Part 3
Und als der Vater dann verreiste, lief das Geschäft auch ohne ihn. --
Im Hochsommer überraschte Gerold von Jaberg den Schmied mit seinem Besuch. »Jung Siegfried war ein stolzer Knab'!« rief er dem Freunde zu, der vom Feuer der Esse umsprüht, von Qualm und Dampf umwirbelt vor einem Steinbecken stand, in dem er ein paar weißglühende Eisen kühlte. »Ich kann dir die Hand nicht reichen,« erwiderte Ulrich, »aber in einer Viertelstunde bin ich zu deiner Verfügung.« Er warf sich in den Sonntagsstaat und versäumte Gerold zu Ehren ein paar Stunden der Arbeit. Sie schwärmten hinaus nach den drei einsamen Föhren der Grenze und dem Heidenbühl und blickten von dort miteinander ins Hochgebirge, das Gipfel an Gipfel, Haupt an Haupt, ein geheimnisvoll leuchtender Silberkranz im fernen Süden stand.
Gerold erzählte ihm, daß sein Vater nun tatsächlich nach Dänemark und er selber in die Gegend von Lübeck übersiedeln werde und sie schon morgen abzureisen gedächten. In einem ländlichen Gasthaus hielten die Freunde Einkehr, und so lieb nun dieser letzte Besuch Gerolds gedacht war, merkte Ulrich doch, wie die Augen des jungen, schönheitssinnigen Edelmannes verlegen und mißbilligend auf seinen Werkhänden ruhten, auf den vom Feuer und kalten Wasser herrührenden Rissen, aus denen sich der Ruß auch mit Seife und Bürste nicht entfernen ließ. Er war zu stolz, sich zu entschuldigen, wurde aber über den Blicken Gerolds selber verlegen und fühlte, wie ihre Wege nicht nur nach den äußeren Schicksalen, sondern auch nach der seelischen Entwicklung auseinanderliefen: der seine hinein in die derbe Arbeit, derjenige Gerolds in die geistige Verfeinerung. Fast still legten sie den Weg ins Städtchen zurück.
So kam, von keinem gewollt, das Ende der schönen Knabenfreundschaft, und ein paar Briefe, die sie später noch wechselten, waren nur der Ausklang der gemeinsamen Jahre.
4
Ulrich vergaß nie, daß er Gymnasiast gewesen war, und die Mitgesellen, gegen die er allmählich freundlicher wurde, achteten seine Bildung, Thomas namentlich. Der nun zu einem alten Männchen verschrumpfte Hagestolz hatte in jungen Jahren so viel von deutschen und österreichischen Landen gesehen, daß er eine Menge Mundarten durcheinander sprach. Sogar hinüber nach England in die Fabrikstädte Manchester und Birmingham war er gekommen und zwei Jahre in Paris in einer Werkstatt für chirurgische Instrumente tätig gewesen. Wie wenn er dem Meisterssohn Trost bringen sollte, erzählte er ihm oft von den Aufenthalten in der weiten Welt und ließ dabei den halbverlorenen Blick in wiedererwachtem jugendlichem Glanz aufleuchten. Ulrich merkte aus den Reden des Alten wohl, daß es etwas ganz besonders Schönes um die Wanderjahre eines Handwerksburschen sein müsse. Auf die Zeit, da er selber Länder und Völker sehen würde, freute er sich tiefinnerlich, und der Gedanke daran leuchtete über dem Beruf, den er hatte unfreiwillig ergreifen müssen, wie ein Stern, der einen nächtlichen Wanderer hinein ins Morgenrot führt.
Der Vater war aus den Bergen zurückgekehrt, braungesengt von der Sonne und in guter Gesundheit. Am Abend umjubelte ihn die Kinderschar, und am Morgen ging er kräftig ans Werk. In die Wiedersehensfreude aber mischten sich bald die sorgenvollen Gespräche der Eltern, wie das Geld, das der Genesungsaufenthalt gekostet hatte, ersetzt und auf Martini der Zins für eine Schuld bezahlt werden solle, die von altersher auf dem Haus lastete.
In großer Verlegenheit richtete der Vater einen Brief an Hans Bütschi, einen durch eine Fuhrhalterei reich gewordenen Verwandten in Zürich, und betraute den Sohn mit der Aufgabe, ihm das Darlehensgesuch zu überbringen.
Für Ulrich ein saurer Gang durch den trüben Vorwintermorgen! Doch nahm ihn der derbe Fuhrhalter freundlich auf, gab ihm, nachdem er den Brief durchgelesen hatte, ohne Zögern den gewünschten Betrag, sagte ihm einiges Artige über seinen Wuchs und seine Erscheinung, zeigte ihm den Stall voll starker Zugpferde und hielt ihn zum Mittagessen fest. Ulrich wurde um ihn heimisch und freute sich schon, seines heiklen Auftrages so leicht ledig geworden zu sein. Bei Tisch aber machte die sonst ansprechende Frau, die von dem Darlehen erfahren haben mochte, ein böses Gesicht. Vielleicht glaubte der Mann ihr ein Zugeständnis schuldig zu sein, denn er wandte nun das Blatt und führte anzügliche Redensarten über den Meister Martin. Im Grund sei es doch bedenklich, wenn ein Handwerker in den Vierzigen wegen eines Zinses noch das Entgegenkommen anderer bedürfe. Wiewohl er ihn als geschickten und fleißigen Mann gelten lasse, trage Vetter Martin doch Scheuleder neben den Augen. Wäre Ulrichs Vater wirklich klug, hätte er sein Geschäft schon vor zwanzig Jahren von Eglisau nach Zürich verlegt. Da gediehen jetzt in Martins Beruf Leute von jenseits der Grenze prächtig und schlügen ihn mit minderer, aber auf den Schein geschaffener Ware auf allen Märkten.
Ulrich saß wie auf glühenden Kohlen. Trotz seinem Hunger würgte er die guten Bissen hinunter, und am liebsten hätte er dem Verwandten das Geld zurückgegeben; aber er dachte an die Not der Eltern und schwieg in tiefer Beklemmung.
»Dein Vater hat halt auch schon bei seiner Heirat einen Fehler gemacht,« fuhr Bütschi fort. »Ein Geschäftsmann kann nicht einfach sagen: Die gefällt mir! Er muß auf ein Weib sehen, das einen Einsatz in den Betrieb bringt. Was hat aber deine Mutter beigestoßen? -- Sei du einmal gescheiter, Uli!«
Da stürzten dem starken Jungen plötzlich die Tränen hervor. Das Eßgeschirr von sich abstoßend, erwiderte er mit leidenschaftlicher Glut: »Nein, auf meine Mutter lasse ich nichts kommen. Auch der Vater nicht. Wißt ihr, was er von der Mutter spricht? Wenn von Eglisau den Rhein hinunter bis nach Basel ein schönes Mädchen neben dem andern stände und er könnte sich aus ihnen sein Weib wählen, so würde er doch nicht rasten und nicht ruhen, bis er aus den Tausenden heraus wieder sein schwarzhaariges treues Bethli gefunden hätte. So hat mein Vater die Mutter lieb, und er hat Recht: er hätte auf Erden kein besseres Weib finden können!«
Die Frau des Fuhrhalters sah ihren Gast, der seine Eltern so männiglich verteidigte, groß an. Er senkte aber den Kopf nicht. Während auf seinen Wangen zwei klare Tropfen perlten, hielten seine treuherzigen blauen Augen den ihrigen Stand, sie wandte den Blick ihrem Manne zu und sagte mit hochrotem Gesicht: »Der Uli gefällt mir!« Bütschi lenkte nun auch ein. Was er gesprochen habe, sei nicht bös gemeint, sondern nur eine Lebensbetrachtung, die ihm unglücklicherweise von selber gekommen sei, als er von der Not des ihm sonst lieben Vetters gehört habe.
Umsonst aber versuchte das Ehepaar, Ulrich wieder in eine gute Stimmung zu bringen; den weiten Weg vorschützend, drängte er zum Aufbruch. Die Fuhrhaltersfrau, die jetzt eine große Zuneigung für ihn bekundete, zwang ihm noch ein mit viel Fleisch besetztes Schinkenbein und einen gewaltigen Bissen Brot als Zehrung auf. Als ihn aber die Verwandten unter der Haustür mit vielen Grüßen an die Eltern verabschiedet hatten, warf er Bein und Brot dem großen Hofhunde hin, der vor dem Pferdestall im Stroh lag. So wütete die Empörung über die den Eltern zugefügte Schmach in seiner jungen Seele.
Er schlug nicht gleich den Heimweg ein, sondern besah sich die Stadt, in der er schon als ganz kleiner Bub einmal gewesen war und seither nicht wieder. Ihre lebensvollen Bilder beruhigten ihn, mit bereitem Herzen nahm er ihre Eindrücke in sich auf. Unter den Bögen beim Rathaus fand er sich vor einem schönen Messer- und Instrumentenladen. Da suchte er zu erfahren, ob die Waren besser seien als die seines Vaters. Auf Ehre, sie waren schlechter gearbeitet! Aber vielleicht hatte der Fuhrhalter doch Recht, es einen Fehler des Vaters zu nennen, daß er aus lauter Heimatliebe mit seinem Geschäft in dem kleinen Städtchen am Rhein geblieben sei. Der Gedanke kam ihm zwar wie eine Versündigung am Elternhaus vor, aber er verließ ihn nicht wieder.
Zürcher Kantonsschüler mit bunten Kappen gingen an ihm vorbei. Nein, nicht nach ihnen spähen! Wozu das Leid um die Schule neu erwachen lassen? Sie mußte ja ein begrabener Traum bleiben.
Die Stadt regte ihn so an, daß er an den Heimweg erst dachte, als ihn die einfallende Abendkälte und die rötlich aufflammenden Lichter dazu vermahnten.
Schon war er über den nächsten Hügel gelaufen. Da pustete aus dem Tunnel hervor ein Eisenbahnzug, die Lokomotive mit glühenden Augen, die Wagen mit hellerleuchteten Fenstern. Er begann sich den wunderbaren Bau einer Lokomotive zu überlegen. Was war Stephenson für ein Genie gewesen! Er kam sich selber lächerlich vor, daß er sich an die unendlich schwerere Erfinderaufgabe einer Flugmaschine herangewagt hatte, an die geheimnisvollen Flügel, nach denen sich die Menschheit seit Jahrtausenden umsonst sehnte. Mit Recht lag noch der stille Spott der Heimat auf ihm. Und doch! Nachdem sich ihm der Weg eines Altertumsforschers verschlossen hatte, winkten ihm, dem jungen Mechaniker, vielleicht in der Linie des Erfindertalentes Erfolg, Ehren und Geld.
Geld! -- Unter dem Eindruck der Rede Bütschis, der über den Vater geringschätzig herfahren zu dürfen geglaubt hatte, schrie sein Herz zum erstenmal nach dem harten, klingenden Metall. Das Geld besaß ja die unheimliche Macht, seinen Besitzer vor den Ungerechtigkeiten und Bosheiten der Welt zu schützen, ihm vor ihr Ansehen und Ehre zu geben, selbst wenn er sie wesenshalber nicht verdiente.
Je tiefer er in die Nebel und in die Stille der Winternacht hineinschritt, desto stärker erhitzte sich die Einbildungskraft des einsamen Wanderers. In der Überspannung seiner Seele sah er nicht einmal, wie in den ländlichen Wohnungen allmählich die Lichter erloschen. Im Schweiße des Angesichts lief er. Seine Gedanken waren bei dem Wort des Fuhrhalters: »Sei du einmal gescheiter, Uli!« Zum erstenmal in seinem Leben dachte er mit bewegter Seele über die Liebe, das Heiraten und die Ehe nach. Je mehr er darüber grübelte, desto geheimnisvoller, wunderbarer und heiliger erschien ihm die von der Natur gesetzte Bestimmung des Menschen, daß er in zarter Sehnsucht sich eine Gesellin suchen muß und nicht Ruhe und Frieden findet, bis er mit derjenigen herzeinig ist, nach der seine Sinne wund und selig trachten. Nein, das war gewiß nicht der Zweck der Liebe, daß der Mann durch das Weib ein Betriebskapital in das Geschäft erhalte; der Zweck lag unendlich tiefer, so tief verborgen, daß kein menschliches Denken hinabzudringen vermochte in den Willen der Natur. Sie hatte wohl die Liebe geschaffen, damit immer diejenigen Menschen zusammenkommen, die miteinander schöne, edle und begabte Kinder erschaffen können, und damit sich das Menschengeschlecht vervollkommne, bis auf Erden nur noch herrliche Geschöpfe wandeln, jedes verschieden vom andern, jedes aber auch Gottes Ebenbild. Der Gedanke gefiel ihm, und wie eine lichte Wahrheit umstrahlte es seine Seele: Die Liebe steht höher als Geld und kann mit ihm nicht gemessen werden; und wer sie dennoch mit Geld messen will, wie der Fuhrhalter, der ist wie ein Gottesleugner und tritt das Heiligste des Lebens mit Füßen.
Nein, gescheiter als sein Vater wollte er in Liebesdingen nicht sein, sondern sich ein Weib wählen, daß auch er einmal freudig bekennen könne: »Und wenn die schönsten Jungfrauen von Eglisau bis Basel in einer Reihe ständen, so rastete und ruhte ich nicht, bis ich aus den Tausenden wieder mein Bethli fände.« Eine weite Sehnsucht erfüllte seine Brust, und prüfend dachte er an alle Mädchen, die er kannte. An der stets stolzer werdenden Monika Tappoli wollte er in seinen Gedanken vorübergehen. Sie stand aber wie lebendig vor seinen Augen: mit fast überschlankem Leib, erdbeerfrischen Lippen, zwei Nasenflügeln, denen man immer ansah, was sie dachte, und lachenden, dunklen Augen. In ihre krausen Locken brauchte sie nur eine Mohnblume zu stecken, dann war sie hold wie das Märchen aus dem Wald.
Als er sich einmal den Schweiß aus der Stirne wischte, fiel es ihm ein, daß er nach den Stunden, die er gegangen war, daheim sein mußte, und merkte, daß er vor lauter Lebensüberlegung durch den Nebel in die Irre gegangen war. Er lief bis in das nächste Dorf. So weit er die Umrisse zu erkennen vermochte, kam es ihm bekannt vor: vielleicht hatte er es einmal auf einem seiner Knabenstreifzüge gesehen; er wußte aber doch nicht, wo er war. Sich verschnaufend spähte er die Straße auf und nieder, aber niemand schritt daher. Schweren Herzens entschloß er sich, durch Rufe die Leute in einem der Häuser zu wecken.
»Was steht denn zu nachtschlafender Zeit noch für ein Maulaffe unten?« rief der Bauer, von dem er nur die weiße Zipfelmütze sah, ärgerlich aus dem obern Stockwerk hinab. »Ich bin verirrt und möchte bloß gerne wissen, wie das Dorf heißt,« gab Ulrich zurück. »Glattfelden, du Narr, schon mehr als tausend Jahre!« rief der Bauer hinab und schlug das Fenster zu.
Doch der verspätete Wanderer wußte jetzt Bescheid. Quer über den Berg, und in einer Stunde war er daheim. Als seine erschöpften Schritte durch die hohle Brücke hallten, schlug es auf der Kirche Mitternacht. Ihm aber war, er habe auf seinem einsamen Heimweg im Nebel ein Jahr durchlebt, sehe klarer in sein Schicksal und fasse mit seinen Füßen erst recht festen Grund in der Erde, über die er nun doch bald fünfzehn Jahre gewandelt war.
In der Stube der Eltern brannte noch Licht. Sehnsüchtig erwarteten sie ihn und hatten keine Ahnung, was für wunderschöne, hohe und tiefe Gedanken ihm Weggesellschaft geleistet hatten. Von den abschätzigen Äußerungen des Verwandten über sie beide verriet er ihnen kein Wort, sondern überließ sie der reinen Freude, daß sie für kurze Zeit einer drückenden Sorge freigeworden waren.
Im Winter konnten die Eltern Hans Bütschi das Geld zurückbezahlen. Der Vater brachte es ihm selber in die Stadt. In der Meinung, Ulrich habe daheim seine anzüglichen Redensarten verraten, entschuldigte sich der Fuhrhalter bei Meister Martin wegen seiner damaligen üblen Laune. So kam der Vater hinter das Geheimnis, das Ulrich für sich hatte behalten wollen. Als er zurückgekehrt war, sprach er mit ihm darüber. »Vor allem bin ich froh, daß du der Mutter nichts von der Beleidigung verraten hast.« Und von der Stunde an schenkte er dem Jungen sein volles Vertrauen, behandelte ihn wie einen Erwachsenen, und wenn er in Stube oder Werkstatt etwas zu beraten hatte, duldete er es, daß der Sohn sein bescheidenes Wort in das der Eltern hineinwarf.
5
Schon war wieder ein Jahr vorübergegangen. An der Rheinhalde weinten die Schosse der frischgeschnittenen Reben und schwellten die Weidenkätzchen.
Da gehörte Ulrich Junghans zu den Armbrustschützen des Städtchens, einer Gesellschaft halbwüchsiger Jugend, die in der Sonntagsfrühe auf einer Wiese am Stromufer mit Bogen und Pfeil in eine Lehmscheibe schoß. Als das »Absenden« kam, das Preisschießen, wurde ihm die beste Gabe zuteil, das von Pfarrer Tappoli gestiftete, schön eingebundene Buch »Lienhard und Gertrud«. Die es ihm vom Gabentisch reichte, war Nick, und ein leises, wohlgefälliges Lächeln spielte ihr dabei um den Mund. Auch wurde er von der Gesellschaft, unter Übergehung einiger reicher Bauernburschen, zum Säckelmeister gewählt. Das Amt war eine jugendliche Ehre, an der sich nicht am wenigsten die Eltern erfreuten. Sie bewies, daß ihm das Städtchen den törichten Flug in die Brombeerstauden verziehen hatte und Zutrauen in seine Redlichkeit setzte.
Noch schöner fügte es sich im Winter, am Bächtoldstag, dem zweiten Januar, an dessen Abend sich die Jungen und Mädchen je nach Neigung und Freundschaft zusammenfinden und einander bei allerlei Spielen die ersten Zeichen der Neigung geben. In der alten geräumigen Stube des Kirchenpflegers und Ehegaumers Jakob Angst waren er und Nick mit einem Dutzend anderer jungen Leute zusammen und saßen eben bei dem Pfänderspiel »Fischlein in den Teich«. Ob es nun aus Zerstreutheit, Übermut oder Absicht geschah, -- die sonst hurtige Monika ließ sich von allen am häufigsten fangen und wurde Ulrich, der den Schlingenkünsten des Fischers entging, einen Kuß schuldig. Rot und verlegen wandte sie sich zu ihm hin: »Wenn es wenigstens nicht in der Stube sein müßte!« »Dann gehen wir in den Flur hinaus,« erwiderte er; »aber den Kuß will ich.«
Sie seufzte, folgte ihm unter dem Lachen der andern, und kaum war die Türe hinter ihr zu, küßte sie ihn voll lieblicher Verwirrung, doch mit zusammengepreßten Lippen und flüchtig. Vor Enttäuschung zog er das Gesicht finster. Da stotterte sie: »Uli, ich will ehrlich sein, aber mach die Augen zu.« Er gehorchte, und sie gab ihm mit warmem Mund einen treuherzigen, süßen Kuß. Nun wußte er nicht, wie es kam, er erwiderte ihn und spürte, wie ihre Lippen dabei einen Herzschlag lang leisdurstig an den seinen hingen. »Komm,« drängte sie und mit hochroten Gesichtern traten sie wieder in die Stube. Dann und wann aber glitten ihre Augen noch mit vergnügtem Blinzeln zu ihm hinüber.
Er wußte kaum mehr, was um ihn vorging. Nachdem Nick durch die Magd des Pfarrhauses abgeholt worden war, ging auch er heim, schloß vor Seligkeit kein Auge und spürte immer noch ihren Mund auf dem seinen. Das wonnige Gefühl verließ ihn den ganzen Winter nicht wieder. Eltern und Geschwister wunderten sich über die Güte und Verträglichkeit des Jungen, der vorher oft ein schwer zu behandelnder Groller gewesen war. Besonders lieb begegnete er der Schwester Marie. Vielleicht weil ihm das Herz überfloß, vielleicht weil er hoffte, daß sie ihm eine Brücke hinüber zu Nick schlage, vertraute er ihr sein Erlebnis und seine Liebe.
Sie aber antwortete ihm: »Uli, du tust mir leid. Ein Kuß aus einem Pfänderspiel verpflichtet zu nichts, und ich verwundere mich deines Mutes, die Gedanken zu Nick zu erheben. Wohl gebärden sich der Pfarrer und seine Familie gegen uns, als gehörten sie völlig zum Städtchen, heimlich sind sie aber doch stolze Zürcher Bürger, die sich für besser halten als das Landvolk. So liegt es ihnen nun einmal im Blut. Noch ein Jahr, dann kommt Monika in eine welsche Schule, nachher als Fräulein zu Verwandten in Zürich, ins Theater und auf Bälle. Da wird sich der Zünfter oder der junge Pfarrer, der sie heimführt, schon finden. Die Gedanken von Nick weg, Uli, damit es dir nicht das Herz bricht, wenn es kommt, wie ich dir darlege.«
So Marie, und keiner glaubte er mehr als ihr. Die Schwester war selber ein feines, gescheites Mädchen und besaß die gleiche schlicht überzeugende Art wie die Mutter. Er ließ den Kopf hängen.
Das Leben hatte aber für ihn stets wieder einen Trost. Und jetzt war er schon Konfirmand. Ein strenggläubiger Pfarrer hätte wohl keine Freude an ihm gehabt, denn wie von selber war er durch sein religiöses Nachdenken in mancherlei Widersprüche hineingeraten. Zum Glück für den Zweifler aber war Tappoli einer der milden Pfarrherrn, die den Nachdruck weniger auf die dogmatischen Lehrsätze als auf den dichterischen und sittlichen Feingehalt des Christentums legen. Da vermochte ihm auch Ulrich zu folgen. Als Tappoli im Laufe des Unterrichts auf seine Lieblingsgestalt in der Entwicklung der christlichen Religion, den Apostel Paulus, zu sprechen kam und dem verdorbenen, schlemmenden Rom die Märtyrerkraft des Urchristentums gegenüberstellte, erlebte Ulrich bei ihm wahre Weihestunden innerer Erhöhung. Es empörte ihn, daß es unter den Mitkonfirmanden einige Lümmel gab, die während der Stunden Tappolis, der in der Zucht kein Meister war, zotige Verse unter den Bänken umherboten. Mit der Kraft des jungen Schmieds schuf er aus eigener Machtvollkommenheit Ruhe in den Reihen, und Tappoli spürte seinen guten Einfluß auf die übrigen. Als sie sich einmal unter der Kirchentür begegneten, gab er ihm einen dankbaren Blick. »Es ist doch jammerschad', daß du nicht deinen Gymnasialstudien hast leben können, ich hätt's dir so sehr gegönnt.« Da schlug das Herz Ulis in Feuer und Flammen für den Pfarrer, und seine Gedanken spielten aufs neue um Nick.
Nun war er feierlich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen.
Er trat aus der Bogenschützengesellschaft aus und wurde Mitglied des Rhein-Fahrvereins, der unter der Führung militärisch ausgebildeter Pontoniere die Lust und Freude an der Rheinschiffahrt pflegte. Jeden Abend probte er mit den andern, meist gesundkräftigem Bauernblut, in den langen, schmalen Kähnen die Fahrt über die Klippen, Sturzwellen und Wirbel des Stromes, der gerade ober- und unterhalb der Brücke aufgeregt über etliche nur beim kleinsten Wasserstand im Winter dem Auge sichtbare Querriffe dahinfloß. Es war eine Unterhaltung des Städtchens, fast die einzige, daß Jung und Alt, namentlich aber die weibliche Jugend, aus den Fenstern der Brücke oder den grünumrankten Lauben der Häuser den Spielen der braunen Gesellen in lebhafter Neugier zuschauten. Leise oder laute Ausrufe der Angst, des Beifalls und der Bewunderung begleiteten ihre Geschicklichkeit und Kühnheit. Denn ungefährlich waren die Übungen nicht, und in traurigem Gedenken stand, daß die »krumme Röhre«, ein starker Wirbel unterhalb der Brücke, einmal drei Jünglinge verschlungen hatte, einen Gekenterten und zwei, die ihm zur Rettung in die Tiefe nachsprangen. Seither waren die Wasserratten etwas vorsichtiger, aber im Übermut der Jugend kam es doch hie und da vor, daß sich einer über die Kante des Bootes schleudern ließ und in den Fluten versank. Atemlose Spannung! Dann tauchte er ein gut Stück weiter unten im Strom wieder auf, schüttelte sich und schwamm ans Ufer. So auch Ulrich. Aus einem Wirbel emporschnellend landete er unmittelbar vor Monika, die mit ein paar Gespielinnen aus den Fenstern des Pfarrhauses auf die Übenden schaute. Ihre dunkeln Sterne blitzten ihn an, und ihr kleiner, roter Mund schalt: »Das tust du nicht wieder, Uli! Herrgott, kannst du einen in Schrecken jagen.« Er lachte: »Und wenn mich jetzt der Rhein behalten hätte? Was dann?« Da rief sie unwillig: »Geh, du Häßlicher!«
Nun war er selig überzeugt, daß sie ihn liebe. Mit den andern trieb er die Schiffe zum Ufer, im weichen Mondlicht der Sommernacht ruhten die Burschen, in den angebundenen Weidlingen sitzend, von der Arbeit aus, und mit doppelter Lust warf er seine metallene, bildsame Stimme in ihre Heimatlieder und ließ sie über den beglänzten Strom und die dunkelragenden Umrisse des Städtchens klingen.
Stets hatte er bei seiner Arbeit etwas Schönes zu denken, jeden Tag war er seines Lebens froh. Um so mehr, da es auch den Eltern gut ging. Friedrich, der Älteste, hatte die Lehrjahre bei Meister Benninger in Winterthur hinter sich und stand als gutbezahlter, geachteter Arbeiter in einem Atelier in Zürich. Alle vierzehn Tage kam er, ein hoch- und straffgewachsener junger Mann mit blauen Augen und blondem Schnurrbart, zu Fuß aus der Stadt ins Elternhaus auf Besuch und blieb vom Samstag spät bis zum Montag im Morgengrauen daheim. Jedesmal brachte er dem Vater den Rest des Zahltages, der ihm über das Kostgeld hinaus geblieben war, wie eine selbstverständliche Schuld. So faßte auch Meister Martin die Beiträge Friedrichs zu den Kosten des Haushaltes auf, aber nicht knauserig schob er ihm jedesmal ein hübsches Sackgeld zurück und gab auch Uli das übliche Zweifrankenstück.