Part 16
Da spürte er plötzlich den Blick eines vornehmen, etwas blassen jungen Mannes, der in der Nähe saß, forschend in seine Züge gerichtet. »Himmel, das ist ja Gerold von Jaberg!« durchzuckte es ihn. Sein erster Trieb war, den Jugendgenossen zu begrüßen, aber die blitzschnelle Erinnerung, in was für einer heiklen Lebensangelegenheit er in Lübeck weilte, ließ ihn davor zurückschrecken. Um Gottes willen, wenn ihn Jaberg nur nicht erkannte! Er saß noch eine Weile qualvoll da, rief dann dem zudienenden Mädchen: »Fräulein, bezahlen, bitte.« Nur die drei Worte -- Jaberg stand auf, trat an ihn heran, ergriff freudig seine Hand. »Und du bist es also doch, Ulrich! Sprich, was führt dich nach Lübeck?«
»Wanderschaft,« erwiderte Junghans betroffen. »Und dich?«
Jaberg, dem ein hübscher Schnurrbart gewachsen war, setzte sich in alter Freundschaft zu ihm hin. »Noch dasselbe wie vor zehn Jahren, als wir miteinander auf das Gymnasium in Konstanz gingen. Meine Mutter wohnt hier in der Nähe auf dem Gut Mecklenhof. Wenigstens zu Weihnachten, oft auch in den Sommerferien besuche ich sie. Was treibt man aber im Winter? Man unternimmt eine Schlittenfahrt in die Stadt, dreiviertel Stunden. Sonst lebe ich als Mediziner in Leipzig. Mein Vater ist leider gestorben, mitten in seinen dänischen Forschungen. Doch jetzt erzähle du -- nein, einen bessern Vorschlag, wir gehen miteinander in den Ratskeller, setzen uns in eine Ecke, speisen und erneuern die gemeinsamen Erinnerungen an Eglisau und das Rafzerfeld. Du siehst doch, wie ich mich über unser Wiederfinden freue!«
Ja, das mußte sich Ulrich gestehen, Gerold war nicht mehr der Junge, der beim Abschied etwas verlegen die rußigen Risse in seinen Händen betrachtet hatte, sondern der offene Freund wie in den schönsten Tagen ihrer Jugendzeit, und er durfte sich ihm nicht entziehen.
Sie hatten in der weitgewölbten, von mächtigen Pfeilern gestützten Kellerhalle die schirmende Ecke gefunden, der Wein perlte in den Römern, das Gespräch über die Jugendtage floß. »Wie, Nick Tappoli ist in Zürich Verkäuferin!« rief Gerold. »Sie war mein Knabentraum, überhaupt eines der feinsten Mädchen, die ich je kennen gelernt habe.« Ulrich wurde bei den Worten sonderbar ums Herz, ein tiefes Heimweh kam über ihn, je länger desto mehr faßte er das alte Freundesvertrauen zu Jaberg. Von seltsamem Erleben ging ihm der Mund über. Was er gelitten hatte, was er hoffte, schüttete er in ergreifender Erzählung aus und hatte an Gerold einen verständnisvollen, warmbeseelten Zuhörer. Als sie den Keller verließen, war Mitternacht schon vorüber. »Ich bleibe in der Stadt«, versetzte Jaberg, »und statte dir morgen einen Besuch ab. Vielleicht kann ich dir beim Ordnen der merkwürdigen Angelegenheit irgendeinen Dienst leisten.« Als Ulrich unter schimmernden Nachtsternen durch die totenstillen Gassen heim in seinen Gasthof ging, spürte er die große Herzenserleichterung, daß er sich endlich einmal mit einem Vertrauten über seine wirren Erlebnisse hatte aussprechen können. Der Abend blieb ihm wohl in unvergeßlicher Erinnerung.
Die Hilfe Jabergs konnte er in der fremden Stadt brauchen. Der junge Mann mit dem bekannten, geachteten Namen führte ihn bei den Behörden ein, die sich der Angelegenheiten der Barensky bemächtigt hatten. Die Bemühungen, sich einwandfrei in den Besitz des Knaben zu setzen, waren mit mehr Widerständen verbunden, als Ulrich vorausgesehen hatte. Da die Künstlerin außer dem Juwelenschatz ein ziemliches Vermögen hinterlassen hatte, vermuteten die Beamten, hinter seinen Wünschen eine eigennützige Absicht und forderten peinvolle Aufschlüsse über seine Beziehungen zu der Artistin, sogar der unglücklichen Mab stellte man ihn gegenüber. Nach etwa acht Tagen hatte er es erreicht, daß man ihm das Kind übergab. Das Vermögen der Barensky aber blieb in amtlicher Verwahrung, die Behörden wollten abwarten, ob nicht noch andere Ansprüche geltend gemacht würden. Das Wesentliche für Ulrich war, daß ihm die freie Vatergewalt über den Sohn zugesprochen worden war.
Unterdessen war die Antwort von Szedesky eingegangen. »Herzbruder!« begann der Brief. In schlechtem Deutsch enthielt er ein freudiges Willkommen für Ulrich wie für sein Kind. »Ich habe die Liebe meiner Jugend zum Weib genommen, und sie hat mir ein Söhnchen geschenkt. Warum soll sie nicht gleich zwei Jungen Mutter sein? Und du bist ihr nicht fremd. Oft habe ich zu ihr gesagt: Teufel, wo ist mein Freund geblieben? Ich wußte fast sicher: in den Krallen der Barensky, Tigertier verfluchtes! Ich habe geseufzt: Armer Ulrich! und den Abend in Frankfurt in die Hölle gewünscht. Aber gottlob, das wilde Weib ist jetzt tot. Grüß Gott, Ulrich, im schönen Ungarland!«
Junghans leuchteten die Augen über den Zeilen. Was ist es Herrliches um echte Männerfreundschaft!
Auch die Jabergs kamen ihm noch zustatten. Bei einem Besuch, den er auf dem Gut Mecklenhof machte, berieten sie, wie die weite Reise mit dem Kleinen am leichtesten einzurichten sein möge. »Wir haben hier auf dem Gehöft eine junge Knechtsfrau, Polin, die vor ein paar Monaten ein Kind geboren hat. Ich glaube, sie würde sich vortrefflich als Wärterin während der Eisenbahnfahrt eignen. Nur müßtest du ihr wieder für die Rückfahrt sorgen.« »Was tut's!« erwiderte Uli. »Ich habe in Berlin sparsame Monate gehabt.« Nach einigen Bedenken ließ sich das Weib gewinnen.
Ein paar Tage nach Neujahr hatte Ulrich auch seine Geschäfte in Berlin geordnet, und es kam die Abreise zudritt von Lübeck. Auf dem Bahnsteige standen zum Abschied Gerold Jaberg und Traugott Meister und schüttelten ihm die Hand. Sie gingen gemeinsam in die Stadt zurück. »Junghans ist einer der edelsten Menschen, die mir je begegnet sind,« plauderte Meister. »Unter uns Männern fast ein weißer Rabe,« erwiderte Jaberg. »Wie selten sorgt sich einer um sein uneheliches Kind!«
Ulrich aber fuhr mit seiner nicht alltäglichen Begleitung bald in guten, bald in schlechten Zügen dahin. Das Kind saß zufrieden auf dem Schoß der kleinen, dicken Wärterin und wollte ihr stets in die schwarzen Kirschenaugen greifen, als wären sie Spielzeug. Er aber dachte: Eine Mutter sollte der Uli doch wieder haben! Seine Gedanken kreisten um die ferne Nick. Plötzlich aber schüttelte er den Kopf so heftig, daß die Polin ihn verwundert anblickte. Wie durfte er sich in seinen Sinnen noch an Nick heranwagen? Wenn sie um seinen Buben wüßte, hätte sie für ihn ja doch nur das Herz voll kalter Verachtung. Er hatte erlebt, was kein Weib verzeiht. Und ihm war, durch das Rollen des Zuges gehe eine wehmütige Melodie von verscherzter Liebe. Ein Blick aber in die leuchtenden Kinderaugen -- und das Herz schlug ihm höher. Sein Leben hatte nun doch einen großen Zweck!
21
Nick verkaufte Schreibwaren und empfand es als besonderen Reiz ihrer Stellung, daß viel frohe Jugend in den Laden kam. Was waren die Mädchen glücklich, die mit ihren sechzehn oder achtzehn Jahren noch auf den Schulbänken sitzen durften! Bei ihrem Anblick regte sich in ihr oft eine leise Bitterkeit darüber, daß man im fröhlichen Pfarrhaus in Eglisau an ihr so wenig für ein Stück gründlicher Bildung getan hatte. In ihrem Wissensdurst wäre sie jeder Klasse vorangeflogen, und was hätte aus ihr werden können! Zum mindesten eine vortreffliche Lehrerin. Die Anfechtungen gingen aber vorbei. Manches schwungvolle Gespräch der jungen Menschen tat ihr wohl. Ein paar harmlose Verehrer, Gymnasiasten und Studenten, beichteten ihr die heimlichen Schul- und Lebensschmerzen und steckten ihr Gedichte eigener Schöpferkraft zu. Und auf dem Platz, an dem das Geschäft lag, sah sie manchen Ausschnitt aus den Bildern der Stadt, nicht nur, wie die Polizei in schwarzglänzenden Tschakos und mit breiten roten Epauletten gemessenen Schrittes vor der Hauptwache auf und niederschritt und etwa einen auf dem Bettel ertappten Handwerksburschen einbrachte, sondern auch, wie die Väter des Kantons zu ihren Sitzungen in das altehrenfeste Rathaus traten.
Unter den stattlichen und würdigen Herren des Großen Rates befand sich seit einiger Zeit auch ihr Schwager Ferdinand Bürsteler, der an fleischiger Leiblichkeit noch zugenommen hatte.
Eines Tages trat er in den Laden, entdeckte sie, kam nun dann und wann auf eine Viertelstunde zu ihr herein und berichtete ihr in breiter Gutherzigkeit mancherlei, was sie fesselte oder nicht. Leider aus der Familie nicht viel Erfreuliches. Der Schwester und ihren Kindern ging es zwar gut, aber die Mutter kränkelte, und der Bruder, der blutjunge Pfarrer, der hinten im Gebirge saß, war eben im Begriff, mit einem hübschen Webermädchen eine törichte Ehe einzugehen.
Jedes Vierteljahr besuchte Nick Mutter und Schwester im Oberland, sonst stand sie einsam im Leben und mußte über die Freundschaft mit Marie Junghans froh sein, die ihr noch am meisten das Gefühl einer Angehörigkeit gab.
Marie war aus der »Meise« ausgetreten, sie nähte in Eglisau die Aussteuer, kam aber zuweilen in die Stadt. Einmal fragte Nick bei ihr nach Ulrich. Die Freundin schüttelte aber traurig den Kopf. »Wozu über den Verlorenen sprechen?« seufzte sie. »Ich habe jedoch zwei Anliegen an dich. In den Frühlingsferien findet unsere Hochzeit daheim statt. Da bitte ich dich, daß du mir Brautjungfer seiest. Das andere betrifft die Wohnung, die wir mieten wollen. Sie liegt am Zürichberg im ersten Stock eines alten Bauernhauses mit Sonne, Luft, Aussicht, ist aber für unsern Zweck um ein Zimmer zu groß. Wenn du dieses von uns mietetest?« Sie wurden einig.
Die Hochzeit im heimischen Städtchen nahm einen schönen Verlauf, doch war ein verhaltenes Leid dabei. Ulrichs Name kam über keine Lippe, aber im Stummen fragten alle Herzen: Wo mag der Verirrte weilen? -- Maries Vater, der würdige Messer- und Zirkelschmied, dem bereits graue Fäden durch den Bart liefen, hatte beim Mittagessen im »Hirsch« etwas so Nachdenkliches, daß er einen dauerte. Den Alten schmerzte es tief, daß im Kranz seiner acht, nun zum größten Teil erwachsenen Kinder ein Sohn fehlte. Am Abend wollte er doch einen Tanz mit der immer noch rabenschwarzen Mutter wagen, sie aber erwiderte: »Ich meine, wir überlassen es den Jungen!« An dieser Antwort war auch nur die Verschollenheit Ulrichs schuld.
Nick ließ sich von der Gegenwart Friedrichs fesseln. Immer wieder schweiften ihre Blicke über die Gestalt des starken, gesunden, blonden Mannes, in dessen blauen Augen die unbeirrbare Rechtschaffenheit stand. Gerade wie er war Uli gewesen, nur von merkbar stärkerer seelischer Flugkraft.
Nun wohnte sie bei dem jungen Ehepaar am Zürichberg. Schon am ersten Tag hätte sie nicht mehr hinab in die Stadtgasse zurückkehren mögen. Hier war die Luft so frisch, die Stille der Nacht so groß, und wenn sie am Morgen erwachte, entbot ihr aus weiter Ferne der Urirotstock mit dem weißen Firnfeld den Gruß. Auch besaß Marie eine recht hübsche Einrichtung, das Geschenk der Stammgäste, die sie in treuherziger Bescheidenheit und mütterlichem Zusorgen bedient hatte. Der alte Professor, der sich gern auf der Höhe erging, sah dann und wann nach der jungen Frau, und mancher Sonntagsspaziergänger gab mit freundlichem Zuruf Zeugnis, was für ein achtungsvolles Andenken sie bei ihren ehemaligen Gästen genoß.
Wenn sie den gleichen Weg wie die Freundin einschlüge, dachte Nick; wenn auch sie als Tochter in ein Zunfthaus träte? Da war doch mehr zu verdienen denn als Ladnerin! Marie aber redete es ihr aus. »Das habe ich tun dürfen mit meinem glatten Haar und meiner Einfachheit. Aber Nick Tappoli mit dem vornehmen italienischen Gesicht, den blitzenden Augen und dem Krauselhaar, -- nein, nein, du kämest mit den Männern in endlose Geschichten hinein!«
Nick ließ sich belehren. Aber der Anblick des glücklichen jungen Ehepaares, mit dem sie nun das Leben teilte, rief immer wieder innere Kämpfe in ihr wach. --
In dieser Unruhe ihrer Seele fand sie einen ihr verloren gegangenen Freund wieder.
Nach den Überlieferungen ihrer Jugend besuchte sie dann und wann am Sonntagmorgen den Gottesdienst, bald in der, bald in jener Kirche. Neben der religiösen Erbauung hatten die Predigten für sie noch den besonderen Reiz, daß sie gern Gehaben, Kraft und Schwung der verschiedenen Geistlichen beobachtete und untereinander verglich, ein Spiel, das sie heimlich schon in der Heimat am Rhein getrieben hatte. Nun wollte sie wieder einmal den Gottesdienst eines schon silberweißen, ehrwürdigen Geistlichen besuchen, von dem der Vater stets mit Wärme als einem gesinnungslautern Vorbild für alle Pfarrer gesprochen hatte.
Da, welche Überraschung! Auf die Kanzel stieg nicht der alte, zittrige Dekan, sondern eine junge, weltmännische Gestalt -- kein anderer als John Wildholz, mit dem eine so feine und schöne Freundschaft sie verbunden hatte. Seit seinem Abschied von ihr war seine Erscheinung noch edler, eindrucksreicher geworden, in den blaudunklen Augen flammte ein noch stärkeres Feuer, und auf dem männlich schönen, doch vom Denken schon zerarbeiteten Gesichte lag ein fast bedrückender Ernst. So war auch seine Predigt ein strenges Gericht über den Leichtsinn und die Oberflächlichkeit der Menschen, ein herzergreifender Mahnruf zur Buße -- für Nicks Empfinden zu streng, aber vorgetragen mit einer Glut, einer Überzeugungskraft, einem Schmelz der Sprache, daß es die Seelen bis in die letzten, verborgensten Falten erschütterte und jeder vor seinem Worte in den Staub niederknien mußte. Verhaltenes Weinen und Schluchzen ging durch die Kirche.
Nach dem Gottesdienste blieb eine Schar der Zuhörer am Ausgange stehen, um dem Geistlichen, der eine so zauberhafte Gewalt über Sinne und Herzen besaß, noch einmal in das durchgeistigte Gesicht zu blicken. Nick, die von ihm nicht bemerkt zu werden wünschte, folgte zwar ihrem Beispiel, stellte sich aber bescheiden hinter die andern. Er kam, nachdem sich die Kirche völlig entleert hatte, etwas blaß und erschöpft, wie selber noch ergriffen von der die Gemüter aufwühlenden Rede, in Begleitung seiner Frau. Nick erkannte sie gleich wieder nach dem Bilde, das auf dem Schreibtische des Verwesers gestanden hatte. Das harte Gesicht mit dem dünnen, über der Stirne glattgestrichenen Haar und dem schmallippigen Mund erschien ihr in der Wirklichkeit noch reizloser. Wie damals schon, und mehr noch, war sie enttäuscht von der Wahl des geistig so hochstehenden Mannes.
Sie besuchte nun dann und wann seine Predigten, in denen er mit erschütternden Tönen in Leid und Schuld des Lebens griff und mit dunkler Glut das Gemälde des menschlichen Erlösungsbedürfnisses schuf. Als sein Auge wieder einmal über die Gemeinde dahinflog, traf es das ihrige, unbewußt suchte sein Blick sie wieder -- er erkannte sie, und nun war es eine Weile, als spreche er eigens zu ihr. Es gab keinen Grund, daß sie den Vielbewunderten und Verehrten nicht wieder begrüßte. Als er nach dem Gottesdienste mit der Gattin dem Pfarrhause zuschritt, trat sie zu ihm heran und spürte wohl, wie lebhaft in ihm die Erinnerung an ihre ehemalige Freundschaft aufwachte, an ihre einsamen Gänge durch Feld und Wald. Die Frau blieb bei der Vorstellung steif und kühl, doch nahm Nick seine Einladung zu einem Abendbesuch unbedenklich und freudig an. Welches Glück, mit ihm wieder einmal Seele zu Seele sprechen zu dürfen! --
In hochgespannter Erwartung stapfte sie durch Dämmerung und Schnee. Sie dachte, daß um Wildholz wohl noch mehr Besuch geschart sein werde, traf aber das Ehepaar allein, und wieder fiel ihr der Gegensatz der beiden Menschen auf: des vornehm gütigen Pfarrers, der die Feierlichkeit des Redners von sich gestreift hatte, und der kalten Frau, die ein weißes Diakonissenhäubchen trug und fast jeden Satz mit dem Worte begann: »Es spricht der Herr.« Wildholz plauderte mit Nick von den Wochen am Oberrhein, dabei spürte sie aber die Augen der Pfarrerin wie zwei stechende Flammen auf sich gerichtet. »Sie haßt mich,« durchzuckte es sie. In der Tat begann die Pfarrerin unter Seufzen so deutlich und anzüglich von der Sünde des Hochmutes zu sprechen, die ungescheut durch die Stadt wandle, daß sich der Gast wohl oder übel betroffen fühlen mußte. Ging sie denn in ihrem dunkeln Wollrock nicht einfach genug? Und das krause Lockenhaar, das den besonderen Anstoß der Pfarrerin zu erregen schien, hatte ihr doch Gott gegeben, und es war nichts Künstliches daran.
Wildholz ahnte die Qual Nicks, gab aber seiner Frau umsonst bittende Blicke. Jene verlor ihre Offenheit, das froh begonnene Gespräch wurde verlegen und gezwungen, eisige Kälte waltete bei dem von der Pfarrerin mit harter Stimme gesprochenen Tischgebet, und nachher würgte Nick jeden Bissen hinunter. Da bereitete Wildholz der unerfreulichen Stunde ein Ende. In verhaltener Erregung und willensscharf wandte er sich der Gattin zu: »Christine, ich gebe Fräulein Tappoli noch das Geleit. Um neun Uhr bin ich wieder zurück.« Sie wagte keinen Widerspruch, wurde aber kreidebleich vor Ärger. Als Nick ihr die Hand bot, wußten beide: es war das letztemal, kein Wiedersehen war zwischen ihnen möglich. --
Die Nacht lag sternenlos über der Stadt, der Wind pfiff um die Häuserecken, und wo ein paar Menschen unterwegs waren, bedeckte der aufgewirbelte Schnee rasch wieder ihre Spur. Geraume Weile gingen Wildholz und Nick schweigend, ihr standen die Tränen nahe.
Bei einer Baumgruppe hielt er den Schritt an. »Fräulein Tappoli,« begann er mit bewegter Stimme. »Was wir heute erlebt haben, ist uns beiden ein Schmerz. Völlig kann ich ja das Betragen meiner Frau nicht entschuldigen, aber doch ein wenig. Dazu bin ich Ihnen aber eine Erklärung schuldig, die Sie um Gottes willen nicht mißverstehen mögen. Als meine Frau und ich einander auf entlegener Missionsstation kennen lernten, waren wir junge Menschenkinder, außer ihren Eltern die einzigen Europäer, einander verbunden durch den jugendlichen Eifer für das Gotteswort. Wie eine heilige Märtyrerin erschien sie mir. Daraus entstand unsere Liebe, unsere Verlobung. Später, als ich wieder unter die Menschen des eigenen Erdteils trat, erkannte ich ja schon, wie bescheiden ich in der Wahl meiner Braut gewesen war. Hätte ich aber die Treue verletzt, so hätte ich nicht mehr bestehen können vor meinem Gott. Und nur einmal kam ich in die große Gefahr, daß ich in seelenbezwingenden Schmerzen an den Ungott der Treulosigkeit verloren gehe. Sie ahnen es: -- in Eglisau neben Ihnen!«
Einen Augenblick schwieg Wildholz, übermannt von der Erinnerung. Aber er faßte sich und fuhr fort: »Wie ich dann selbst meiner Herr geworden bin, haben Sie miterlebt. Ich wies die Berufung des Städtchens zurück und begab mich auf die große Reise, die ich ohne meinen innern Kampf wahrlich unterlassen hätte. Daß mich dabei Ihr Bild begleitete, sagten Ihnen wohl meine Grüße von da und dort. Den Schluß der langen Fahrt bildete, daß ich meine in die Heimat übersiedelnde Braut in Southampton abholte. Ein paar Stunden nach Ankunft des Schiffes saßen wir in einem Garten am Meer, ich schrieb Ihnen etliche Zeilen und bat sie, Ihren Gruß darunter zu setzen. Sie haben den Brief nie erhalten, aber er gab mir und ihr den Anlaß, daß wir von Ihnen sprachen. Im Triebe, das Gewissen vor meinem künftigen Weib zu entlasten, habe ich wohl unvorsichtig viel von Ihren Vorzügen gesprochen, -- kurz, ich denke nur unter Schmerzen an jenen Abend zurück. Nun aber, Fräulein Tappoli, wissen Sie, warum der heutige so schrecklich frostig ausgefallen ist, daß wir wohl beide eine Wiederholung gern vermeiden. Ich hoffte, es sei mit der Billigung meiner Frau wieder eine Freundschaft zwischen uns möglich. Leider nein! Und weil mich die Verantwortung für die Einladung trifft, die so kränkend für Sie verlaufen ist, bitte ich Sie herzlich: Verzeihen Sie ihr!«
Nick war von dem Bekenntnis ihres früheren Freundes zu verwirrt, um auch nur ein Wort sprechen zu können. Sie gingen wieder ein Stück Weges durch Wind und Schnee. Da erst versetzte sie: »Wenn es Ihrer Frau eine Beruhigung ist, sagen Sie ihr, daß ich ihr den Abend nicht nachtragen werde.«
Wildholz atmete auf: »Und nun eine Frage. Aus meinen inneren Kämpfen in Eglisau erinnere ich mich an den Namen Ulrich Junghans. Mein Verzicht auf Sie wurde mir damals erleichtert durch Ihr Geständnis, daß Sie den jungen Mann lieben, obschon Sie ihm auf seine Werbung mit einem Nein geantwortet haben. Haben Sie den Brief einmal geschrieben, zu dem ich Ihnen riet?« »Den Brief habe ich geschrieben,« erwiderte Nick schwer, »aber Ulrich Junghans ist für mich und die Seinen doch draußen in der Welt verschwunden. Ich weiß nichts von ihm.«
»Wir sind alle Kämpfende, darum gibt es für uns keinen Halt als den des allerdemütigsten Glaubens,« versetzte Wildholz nach einigen Schritten, wie aus einem Selbstgespräch heraus. »Wie tief fühle ich Ihre Vereinsamung mit, Fräulein Tappoli! Und dennoch drängt gerade sie mich zu einer Bitte, die mir so schwer fällt wie noch keine in meinem Leben, und die vielleicht noch nie ein Pfarrer getan hat.« Er ergriff zitternd ihre Hand. »Wen sähe ich lieber in meiner Kirche als Sie? Aus welchem Gesicht käme mir mehr als aus dem Ihren Trost, daß ich mit meinen Predigten nicht bloß in den Wind säe? Aber ich bitte Sie: besuchen Sie künftig einen anderen Gottesdienst als den meinen -- ersparen Sie mir den neuen Kampf.«
Er wandte sich in mächtiger Bewegung plötzlich von ihr ab. »Behüt' Sie Gott, Fräulein Tappoli,« rief er ihr nach, und im nächsten Augenblicke verschwand seine hohe, vornehme und düstere Gestalt im Schneegestöber und in der Dunkelheit. Die erschütterte Nick jedoch hatte ihn verstanden. Auf ihrem Stübchen verbrachte sie die halbe Nacht schlaflos. Was hatte sie mehr begehrt, als daß ihr die von Christlichkeit überfließende Pfarrersfrau am Sonntagabend ein Plätzchen im Schein ihrer Lampe gönne und sie aus den Gesprächen mit dem Pfarrer ein tröstliches Licht hinaus in den Werktag der Woche tragen dürfe. Ihr, der nach Wohlwollen Durstenden, wäre die Freundschaft des Pfarrers eine reine und erfrischende Quelle gewesen! Und doch erfüllte es sie mit einem dankbaren Glücksgefühle, daß sie damals in Eglisau Wildholz etwas gewesen war, daß er ihretwegen innerlich hatte kämpfen müssen und daß der so tief ernste Mann sie auch jetzt noch als eine Gefahr für seinen Seelenfrieden betrachtete. Das sprach für ihren inneren Wert. Wie einfach und bescheiden ihr Lebensweg war, -- einmal mußte ihr doch ein Herzensfrühling erblühen.
Nie aber kreuzte sie wieder die Spur des Geistlichen, unter dessen düster glutvollen Predigten die halbe Stadt in den Staub kniete. --
Dafür schenkte ihr das Schicksal ein anderes Wiedersehen, das eine neue Wendung in ihr Leben bringen zu wollen schien.
In den Laden, in dem sie nun bald zwei Jahre Angestellte war, kam ein junger Fremder, gewählt von Erscheinung, doch im weltklugen Gesicht einen leis leidenden Zug, am Finger den Ring des Verlobten. Sie sehen und lächeln war eins. »Wir sind wohl alte Bekannte, Fräulein,« versetzte er. »Wir gingen in Eglisau miteinander eine Weile zur Schule, ich allerdings eine Klasse über Ihnen, was mich indessen nicht hinderte, Ihnen dann und wann ein Schneeballgefecht anzubieten.«
»Ah, Herr von Jaberg!« rief Nick erfreut. Sie schüttelten sich die Hände. »Wie kommen Sie denn nach Zürich?« »Sie sehen, ich bin verlobt,« erwiderte er leichthin. »Damit hängt's zusammen. Ich will hier meinen Doktor machen.« -- »Und Ihre Braut?« forschte Nick. »Sie lebt in München. Vielleicht erzähle ich Ihnen einmal unsere Geschichte. Sie ist außergewöhnlich.«
Und die alte Freundschaft war wieder geknüpft.
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