Part 8
Man konnte daraus sehen, daß ein, von der Natur mit klarem Verstande begabter Mensch, der sich bemühte ein wenig sich zu bilden und seinen Gesichtskreis zu erweitern, ohne sich seinem Glauben zu entfremden oder ihn zu verleugnen, sobald er sich seine eigene Ansichten über den Geist der Gesetze mache und nicht nach dem Buchstaben desselben lebe, von den Stammesgenossen sofort zu den »gefährlichen Freigeistern«, den »Abtrünnigen, Neuerern« gezählt und von den phariseischen Talmudisten zu Grunde gerichtet wird, die sich vornehmen ihn von der Erde verschwinden zu lassen.
Wäre der Introligator reich, würde er Schweinebraten und Würste essen, würde er vollständig vergessen, daß es überhaupt einen Jehova und dessen Gesetze gäbe, aber würde er die Kreise der Talmudisten und deren Lügenmoral nicht stören — so hätte dieses gar nichts zu bedeuten — man würde ihn in der Gemeinde nach wie vor dulden, möglicherweise ehren und verteidigen; aber da zeigt sich auf einmal etwas kleines, unbedeutendes, eine Art Geistesfreiheit, ein Freisinn, welchen die orthodoxe Judenschaft nicht dulden will, noch vertragen kann.
Achtzehn Jahrhunderte konnten an dieser Geschichte nichts ändern.
Einem oder dem andern kann es möglicherweise eigentümlich vorkommen, warum ich den Worten des Introligators eine solche Bedeutung beilege, der durch das ihn betroffene Unglück leicht den Glauben erwecken konnte, er werde seiner religiösen Ansichten wegen von den anderen Juden verfolgt.
Ich sehe dies ein; wenn dieser Fall zu jetziger Zeit sich ereignen würde, so möchte ich selbst einen derartigen Vorfall für sehr verdächtig halten und ansehen; aber zu jener Zeit, in welcher meine Geschichte ihren Anfang und ihr Ende nahm, war an so etwas, als »Freiheit des Geistes, oder der Meinungen« gar nicht zu denken; darüber hatten sich damals selbst solche Leute keine Ansichten gemacht, welche in weit günstigeren und besseren Verhältnissen standen als der Jude, dessen Knaben man aus dem Bette raubte.
Dem Juden konnte es gar nicht in den Kopf kommen, mit Liberalismus und Freigeisterei glänzen zu wollen, da ihm diese mehr Schaden wie Nutzen bringen konnten, was doch seinen Berechnungen nicht entsprechen konnte.
Ich mußte deshalb aus den über Religion im Bittgesuche gebrauchten Worten und Sätzen den Schluß ziehen, daß dieselben tatsächlich wahrer und tiefer, überzeugungsvoller Religiosität entstammen und aus reinem Herzen kommen.
Ich wiederhole: mir tat der arme Jude leid!
Ich fasste den Gedanken, demselben, so weit es in meiner Macht stand und es meine Kräfte erlaubten, behilflich zu sein.
Ich nahm mir vor, noch spät Abends, nach beendigten täglichen Geschäften, im »Englischen Hof«, wo der zur Rekrutierung kommandierte Flügeladjutant wohnte, vorzufahren und ihn zu bitten, dem Juden seine Hilfe angedeihen zu lassen und die für morgen bestimmte Stellung auf übermorgen zu verschieben, wodurch ein Tag zu Gunsten des Juden gewonnen worden wäre.
Obzwar sich die zur Stellungskommission kommandierten Flügeladjutanten in die Anordnungen der Kommission nicht einzumischen pflegten, so wurden doch ihre Wünsche stets mehr oder weniger beachtet.
Meine Absicht kam jedoch nicht zur Ausführung, denn früher, ehe es dazu kam, hatte die unglückselige Angelegenheit eine solche Wendung genommen und wurde mit einemmale so schwierig, daß der Knabe nur durch ein Wunder gerettet und seinem Vater zurückgegeben werden konnte.
Und dieses Wunder ereignete sich, es fand statt!
Die scheinbar aufsteigenden Schwierigkeiten wurden auf eine einfache und leichte Art überwunden, Dank einem »Engel im Menschenkleide«, für welchen die Mehrzahl der Einwohnerschaft in Kiev den damaligen Mitropoliten _Filaret_ hielt.
Er wurde in diese Judenangelegenheit ohne seinen Willen einbezogen und stürzte die ganze jüdische List und Falschheit sowie die ungerechte buchstäbliche Anwendung des Gesetzes um, einzig und allein durch das ebenso geistvolle wie menschenfreundliche »Urteil Seiner Eminenz«!
Viertes Kapitel.
Es war bereits nahe an Mitternacht, als mich ein ziemlich großes Geräusch und lautes Gerede in meiner Arbeit zu stören begann; es schien mir, als wenn in dem neben meinem Arbeitszimmer gelegenen Saale irgend ein heftiger Streit zwischen den dort befindlichen Beamten entstanden wäre.
Derartige Ungehörigkeiten waren nichts seltenes; ich als junger Anfänger in der Beamtenlaufbahn, obzwar Kanzleivorstand, genoß nicht jene Achtung und besaß nicht das Ansehen wie bereits älter gediente Leute; meine Untergebenen fürchteten mich nicht und schenkten mir auch wenig Beachtung und nahmen auf mich keine Rücksichten.
Was die Subordination anbelangt, so konnte man nach dieser Richtung hin mit den altgedienten, mit Medaillen, Schnallen oder dem Stanislaus-Orden dekorierten Titularräten besser auskommen, wie mit den jungen Beamten.
Obzwar mich, beziehungsweise meine Kenntnisse, die Altgedienten nicht gerade sehr hoch schätzten und mir keine große Achtung als einem noch nicht »flügge gewordenen Jungen«, welchen, ihrer Ansicht nach, der Präsident ihnen zum Ärger, ohne Rücksicht auf ihr Alter, Dienstzeit, Solidität auf den Hals hetzte, entgegenbrachten, so machten sie dennoch die ihnen zugewiesene Arbeit ohne Lärm und Geschrei, Zank und Hader fertig, während die Jungen ebenfalls ihre Aufgabe fertig brachten, wobei es jedoch nicht ohne Lärm abging.
Es kam fast täglich vor, daß sie einen oder den anderen der Titularräte hänselten und sich über ihn lustig machten.
Als fast tägliche Zielscheibe ihres Spottes und fauler Witze diente ein Titularrat Namens _Gregor Ivanovič Salko_, ein großer Sonderling, der seine erste Ausbildung von einem Diakon erhielt und seine Beamtenlaufbahn unter einem ehemaligen Diakon begann, worauf er außerordentlich stolz war.
Er war für das frühere Kanzleiregiment eingenommen und konnte sich mit Neuerungen nicht befreunden.
Er gab gewöhnlich ganz seltsame, originelle Ratschläge, welche sehr stark an des Diakons Weisheit erinnerten.
So z. B. erinnere ich mich, daß als ich einmal vor Müdigkeit und schlaflosen Nächten meine Augen kaum mehr offen halten konnte, er mir sagte:
»Machen Sie es so, wie es mich mein alter Diakon lehrte; nehmen Sie aus meiner Dose eine Prise Tabak, der wird ihre Augen öffnen und den Schlaf verjagen. — Zu jener Zeit, als noch wirklich Dienst gemacht wurde … Sie waren noch lange nicht auf der Welt … haben wir dieses Mittel stets alle benützt.«
Dieser und auch die anderen älteren Herren wurden von der übermütigen Jugend sehr oft geneckt und nicht selten aus ihrer Ruhe und Geduld gebracht, wobei mitunter aus dem Spaß großer Ernst wurde, der sehr oft bis zum Handgemenge überging.
Die Zeit, wo derartiges vorkommen konnte, ist noch nicht so ferne, aber scheint der jetzigen Nachfolge fast unglaublich.
Das Geräusch vernehmend, glaubte ich annehmen zu können, daß die Jugend wieder einmal einen der Titularräte hänsele und daß es schließlich zu einem kleinen Handgemenge gekommen, welches gewöhnlich zu allgemeiner Zufriedenheit unter heftigem, weit schallenden Lachausbruche endete.
Doch diesesmal schien etwas Außergewöhnliches vorgefallen zu sein, denn ich hörte, daß meine ganze »Bande« auf einmal aus der Kanzlei verschwand; es wurde darin ganz stille.
Ich stand auf, um nachzusehen, was vorgehe.
Der große Saal war leer; Kerzen brannten auf den Tischen; nur in einer Ecke saß unbeweglich hinter seinem Tische, wie eine Mumie, der Senior meiner Titularräte, der Nestor der Kiever Kanzleien — _Platon Ivanovič Dolinskij_, welcher den Vladimirorden für fünfunddreißigjährige tadellose Dienstzeit besaß.
Dieser unser Senior war außergewöhnlich groß, mager, weißhaarig, ein Kleinrusse (Chochol), sehr unnahbar, sich für eine wichtige Persönlichkeit haltend.
Er stand nie ohne besondere Notwendigkeit oder Veranlassung von seinem Sitze auf, sprach mit Niemanden und wenn ja — dann nur um diesen auszuschimpfen, wobei er sich ausschließlich des Chochol-Dialektes bediente.
Sowie er mich erblickte, sah er über seine in Kupferdraht gefaßten Augengläser hinweg auf mich, zog seine Stirne kraus und fing an zu schelten:
»Wie kommt es, daß Sie nicht bemerken, was hier vorgeht? — Sie sehen, alle sind fortgelaufen, um einen ruppigen Juden in Augenschein zu nehmen. — Sie wollen Kanzleivorstand sein? Schämen Sie sich! — Gehen Sie doch hinaus auf den Korridor und jagen Sie alle hierher zu ihrer Arbeit.«
»Was für ein Jude hat sich hierher verirrt?« frug ich.
»Der Teufel weiß, von wo er gekommen! Er ist noch immer hier und wälzt sich auf dem Korridor herum.«
Ich nahm den Leuchter von einem Tisch und ging in den Gang.
Hier in dem breiten, nur schwach beleuchteten Gange standen alle meine Beamten, einen dichten Kreis bildend, und betrachteten, einer dem anderen über die Achsel schauend, einen in der Mitte des Kreises stehenden Menschen, der mit verzweiflungsvoller, klagender Stimme im gemeinsten jüdischen Jargon sich hören ließ:
»Ai! wai! — Lassen sie mich, lassen sie … Ui! ai, ai, ai, wai, lassen sie! … Ai, lassen sie mich, ich habe keine Zeit, denn, dort — dort bei der Kirche … lief er weg … Ai! Herr Metropolit, Herr Metropolit … ai, ai, wai, Herr Metropolit … wann werdet ihr alter Mann … ai, wai! … wann werdet ihr an Gott glauben … ai! … was wird das werden! … ai! lassen sie mich … ai! ai!«
»Wohin sollen wir Dich, krätziger Jude, lassen?« unterbrach der diensttuende Soldat _Aleksejev_ den Jammernden.
»Dorthin … Gewalt … ich weiß nicht, wohin … wer an Gott glaubt … Lassen sie mich … Oh! ich armer unglücklicher Jude … Was macht es ihnen für ein Vergnügen mich zu quälen … mich zu ängstigen … ich bin so genug bereits abgeplagt und abgehetzt … um Gotteswillen, lassen sie mich …«
»Wohin führt Dich der Teufel, zu wem willst Du denn hin? … wohin willst Du?«
»Ai! … lassen sie mich bloß … ich gehe … bei Gott! ich gehe … doch weiß ich nicht, wohin ich gehe … mir ist nötig zum Herrn Metropoliten selbst …«
»Ach! Du dummer Jude, Du! sitzt denn ein solcher Herr hier!« räsonierte der Soldat.
»Ach! … wo … wo … ich weiß nicht, wo der Herr Metropolit sitzt, wo bei ihm anzuklopfen … Mir ist er sehr nötig, mir ist er gewaltig nötig!« schrie verzweiflungsvoll und dabei sich krümmend der Jude.
»Wenig ist dir 'was nötig; glaubst Du, Du krätziger Jude, daß sie Dich beim Mitropoliten vorlassen?«
Der Jude heulte noch mehr auf.
»Ach! … mir ist der Metropolit nötig … mich … mich lassen sie nicht zum Metropoliten … Verfallen, verloren ist mein Kind, mein armes, unglückliches Kind!«
Er ließ plötzlich einen so herzbrechend traurig-wehmütigen Klagelaut ertönen, daß alle plötzlich stumm zurückwichen. Der Soldat drückte ihm mit der Hand den Mund zu, aber der Jude befreite sein Gesicht von derselben und fing von neuem in der üblichen jüdischen Synagogenvibration zu flehen an:
»Oi Jeschu! Jeschu Hanozri! Sie wollen dich betrügen … nehme nicht den Laidak, den Mischiginer, den Lumpen … Oi, Jeschu, zu was ist Dir ein solcher Heide …«
Sowie ich hörte, daß der Jude den Namen unseres Heilandes anrufe, zerteilte ich mit der Hand den vor mir stehenden Haufen.
Vor mir sah ich eine Gruppe, welche mich lebhaft an jene mit dem Teufel des Rafael'schen Gemäldes »Verklärung Christi«, allgemein bekannt durch den Jordan'schen Stich, erinnerte.
Ein nicht mehr junger Jude, jedoch unbestimmbaren Alters, ganz naß, in angefrorenen Lumpen, aber mit vom Schweiße feuchtem Gesicht, mit an die Stirne angeklebten schwarzen Haaren, unstet rollenden Augen, in welchen Schreck, hoffnungslose Verzweiflung, Schmerz, neben unbegrenzter leidenschaftlicher Liebe und Selbstentsagung, die keine Grenzen kennt, zu lesen waren.
Am Kragen seines zerlumpten Rockes und an den Armen wurde er von zwei kräftigen Soldaten gehalten, unter deren Händen er sich krampfhaft wand, sich bald wie ein Igel zusammenziehend oder gleich einer Schlange sich windend, doch immer sich bemühend, sich frei zu machen von den ihn festhaltenden Eisenfäusten der Soldaten.
Dieser Ausbruch der fürchterlichen Verzweiflung, das stätig sich wiederholende »wer an Gott glaubt«, das ich einige Minuten vorher in der Bittschrift las, schienen mir in einigem Zusammenhange zu stehen.
Mir kam in den Sinn, ob ich nicht den Introligator vor mir zu stehen habe?
Aber wie konnte derselbe so rasch hinter seiner Bittschrift nachkommen und nicht erfroren sein in diesem schauderhaft zerlumpten leichten Röckchen; und schließlich, was wünschte er? was ist ihm nötig, daß er in seiner verzweiflungsvollen Art ohne Unterlaß den Mitropoliten und Jehoschua Hanozri anruft?
Vielleicht hat er den Verstand verloren?
Um dem häßlichen Auftritte ein Ende zu machen, gab ich den Soldaten mit der Hand ein Zeichen und bemerkte: »Laßt ihn los!«
Kaum hatten diese ihre Hände von ihm zurückgezogen, als der »närrische Jude« einen Sprung nach vorwärts machte, wie eine Katze, welche in einem dunklen Schranke eingesperrt, plötzlich, durch Aufmachen der Türe, freigelassen wird.
Die Beamten, einige lachend, andere erschrocken, stoben auseinander, gleich Erbsen, welche man aus einem Sacke auf die Erde schüttet; während der Jude wie ein junges Zicklein herumsprang.
Er lief von einer Tür zur anderen, wollte in ein verschlossenes Zimmer eindringen, das zu einer anderen Abteilung gehörte, und alles dieses tat er unter Wehklagen, Heulen, Seufzen, Schreien ai! ai! und alles mit einer solchen Geschwindigkeit, daß man ihm gar nicht folgen konnte.
Wie er in unsere Abteilung gelangen und sich in einem Winkel verstecken konnte, war fast unbegreiflich.
Man sah ihn nicht, doch hörte man sein unregelmäßiges heftiges schweres Atmen, das Klappern seiner Zähne; ihn selbst sah man nicht; es schien, als wenn ihn die Erde verschlungen hätte; er zittert, klappert, atmet unter dem Boden, wie der Schatten Hamlets.
Fünftes Kapitel.
Einige Minuten später entdeckte ich ihn; er saß zusammengekauert auf dem Boden unter meinem Tisch; klammerte sich fest mit den Händen an den Fuß desselben und zwischen den Zähnen hielt er den Rand des roten Tuches, mit welchem derselbe bedeckt war, fest.
Er fühlte sich jedenfalls so sicher hier, wie im Schoße Abrahams.
Er war entschlossen unter allen Umständen hier zu bleiben, und er hätte sich gewiß lieber seine halberfrorenen Finger abhauen lassen, ehe er den Tischfuß, den dieselben umklammerten, freigegeben hätte.
Der Soldat mühte sich ab ihn unter dem Tische wegzuziehen, umsonst: der große schwere Tisch zitterte und wurde gehoben, aber der Jude ließ nicht nach und war nicht wegzubringen, wobei er ohne Unterlaß schrie und klagte.
Mir war dieses alles höchst widerwärtig und ich befahl schließlich den Juden in Ruhe zu lassen, schickte jedoch nach einem Arzte, dessen Hilfe sich indes als unnötig erwies.
Sowie Ruhe eingetreten und ich mich mit ihm allein im Zimmer befand, wurde der Jude still, fing an sich zu rühren und seine Taschen durchzusuchen; eine Minute später schlich er sich langsam, wie ein Wolf im Käfig, zu meinem Tische und legte auf denselben einen Stoß von Papieren, eingewickelt in starkes weiches Umschlagpapier, das von einer, abscheulich nach Nelken riechenden eiterartigen Flüssigkeit durchtränkt war.
Ich muß zu meinem Leidwesen eingestehen, daß ich mich ekelte, diese Papiere in die Hand zu nehmen und sie aufzumachen.
Dieselben enthielten, wie es sich später ergab, nichts anderes als Verträge, welche der Introligator für Rechnung seines Sohnes gemacht hat.
Sohin blieb kein Zweifel übrig, daß dieser Mann Niemand anderer sei, als jener Jude, dessen Bittschrift noch einige Stunden vorher ein so großes Interesse bei mir erregte, daß ich sogar entschlossen war, für denselben einzutreten.
Wir waren uns also bereits näher bekannt.
Ich schickte den Juden nicht weg, sondern ließ ihn ruhig in der Stube sitzen in einer Lage, die ihm die bequemste schien und die er sich selbst gewählt hatte; mit gewohntem Blick überlas ich schnell die übelriechenden Papiere und fand, daß sie alle formgemäß in Ordnung seien, so daß der gemietete Ersatzmann, ein zweiundzwanzig Jahre alter Jude, an Stelle seines Sohnes ohne Anstand zur Stellung zugelassen werden kann, um so eher, als der bedungene Betrag von ein hundert Rubel demselben bereits voll und ganz zugezählt worden war.
Alle Dokumente waren in Ordnung; worin bestand dann das Unglück dieses Menschen? weswegen diese fürchterliche, qualvolle Aufregung, Angst und Verzweiflung, welche ihn fast zum Wahnsinn brachte?
Doch die Not war da, sie war fürchterlich, nicht abwehrbar; der Introligator begriff sie in ihrer ganzen verhängnisvollen Bedeutung.
Der vom Introligator angeworbene Ersatzmann war ein junger, noch nicht großjähriger Jude — gesetzmäßig konnten nur großjährige angeworben werden — aber ein sehr großer Spitzbube.
Er führte mit dem armen Stammesgenossen eine ganz niederträchtig listige, jedoch den Introligator zu Grunde richtende Geschichte auf, so genau berechnet und auf den Buchstaben des Gesetzes aufgebaut, daß gegen dieselbe in formeller Hinsicht nichts gemacht werden konnte.
Weder mir noch dem Introligator kam es in den Sinn eine Persönlichkeit für diese Angelegenheit zu interessieren, welche in der Lage gewesen wäre, durch einen Machtspruch den gordischen Knoten dieser Geschichte durchzuhauen.
Auch ist es mir nicht eingefallen, mich an jene wahrhaft fromme, herzensgute Persönlichkeit zu wenden, welche einen Rechtsspruch fällen konnte, »nicht von dieser Welt« — eine Entscheidung, nach welcher den weltlichen Richtern nichts anderes übrig blieb, als nur das Urteil des barmherzigen Richters in Ausführung zu bringen, welches derselbe fällte behufs Beseitigung jener jüdischen ränkevollen Ungerechtigkeit, die sanktioniert werden sollte durch den Übertritt zum katholischen Glauben.
Sechstes Kapitel.
Nach dem Gesetze konnte ein stellungspflichtiger Jude nur wieder durch einen Juden ersetzt werden; Christen waren in diesen Fällen völlig ausgeschlossen.
Dadurch erklärt es sich, daß es außerordentlich schwierig war einen Juden als Ersatzmann zu finden, ja es war fast ausgeschlossen, daß sich überhaupt ein Jude zu diesem Zwecke selbst angeboten hätte.
Liebten die Rechtgläubigen den Soldatenstand nicht und trachteten sie, den Dienst nicht ableisten zu müssen, so lief überhaupt der Jude demselben aus dem Wege und durch gute Worte oder einfaches Mieten lockte man ihn schon überhaupt gar nicht.
Im übrigen waren die Vorteile, welche der angeworbene Jude für die ihm angebotene Summe von drei bis vier hundert Rubel gewann, gar zu unbedeutend, da jedes Jüdchen, wenn es von Natur aus nicht gar zu stiefmütterlich behandelt ist, einen solchen Betrag leicht und ohne jede Gefahr und große Mühe auf leichtere Art erwerben kann.
Und die von der Natur stiefmütterlich behandelten eigneten sich überhaupt zum Militärdienst nicht.
Derjenige, welcher einen Ersatzmann suchte, konnte denselben nur in jenen Sphären finden, und unter Leuten, welche heimatlos waren, einen liederlichen Lebenswandel führten und durch ihre Aufnahme beim Militär einer schweren Strafe entgehen wollten.
Derartige Leute fanden sich unter den Juden äußerst selten, sie waren geradezu — weiße Raben.
Dem Introligator gelang es jedoch — zu seinem Glück, oder besser sei es gesagt, Unglück — einen solchen »weißen Raben«, eine Seltenheit zu finden.
Was war das für ein Mensch?
Es war dies in seiner Art ein großer traditioneller jüdischer Geschäftsmacher, welcher im Mietsvertrage die Angelegenheit so zu drehen verstand, daß er nicht nur seinen Nächsten — die ihn mietenden Juden — vollständig zu Grunde richtete, sondern auch den Glauben profanierte und dem Gesetze selbst eine Nase drehte.
Und was die Angelegenheit noch interessanter machte war, daß er dieses alles unter den Augen und Mithilfe einer hochstehenden Persönlichkeit durchführen und eine neue, bis dahin nicht bekannte, aber außerordentlich günstige Art, sich über den katholischen Glauben und das Gesetz lustig zu machen, einführen wollte.
Dieser Lump war ein Damenschneider-Gehilfe des Meisters _Davidek_, welcher zu jener Zeit für Kiev das war, was Worth für Paris, ein Schneider für die »elegante Welt«.
Wegen Ungehörigkeiten jagte Davidek den Gesellen davon und die Polizei wies ihn aus.
Ohne Beschäftigung strolchte und bettelte der Geselle aus einer Stadt der »goldenen Ukraina« in die andere, fiel schließlich in die Hände des Introligators zu jener Zeit, als dieser den heftigsten Kampf um sein geraubtes Kind kämpfte; der Vertrag wurde beschlossen, nicht aber einfach geschlossen, wie dies bei getauften Leuten der Fall zu sein pflegt, sondern mit in voraus berechneter böser Absicht, mit Hintergedanken, welche jedoch der Schneider solange für sich geheim hielt, bis sich ihm Gelegenheit bot offen zu handeln.
Das Nichteinhalten derartiger Verträge, war nichts seltenes, da diese gewöhnlich ohne Mitwirkung der Gerichte errichtet, deshalb meistenteils Formfehler besaßen, die im vorkommenden Falle das Dokument ungültig machten — derartige Umgehung der Gesetze lag im Blute der Juden, welche ohne sie nicht leben konnten.
Der Introligator, welcher sich in höchster Aufregung befand, um so mehr als die Angelegenheit keinen Aufschub erlaubte, sondern ein rasches Handeln forderte, mußte in alle Forderungen seines Mietlings einwilligen.
Er verkaufte sofort um zwei hundert Rubel sein Häuschen mit allem Zubehör und für drei hundert Rubel verpflichtete er sich bei einem reichen Juden jahrelang zu arbeiten.
Mit einem Wort, er war gebunden an Händen und Füßen, nach allen Seiten hin, während der angeworbene Schneider drei hundert Rubel in die Hand ausgezahlt erhielt, ohne einen Gegendienst geleistet zu haben.
In aller Eile wurden die nötigen Dokumente aufgeschrieben und der Introligator schickte mittels Post jenes Bittgesuch ab, dessen ich bereits früher erwähnte; er selbst folgte mit dem angeworbenen Manne und den übrigen Dokumenten nach.
Nun aber brach erst das Unglück über den Mieter herein.
Nur bis zur Unterschrift und Annahme des Geldes konnte es der Angeworbene kommen lassen, weiter gehen konnte und durfte er nicht, wenn er seine Freiheit bewahren wollte; er durfte deshalb seine Karten nicht aufdecken.
In der unmittelbarsten Nähe von Kiev verschwand er plötzlich aus der jüdischen Herberge.
Als der Jude bis zu dieser Stelle in seiner Erzählung kam, da heulte er auf und verlor fast völlig die Sprache, so daß er nur mit schwerer Anstrengung das Ende der Geschichte erzählen konnte.
Während der Zeit, als der Introligator über den Ankauf von Lebensmitteln handelte, was überhaupt nur wenige Minuten in Anspruch nahm, verlor er den angeworbenen Ersatzmann aus dem Gesichte, während dem lief der Schneider zu dem gegenüber der Herberge wohnenden Balagul,[5] mietete, ohne zu handeln, einen Viererzug junger, leichter Pferde und und fuhr mit aller Geschwindigkeit nach Kiev um — _sich taufen zu lassen_.
Ein fürchterlicherer Schlag konnte den Introligator nicht treffen, als das Verschwinden des angeworbenen Schneiders, denn durch dessen Flucht wurden nicht allein seine Hoffnung, sondern auch seine Pläne zerstört; er war bestohlen, betrogen, und wie man zu sagen pflegt, ihm wurde die Gurgel ohne Messer durchgeschnitten.
Sein Kind ging ihm verloren, ebenso wie ihm sein geringes Hab und Gut verloren gegangen, denn schon die Äußerung des Wunsches sich taufen zu lassen, hob alle mit dem Introligator abgeschlossenen Verträge auf; der Schneider wurde seiner übernommenen Verpflichtung, sich an Stelle des Knaben anwerben zu lassen los und ledig; der Wunsch sich taufen zu lassen, setzte jeden Juden, so auch den Schneider, unter den besonderen Schutz orthodoxer Gesetze.
Es war mir klar, daß in dieser Angelegenheit jeder Versuch einer Einmischung vollständig aussichtslos ist; ich konnte sehr leicht den grenzlosen Schmerz und die Qualen des Erzählers dieser traurigen Geschichte begreifen, aber ich sah auch weiter ein, daß hier, wer es auch sein mag, keine Hilfe bringen und keine Änderung zu Gunsten des Juden hervorzurufen vermag.
[Fußnote 5: Besitzer von Mietswagen.]