die mit dem Fuchsschwanze weggefegte Wolfspur des Chabar, welcher gemütlich hinter den Klostermauern saß und sich zur Taufe vorbereitete.

Es lag klar zu Tage, der Spitzbube hatte die Absicht seinen Kontrahenten ungestraft zu betrügen und zu Grunde zu richten, das Mittel zur Erreichung des Zweckes sollte die Taufe sein.

Um dem Schneider gegenüber den Beweis zu führen, daß durch den Übertritt zum Katholizismus der Taufakt der Kirche nur mißbraucht und profaniert werde, dafür hatte man keine Beweise an der Hand.

[Fußnote 6: Lapserdack ist ein kurzer Rock mit einer genau bestimmten Anzahl von Bändchen und Fransen benäht. Die Talmudisten tragen diese »jüdische Montur« unter dem oberen langen Rock.]

Außerdem war Recht und Gesetz an der Seite dieses »Katechumen«, der noch weiter unterstützt wurde durch mächtige Personen, welche zu jener Zeit mehr galten als das Gesetz selbst.

Der schlaue Jude, welcher ein Jahr lang bei dem Kiever Wirt arbeitete, eignete sich einige Kenntnisse über den Einfluß und die Schwächen einiger hochgestellten Personen in Kiev an, welche in Folge ihrer amtlichen oder gesellschaftlichen Stellung große Macht besaßen.

Eine solche mächtige und einflußreiche Persönlichkeit war die Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürsten Hilarion Hilarionovič Vasilčikov, Fürstin Katharina Aleksejevna (geborene Fürstin Ščerbakov), derer ich bereits früher erwähnte.

Sie war zu jener Zeit für die Ausbreitung des Christentums so sehr eingenommen daß sie sich viele Mühe gab, dasselbe durch den Übertritt Andersgläubiger zu mehren.

Wie es aber in der Mehrzahl derartiger Fälle, Vorsätze und Einrichtungen vorzukommen pflegt, namentlich wenn sie von Damen der hohen Aristokratie und sonstigen Damen der eleganten Welt begonnen und poussiert werden, ist das Resultat ein außerordentlich klägliches; es fehlt an dem nötigen Ernst, praktischer Erfahrung, andauernder Tätigkeit, ohne welche alle derartigen Unternehmungen stets mehr Schaden als Nutzen bringen.

Es ist dies etwas Verhängnisvolles, eine Art Ironie des Schicksals!

Die Religiosität der Fürstin äußerte sich in anderer Weise als bei den jetzt lebenden Damen der höheren Gesellschaftskreise, welche den inneren Glauben nach außen sichtbar machen wollen ohne viel Opfer, Einschränkung und sonstige Änderungen ihrer Gewohnheiten bringen zu müssen; die Religiosität der Fürstin Katharina Aleksejevna war anderer Art, sie war kennbar an ihren Taten, so daß eigentlich der Verfasser des sehr lehrreichen und interessanten Buches »Versuch über Einkommen und Eigentum unserer Klöster« jedenfalls verpflichtet gewesen wäre, der Fürstin, als Förderin des Wohlstandes der Klöster und ihrer Vermehrung, die erste Stelle anzuweisen.

Es ist Tatsache, daß die Fürstin Vasilčikov mehr Klöster errichtet und gegründet hat als die Fürstin Anna Aleksejevna Orlov und andere adelige Damen.

So gründete sie unter anderen ein sehr bekanntes Kloster in der Nähe von Kiev, welches, Dank der Freigebigkeit und Sorge der Fürstin, über sechsunddreißig Werst Land außer sonstigen Renten verfügt, worüber jedoch in dem Buche von Rostislav, dessen ich vorerwähnte, nichts zu finden ist.

Aber schon früher, vor der Zeit, ehe sich die Fürstin mit der Errichtung neuer Klöster zu beschäftigen anfing, namentlich noch vor der Rekonstruierung des Klosters des »alten Jonii«, machte sie sich in Kiev als große Philanthropin bekannt.

Unter ihrem Protektorate wurden Wohltätigkeits-Bälle, Soiréen, Theater, Maskeraden, Concerte u. dgl. mehr oder minder angenehme Unternehmungen veranstaltet; nach dieser Richtung hin entwickelte sie einen außergewöhnlichen Eifer, dem man jetziger Zeit nicht solche Bedeutung mehr zuschreibt als dies ehemals der Fall war.

Gleichzeitig mit dem Streben, Sorge, Not und Elend aus den Einkünften der verschiedenen Lustbarkeiten und Unterhaltungen zu lindern, bemühte sich auch die Frau Fürstin um Sittenverbesserung und Verbreitung des Christentums.

Im letzteren Falle war die Fürstin, wie ich anzunehmen guten Grund habe, origineller und kühner, unternehmender, als der übrige gesamte hohe Adel in Petersburg, weil sie in Folge der Stellung ihres Gemahls, als General-Gouverneur, schon an und für sich ein gewisses Ansehen und Macht besaß, vor welchem sich sehr viele beugten, ja sogar sich fürchteten, die meisten aber verfolgten das Gebaren »ihrer Fürstin« sehr aufmerksam, hatten aber oft Ursache über das Treiben derselben und ihres Anhanges den Kopf zu schütteln.

Nach dem Coelibat, welches zur Zeit des Bibikov'schen Regimentes im General-Gouvernements Hause herrschte, war der Einfluß einer Frau, welche sich nach keiner Richtung hin etwas zu versagen brauchte, ein ganz bedeutender, namentlich unterwarfen sich demselben fast alle Damen der höheren Stände.

In der ersten Zeit besaß alles einen Anschein und Anstrich von Frische und Lebhaftigkeit, es schien, daß dadurch wirklich etwas nutzbringendes erzielt wird, doch diese Ansicht dauerte nicht lange, und man fing alles dieses von anderer Seite zu betrachten an und darüber sich zu äußern.

Die Fürstin selbst aber war so sehr von der Nützlichkeit und Wohltätigkeit ihrer Mission überzeugt, daß sie sogar, um die Leute sittlich zu bessern, die Bewohnerinnen der »Zufluchtstätte der heiligen Maria Magdalena zur Bekehrung gefallener Mädchen« an Soldaten — verheiratete.

Dadurch sollte diesen Frauenzimmern die Rückkehr zum unmoralischen Lebenswandel abgeschnitten werden.

Die Fürstin nahm tätigen Anteil an dem Zustandekommen derartiger Ehen und interessierte sich sehr für dieselben; die Bräute wurden von ihr so reichlich ausgestattet, daß eine solche Heirat auf Soldaten eine besonders große Anziehungskraft besaß, und sie sich beeilten eine »Magdalenerin« zu ehelichen.

Ein solches Mädchen erhielt nicht nur für ihre Verhältnisse reichlich Kleider und Wäsche, sondern auch ein hundert Rubeln, welches letztere für den Soldaten mehr Wert hatte, als die Rückkehr auf die Bahnen der Tugend seiner Braut und nachmaligen Frau.

Hatten die Neuvermählten die Fürstin durch ihre Hochzeit erfreut, teilten sie sich gewöhnlich um das erhaltene Heiratsgut, dann schieden sie in Frieden und Einigkeit von einander und jeder ging danach seines eigenen Weges.

Darüber kursierten in Kiev verschiedene höchst pikante Anekdoten.

Die »Hunde« suchten ihre früheren Hütten auf, die Sittenlosigkeit und Liederlichkeit wurde jedoch nicht mehr aus eigenem freien Willen ausgeübt, sondern im Einverständnis und mit Bewilligung des ehelichen Gemahles.

Es sind Fälle vorgekommen, daß der Soldat sofort nach der Trauung, noch vor dem Hochzeitsmahle, seine junge Frau dem Brautführer verkaufte.

Als Brautführer figurierten nicht selten »hochgeborene Herren« und zwar aus dem Grunde, um von der Fürstin »gesehen« zu werden.

Man konnte eigentlich dem in dieser Art und Weise verheirateten Soldaten es nicht übel nehmen, daß er seiner angetrauten Gattin los und ledig zu werden trachtete.

Was sollte dem Soldaten eine Frau, welche zu arbeiten nicht verstand und zu hungern nicht gewohnt war?

Gewöhnlich heiratete der Soldat eine »Magdalenerin« geradezu auf Befehl seiner Vorgesetzten, namentlich dann, wenn es der Frau Fürstin beliebte, wieder einmal eine »Magdalenen-Hochzeit« in Szene zu setzen; der dazu bestimmte Soldat unterwarf sich ohne Murren, stillschweigend und in sein Schicksal ergeben diesem Wunsche.

Man konnte es deshalb nicht dem Soldaten verargen, wenn er sich sofort von einem Weibe lossagte, welches gewohnt war auf den Knien eines reichen Offiziers sitzend, »Butterbrot zu essen und süßen Wein zu trinken«, diese aber wählte wiederum einen Weg, welcher ihr am besten gefiel, ein Leben, welches sie früher schon führte und wo sie am leichtesten und raschesten jene Summe Geldes verdienen konnte, welche sie vertragsmäßig ihrem Manne zu entrichten hatte dafür, daß er ihr die Bewilligung gab, so und dort zu leben, wo sie wollte.

Das waren die Resultate der Sittenverbesserungs-Spielerei; schließlich fand man auch dieses langweilig und abgeschmackt und bekümmerte sich nicht weiter um dieselbe.

Etwas länger dauerte die Proselytenmacherei behufs Bekehrung der Juden zum Christentum, obzwar auch hier verschiedene Seltsamkeiten unterliefen.

Den Eifer der Fürstin nutzte am meisten der Auswurf der jüdischen Gesellschaft aus, charakterlose, böse und bösartige, nach jeder Richtung hin verdorbene, verderbte Leute, Diebe und ähnliches Gesindel, welches sich taufen ließ, um manche Missetat, von ihnen angestellt, dadurch zu decken und in Vergessenheit zu bringen.

Leute, welche unter ihren eigenen Stammesgenossen keinen Schutz mehr fanden, waren so demoralisiert, daß sie eine Religion wechselten, wie man einen Rock zu wechseln pflegt.

Zu diesen Leuten gehörte auch der von dem Introligator angeworbene Ersatzmann, der sich ebenfalls die von anderen angewendete Praxis zu eigen machte, die Fürstin dadurch auszubeuten, daß er sich zur Taufe meldete; einmal getauft, konnte ihm Niemand mehr etwas anhaben, selbst dann nicht, wenn er früher schon — als Jude — in irgendeiner Weise das Gesetz überschritten und verletzt hätte.

Diese Ansicht hatte ihre volle Berechtigung.

Man war zu jener Zeit allgemein (und nicht allein unter den Juden, sondern unter den Rechtgläubigen und der »hohen« Gesellschaft in Kiev) davon überzeugt, daß nicht _das_ geschieht, was der Fürst _befiehlt_, sondern _das_, was die Fürstin _wünscht_.

Siebentes Kapitel.

Der jüdische Schneidergeselle, welcher sich anwerben ließ, um Soldat zu werden, war ziemlich gut über die in Kiev herrschenden Verhältnisse unterrichtet.

Diese Kenntnis wollte er nicht nur für seine eigenen Zwecke ausnützen, sondern auch dabei gleichzeitig den Introligator ungestraft zu Grunde richten.

Sein Plan war vorzüglich ausgedacht.

Während der Introligator die bekannte Bittschrift verfasste, in welcher er bat, mit der Einstellung seines Sohnes solange warten zu wollen, bis er mit dem Ersatzmanne ankomme, schrieb der Schneider einen herzbrechenden Klagebrief an die in Kiev allgemein bekannte Baronesse B., welche — nach außen hin — eine außergewöhnliche Frömmigkeit zur Schau trug.

Der listige Jude schilderte in lebhaften Farben, wie er von seinen Stammesgenossen verfolgt werde, was er leiden müsse, daß seine Geduld bereits erschöpft sei und er sich entschloß unter die Soldaten zu gehen; wie er aber plötzlich erleuchtet wurde, wie ihm jene Wohltaten, welche nur hochgeborene Christen auszuüben pflegen, namentlich jenen, die sich entschlossen haben, den wahren Weg des Christentums zu wandeln in Erinnerung gekommen seien; er habe deshalb beschlossen, sich — taufen zu lassen.

Er rechnete weiter, daß, wenn es ihm gelingt dem Introligator noch vor seiner Ankunft in Kiev zu entlaufen, er bei seiner Ankunft dort Gönner finden wird, die ihn vor dem Verfolger schützen werden dadurch, daß sie ihm einen Aufenthalt in irgend einem Kloster vermitteln, so lange, bis er die heilige Taufe empfangen habe.

Sollte ihm sein Fluchtplan nicht gelingen, so hatte er schon auch nach dieser Richtung hin Vorkehrungen getroffen, indem er in dem Briefe die Baronesse bat, ihn schützen zu wollen, und dahin ihm behilflich zu sein, daß er so rasch wie tunlich getauft werde und so Aufnahme finde in der christlichen Gemeinschaft, nach welcher er sich so sehr sehne.

Der Jude bat weiter die Frau Fürstin Katharina Aleksejevna mit seinem Wunsche bekannt zu machen, auf deren religiösen Eifer er alle seine Hoffnungen baue.

Dieser Brief gab der Baronin Vorwand bei vielen gewichtigen und einflußreichen Persönlichkeiten vorzusprechen, wobei sie Gelegenheit fand ihre Religiosität und ihren Eifer für die Ausbreitung des Christentums ins hellste Licht bringen zu können und leuchten zu lassen; namentlich fand sie bei der Fürstin sofort die tatkräftigste Unterstützung und die Erlaubnis in diesem Falle im Namen der Fürstin bei allen jenen Personen dasjenige zu erwirken, was sich als nötig erweist.

Dieser Auftrag bezog sich hauptsächlich auf jene, denen die Fürstin keine Befehle erteilen konnte; diejenigen, welchen sie befehlen konnte, kamen gar nicht in Betracht.

Mit einem Wort, ehe der Tag zu Ende ging, hatte die Baronin alles, was ihr zum Schutze des Juden nötig erschien, vorbereitet, so daß derselbe nach seiner Ankunft in Kiev es nur nötig fand, bei dieser oder jener Person, welche von dessen Ankunft und Plänen unterrichtet war, vorzusprechen, um — geschützt und gerettet zu sein.

Besseres konnte sich der Jude auch gar nicht wünschen; außerdem haben auch andere Umstände zu seinen Gunsten gewirkt, daß er nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Teil seines Programmes in Ausführung bringen konnte, d. h. es gelang ihm, seinem Kontrahenten entlaufen zu können, während dieser einen Tag durch nutzloses Suchen und Nachfragen in den berüchtigten jüdischen Herbergen Weißkirchens verlor, in diesem nach Berdičev größten, von Juden bevölkerten Orte mit seinen zahlreichen berüchtigten und gefürchteten Jüdenschenken.

Ehe der durch furchtbare Schicksalsschläge zerschmetterte und fast sinnlos gewordene Introligator in Kiev ankommen konnte, in einer Stadt, wo er zu seinem Unglück überhaupt niemanden kannte und auch nicht wußte, an wen er sich wenden sollte und könnte, saß sein Flüchtling, geschützt von hochgestellten Persönlichkeiten, hinter Klostermauern, ließ sich schmackhaft zubereiteten Fisch schmecken und ruhte in der warmen Zelle eines Mönches von der während seiner Flucht erlebten Aufregung aus.

Dieser Mönch war beauftragt, den Juden in so kurzer Zeit als möglich zur Taufe vorzubereiten.

Der Introligator, welcher mir unter Weinen und Wehklagen diese ganz eigentümliche Geschichte erzählte, teilte mir auch mit, wie er es erfuhr, wo sich der Lump gegenwärtig aufhalte.

Er erzählte, wie viele Groschen und wo er sowohl an geistliche wie weltliche Personen gezahlt habe, wie er in einer aufgelassenen Lehmgrube bald ertrunken und in einer Ziegelei fast verbrannt wäre, wie er auf eine unerklärbare Art und Weise in eine Klosterbäckerei geriet; er erzählte dies alles lebhaft, plastisch und doch bei allem dem gleichzeitig außerordentlich rührend und gleichzeitig lächerlich; man war sich überhaupt darüber nicht klar, sollte man über seine Erzählung lachen oder weinen.

Während dieser Zeit, als der Introligator, vor meinem Tische stehend, seine Geschichte erzählte, dabei weinte, ächzte, seinen zerlumpten Rock zerriß, fühlte weder ich noch irgend einer von meinen Beamten Lust über den Juden zu lachen oder sich über denselben lustig zu machen.

Wir alle — bei unserer unglückseligen Angewohnheit und Abhärtung gegen ähnliche Ausbrüche von Gram, Klage und Marter — waren, wie es schien, völlig niedergeschmettert durch den Ausbruch des grenzenlosen Leidens und Schmerzes des Juden, welcher tatsächlich _blutigen Schweiß_ bei diesem Armen hervorrief.

Ja, diese schlechtriechende Flüssigkeit, mit welcher die vor mir liegenden Papiere durchfeuchtet waren, war nichts anderes als der »_blutige Schweiß_«, welchen ich in meinem Leben nur ein _einzigesmal_, und zwar nur in diesem Falle mit eigenen Augen zu sehen Gelegenheit hatte.

In dem Maße, als dieser lebend nicht erfrorene und lebend nicht verbrannte Jude in der Stubenwärme auftaute, schien seine Stirne mit den an diese angefrorenen Haaren, seine krampfhaft zusammengeballten Hände, seine unter dem Lapserdack offen liegende Brust — wie mit feinen Wunden bedeckt, aus welchen eine rote Feuchtigkeit austrat, wie jene ersten Tropfen der Flüssigkeit von roten Beeren, welche man beim Auspressen aus den Poren eines Leinwandstückchens heraustreten sieht.

Doch die feinen rosigen Tropfen auf der Menschenhaut zu sehen, war fürchterlich!

Wer niemals Gelegenheit gehabt »_blutigen Schweiß_« zu sehen und derer dürfte es gewiß außergewöhnlich viel geben, um so mehr, als die Möglichkeit des Vorkommens eines solchen Schweißes geleugnet und in Abrede gestellt wird — diesen allen kann ich sagen, daß _ich selbst_, _mit eigenen_ Augen solchen blutigen Schweiß tatsächlich gesehen, und daß dieser Anblick unbeschreiblich fürchterlich ist.

Diese rötlichen, moosbeerensaftfarbigen Tröpfchen und Flecke an der Brust dieses Juden stehen noch heutigen Tages unverwischbar, deutlich und klar vor meinen Augen, und mir kommt es vor, als wenn ich durch dieselben das offene Herz dieses zermarterten Mannes gesehen hätte — das Herz eines Vaters, welches für sein eigenes Blut, seinen Sohn, die größten Qualen und Marter aushält, nur um diesen, seinen Sohn, retten zu können.

Ich behaupte nochmals, das, was ich gesehen, war fürchterlich!

Die üppigen blonden Haare der letzten Königin Schottlands, gebleicht in der kurzen Spanne Zeit, in welcher die »Gentlemen« die letzte Toilette derselben machten und sie an den Richtblock banden, diese Minuten der Angst der unglücklichen Königin konnten für diese nicht schrecklicher sein, als jene Stunden eines Vaters, der seinen Sohn retten kann und dabei blutigen Schweiß schwitzte.

Unwillkürlich erinnerte ich mich des blutigen Schweißes jenes großen Lehrers, welcher für die Sünden unserer Väter und für unsere eigenen sein Blut auf dem Kreuze vergoß und mein eigenes Blut flutete in vollem aufgeregtem Strome vom Herzen durch die sämtlichen Gefäße meines Körpers, es rief in meinen Ohren ein so heftiges Sausen und Brausen hervor, wie ich solches weder vor noch nach je empfunden habe.

Alle meine Gedanken, all' mein Fühlen erlitt geradezu etwas ungewöhnliches, eigenartiges, noch nie dagewesenes, neben dem traurigen, schmerzlichen, drückenden gab es zu gleicher Zeit etwas angenehmes, liebliches.

Es schien mir, als wenn ich keinen gewöhnlichen Menschen, sondern ein blutiges historisches Symbol vor mir sehen würde.

Aufrichtig gestanden, ich war zu jener Zeit nicht ganz fremd einem gewissen Mystizismus, den ich auch jetzt nicht in Abrede stelle, da ich mir (die Herren Theologen um Verzeihung bittend) den Glauben ohne Mystizismus nicht vorstellen kann.

Unter dem Eindrucke des eben Erlebten und auch geradezu unter Einwirkung des sich stärker fühlbar machenden Mystizismus fing sich etwas eigenartiges, etwas geheimnisvolles, unbegreifliches in meinem Kopf und Herzen zu regen, etwas, was mit meiner gegenwärtigen Beschäftigung sich gar nicht in Einklang bringen ließ.

Die Geschichte, in welcher sich das Böse mit dem Guten, das Tragische der väterlichen Liebe und Sorge um seinen Sohn, sein liebes Kind und religiöse Fragen durch- und zwischeneinander mischten; die rohe Einrichtung in dem großen, halb dunklen, schlecht beleuchteten Saale, dessen Wände Meere von Tränen über für immer verloren gegangene Kinder gesehen haben; diese zwei Kerzen, welche das durch seelische Qualen, Angst und Sorge schmerzlich und krampfhaft verzerrte Gesicht des altbiblischen semitischen Individuums beleuchteten; dieser Ruf nach: »Jeschu! Jeschu Hanozri!« — nach seinem Sohne — »oh! gibt ihn mir, meinen Sohn, zurück« — »gebet ihn mir!« — …: alles dieses erschütterte tief meine Seele und entriß mich geradezu der Gegenwart und der Wirklichkeit!

Ich empfand ein ganz unbestimmtes, eigentümliches Gefühl, eigenartige Gedanken durchschwirrten meinen Kopf, in gleicher Weise, wie solche Bischof Theofan mit großer Meisterschaft in seinen Briefen über »das geistige Leben« beschrieben hat.

Von jetzt ab hat das Herz Übergewicht gefunden über den Verstand.

Er tat es mir an, dieser verzweifelnde Vater, mit dem blutigen Schweiße und dem offenen Herzen — ein Mensch aus jenem Stamme, der auf sich nahm das Blut jenes großen Erlösers, dessen Namen »Jeschu!« er in seiner Angst anrief und den er um Rettung aus dieser schweren Lage bat! … wer kann es erklären, welche geheimnisvolle Kraft ihn dazu trieb den »Hanozri« um Hilfe in der Not zu bitten?

Meine überspannten Nerven arbeiteten so, daß es mir schien, in diesen dem Staate gehörenden Räumen gehe etwas vor, was gegen den Staat gerichtet ist.

Hörte vielleicht Er die Klagerufe eines Vaters nach seinem Sohne und des Sohnes nach dem Vater? — Sah' Er bereits das zerrissene Herz des aufgeregten Juden? — geht Er ihm bereits schon mit ausgebreiteten Händen entgegen, um ihn in diese zu schließen und ihm Hoffnung, Trost und Erlösung zu bringen? —

Darüber vergaß ich dem armen Juden den einzigen zum gewünschten Ziele führenden Rat zu geben, sich und seinen Sohn — taufen zu lassen!

Und in der Tat! wer und was hinderte ihn dieses zu tun, um so mehr, als er, der Vater »Jeschu Hanozri« zur Hilfe rief, in diesem Augenblicke auch dem Erlöser näher stand, als jener Aussätzige, jener Lump, welcher sich vornahm über die Religion durch die Taufe sich lustig zu machen, sie zu profanieren und solche in den Augen seiner Stammesgenossen lächerlich zu machen.

Was würde daraus entstanden sein, wenn der Jude meine Gedanken erkannt und in Ausführung gebracht hätte?

Ein ungewöhnlicher, noch nie dagewesener Fall in der administrativen Gerichtspraxis, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach den Anstoß zur gründlichen Revision des bestehenden Gesetzes Anlaß gegeben hätte.

Einen anderen Ausweg zu seiner und seines Sohnes Rettung sah ich nicht …

Aber ich vergaß Den, ohne dessen Willen kein Haar fällt vom Kopfe eines Menschen, ich vergaß Jenen, dessen Macht größer ist und herrlicher als jene sämtlicher Herrscher der Welt, die sich vor Ihm beugen müssen.

Mir ist gar nicht eingefallen, daran zu denken, daß dieser Jude, welcher den Namen »Hanozri« so angstvoll und aus voller Seele anrief, diesen Namen beschimpfen und das Geheimnisvolle des heiligen Taufaktes lächerlich finden könnte, wie sich sein Ersatzmann zu tun vornahm.

Alles dieses und vieles andere durchschwirrte mein Kopf, um aufzutreten und auch sofort zu verschwinden.

Es wurde mir im Kopfe so schwer, es drückte wie Blei auf mein Gehirn; meine Gedanken wollten nicht in Weite fliegen, sondern sie trachteten, ähnlich einem naßgewordenen Vogel, sich unter dichtes Gebüsch und tiefen Schatten zu verbergen — ich sprach kein Wort — und tat wohl daran!

Möglicherweise wäre mein Rat nicht an die richtige Stelle zur richtigen Zeit gerichtet gewesen und ich wäre dadurch der Möglichkeit beraubt worden, einen Vorfall sehen und miterleben zu können, welcher die Machtlosigkeit der Menschen und die Erscheinung der göttlichen Vorsehung zu deutlicher, sichtbaren Äußerung brachte.

Achtes Kapitel.

Nicht mein Herz, aber mein Verstand riet mir zu schweigen und nicht selbst tätig einzugreifen in eine Sache, welche nur der Herr des Lebens regeln und zum glücklichen Ausgang führen konnte.

Ebenso war es nicht meine Sache zum Leben rufen zu wollen einen Stamm, den das Schicksal niedergeschmettert hatte.

Wie das Glied dieses Stammes zum neuen Leben erweckt wurde … das geschah später … viel später, und unter Verhältnissen, die niemand vorhersehen konnte zu jener Zeit, von welcher ich jetzt erzählen werde.

Instinktiv fühlte ich, daß das, worüber wir uns so sehr aufregten, ein gutes Ende nehmen werde.

Mein Verstand lispelte mir zu nur ruhig zu sein, sich nicht aufzuregen über etwas, dessen Ausgang im voraus bestimmt ist; denn was geschehen soll und werde, sei voraus bereits bestimmt, weshalb ich nichts unternehmen soll, damit das Bestimmte nicht gestört werde und erfolge.

Vor allem sei Ruhe! — Ruhe! — nötig!