Nick Tappoli

Part 19

Chapter 191,029 wordsPublic domain

Nun wurde Nick die Anwaltin Ulrichs, und sogleich merkte Marie, daß die Freundin mehr um den verschollenen Bruder wußte als die eigene Familie. »So sprich doch -- um Gottes willen erzähle! -- Was weißt du durch Jaberg von ihm?«

Nick hielt nicht hinter dem Berge und gestand der überraschten Frau Keller alles und jedes, was sie von Ulrich wußte.

»Ein Kind -- ein uneheliches Kind -- von der wilden Frau!« schrie Marie auf, daß selbst die Kleine auf ihrem Arm unruhig wurde und zu weinen begann. »Nun verstehen wir! -- Nein, so kann er freilich nicht heimkommen, der Taugenichts! -- Das ist eine Schande für die Familie!«

»Wenn ich aber Ulrich für mich heimrufe,« trotzte Nick, »wenn ich seinem Jungen Mutter werden will?«

»Nie -- nie darfst du das tun!« empörte sich Marie, die über die Enthüllungen Nicks an Leib und Seele zitterte.

Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick Lehrer Keller, der aus der Nachmittagsschule kam, zu den beiden aufgeregten Jugendfreundinnen trat. Sein Erscheinen beruhigte die fassungslos gewordene Marie. Zwar auch er war mächtig überrascht, daß durch Nick plötzlich hellscharfes Licht in das Dunkel fiel, das bisher das Schicksal seines ihm unbekannten Schwagers Ulrich umgeben hatte, aber er nahm die Tatsachen leichter als seine bebende Frau. Er bat sich die Freiheit aus, Nick bis zu ihrer Pension zurückbegleiten zu dürfen. Sie wählten dafür einen weiten Umweg und besprachen den Lebensgang Ulrichs noch einmal eingehend. Beim Abschied sagte er in seiner trockenen Art: »Ja, liebe Nick, ich glaube doch, daß Sie den geplanten Brief schreiben dürfen. Schon schwierigere Dinge sind in der Welt ins Blei gebracht worden. Mag die Familie Junghans sich jetzt entsetzen vor Scham, -- wenn Uli und sein Kind einmal dastehen, so siegt ja doch die Stimme der Natur und des Blutes. Bei meiner Marie werde ich zuerst dafür besorgt sein!«

Unter der Adresse, die ihr aus Jabergs Erzählung fest in Erinnerung geblieben war, schrieb nun Nick an Ulrich Junghans in Debreczin den Brief, wie sie sich ihn zurechtgelegt hatte. Ohne Angabe, woher sie seinen Wohnsitz kenne, legte sie ihm einfach die Pflicht nahe, seinen um ihn tiefbesorgten Eltern ein Lebenszeichen zu geben. »Am besten aber würde es sein, wenn Sie sich zu einer Reise in die Heimat entschließen könnten.«

Ein einfaches »Auf Wiedersehen!« vor ihrer Namensunterschrift war das einzige, woraus Ulrich erkennen mochte, daß auch ihrerseits ein herzliches Willkommen seiner warte. Es schien ihr deutlich genug.

Eine Woche hatte sie nun Zeit, sich das Gesicht Ulrichs auszumalen, wenn ihn ihr Brief überraschte, wenn sich der aus freiem Entschluß Verschollene von der Heimat entdeckt sah. War es ihm ein Schrecken oder eine Freude? Vielleicht beides zusammen.

Da sprach unerwartet Marie für einen Augenblick in der Pension Bretscher vor. »Liebe Nick,« sagte sie etwas beschämt. »Ich muß dir nun doch für den Brief an Uli danken. Er hat den Eltern in Eglisau geschrieben. Bei ihnen herrscht unbeschreibliches Glück darüber, daß er Direktor einer großen mechanischen Werkstätte ist und daß er sie bald einmal zu besuchen gedenkt. Davon, daß du ihm einen Stoß gegeben hast, steht in seinem Brief kein Wort, die Eltern sind also überzeugt, sein Schreiben und seine Heimkehr kommen aus freiem Entschluß, und freuen sich darüber um so mehr. Mein Mann und ich stören sie in dem Glauben nicht. Und auch, was den Jungen betrifft, mischen wir uns nicht ein. Uli soll das selber mit Vater und Mutter ausmachen. Mein Mann hat mir über meine Ansichten in diesen Dingen den Kopf so gründlich gewaschen, daß ich jetzt lieber den Mund halte. Neugierig bin ich bloß, ob Uli den Jungen mit in die Heimat bringt.«

Marie verließ Nick mit freudestrahlenden Augen, und diese selber trug ein Glück im Herzen, daß sie oft an sich halten mußte, um nicht das Haus mit ihren Liedern zu erfüllen. Manchmal klopfte ihr aber auch das Herz heftig, dann, wenn sie sich ein Bild zu machen suchte, wie sich wohl das Wiedersehen zwischen ihr und Ulrich gestalte. Warum schrieb er ihr nicht im voraus eine Zeile? --

So waren wieder vierzehn Tage vergangen. Da kam Maries Mädchen als Botin und überbrachte ein Briefchen: »Liebe Nick! Neuigkeiten von Uli. Komm vorbei. Ich möchte Dir etwas zeigen. Gelt, Du kommst, so geschwind es Dir möglich ist? Marie.«

Nick legte die Bitte der Frau Bretscher vor. »Selbstverständlich. Sie gehen sofort zu Ihrer Freundin,« entschied diese nach kurzem Besinnen. »Ich verstehe Sie und folge Ihrer Freude teilnehmend, doch auch in der Vorahnung, daß wir Sie, liebe Monika, bald verlieren werden. Aber jetzt Glück auf den Weg!«

Als Nick in die Lehrerwohnung trat, hielt ihr Marie ein Bild hin. »Schau einmal!« sagte sie mit schelmischem Blick und beobachtete die Freundin mit verhaltener Neugier. Auf dem Bilde war ein Kind zu sehen, mit edel geschnittenen Zügen und tief dunkeln Augen, ein Kind, dessen Geschlecht aus der Kleidung noch nicht zu erkennen war, das aber wohl ein Knabe sein mußte, da es mit kräftigem Händchen einem stattlichen Schaukelpferd in die Mähne griff.

Nur ein Herzschlag: -- »Der kleine Uli!« rief Nick. »Der kleine Uli! Wie herzig!«

Sie hatte es aber kaum gesagt, als die Tür des Nebenzimmers aufgerissen wurde. Ein großer, bärtiger, gebräunter Mann stürmte herein. Froh, frisch, gesund, mit blanken Augen und ausgebreiteten Armen eilte er auf sie zu: »Nick -- Nick!«

Ihm antwortete ihr jauchzender Ruf: »Ja, Ulrich, da bin ich!« Und sie sank an seine Brust.

Marie aber hatte das Zimmer heimlich verlassen. Die beiden sollten allein sein in der Stunde ihres endlichen Sichwiederfindens.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

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