Nick Tappoli

Part 4

Chapter 43,643 wordsPublic domain

Die Sonntagsmorgenspaziergänge mit dem ältern Bruder, der ebenso klar, doch nüchterner als er in die Welt blickte, waren für ihn stets ein schönes Erlebnis, ebenso der Mittagstisch, den die stille Mutter zu Ehren der tapfern Söhne merkbar reichlicher als früher deckte. Am Nachmittag liebte es Meister Martin, mit ihnen unter die Leute zu gehen und in einer Gartenwirtschaft Einkehr zu halten. Friedrich wußte, daß er die bescheidene Zeche zu bezahlen hatte; nicht etwa, weil der Vater geizig gewesen wäre, sondern weil es ihm wie eine freundliche Lebensquittung erschien, daß er sich schon von einem seiner Söhne konnte bewirten lassen. Am Abend setzten sich Vater und Mutter unter die achtköpfige blühende Kinderschar, die blonden und schwarzen, sie stimmte Lied um Lied an, und wenn die hellen Gesänge verklungen waren, legte Meister Martin den Arm über die Schulter der kleinen Frau mit den glücklichen, schweigsamen Augen und sagte: »Man kann weit laufen, bis man eine so zufriedene und einträchtige Familie findet. Wir haben es uns aber auch sauer werden lassen.«

Die Eltern rühmten ihr Glück nie vor anderen, sie hätten befürchtet, es damit zu verscherzen; aber im stillen flüsterten sie heimlich von Wohlfahrt und Gedeihen.

Da brachte der Herbst eine unerwartete Veränderung in die Familie. Durch das Städtchen schwälte der Duft des jungen Weines, Fuhrwerk um Fuhrwerk kam von Schaffhausen, Hallau und dem Rafzerfeld her und führte in grünbemalten Fässern, aus deren Spundloch Georginen- und Asternsträuße ragten, den Sauser durch die Brücke. Tag und Nacht hörte das Pferdegeklingel nicht auf, und auch das Städtchen wimmelte von Käufern, meist Gastwirten aus Zürich, die seine wohlgeratene Traubenernte begehrten.

Die Geldkatze aus Otterfell über den Leib, trat einer auch zu Meister Martin herein. »Ich bin Jakob Weriker, der Meisenwirt von Zürich, und hätte mit Euch, wenn Ihr wollt, zwei Geschäfte. Das eine betrifft die paar Saum[1] Wein, die Ihr zu verkaufen habt, sie würden mir zur Vervollständigung einer Ladung dienen, das andere Euere älteste Tochter.« Meister Martin zog das Käppchen und machte ein bedenkliches Gesicht, nicht wegen des Weines, den zu veräußern er bereit war, sondern wegen Marie. »Ja, was soll's denn mit dem Kind?« fragte er. »Darf ich die Tochter sehen?« erwiderte Weriker. »Ihr werdet vom Zunfthaus zur Meise in Zürich noch nie etwas Nachteiliges gehört haben.«

[1] Altes Maß, anderthalb Hektoliter.

»Nein, gewiß nicht,« versetzte Junghans, »ich weiß, daß es die Einkehr der Ratsherren und der vornehmen Leute in der Stadt ist.«

»Also,« lächelte der Wirt.

Sein Auftreten gefiel Meister Martin, es spiegelte sich darin Wohlhabenheit, Selbstbewußtsein, aber auch ehrbare Zuverlässigkeit. Neugierig, was nun folgen würde, rief Junghans Marie herbei.

Sie kam, grüßte den Wirt anstandsvoll und so bescheiden, als hätte sie noch nie in einem Spiegel gesehen, wie ihr das Gesicht hübsch aus den glatten, schlichtgescheitelten Haaren hervorleuchtete. Die braunen Rehaugen fragten ängstlich und neugierig, was denn wohl der Fremde von ihr wolle. Er fragte sie manches aus ihrem jungen Leben, und sie gab kurze, klare Antworten. Weriker fand ein wachsendes Gefallen an ihrer ebenso gescheiten wie treuherzigen Art. Auf seinen Wunsch trat auch die Mutter herzu, und in großer Spannung saß das Ehepaar dem stattlichen Zunftwirt gegenüber.

»Ja, lieber Meister und Frau,« hob er an, »Eure Marie hätte ich gern als Aufwärterin in die Meise.«

»Niemals!« fuhr Meister Martin empor. »Niemals!« wiederholte Frau Elisabeth wie ein Echo. »Nein, wir geben kein Kind in ein Gasthaus. Bemüht Euch nicht weiter.« In ihren Gesichtern stand die Entrüstung über das Ansinnen.

»Ich war auf diese Ablehnung gefaßt,« erwiderte Weriker unbeirrt. »Herr Pfarrer Tappoli, der nie nach Zürich kommt, ohne in die Meise zu schauen, hat mir zuerst den Namen Eurer Tochter genannt, aber mich auch auf Euren Widerstand vorbereitet. Doch wollte ich das Mädchen einmal sehen. Nun hat ihr Eindruck meine Erwartung übertroffen. Eure Marie ist gerade das, was ich bedarf: ein gesundes, rechtschaffenes Wesen, rasch von Verständnis, anmutig, doch nicht auffallend von Gesicht. Das brave, einsichtige Landmädchen, das in ein Zunfthaus taugt.«

»Wenn wir aber nicht wollen!« grollte Meister Martin. »Zu jedem Handel müssen doch zwei sein.« »Darüber jetzt ein Wort,« versetzte Weriker ruhig und zäh. »Es gibt genug reiche Bauern und Müller, die mir noch ein stattliches Geld zahlen würden, wenn ich ihre Töchter nur in meine Stuben aufnähme, aber daraus habe ich mir nie ein Geschäft gemacht, sondern stets die Mädchen gewählt, wie sie sich für mein Haus eignen. Warum würden Bauern und Müller noch gerne Geld bezahlen? Meine Frau und ich halten unsere Aufwärterinnen wie eigene Töchter. Im Umgang mit unsern Gästen erlernen sie Lebensart, erwerben sich gute Formen und hören auch manches Ernste, was sie bildet. Liebeleien gestatten wir aber nur, wenn wir überzeugt sind, das Mädchen finde dabei sein Glück. Das ist der alte Ruf der Meise. In den vielen Jahren, da ich auf der Zunft sitze, ist noch jede zu einer guten Heirat gelangt und hat, wenn sie aus dem Haus trat, bereits eine schöne Aussteuer besessen. Die besorgen unsere Stammgäste, die grundsätzlich kein Trinkgeld geben, statt dessen aber für die aufwartende Tochter ein Sparkassenheft führen. Und so sage ich bloß: Stellt Euch der Marie nicht in den Weg für ihr künftiges Glück, denkt an die reichen Bauern.«

Junghans und seine Frau blickten sich fragend an. Der Vorschlag Werikers ließ sich doch hören.

»Also überlegt's Euch, Meister und Frau,« versetzte er selbstsicher. »Ich fahre jetzt nach Schaffhausen und Hallau, dann komme ich wieder und bitte um Eure Antwort. Die Angelegenheit drängt etwas, die Tochter, die durch Marie ersetzt werden soll, will heim, sie ist mit einem angesehenen Handelsmann verlobt.« Als er gegangen war, setzte sich das Ehepaar ratlos an den Tisch, Meister Martin das Kinn in der Hand. Marie aber glänzten die Augen auf und blühten die Wangen. »Ja, Vater, ja, Mutter, ich will! Mir schien es schon lange ein Unrecht, daß ich Euch nicht verdienen helfe. Quält Euch nicht mit Befürchtungen. Ich weiß, was ich Euch schuldig bin.« Und mehr als ihr Mund sprach ihr braunes, lieblich ernstes Gesicht, das leichtsinniger Gedanken nicht fähig war.

Meister Martin besprach sich mit Pfarrer Tappoli und nahm den Weg nach der Stadt unter die Füße. Als er am Abend todmüde heimkam, erzählte er: »Für Marie und uns ist wirklich das Glück zum Dach hereingefallen, daß sie auf dem Zunfthaus dienen darf.«

Sie fand dort ihr Brot.

Ulrich aber sah in der Ferne schon die Zeit seiner Wanderschaft vor sich und freute sich darauf, ohne recht zu wissen warum. Er durchstreifte, allerdings nur auf der Karte, die Länder Europas, Osten und Westen, Norden und Süden, fuhr bald den Rhein oder die Donau hinab, oder zog über den Gotthard nach Italien, oder über den Jura nach Frankreich hinein. Oft sprach der Vater mit ihm andeutungsweise, dann offener und klarer über die sittlichen Gefahren der Wanderschaft, über Weggefährten, Herbergen, Gesellenleben und die Versuchungen durch junges Weibsvolk. Obgleich sich Ulrich für einen gescheiten jungen Mann hielt, gestand er sich, daß er doch eigentlich von den verführerischen und schlechten Dingen draußen in der Welt noch wenig wisse.

Das bekräftigte ihm auch Thomas, der alle deutschen Mundarten durcheinander sprach. »Das Schlechtest aber, was Gott erschaffen hat, das soan's schon d'Weibsleut. Himmi Sakrament, Donnerwetter! Läus' haben ist nichts, aber so' nen weibischen Anhang, den man nimmi losbringt. Schön und liab soans z'erst, aber nahi? -- Wenn du der Simson wärst, du kimmst net dagegen an. Die luderige Delila hat dir halt's Haar abg'schnitten, wie's schon in der Bibel steht, die Katz hat si an dei Buckel krallt, und du kannst kratzen und schreien, es hilft dir nichts. Und du bist grad einer, Uli, auf den's Weibsvolk losgeht wie d'Schnackenmucken auf das frische Blut.«

Den jungen künftigen Wandersmann überlief eine Gänsehaut. Wenn er sich aber ruhiger Überlegung hingab, war ihm, er brauche nicht vor den Künsten der Weibsbilder zu bangen. Versuchte ihn eine, so würde er an Nick Tappoli denken, und die andere könnte mit ihrem Zauber gehen.

6

Im Pfarrhaus aber war tiefe Sorge eingekehrt.

Im Vorfrühling hatte Tappoli seinen Amtsbruder in Rafz, der einer auswärtigen Beerdigung beiwohnte, vertreten müssen. Regen, Schnee, Graupeln und jagender Sturm überraschten ihn auf dem Weg nach dem entlegenen Dorf, in durchnäßten Kleidern predigte er und kam schlotternd und fiebernd wieder heim. Lungenentzündung! Nach einigen Wochen gab sie sich. Da fuhr der kaum Genesene trotz der Bitten der Seinen zum Sechseläuten nach Zürich, das ihm von jeher am Herzen gelegen hatte. Dort tafelte er, die rote türkische Mütze auf dem Kopf, mit seiner lieben Kämbelzunft[2] bis in den Morgen hinein und hielt ihr eine ausgezeichnet schöne Rede, kam aber wieder schwer erkrankt in das Städtchen zurück. Als er der Familie Junghans einen Gruß von Marie ausrichten wollte, der es gut gehe, hatte er einen Ohnmachtsanfall. Wohl erholte er sich davon, mußte aber einen Vikar bestellen.

[2] Zunft zum Kamel, ursprünglich Handelszunft.

Nur bei einer Hochzeit im Maien waltete er noch einmal selber des Amtes. Der Bräutigam war Doktor Felix Hartmann von Eglisau, der es in Magdeburg als Arzt zu großem Ansehen gebracht hatte, die Braut eine geborene polnische Gräfin Livia Schimanoska.

Da es sich um so vornehme Gäste handelte, die zudem im Pfarrhaus einen Imbiß einnehmen sollten, war auch Nick mit heißer Seele bei der Begebenheit. Schon festlich geschmückt drängten sie und Julie die Gesichter an die Fenster, um die Wagen aus der Brücke anfahren und das Paar die mit Teppichen belegte Treppe hinauf in die reich mit Blumen geschmückte Kirche gehen zu sehen. Besonders auf die junge Frau setzten sie große Erwartungen, auf die Gräfin, die einen Fürsten hätte heiraten sollen, aber mit dem Arzt entflohen war und nun in der Fremde, verlassen von den Ihrigen, den großen Schritt des Lebens unternahm.

Zu ihrem Leidwesen dauerte der Hochzeitsbesuch im Pfarrhaus nur eine Stunde. Dann erhoben sich die Gäste und warfen sich in Reisekleider. Nick aber war es, an diesem Tag habe sie die Romantik, das Märchen des Lebens berührt, und lange noch sannen und spannen ihre Gedanken um die schöne Begebenheit. Ein paar Jährchen noch, dann würde auch sie den Myrtenkranz und den zarten Schleier tragen und dem größten Geheimnis des Lebens entgegengehen. Sie durchmusterte die Reihe der jungen Männer, die ihr gefielen, und stieß auf die Gestalt des Messerschmiedes Ulrich Junghans; ihre Sinne aber standen auf einem Mann, der geachtet in der breiten Öffentlichkeit wirkte, und ihre Hoffnungen auf das Glück der Welt waren nicht klein.

Zunächst jedoch hauste im Pfarrhof die Sorge. Der Vater wurde stets kränker und brachte den Vikar nicht mehr los, der ihm viel Verdruß bereitete.

Ferdinand Bürsteler war ein sonderbarer und unfertiger Heiliger, seine fleischige Gestalt erinnerte jedermann daran, daß er der Sohn eines reichen Metzgermeisters vom Lande war, und wie sehr er sich bestrebte, geistliche Würde zu zeigen, blieb etwas Unstimmiges in seiner Kleidung und seinem Benehmen gegen die Menschen. Er suchte sich durch einen freundlichen Verkehr mit der Jungmannschaft des Städtchens beliebt zu machen und gab sich so volkstümlich wie sie. Sie aber verlor dadurch den wünschbaren Abstand gegen ihn, ja die Frechern stellten sich mit ihm ohne weiteres auf das vertrauliche Du. Er spürte zwar das Ungehörige darin, war aber in seiner bodenlosen Gutmütigkeit nicht wehrhaft genug, sie von sich abzuschütteln. Besser als unter dem richtigen Namen kannte man ihn im Städtchen unter dem Spottwort »Ferdi Wiederum«, denn er pflegte in seinen Predigten die Pausen des Gedächtnisses mit der Wendung »Wiederum sage ich euch« auszufüllen, im nämlichen Gottesdienst ein dutzendmal. Überhaupt die Predigten! Mit einförmiger, dröhnender Stimme trug er sie vor, legte das Pathos dahin, wo es nicht hingehörte, und schlug mit der Faust dann und wann auf das Kanzelbrett. Jedermann im Städtchen lachte über den derben »Ferdi«. Aus dem Gelächter wurde aber eine schlecht versteckte Feindseligkeit, und würdige Männer sagten es ihm ins Gesicht, daß er gescheiter hinter die Fleischerbank seines Vaters als auf die Kanzel treten würde.

Die Not wegen des Vikars war im Pfarrhause groß, plötzlich wuchs sie zur Verzweiflung an.

Die Pfarrerin trat an das Lager ihres Mannes und meldete ihm unsicher: »Draußen steht ein junges Paar und will deinen Segen erbitten -- der Vikar und Julia!«

»Was sagst du?« fuhr der Abgezehrte empor, und seine Augen loderten mit letzter Kraft.

Sie erbleichte über seinen Zorn, nahm seine Hand und flüsterte: »Leider Gott, du Lieber, es _muß_ sein. Sie lieben sich, -- ich fürchte, ein Einspruch käme schon zu spät.«

»Das ist ja ein Nagel zu meinem Sarg!« ächzte er und sank trostlos auf das Lager zurück. »Zu spät!«

Tage vergingen. Ehe er das Paar zu sich herantreten ließ, mußte Bürsteler seinen Vater zu Hilfe rufen. Der dicke, gutmütige Metzgermeister kam mit reichen Geschenken für die Braut und die Schwiegermutter. Indem er die Bewegung des Geldzählens machte, sagte er, wenn Ferdinand sich nicht für das geistliche Amt eigne, so ständen ihm, dem einzigen Sohne, noch genug andere Wege offen, durch die Welt zu kommen. Er brachte zuerst die Pfarrerin auf seine Seite, und in einem Gefühl grenzenloser Demütigung gab der durch die Krankheit widerstandsunfähig gewordene Tappoli die öffentliche Verlobung zu.

Nun aber war er ein völlig gebrochener Mann. Umsonst suchte ihm die Gattin die Vorteile der Verbindung auseinanderzusetzen. »Nicht einmal eine Aussteuer beansprucht Vater Bürsteler, er schafft sie der Julia selber an. Das ist in unsern Verhältnissen eine große Wohltat.« Es war ein Wesenszug der stillen Frau, um deren Gesundheit es selber nicht am besten stand, daß sie nichts so sehr wie den Frieden des Hauses schätzte. Seinetwillen wollte sie manchmal Dinge unter einen Hut bringen, die sich stets so fremd blieben wie der feine Pfarrer und der derbe Vikar. Sie suchte auch Nick mit der Verlobung zu versöhnen, aber das heftige Mädchen bebte vor Empörung. Die Geschenke des künftigen Schwagers wies sie mit verletzendem Stolz zurück und lebte nur noch ihrem sterbenden Vater.

»Jetzt halte du, Monika, den Namen der Tappoli höher in Ehren als deine Schwester, sonst wüßte ich selbst im Jenseits meines Leides kein Ende,« flüsterte er in einem seiner lichten Augenblicke.

»Ja, Vater -- ja -- ja -- ja!« stammelte sie inbrünstig und umklammerte seine hager gewordenen Hände mit leidenschaftlicher Kraft.

Nach ein paar Tagen kam der Todeskampf über ihn.

Es war ein Sturm- und Schneetag, als man Pfarrer Tappoli beerdigte. Der unwillkommene Schwiegersohn hielt eine leidliche Rede auf ihn, dann stieg ein alter weißbärtiger Dekan auf die Kanzel und sprach besser.

Unter der Menge Leidtragender, der gesamten Gemeinde, die im Schneegestöber auf dem Kirchhof stand, befand sich auch Ulrich, der tief um seinen Religionslehrer trauerte. Seine Augen waren auf Monika gerichtet. Im langen, schwarzen Trauergewand erschien sie ihm noch schlanker als sonst, in ihrem Gesicht, das keine Farbe mehr hatte, stand ein tränenloser, wie zu Marmor erstarrter Schmerz, der neben dem heftigen Weinen und Schluchzen der übrigen Familienangehörigen erschütternd wirkte. Ulrich durfte in dieser leidvollen Stunde nicht daran denken, daß er sie liebe, nur weinen hätte er mögen vor Mitleid mit ihr.

Ferdinand Bürsteler, der durch den Tod des Pfarrers vom Vikar zum Verweser vorgerückt war, namentlich aber seine Braut und die verwitwete Pfarrerin hofften, daß er zum ständigen Geistlichen des Städtchens ernannt werde und sie ungestört im lieben Haus bleiben dürften, durch das noch der feine Geist des Verstorbenen ging. Damit sich der Ruf Ferdinands im Städtchen bessere und die Bürger etwas Achtung vor ihm bekämen, nahmen ihn Braut und Mutter in eine strenge Erziehung. Sie kamen aber mit ihren wohlmeinenden Bestrebungen zu spät. Die Kirchenpflege richtete eine Zuschrift an ihn, sein Entlassungsgesuch, das er in Wahrheit gar nicht eingereicht hatte, sei genehmigt, und legte dazu ein Zeugnis über seine Tätigkeit im Städtchen, das nach dem Grundsatz gehalten war, man solle dem fliehenden Feind goldene Brücken bauen. Mochte eine andere Gemeinde sehen, wie sie mit ihm fertig würde.

Als er sich vom ersten Staunen darüber erholt hatte, nahm er es nicht mehr schwer und begriff nicht, daß Julia und die Mutter heiße Tränen über das höhnische Benehmen der Pflege vergossen, merkte aber, daß die blasse Nick über diese Wendung hochaufatmete. Am liebsten hätte er die junge, feine Schwägerin auf den Händen getragen, aber da gab es nichts zu drehen und zu deuten, sie war, wenn auch verhalten, seine unversöhnliche Feindin.

Eine Kalesche führte Bürsteler mit seiner Braut aus dem Städtchen ins liebliche Oberland, wo sein Vater wohnte, und hinter ihnen öffnete Monika die Fenster des Hauses, um die Vorfrühlingswinde durch die Räume strömen zu lassen.

»Du bist boshaft,« schalt die Mutter. »Alle Achtung vor Ferdi! Er hat ganz im stillen die vielen alten Bücherrechnungen des Vaters bezahlt. Woher hätten wir das Geld genommen?«

Die betroffene Nick spürte, wie die Armut ins Haus zog und sie durch den vorzeitigen Tod des Vaters selber ein Vöglein auf dem Ast geworden war. Die Unbesorgtheit des Vaters in Gelddingen, die kleine Besoldung, der viele Besuch! Daran lag's! Ausgeträumt war der Plan eines Bildungsjahres im Welschland; die kleine Vermögenshinterlassenschaft reichte nur, um Dietrich durch die begonnenen Studien zu bringen. Sie und die Mutter aber mußten froh sein, wenn sie als Kostgeberinnen eines künftigen Verwesers im alten Heim bleiben durften. Nur dieses nicht räumen müssen!

Im Städtchen wußte man, wie es um die verwaisten Pfarrersleute stand. Die Kirchenpflege kam, zu Ehren des verstorbenen Tappoli, den stillen Wünschen der Witwe entgegen und richtete wieder eine Verweserei ein. Dabei dachte sie auch rücksichtsvoll an Nick. Obwohl sie noch etwas zu jung war, hätte man sie im Städtchen gern als Pfarrersfrau gesehen; man hoffte, einem kommenden Verweser werde es von selber einfallen, dem schönen, gescheiten Mädchen die Hand zu reichen.

Leider wußte Nick der Behörde für die gute Absicht wenig Dank. Als sie durch die Mutter Wind davon bekam, lächelte sie stolz: »Die Kirchenpflege verheiratet mich nicht, das besorge ich schon selber.« »Nick, Nick! Hochmut kommt vor dem Fall,« schmälte die niedergedrückte Frau, die oft ihre Not mit dem siebzehnjährigen Trotzkopf hatte. --

Die Pfarrerin war zur Hochzeit Ferdinands und Julias in dessen Heimat gefahren, Monika mit der Begründung zurückgeblieben, daß jemand zu Hause sein müsse, wenn allenfalls ein neuer Verweser einrücke.

Und er kam -- Glorian Rollenbuz! In der brennenden Sonne des Mittags trat er im Winterüberzieher, ein blaues, wollenes Tuch um den Hals, fast ärmlich, ins Pfarrhaus. Der Unterton jedes seiner Worte flehte: »Verzeihen Sie mir tausendmal, daß ich auch auf der Welt bin.« Das nicht mehr junge Männchen mit dem ausgedorrten, pergamentenen Gesicht mutete Nick sogleich komisch an. Als er den dunkeln Filz ablegte, erschien darunter eine dicke, schwarze Mütze, ähnlich der Beulenkappe, die man kleinen Kindern aufsetzt, damit sie sich im Fall nicht verletzen. Er bat um Entschuldigung, daß er sie wegen seiner reizbaren Kopfnerven nicht ablege, der größte Feind seiner Geistesarbeit sei die Luft. Im Vorbeigehen zeigte sie ihm die schöne Bibliothek ihres Vaters, aber er sagte, vor Bedauern zitternd, die Klassiker seien ihm zu modern, er lese überhaupt nur Schriften, die vor der Erfindung der Buchdruckerkunst entstanden seien. Allmählich merkte Nick, daß er im Haupt- oder Nebenberuf Privatgelehrter war.

Als die Mutter von der Hochzeit ihrer Ältesten heimkehrte, war sie überrascht, Monika so hellauf zu finden.

»Ach, wenn du unsere Heuschrecke siehst,« lachte die Tochter, »so vergeht auch dir jede Traurigkeit! Ich glaube, Gott hat uns den Verweser eigens ins Haus geschickt, damit ich wieder fröhlich sein lerne.«

Das Herz der Pfarrerin war aber noch von der Hochzeit voll und mußte sich selber zuerst entladen, ehe sie Anteil an Glorian Rollenbuz faßte: »Und denke dir, Nick, jetzt ist das Paar auf seiner Hochzeitsreise unterwegs nach Paris. Julia in Paris! So weit bringst du es mit deinem Stolz im Leben nicht!«

»Lieber aufs Altjungfernried als mit Ferdinand nach Honolulu!« spottete Nick.

Die Mutter wandte sich von ihr ab und warf durch die Türspalte einen neugierigen Blick nach dem Verweser.

In dem Polsterstuhl, in dem schon ihr seliger Mann seine Predigten studiert hatte, saß das Männchen und hatte das Tageslicht durch eine über das Fenster gezogene Wolldecke abgeblendet. Auf seinem Kopf ruhte die dicke Mütze, über die Stirn war ein großer grüner Lichtschirm, vor die Augen eine mächtige Hornbrille gespannt -- dies eben gab ihm das Heuschreckenhafte, von dem Nick gesprochen. Um den Hals hatte er das blaue Wolltuch geschlungen, der Rest seiner Leiblichkeit steckte in einem alten Schlafrock und Schlurfpantoffeln. Auf dem Boden lagen an die hundert Kartonschachteln alphabetisch geordnet, in allen Fächern staken etliche beschriebene Zettel.

Mit einem Seufzer schloß Frau Tappoli die Tür. Ihr war der luft- und sonnenscheue Sonderling zuwider, Nick aber mußte etwas an dem stillverrückten Menschen finden. Sie war geradezu seine Freundin. Dankbar weihte er sie in seine gelehrte Tätigkeit ein, für die er sich Pergamente und Folianten aus mancherlei Ländern kommen ließ. Das Werk, an dem er arbeitete, trug die Überschrift »Die Grundzüge des Ökumenischen Konzils«. Zehn Jahre schon beschäftigte es ihn angestrengt, bereits war es auf fünf Bände angewachsen, er rechnete aber auf noch zehn Jahre und noch fünf Bände, bis die »Grundlinien«, seine Lebensarbeit, vollendet seien, und seufzte dazu: »Wenn es die Kopfnerven nur aushalten!«

»Werden die Bände aber auch gekauft werden?« fragte Nick, seinen Gelehrtenfleiß bewundernd und in leisem Mitleid. »Gekauft? -- Wohin denken Sie?« erwiderte er, nicht ohne Selbstbewußtsein. »Ich bin keiner jener armseligen Schriftsteller, die ihre Bücher gern in vielen Händen wüßten. Die ›Grundlinien‹ sind nur für Bibliotheken bestimmt, und ihre Veröffentlichung kostet ein Heidengeld. Dafür haben wir aber in Basel unsere Familienstiftung Rollenbuz.«

Hatte Nick vermutet, daß Herr Glorian heimlich ein armer Schlucker sei, so belehrten sie seine Mitteilungen über die Stiftung vom Gegenteil. Schelmisch fragte sie: »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, ohne daß Sie böse werden? Sie sind mit den Kleidern etwas schäbig dran. Wenn wir aus der Stiftung neue kauften und Ihren gesamten alten Plunder ins Armenhaus verschenkten!« »Liebes Fräulein,« erwiderte er, »diese Dinge liegen tief unter meiner Art. Wenn aber Sie an die Stiftung schreiben wollten?« »Das will ich!« rief sie; »aber werden Sie mir hinaus durch die frische Luft zu einem Schneider oder Schuhmacher folgen?« »Nein, das geht nicht,« stotterte er, »die Luft, die Kopfnerven!« und blickte sie hilflos an wie ein Kind. »Dann könnte ich ja die Handwerker hieher rufen,« meinte sie.

»Fräulein Tappoli, Wohltäterin!« rief er. »Gott hat Sie erleuchtet.« Und Glorian Rollenbuz kam zu neuen Kleidern.