Part 17
Jaberg kam nun dann und wann in den Laden, kaufte eine Kleinigkeit und plauderte je nach Gelegenheit mit ihr. Seine guten Formen und seine unaufdringliche Liebenswürdigkeit gefielen, niemand nahm Anstoß an seinem guten Einvernehmen mit Nick. Obgleich es an einem Verlobten überraschen mochte, holte er sie einmal nach Geschäftsschluß ab und gab ihr bis an ihre Wohnung am Zürichberg das Geleite, ein ritterlicher Mann, dem sie sich wohl anvertrauen durfte. Vor dem Hause fragte er: »Was sind es für Leute, bei denen Sie wohnen?« -- »Eine Lehrersfamilie,« erzählte sie, »die Frau ist meine Freundin Marie, die Tochter des Messerschmieds Junghans in Eglisau.« Der Name gab Jaberg einen leisen Ruck. »Die Schwester Ulrichs, des Abenteurers?« rief er. -- »Wissen Sie etwas von ihm?« Ihr gesamtes Wesen kam in Bewegung.
»Gehen wir noch ein wenig im Mondschein,« schlug er vor. »Im Grunde wollte ich von einer Begegnung, die ich mit Ulrich Junghans in Lübeck hatte, nicht sprechen, ich scheue mich Ihnen gegenüber doppelt, weil Sie seiner Schwester so nahe stehen, ich mag kein Unheil in einen Kreis ahnungsloser Menschen zu tragen.«
Je mehr er in Gewissensbedenken zögerte, desto stärker lief das Zittern der Spannung durch ihre Gestalt. »Sie dürfen auf meine Verschwiegenheit zählen,« versetzte sie ernst. Da ergriff er ihre Hand. »Vertrauen gegen Vertrauen, Monika.« Sie schaute ihm in die Augen: »Sicher, Jaberg!«
Der volle Mond stand auf dem Waldrücken, wandelte großleuchtend im Dunkelblauen und zeichnete das Gewebe seiner Schatten auf den weißen Weg. Jaberg erzählte: »Er bestellte sich ein kleines Abendbrot. Ich denke: Was ist das für ein eigenartiger Sprachklang hier im Norden? -- Erinnerungen erwachen, ich fühle: der Mann ist Schweizer. Eine Wendung des Kopfes: ich sehe die kräftig und fast senkrecht gebaute Schläfe, die kantige Nase und den Mundwinkel. Eins -- zwei -- drei! Der Vorhang vor dem Gedächtnis ist gefallen, ich weiß: es ist Ulrich Junghans, mein gescheiter Ulrich, der mich in der Volksschule von Eglisau und im Gymnasium von Konstanz hat mitreißen müssen. Neugier und Teilnahme erwachen -- noch ein Wort von ihm, ich eile auf ihn zu. Nie habe ich einen Menschen so zusammenfahren sehen wie ihn, aber die alte Freundschaft gab sich dann doch rasch wieder.«
Nick unterbrach den Erzähler mit keiner Frage. Nach einer halben Stunde schloß er: »Jetzt befindet sich also Ulrich mit dem Buben bei seinem Freund in der ungarischen Stadt Debreczin. Von dort hat er mir aus Dankbarkeit für die kleinen Dienste, die ich ihm in Lübeck habe leisten können, noch zweimal geschrieben. Es geht ihm gut, er lebt im Haushalt Szedeskys, die Buben der beiden sind Spielkameraden. Die Frau soll ein natürlich kluges, friedfertige Wesen sein; sie hat noch eine jüngere Schwester, und Szedesky sähe es am liebsten, Ulrich würde sein Schwager. Aber Junghans schreibt, für sein gesamtes Leben habe er vom Weibsvolk genug.«
Nick hielt schwer atmend den Schritt inne. »Ich gehe Ihnen zu schnell?« versetzte Jaberg. »Nur einen Augenblick,« bat sie matt. Um ihren Mund zuckte etwas Trauriges und Bitteres. Dahin also ist es mit Uli gekommen: -- ein uneheliches Kind! Nur des einen Gedankens war sie fähig. Plötzlich senkte sie den Kopf und begann laut zu weinen. »Um Gottes willen, was ist Ihnen?« fragte Jaberg erschrocken. »Ich habe Uli so lieb gehabt,« stöhnte sie. Er merkte, wie unvorsichtig er gesprochen hatte. Er bot ihr den Arm und trat mit ihr langsam den Rückweg an. »Nun brauchen Sie Junghans doch nicht ganz zu verwerfen,« tröstete er sie. »Wie bald ist sein Schicksal einem jungen Mann in den Garten gewachsen! Monika, ich bin auch nicht besser als er! Sonst wäre ich nicht verlobt.«
In trüber Verwirrung nahm sie, ohne seinen letzten Worten Beachtung zu schenken, Abschied von ihm und schlüpfte ins Haus. Sie sprach Marie von Kopfschmerz, ließ das Essen unberührt und begab sich zur Ruhe, schlief aber nicht, bis die Vögel den Tag ansangen. In ihr wütete die Empörung über Ulrich. Während ihrer Jugend hatte der Vater nur einmal ein Uneheliches zu taufen gehabt, und das kam von einem Landstreicher, der im Feld über eine Blödsinnige hergefallen war. Seither hatte sich ihr die Vorstellung eines unehelichen Kindes stets mit etwas Tierischem und Gräßlichem verbunden, mit einer gottlosen Gemeinheit, die abgrundtief unter der Würde eines anständigen Menschen lag. Diese Gemeinheit hatte also Uli begangen. Da hatte er allerdings Ursache zu schreiben, daß er schlimmer in die Disteln und Dornen gefallen sei als in seiner Jugendzeit! Da verstand sie es, daß er verschollen sein wollte und den Seinen auch nicht mehr mit einem Brief unter die Augen zu treten wagte.
Mitten in der Nacht begann sie wieder herzzerbrechend zu weinen, es waren aber keine Tränen um Ulrich, sondern einfach das jugendheiße Weh über die Schlechtigkeit der Welt, das Aufschluchzen der erkennenden Seele, wie traurig es um die Menschen bestellt ist. Recht hatte Pfarrer Wildholz mit seinem: »Wachet und betet -- der Böse geht um!« Stundenlang überließ sich Nick ihrer Schwermut. Als sie am Morgen in die Stadt hinunterstieg, kam ihr aber der sonderbare Gedanke: Obwohl ich erwachsen bin und vor den Kampf ums Brot gestellt, weiß ich vielleicht doch vom Leben noch nicht genug, um seine Erscheinungen richtig und gerecht zu beurteilen.
Schon an einem der nächsten Abende wurde sie von Jaberg wieder an der Ladentür erwartet. In seiner brüderlichen Art sagte er: »Monika, ich habe einen kleinen Eingriff in Ihr Leben versucht. Die Pension Bretscher, in der ich wohne, gehört unbedingt zu den feinsten der Stadt. Sie wird von der Witwe eines Professors des Hebräischen geführt. Und wir Studenten alle verehren in der Frau Professor unsere hochgebildete mütterliche Freundin. Sie liebt uns als ihre Söhne, und ich besonders habe bei ihr einen Stein im Brett. Nun will das Fräulein, das ihr bisher als Stütze gedient hat, wegen ihrer angegriffenen Gesundheit von der Stelle ausscheiden, und da habe ich mir gestattet, Sie der Frau Professor als Nachfolgerin in Vorschlag zu bringen.«
Nick war aufs höchste überrascht. »Darum also!« rief sie. »Die Dame war heute im Laden und hat sich von mir bedienen lassen. Silberweißes Haar mit Locken, etwas hageres Gesicht, aber gerötete Wangen, vor Jahren gewiß eine Schönheit!«
»Und Sie haben ihr vorzüglich gefallen,« versetzte Jaberg, »sie wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.« -- »Und was für ein Gedanke hat Sie bei Ihrer Anregung geleitet?« -- »Lauter gute Wünsche für Sie,« gab er zurück. »Ich kann mich nicht damit abfinden, Sie in einer Stellung zu sehen, in der Sie alle Welt bedienen müssen. Und Ihr weiter, einsamer Heimweg! Ich weiß zwar wohl, daß man in der Schweiz über diese Dinge freier als bei uns denkt. Nun sind aber meine Ansichten deutsch, ich fasse es zum Beispiel nicht, wenn ich mir bei einer Einkehr von einem Mädchen einen Wein vorsetzen lasse und man erzählt mir, sie sei die Tochter eines Gemeindepräsidenten oder reichen Müllers und bloß im Wirtschaftsgewerbe tätig, um etwas Schliff zu erlangen. Das gibt es bei uns nicht. Nach unserer Meinung gehört ein junges Mädchen in den Schutz eines Privathauses und einer mütterlichen, lebenserfahrenen Frau.«
Die Wangen Nicks röteten sich. Was Jaberg sprach, ging an ihren Stolz. »Ich habe mein Leben stets der guten Sitte angemessen geführt,« erwiderte sie mit verhaltener Heftigkeit. »In meinen bisherigen Stellungen --«
»Nein, jetzt keine Verteidigungsrede!« unterbrach er sie ungezwungen lachend. »In meinem Innern sind Sie besser verteidigt, als Sie es jemals selber könnten. Ich streite mit Ihnen auch nicht, ob nun Sie Schweizer oder wir Deutsche mit den Ansichten über junge Mädchen im Recht sind, -- ich weiß vom Leben genug, um sowohl mit Pharisäern als Zöllnern verträglich zu sein. Für Sie erscheinen mir nur die besten Verhältnisse gut genug. Diese bietet Ihnen unsere Pension. Wir sind fünfzehn junge Herren, elf Schweizer, vier Deutsche, gerade Ihre Landsleute aus angesehenen Familien. Die Gesellschaft zerfällt in Gruppen von Freunden, die Gruppen selber aber sind sich wieder freundschaftlich verbunden, und über der gesamten Schar schwebt der gute Geist der Frau Professor. Was kann es nun für Sie Reizenderes geben, als unter der Führung der feinen Frau für die jungen, angeregten Leute zu sorgen und als gleichberechtigtes Glied mitten darin zu sein? Es wird viel Gehaltvolles gesprochen, im Sommer gibt es gemeinsame Ausflüge, im Winter ziehen wir gebildete Nachbartöchter bei und tanzen. Daß Sie sich zur Geltung bringen werden, dafür ist durch Ihre eigene Art gesorgt, dafür werde aber auch ich einstehen. Denn ein kleiner Eigennutz war dabei, als ich Sie Frau Bretscher vorschlug. Ich möchte in der Gesellschaft gern Ihr erster Freund sein und auf dieses Recht erst verzichten, wenn ich sehe, daß Sie mit einem der Herren eine hoffnungsreichere Freundschaft eingingen, die Ihnen eine schöne Zukunft gestaltete. Dann würde sich niemand mehr freuen als ich!«
Nun mußte Nick den Plan Jabergs ernst nehmen, aber sie wandte doch ein, daß sie der Stellung nicht gewachsen zu sein fürchte.
Er lachte sie aus: »Seit wann sind Sie kleinmütig! Es gibt doch ein Lernen und Sicheinleben. Die Hauptsache ist, daß Sie der Frau Professor gefallen haben!«
Sie gingen ein paar Schritte schweigend. Da fragte Nick unvermittelt: »Jaberg, warum leben Sie denn nicht in München neben Ihrer Braut? Sie wollten mir einmal die Geschichte Ihrer Verlobung erzählen!«
»Wenn Sie es wünschen -- nun gut,« erwiderte er. »Sie heißt Konstanze von Lipönen und wuchs auf dem Rittergut Mecklenhof bei Lübeck auf, wo ich von Jugend an meine Ferien verbrachte. Sie ist eine Verwandte von mir, und unsere Verlobung ist ein ebenso verrücktes Schicksalstück, wie daß der brave Ulrich Junghans einer Löwenbändigerin ins Garn gegangen ist. Ja vielleicht noch verrückter, denn Ulrich besaß wenigstens die Nerven, seine Lilith auszuhalten, ich aber nicht, um meine Konstanze zu ertragen. Also ist mein Fall schwerer als der seine!«
»Wie, hieß das Weib, mit dem Uli ging, Lilith?« fragte sie.
»Nein! Ich nenne sie nur so nach einer morgenländischen Sage, die erzählt, daß Adam schon eine Frau gehabt habe, ehe ihm Gott die Eva zur Gefährtin gab. Jene hieß Lilith, was bedeutet: die Unholde; denn sie war von den Tieren geboren, und unter den Zaubermitteln, durch die sie ihn beherrschte, besaß sie den bösen Blick. Wie die Lilith roh und doch bestrickend, mit Augen, die wundersüß träumen und plötzlich blutgierig aufblitzen können, so denke ich mir die Tierbändigerin, in deren Netze Ulrich fiel. Nicht er hat das Weib gesucht, sondern sie ihn, und hat sich seiner erst bemächtigen können, als sie Verbrecherin an seinem Bruder und Ulrich durch ihre Schuld ein todkranker Mann geworden war. Nie habe ich so tief in den Abgrund Weib geblickt wie an jenem Abend im Rathauskeller in Lübeck, da mir Ulrich seine Erlebnisse mit der Ungarin erzählte. Aber er wurde mir dabei wieder so lieb, wie er mir als Junge auf der Schulbank gewesen war.«
»Mir scheint, die Männer verzeihen einander schlechte Abenteuer leicht.«
»Weil Ulrich so furchtbar um sein Kind gelitten hat, halte ich ihn sogar für einen der besten Menschen, die mir je vor die Augen getreten sind.«
»Es war doch seine selbstverständliche Pflicht, sich des Kindes anzunehmen!« rief Nick mit blitzenden Augen.
»Selbstverständlich?« lachte er. »Wie weltunerfahren sind Sie noch, Monika! Ulrich ist, wie er an seinem Kinde gehandelt hat, verglichen mit hundert anderen, ein Edelmann.«
»O, ich bin froh, daß ich jetzt die Wahrheit über ihn weiß,« entgegnete sie schmerzlich, »daß ich an ihn nur mehr wie an einen Gestorbenen denken darf. Am liebsten würde ich auch seinen Namen nicht mehr hören. Vielleicht weil ich ein Weib bin, kann ich über ihn nicht so großzügig urteilen wie Sie. Wenn ich ehrlich sprechen soll, habe ich für die wüste Geschichte doch nichts weiter als Abscheu.«
»Sie sind vierundzwanzig,« versetzte Jaberg kühl. »Da liebt man noch die sittliche Entrüstung. Sie steht Ihnen wunderbar. Aber wenn Sie die Geschichte meiner Verlobung hören, die ich Ihnen leider diesen Abend nicht mehr erzählen kann, so ist sie ein ähnliches Beispiel menschlichen Irrtums wie die Ulrichs. Wir sind Sünder samt und sonders. Ich begreife wohl, daß Sie jetzt den Jugendtraum mit ihm nicht fortsetzen mögen, aber das Leben führt wohl auch Sie noch zu einem milderen Urteil, -- vielleicht lernen Sie ihn sogar wieder lieben!«
»Nie -- nie!« wollte sie rufen, aber der treuherzige Blick, mit dem Jaberg ihr die Hand drückte, ließ sie verstummen.
»Genug für heute!« schloß er, da sie gerade vor der Wohnung Nicks am Zürichberg angelangt waren. »Schlafen Sie wohl und überlegen Sie meinen Vorschlag. Aber nicht zu lange, wenn ich bitten darf, denn warten kann die Frau Professor nicht!«
Und damit trennten sie sich. --
Einen ganzen Berg Gedanken hatte Nick jetzt still für sich zu bewältigen. Am meisten beschäftigten sie Jabergs Aussprüche über Ulrich. Sie dachte mit heißem Verdruß an den Ungetreuen, aus dem Hintergrund ihrer Gedanken trat aber immer deutlicher auch die Frage, ob es ihm ebenso ergangen wäre, wenn sie ihn mit ihrem Jawort aus der Heimat hätte ziehen lassen. Ein Gefühl der Mitschuld an seinem Niedergange stieg in ihrem Innern auf. Aber der freimütige Brief, den sie ihm nach Mainz schrieb, hatte ihn ja auch nicht zur Besinnung gebracht! Und der Gedanke Jabergs, ihre Liebe könnte sich später doch wieder Uli zuwenden, sie die Nachfolgerin einer Tierbändigerin werden, erschien ihr völlig unfaßbar. Nein, für sie gab es nichts, als Uli vergessen -- vergessen!
Wegen ihrer Übersiedelung in die Pension Bretscher beriet sie sich mit Frau Marie Keller, die ihr freundschaftlich zuriet, obwohl es ihr leid war, die Hausgenossin zu verlieren, mit der sie sich immer traulicher verbunden gefühlt hatte. Nur war zwischen Nick und ihr in der ganzen Zeit ihres Zusammenwohnens nie mehr der Name Ulrich gefallen. Die Ausziehende trug das Geheimnis mit sich fort, daß sie von ihm mehr als die Schwester wußte.
23
Nun waltete Nick in dem hübsch eingerichteten Studentenheim im Universitätsviertel. Die Anforderungen, welche die neue Pflicht an sie stellte, waren groß, das Sicheinleben nicht leicht, aber ihr rascher Blick für das Notwendige, ihr guter Wille fanden Anerkennung, und sie fühlte sich in der neuen Umgebung beglückt. Jaberg hatte kein Wort zu viel gesagt. Wie wesensverschieden die Männer waren, die hier aus und ein gingen, -- die feine Mütterlichkeit der Frau Professor glich alle Gegensätze aus, und der Ton der jungen Leute unter sich war vortrefflich: höflich, lebhaft, froh, bisweilen von strahlender Fröhlichkeit. Nick stellte sich unparteiisch mit allen gut und freute sich, Zeugin der anregenden Tischgespräche sein zu dürfen, die sich über alle Gebiete menschlichen Wissens ausdehnten, über Kunst, Literatur und Naturkundliches wie über Fragen des akademischen und öffentlichen Lebens.
Gerold von Jaberg war einer der stillsten im Kreis. Dem Manne, der gern und herzlich unter vier Augen sprach, lag die gesellschaftliche Unterhaltung weniger gut, aber wenn sich die andern mit der Frage an ihn wandten: »Was sagen Sie als Mediziner zu der Sache?« gab er ihnen seinen runden Bescheid. Schweigend anerkannten sie sein gediegenes Wesen. Und Nick lauschte wissensbegierig auf alle; sie lebte in einer Welt, die ihrem innersten Wesen entsprach.
Die Art, wie Jaberg sich ihr gegenüber gab: ein bißchen als der Erfahrenere, der Überlegene, doch offen und wahrhaftig, gefiel ihr. Dadurch, daß er verlobt war, waren ihrer Freundschaft von vornherein Grenzen gezogen. So fand auch Frau Professor Bretscher um so weniger dabei, als sie den untadeligen Charakter Jabergs kannte, und gönnte ihm die unschuldige Freundschaft mit dem Hausfräulein schon deswegen, weil er sich, wie der feine Leidenszug in seinem Gesichte verriet, in vielen Lebensgenüssen Schonung auferlegen mußte.
Hie und da fragte er Nick: »Kommen Sie auch genügend an die frische Luft?« und wandte sich an Frau Professor Bretscher: »Leihen Sie mir Fräulein Tappoli zu einem Lauf, nur für eine Viertelstunde!« Auch zu größeren Unternehmungen zog er sie bei, fast immer in Gesellschaft der anderen Studierenden. Oft ging's nach dem Abendbrot noch mit Nachbarstöchtern zu einer Mondscheinfahrt auf den See, einmal durch die Nacht zum Sonnenaufgang auf den Ütliberg, und bald war es zur Regel geworden, daß die Pensionäre den Sonntag auswärts verbrachten. In Gruppen zogen sie oft schon am Samstagnachmittag in die Berge, manchmal gab's in den Gasthöfen vor dem Schlaf ein Tänzchen, hie und da übernachtete man im Heu einer Sennhütte, erreichte am andern Tag ein schönes Ziel, kam am Abend todmüde nach Hause, und die gesamte Woche war's einem leicht und wohl.
Überall stand Nick unter dem ritterlichen Schutze Jabergs, und das geschwisterliche Verhältnis mit ihm wurde ihr eine Quelle reiner Freuden. Sie mußte oft an sich halten, daß sie ihre Lebenslust nicht wie ein Singvogel durchs Haus jubelte; auf den Alpmatten und den Gipfeln aber ließ sie ihrer Liederfreude freien Lauf und war schon wegen ihrer glockenhellen Stimme, welche die andern sicher zu führen vermochte, ein geschätztes Mitglied der Gesellschaft.
Es war im Hochsommer. Da standen sie ihrer vier Paare auf dem schmalen Gipfel des Großen Mythen und schauten in den Morgenstern, der in strahlendem Glanze über dem fernen Säntis aufgegangen war. Der Himmel wölbte sich hoch und hell, ein paar Wölkchen spiegelten sich wie rosenrote schwimmende Inseln in den noch blaudunkeln Seen. Die Spitzen der Berner Oberländer Berge begannen im ersten Sonnenstrahl zu glühen, die übrigen Höhen aber ruhten noch wie weiße schlafende Seelen. In den Tälern regte sich nah und fern verlorenes Morgenläuten. Die wunderbare Stimmung überwältigte Nick. Unvermittelt ergriff sie die Hand Jabergs und flüsterte ihm zu: »Ich muß Ihnen doch noch einmal danken, daß Sie mich in Ihren Kreis gezogen haben. Wie könnte ich so Schönes erleben ohne Sie?« Und in hellem Jubel rief sie in den strahlenden Morgen hinaus: »Gott, wie hast du die Welt herrlich geschaffen -- die Welt und das Leben!«
Er sah sie glücklich an. »Ich wußte, daß es Ihnen bei uns wohl sein würde, und den Vorteil haben auch wir. Der Aufenthalt in der Pension ist jetzt noch angenehmer als früher, für mich namentlich.« Wie ein Knabe lächelte er in sich hinein, und es herrschte zwischen ihnen ein Einverständnis wie wunschlose Liebe.
Wenige Tage nach dem schönen Ausflug aber merkten Nick und die Frau Professor, daß er Sorgen habe. Der leidende Zug in seinem Gesicht vertiefte sich, und er war wortkarg. Mütterlich wandte sich Frau Bretscher an Nick: »Ich gebe Ihnen von vier Uhr an frei. Gehen Sie mit dem armen Jungen spazieren! Vielleicht schüttet er Ihnen seine Schmerzen aus, und es wird ihm besser!« Schon die Vorfreude des gemeinsamen Wanderns gab ihm neuen Glanz in die Augen.
Nick benutzte den Weg, um nach Marie und dem Neugeborenen zu blicken. Da sagte die junge Frau verwundert: »Du wirst ja von einem Tag zum andern schöner!« »Es geht mir auch gut,« lachte Nick, erzählte eine Weile, sprang dann aber auf: »Entschuldige die Kürze meines Besuchs, ich gehe mit Jaberg nach dem Forsthaus Adlisberg.«
Droben im Walde legte er ihr frei, was ihn bedrückte: »Ich habe einen Brief von meiner Braut erhalten. Konstanze will es erzwingen, daß ich meine Studien wieder nach München verlege. Folge ich ihrem Rufe nicht, droht sie, dauernd zu mir nach Zürich zu kommen. Das eine wie das andere aber wäre mir ein Leid.«
»Wie sonderbar!« stieß Nick hervor.
»Darf ich Ihnen jetzt unsere Geschichte erzählen,« fuhr er fort, »die Tragödie einer schlecht belohnten Rettung? -- Da muß ich Sie wieder hinaufführen auf jenes Rittergut Mecklenhof, von dem ich Ihnen bereits gesprochen habe. Uralt liegt es da, Herrenhaus, Ställe, Scheunen, einer Klosteranlage ähnlich ins Viereck gebaut, über dem starken Tor eine rostige Wetterfahne, am Turm der efeuumrankten Kapelle eine alte Uhr, die meines Erinnerns nie gegangen ist. Über die ungleich hohen und schwer bemoosten Hohlziegeldächer ragt, ein neueres Werk, ein leichter eiserner Turm. An seiner hohen Spitze klappert ein Windrad wie ein zierliches Gebilde der Luft und pumpt das Wasser für das Gehöft hinauf in einen Behälter. In der Ferne drehen ein paar Windmühlen langsam ihre Flügel, und bei hellem Wetter sieht man die Türme von Lübeck. Das Reizendste aber: durch die hohen Kornfelder, die im Winde wogen, ziehen die weißen Segel auf Wasserläufen, die dem Auge verborgen bleiben, zumal wenn das Korn reif ist -- ein entzückendes Bild. Nun noch die grünen Wälle, mit denen die Buchenforste in die Landschaft schneiden, und die weißstämmigen Birken, die vereinzelt oder in Gehölzen beisammen ihre Äste und Zweige in geheimnisvolle Moortümpel senken. Alles durchblüht von roter Heide. -- Da habe ich mit Konstanze von Lipönen Jahr um Jahr die Ferien verlebt.
»Als Kind ein Wildfang, wuchs sie sich zu einem bildschönen Mädchen aus: biegsame Gestalt, weißes Gesicht, Auge und Mund wie das Märchen, dazu reiches aschblondes Haar, das sich, wenn es niederfiel, bis unter die Knie in Locken ringelte. Stets war auch etwas Rotes an ihr, entweder in Haar oder Kleid: Heide, Mohn, Rosen, je röter desto lieber. Bei dem herrlichen Geschöpf brachen auch eine glühende Phantasie, eine reine, kräftige Singstimme und ein unverkennbares dramatisches Talent durch. Das war die Wendung ins Unglück. Niemand in der großen Familie wollte sie verstehen, besonders nicht mein Onkel, ihr Vormund, ein straffer Gutsherr, dem es als das schönste Lied erscheint, wenn auf dem Hof recht viele Pferde wiehern, Kühe brüllen, Schweine grunzen und Gänse schnattern oder draußen in den Brüchen ein brünstiger Hirsch schreit. ›Ihr sollen die Mücken ausgetrieben werden!‹ sagte er. ›Arbeiten soll sie!‹ Sie wurde der festknochigen derben Wirtschafterin beigegeben und stand nun vom Morgen zum Abend bei den Milchtöpfen, bei Eiern und Kuchen, Gänserupfen und Wurstmachen. Stets aber wieder stach sie der Teufel, sie trat unter die Knechte und Mägde der Leutestube, spielte die wahrsagende Zigeunerin, daß sich die einen krumm lachten und die andern zusammenschauderten, oder verkroch sich in die Ställe und auf die Böden, sang und blieb der Arbeit fern. Nun wußte mein Onkel, daß die größte Strafe für sie der sonntägliche Kirchenbesuch und das Vorsprechen auf andern Gütern war. Die Tanten und Muhmen schleppten sie überallhin mit, wo es recht sittlich, fromm und langweilig zuging. Doch siehe da! Die junge Dame streckte eines Tages dem Pastor die Zunge heraus, und wenn die Damen mitten im Klatschen waren, rief sie: ›Ich kenne auch eine Geschichte!‹ Boshaft die Anwesenden mit den Abwesenden verwechselnd, erzählte sie aus den Liebschaften eines Rittmeisters, daß eine von ihnen ohnmächtig zusammensank. Nichts war ihr heilig. Als eine alte Superintendentin erbaulichen Zirkel hielt, brach sie plötzlich mit einem Volkslied aus der Lüneburger Heide los, das sonst nur die Männer in den Mund nehmen, und auch die nicht vor Damen. ›Woher dieses gräßliche Lied?‹ fragte die Tante entsetzt. ›Vom Schweinemeister,‹ lachte Konstanze. So machte sie sich gesellschaftlich unmöglich.