Part 2
Die Mutter mochte schelten, Tappoli liebte den Schlingel. Gewiß auch die andern Kinder, den Gymnasiasten Dietrich, der dann und wann über Sonntag mit Freunden aus Zürich herüberkam, und Julie, die Erstgeborene, die in der Haushaltung schon eine große Stütze der etwas kränkelnden Mutter bildete; aber er spürte, wie Nick ein seelisch tieferes Leben führte als die beiden.
Sein besonderes Wohlgefallen an der Jüngsten stammte aber noch aus einer anderen Quelle. Ihr Anblick erinnerte ihn stets an seine Vorfahren, um des Glaubens willen vor dreihundert Jahren aus ihrer Heimat vertriebene Locarnesen, die sich durch den Hochwinter der Alpen schlugen und in Zürich eine zweite Heimat fanden. Allmählich hatten sich die Tappoli verdeutscht, sich mit der Stadt aufs innigste verwachsen, ihr manchen Magistraten und Kriegsmann von Ruf, namentlich aber viele Pfarrer gestellt. Er selber liebte Zürich mit warmem Bürgerstolz, doch gefiel ihm, daß irgendein Zug im Wesen Nicks, vor allem der in alemannischen Landen ungewöhnlich feine Gesichtsschnitt, das südliche Blut der Voreltern wieder zur Erscheinung brachte. Das Krausköpfchen zu belauschen, die späte, seltene Blume aus der Stammheimat jenseits der Berge, bildete die besondere Würze seines pfarrherrlichen Stillebens.
Als Nick nun Tag um Tag zu dem seit seinem Unfall immer noch leidenden Ulrich Junghans lief, fragte er sie einmal: »Und hast du über ihm deinen Freund Gerold von Jaberg ganz vergessen?« Sie sperrte die dunkeln Augen groß auf. »Nein, ich gehe und lade ihn ein, daß er am Sonntag wieder einmal zum Tanz kommt!«
Am Sonntagabend durfte sich die Jugend im Pfarrhaus tollen. Der Pfarrer, der einen artigen Verkehr zwischen Knaben und Mädchen für ein Stück Erziehung ansah, setzte sich auf den Tisch, stellte die Beine auf das Brett eines Stuhls, blies auf der Flöte Tanzmelodien, schlug mit dem rechten Fuß den Takt dazu, und die Kinder tanzten nach Herzenslust durch die Stube. Kam Dietrich mit seinen Freunden zu Besuch und fehlte es an ein paar Mädchen, dann rief man aus dem Städtchen Unterstützung herbei, darunter Marie Junghans, die drei Jahre älter, doch nicht viel größer als Nick war. Und nun fand sich auch Gerold von Jaberg, sonst ein schüchterner und zurückhaltender Junge, der sich an seinen Vater zu klammern liebte, seit einiger Zeit in dem harmlosen Kreise heimisch.
Sein Vater, Doktor Bruno von Jaberg, mit dem er sonst auf einem Schlößchen bei Konstanz wohnte, ein reicher und feingebildeter Mann, übte im Gebiet des Oberrheins den Beruf des Altertumsforschers aus. Dabei war ihm Eglisau ein angenehmer Standort mitten in einer Gegend, in der es mancherlei Geschichtliches zu entdecken und nachzuweisen gab: keltische Grabhügel und Lager, die Spuren einer römischen Brücke über den Rhein, auch von Wachttürmen an den Ufern, altalemannische Siedlungen und Schutzwerke und mittelalterliche Reste. Deswegen nahm er, von Gerold begleitet, jeden Sommer ein paar Wochen Quartier im Städtchen. Das Volk, das für seine Forschungen nur mäßiges Verständnis zeigte, betrachtete den Gast, der in der Hand die Doppelhacke und über der Schulter die Sammlerbüchse trug, als einen vornehmen Kauz, um so mehr, weil er und seine Frau getrennt lebten, er am nahen Bodensee, sie irgendwo fern am Meer. Wer aber mit dem leichtergrauten Fünfziger, in dessen Zügen ein leises Leiden stand, näher in Berührung kam, lobte seinen menschenfreundlichen Sinn, sein Verständnis für die bäuerliche Welt, und manche behaupteten, es sei mit dem adeligen Herrn leichter als mit manchem Gemeindepräsidenten oder Säckelmeister zu verkehren. Pfarrer Tappoli hörte ihn gern von seinen Ausgrabungen erzählen, und sie verplauderten beim Wein oft eine Abendstunde miteinander.
So kam es, daß sich auch die Kinder Gerold und Nick gut kannten. Beim Tanz im Pfarrhaus wurde durch sie seine Neugier nach dem Knaben lebendig, der hatte fliegen wollen. Er wünschte ihn zu sehen, und der Vater gab seiner Bitte nach; er kaufte zur Ausrede bei Meister Junghans ein schönes Messer und fragte dann höflich nach Ulrich. Dem Schmied schwoll die Zornader auf der Stirn, am liebsten hätte er ihm geantwortet: »Was geht Sie der dumme Streich Ulis an? Er ist mein Junge!« Es lag aber etwas Zwingendes in der schlichten Vornehmheit des Käufers, und mit verdüstertem Gesicht führte der Schmied ihn und Gerold an das Lager des Leidenden. Ulrich aber sah nur den eigenen Vater, und sein Herz wallte über vor Freude, daß sich der Gekränkte endlich einmal bei ihm blicken ließ.
Jaberg, Vater und Sohn, unterhielten sich eine Weile mit ihm und erbaten sich sogar die Erlaubnis, wieder vorsprechen zu dürfen. Der stille Gerold, der an dem jugendlichen Abenteurer einen besonderen Gefallen fand, kam nun fast so häufig zu Ulrich wie die Nick, und manchmal saß das Dreiblatt stundenlang über prächtigen Knabenbüchern, die er mit sich brachte, beisammen.
Schon konnte Ulrich mit aufgebundenem Arm an einem Stock wieder um das Haus hinken. Da kam der Vater Gerolds wieder zu Meister Junghans. »Aus den Kenntnissen Ihres Sohnes«, begann er, »habe ich gemerkt, daß das Städtchen eine sehr gute Volksschule besitzt. Und da sich die beiden Knaben in ihrer Eigenart so schön ergänzen, will ich Gerold zulieb über Herbst und Winter in Eglisau bleiben, damit er hier mit Ulrich die Schule besuche. Ich selber kann ja hier gerade so gut über meiner Gelehrtenarbeit liegen wie daheim in Kreuzlingen. Was tut ein alleinstehender Alter nicht für seinen einzigen Sohn?«
Meister Junghans merkte wohl, wie viel Anerkennung für seinen Sorgenbuben in der Rede Jabergs lag, doch mißfiel sie ihm völlig. Was sollte Uli, dem er für alle Zukunft eine strenge Zucht zugedacht hatte, gleichsam als Belohnung für die Lächerlichkeit, die er über das Haus gebracht hatte, der Kamerad eines Adeligen werden? Das hieß doch nur, ihm noch mehr Mücken in den Kopf setzen und ihn verderben. Auch regte sich der republikanische Stolz des Schmieds. Wenn man wissen wollte, was von den Edelleuten zu halten ist, brauchte man nur die Schweizer Geschichte zu lesen. Wie hatten sie von jeher das Landvolk gequält! Indessen war im Wesen Jabergs etwas so Untadeliges, daß er seine Bedenken verschwieg. Er konnte es ja doch nicht verhindern, daß der Gelehrte im Städtchen blieb und der Junge die Schule besuchte! Und es handelte sich auch nur um das letzte halbe Volksschuljahr: dann gingen die Wege der Knaben von selber wieder auseinander, mußte der seine den Jungschmiedeschurz anziehen.
Zwischen Ulrich und Gerold waltete nun eine gute Knabenfreundschaft, doch nicht ohne heimliche Schmerzen für jenen.
Er merkte, daß Nick, die während der Krankheit sein Entzücken gewesen war, mehr zu Gerold als zu ihm neigte. Wenn es zwischen Knaben und Mädchen zu einer Schlacht mit Schneeballen kam, lief sie sicher in die Wurfbahn Jabergs, und wenn sie der rücksichtsvolle Junge versehentlich einmal scharf ins Gesicht traf, so heulte sie nicht, sondern lachte ihn bloß mit blitzenden Augen und weißen Zähnen an, eilte kühn auf ihn los, und er war höflich genug, sich von ihren geschwinden Mädchenhänden niederringen und von Kopf zu Fuß mit Schnee einreiben zu lassen.
Das offenbare Einverständnis zwischen den beiden nahm aber Ulrich weniger seinem Freund als Nick übel. Wie flatterhaft sind die Mädchen! Das überlegte er sich oft mit einem Seufzer, mußte sich aber selber zugestehn, daß ihn Gerold in allem übertraf, was einem Knaben in den Augen der Mädchen Wert geben konnte. Der etwas aufgeschossene Junge war einen Zoll größer als er, hatte ein feines Gesicht mit zartroten Wangen, braune, sinnige Augen und war nicht nur durch die guten Kleider, die er trug, sondern auch durch Sitte und Wohlanstand allen Knaben des Städtchens voran. Das stach Nick natürlich in die Augen.
Ulrichs eigene Vorzüge lagen an anderer Stelle: im raschen Begreifen, im eindringlichen Erfassen dessen, was ihnen der Lehrer bot. Da kam ihm der immerhin ansehnlich begabte Gerold nicht gleich, nahm vielmehr oft mit bescheidenem Lächeln seine Hilfe in Anspruch, und gerade dieses bittende Lächeln tat ihm an Jaberg so wohl, daß er für ihn durchs Feuer gegangen wäre und ihm die Freundschaft Nicks mit wehmütigem Verzicht gönnte.
So kam der Frühling. Wasserreich und blau strömte der Rhein, der im Winter klein und grün dahingeflossen war.
Da lud Doktor von Jaberg die Knaben zu einem Ausflug ins Rafzerfeld ein. Es war ein Tag in Blau und Gold, der Himmel hoch. Er führte sie hinaus durch die grünenden Felder, über denen die Lerchen schmetterten, auf den letzten Hügelzug des Schweizerlandes, von dem drei alte, sturmzerzauste Föhren hinein ins badische Gelände grüßen. In der Nähe war der Heidenbühl, eine von den andern leicht abgetrennte Kuppe, aus deren Namen und Form der Forscher eine alte Grabstätte erkannt hatte, die er gelegentlich mit ein paar Arbeitern untersuchen wollte. »Ich vermute, es sind große Steinkammern darin, in denen unsere Urahnen ihre Häuptlinge mit Wehr und Waffen begraben haben,« erklärte er. »Wie Wohnhäuser haben sie die letzten Stätten der Toten eingerichtet und ihnen am Jahrtag des Dahinscheidens Wildbret an den Hügel gelegt, Honigbier in Schalen gegossen, damit sie sich erquicken, und Feuer angezündet, damit sich ihre Seelen wärmen können. Auch Blumen haben sie ihnen gebracht. Also besaßen schon die längst vergangenen Heiden feine Herzen und feines Gemüt.«
Während der Doktor so sprach, begegnete er dem verlorenen Blick Ulis und spürte wohl, wie sich die Einbildungskraft des Knaben an seinen Worten entzündete. Als sie vom Heidenbühl gegen das Dorf Wil hinunterschritten, das mit breiten Dächern aus einem Obstbaumwald hervorschaute, fragte er: »Was für einen Lebensweg willst du einmal einschlagen?« »Es wird mir nichts übrig bleiben, als bei meinem Vater Schmied zu werden,« erwiderte Ulrich etwas bedrückt. »Wenn du aber die Wahl hättest?« fragte Jaberg. »So würde ich studieren,« blitzte es aus der Seele des Jungen, »und Geschichtskundiger werden wie Sie!« Dafür hatte Jaberg nur ein Lächeln.
Am andern Tag trat er wieder einmal in die Werkstatt und Stube des Meisters Junghans. »Ich gedenke Gerold durch das Gymnasium von Konstanz laufen zu lassen, und da ich den günstigen Einfluß sehe, den Ihr talentvoller Ulrich auf ihn ausübt, so würde ich mich freuen, wenn auch er diesen Bildungsgang genießen dürfte. Sind Sie einverstanden, Meister Junghans, so übernehme ich auch für Ulrich die Gymnasialbildungskosten. Er soll auf meinem Schlößchen leben und gerade wie Gerold behandelt sein.«
Der Vorschlag war für Vater Junghans eine volle Überraschung, verlegen fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Es ging ihm gegen den Handwerkerstolz, daß einer seiner Söhne und damit er selbst eine Wohltat aus fremder Hand und namentlich von einem adeligen Herrn annehmen sollte. Das Anerbieten schien ihm für den Unnützen, dem er das Flugabenteuer immer noch nicht recht verziehen hatte, des Guten zu viel. Und er achtete auch nicht groß darauf, wie die Augen Ulrichs baten und flehten.
Er verlangte ein paar Tage Bedenkzeit. »Es ist eine Sache, die man nicht übers Knie brechen kann.«
Als Jaberg gegangen war, wandte er sich an die Mutter: »Was braucht Uli als künftiger Schmied Gymnasialbildung! Ich fürchte, die Schule verdirbt ihn bloß für die Arbeit.«
»Ist es denn nötig, daß alle unsere vier Buben wieder Schmiede werden? Genügt es nicht, daß du Friedrich nach Winterthur in die Lehre gegeben hast?« ereiferte sich die Mutter. »Gibt es denn wirklich ohne Handwerk kein Glück in der Welt, und beleidigen wir nicht Gottes Vorsehung, wenn wir Uli ein Tor verschließen, das sich ihm ohne unser Dazutun aufgeschlossen hat?« Die zarte, schwarzhaarige Frau wehrte sich für die Jugendrechte des Knaben wie eine Löwin für ihr Junges, und Meister Junghans, der sonst sein Wort als unanfechtbar und unwiderruflich betrachtete, fand an ihren kampfbereiten Augen Wohlgefallen. »Du kleines Weib, was verstehst denn du von den Dingen der Welt! Uli hat mich nun einmmal durch seinen Flug in die Brombeerstauden erschreckt.« Die tapfere Frau rief den Pfarrer zum Bundesgenossen auf, und Tappoli, der sich an allem freute, was der Spießbürgerlichkeit und dem staubigen Alltag zuwiderlief, brachte Ulrich auf das Konstanzer Gymnasium.
So nahm die törichte Fliegerei für den Knaben doch noch ein gutes Ende.
3
Ulrich wohnte mit Gerold und dessen Vater in dem Schlößchen, das mit vier großen Pappeln vor dem Giebel auf der Höhe von Kreuzlingen steht und über Konstanz, den Bodensee und den Rhein hinausblickt. Jeden Morgen wanderten die Freunde mit ihren Büchern hinab in die Stadt. Gerold, der wohl wegen des Adelstitels, aber auch wegen seines liebenswürdigen Wesens von den Mitschülern viel umworben war, hielt mit niemand treuere Freundschaft als mit dem Gespielen von Eglisau, der, aus härterem Stoff geschaffen, die größere geistige Spannkraft besaß und in seinen Gedanken tiefer grub. Der junge, weichgeartete Edelmann, der nur durch eine rührende Pflichttreue und hingebenden Fleiß mit dem begabteren Freunde Schritt zu halten vermochte, sah ihn oft mit leistraurigem Lächeln an. »Gott, wär' ich so frisch und stark wie du! Mein Vater hat wohl Recht, wir leiden unter dem alten Blut.«
In der feinen Seele Gerolds wohnte aber noch ein Schmerz, über den er nicht sprach, den Uli jedoch ahnte: das Leid darüber, daß sich die Eltern geschieden hatten. Jedes Jahr zweimal verbrachte er die Ferien bei der Mutter, die auf einem Gute bei Lübeck in ihrer Heimat lebte. Dann kam er jedesmal etwas bedrückt an den Bodensee zurück. Was war es für ein herbes Knabenlos, die Mutter zu entbehren, wenn er beim Vater weilte, den Vater, wenn er bei der Mutter zu Besuch war! Er liebte beide zärtlich. An diesem Zwiespalt lag es wohl, daß aus seinem sonst rüstigen Wesen stets etwas wie ein stummes Leiden sprach.
Desto mehr fühlte Uli sich verpflichtet, Gerold ein herzlicher Kamerad zu sein, und durfte sich getrösten, daß er die Wohltaten, die ihm Doktor von Jaberg in väterlichem Wohlwollen erwies, an den Freund nach bestem Vermögen heimzahle. Er verlebte auf dem Schlößchen zwei schöne Jahre, und als die hellsten Lichter darin erschienen ihm die Wandertage, an denen sie mit Vater Jaberg die Gestade und Städtchen des Bodensees und des Oberrheins durchstreiften. Aus der Wärme seines Wesens und der Fülle seines Wissens plauderte der Gelehrte mit ihnen. »Mir ist der Bodensee ein Heiligtum, ein Urherd menschlicher Kultur, die Stätte, an der sich die frühesten Schicksale Mitteleuropas begeben haben.«
Für seine Studien hätte er sich keinen eifrigeren Schüler wünschen können als Ulrich. Und der Junge nährte nur den einen Wunsch, daß ihm das Leben stets so freundlich gesinnt bleiben möge wie in den Konstanzer Tagen.
Als er sich dabei überraschte, lag ihm aber vom letzten Besuch im Elternhause her schon ein tiefer Kummer in der Brust. Der Vater war an einem hartnäckigen Husten erkrankt, die Backenknochen stachen ihm unheildrohend hervor, er fiel aus den Kleidern, und sein schöner blonder Bart begann bereits zu ergrauen.
Bald besuchte Ulrich die Eltern wieder. Da fand er den Vater, der bis dahin aus lauter Liebe zu den Kindern in den Fragen der Erziehung fast zu streng gewesen war, plötzlich von einer Milde, die ihn erschreckte. In einem Zug tat ihm das veränderte Wesen, die herzliche Güte des Leidenden wohl und weh.
Als er den Eltern gute Nacht bot, hielt ihn die Mutter zurück. »Wir haben mit dir Ernstes zu sprechen, Uli. So sehr wir die Güte des Herrn von Jaberg gegen dich schätzen und uns deiner vortrefflichen Zeugnisse freuen, so kann von deinem Gymnasialbesuch doch nicht weiter die Rede sein. Du mußt in die Werkstatt treten und den Vater entlasten. Wir haben uns lange gegen den Gedanken gesperrt und Friedrich heimrufen wollen, aber sein Meister gibt es nicht zu. Also müssen wir uns an dich halten. Wie schmerzlich es dir sein mag, armer Bub, so kennst du nun deine Pflicht! In einer so großen Familie wie der unsern muß eins dem andern helfen und Opfer bringen. Und du hast ja nicht nur den hellen Kopf für die Studien, sondern auch die ebenso geschickten Hände für die Arbeit. In Gottes Namen füg dich drein.« Der blasse, hüstelnde Vater nickte. »Ja, so ist's leider, Uli. Ich hätt's dir besser gegönnt!«
Dem Knaben verschlug die elterliche Eröffnung die Sprache. Im Bett weinte er still und heiß. Es war ihm unendlich schwer, den Traum aufzugeben, daß er sich ähnlich wie Doktor von Jaberg den Wissenschaften widmen könne und sein Name einmal von den Erfolgen einer gelehrten Laufbahn umglänzt werde. Ihm war, diese Nacht lege seine Jugend in Trümmer, eine blühende Welt, deren Schönheit er erst jetzt begriff, da sie für ihn unterging. Am Morgen jedoch trat er gefaßt vor die Eltern: »Also werde ich Schmied und kehre bloß nach Konstanz zurück, um mich von Gerold und seinem Vater zu verabschieden.«
Die Aussprache mit diesen beiden ging leichter, als er sich gedacht hatte. »Auch bei uns liegen Pläne vor, die tiefer in mein Leben eingreifen,« erzählte ihm Gerold. »Die von meinem Vater kürzlich veröffentlichten ›Wanderstudien aus der Vorgeschichte des Bodensees‹ haben ihm mancherlei Anerkennung eingetragen. So die Einladung der mit reichen Mitteln ausgerüsteten Prähistorischen Gesellschaft in Kopenhagen, daß er zur Heranbildung junger dänischer Forscher in Jütland und auf den benachbarten Inseln ähnliche Untersuchungen alter Kulturreste und Denkmäler veranstalte wie am Bodensee. Der Antrag lockt ihn; es gibt dagegen nur das einzige Bedenken, daß ich mich wegen meines Bildungsganges von ihm trennen muß. Ich habe ihm aber gesagt, daß ich gern wieder eine Weile bei meiner Mutter leben würde. So wird es wohl kommen, vom stillen Gut Mecklenhof aus werde ich das Gymnasium in Lübeck besuchen und meinen Vater, der dem dänischen Ruf folgt, nur noch dann und wann sehen. Ich habe mir über diese Wendung deinetwegen Gedanken gemacht, Ulrich. Ich wollte dich einladen, mit mir in den Norden zu ziehen; doch ein Schweizer Junge würde es dort oben vor Heimweh kaum aushalten. So bitter für uns das Scheiden ist, -- das Schicksal, das dich in die Werkstatt zwingt, erleichtert es mir, vom schönen Konstanz hinwegzugehen. Im übrigen werde ich gelegentlich wohl wieder in die Gegend kommen. Und wir bleiben Freunde.«
Herzlich waren auch die Abschiedsworte des Doktors: »Ulrich, wenn du je im Leben Anstoß findest und weißt nicht, wo aus und ein, so wende dich an mich.«
An kühlem, sonnigem Morgen gab Gerold dem Schulgenossen das Geleit über die Höhen am Untersee. Stahlblau lag das Gewässer im Frühlingsfrieden und der unendlichen Stille des weitgespannten Himmels. Zum erstenmal und wohl unter dem Eindruck der bevorstehenden Trennung sprach er ausführlich von seinen Eltern. »Beide sind so herrliche Menschen, daß ich nicht weiß, wen höher stellen, Vater oder Mutter. Sie sind aber zu weit auseinander geraten, als daß sie sich je wieder die Hände reichen könnten. Die Mutter, eine groß und lebhaft begabte Frau, mochte ohne das gesellschaftliche Leben der Städte nicht auskommen. Die schonungsbedürftigen Nerven des Vaters ertrugen es nicht. Darüber entstand unter den Gatten Streit. Die Mutter trotzte und verlebte einen Winter allein bei Freunden in Berlin. Dort lernte sie einen berühmten Sänger kennen; es ereignete sich, was den Vater zur Scheidungsklage bewog. Seither leben sie beide einsam. Und ich, das Kind ihres ersten Jahres, bin das zwischen ihnen hin- und hergeworfene Opfer.«
Gerold schwieg, erst nach einer Weile setzte er hinzu: »Warum ich davon sprach, Ulrich? -- Ich meine, du solltest nicht so furchtbar traurig sein über die Wendung in deinem Leben. Du hast doch Eltern, die einig sind!«
Ulrich war es, das Herz Gerolds sei dem seinen noch nie so nahe gewesen wie in dieser Stunde. Sie versprachen sich, wie weit das Leben sie jetzt auch auseinander führe, miteinander einen Briefwechsel zu unterhalten, und unvermerkt waren sie auf ihrer Morgenwanderung über die Höhen nach dem Schlößchen Arenenberg gekommen. Sie plauderten nicht mehr, sondern hielten stille Ausschau über das liebliche Gelände, über die von blauen Wassern eingefaßte Insel Reichenau, die anmutigen Burgenhügel des Hegaus, und der letzte Blick Ulrichs hing an dem aus breiter Ebene ragenden Konstanzer Münster. Er wußte, die Tage, die er im Bannkreis des ehrwürdigen Bauwerks verbracht hatte, würden zu den schönsten seines Lebens zählen.
Von der Reichenau herüber kreuzte der Dampfer, der Augenblick des Abschieds war da. In stummer Erschütterung trennten sich die Freunde.
Die wunderschöne Fahrt rheinab bis nach Schaffhausen und die weite Straße von da nach Eglisau legte Ulrich in düsteren Träumen zurück. Als der Abend über die Giebel hereindämmerte, schlenderte er umschauhaltend die Hauptgasse des Städtchens hinab auf die Rheinbrücke. Die Betglocke läutete. Aus der Kirche traten zwei Mädchen und schauten auf den Strom, das Kind des Mesners, das er stets mit einer plattgedrückten Zwetschge verglich, und neben ihr Nick, die von jeher gern beim Läuten half. Bei ihrem Anblick ging ihm ein Stich durchs Herz, er hätte ihr Grüße von Gerold bestellen können, aber er dachte: »Bah, der Flattervogel!« und ging mit mürrisch-linkischem Gruß vorüber. Er brachte aber das Bild der Zwölfjährigen lange nicht mehr aus dem Sinn, die dunkeln Blitzaugen, die langen Wimpern, das weiche, krause Haar, das sich kaum bändigen ließ, die roten Wänglein und die noch viel rötern Lippen. Er suchte es zu vertreiben, indem er an die vielen hübschen Mädchen dachte, die er in Konstanz gesehen hatte, sein Herz aber schrie: »Schöner als Nick ist keine!«
Um sechs Uhr am andern Tag stand er in einem von Friedrich zurückgelassenen Lederschurz neben dem Altgesellen Thomas und dem jungen Sebastian, einem recht geschickten Arbeiter, doch lockern Vogel, in der Werkstatt.
Er konnte kaum mehr als Lehrjunge gelten. Die selbständige Herstellung eines dreiteiligen Taschenmessers mit Klinge, Säge und Ahle war ihm schon aus den Knabenjahren her ein geläufiges Spiel. Nur ein paar Schläge auf dem kleinen Amboß, und von dem im Kohlenfeuer rotglühend gemachten Stahlband fielen bereits Klinge um Klinge, ebenso Ahle um Ahle, Sägeblatt um Sägeblatt, Feder um Feder, Platine um Platine, die Bleche für die Fächer des Messers. Rasch formten sich ihm die Bäckchen, die versilberten Kleinstücke, die das Heft vorn und hinten einfassen, und dieses selbst, aus einem Kuhhorn geschnitten und zwischen Holzzangen geradegepreßt. Der Bohrer quirlte, der Niethammer schlug, -- das Messer war zusammengestellt; und was daran noch roh, matt und unvollkommen erschien, das erhielt am surrenden Schleifstein und auf den Schmirgelscheiben jenen Glanz, die Glätte und Feinheit, mit der ein neues Stück in der Auslage lockt.
Nicht minder leicht liefen ihm Sensen und Scheren aller Art aus der Hand; er besaß die spitzen Finger des Vaters, die von selber zweckmäßig und sicher tasteten, griffen, hantierten, und das Gefühl für die Genauigkeit des Schaffens. Die Arbeit aber verrichtete er mit einer solchen Trockenheit und Verbissenheit, daß den andern die Lust zu Gesprächen mit ihm verging. Indessen verstanden sie sein unliebenswürdiges Wesen und trugen es ihm nicht weiter nach. Der Vater freute sich aufrichtig seiner zähen, wenn auch mürrischen Tüchtigkeit und übersah das Gedrückte in seinem Wesen.
Die Mutter blickte tiefer in Ulrichs Seele. Als er an einem Regensonntag gelangweilt in der Stube saß, fragte sie: »Warum langst du denn nie mehr zu deinen Gymnasialbüchern? Du könntest doch für dich selber manches daraus lernen!« »Ich habe sie auf der Esse verbrannt,« erwiderte er finster. Da wußte sie, wie es um ihn stand. Sie lächelte ihm aber zu: »So furchtbar traurig solltest du nun doch nicht sein. Wie sind der Vater und ich deiner Hilfe froh! Wenn wir schon fast nicht wissen, woher das Geld nehmen, haben wir doch den Plan, daß er zur Heilung seines Hustens etliche Wochen in die Berge gehen soll. Das dürfen wir nur wagen, weil du dich so tapfer in die Stränge stellst!«