Nick Tappoli

Part 13

Chapter 133,793 wordsPublic domain

Auch der zitternde Glorian machte einen Versuch, den Mund zu öffnen. »Henriette,« flehte er die Schwester an. Sie aber stieg wie eine Rakete über ihn. »Bruder, du verirrtes Schaf, statt in deiner halsstarrigen Betörung zu verbleiben, knie nieder und danke Gott, daß du noch eine liebe Schwester hast, die deine Unerfahrenheit gegen solche Fallstricke schützt und schirmt. Vor allem aber dulde ich von dir keine Unterbrechung der wohldurchdachten Worte, die ich nun sprechen will.« Da schaute er erbarmungswürdig und gebrochen zu seiner Angebeteten hinüber.

Jeder Versuch Nicks, selber in die Angelegenheit einzugreifen, wurde von dem eckigen Fräulein mit empörten Handbewegungen im Nu erstickt. »Welch ein Mangel an Erziehung, eine lebenserfahrene Dame berichtigen zu wollen! Das wagt doch nur eine ungeschliffene Zürcherin und fällt bei Ihnen um so schwerer in Betracht, als Sie aus einem Pfarrhaus stammen. Wo sind die duftenden Blüten, die fromme Elternliebe Ihnen ins Herz gepflanzt hat? Versengt von der bösen Stadt Zürich, die in Basel keines guten Rufes genießt! Die Untugend wohnt an der Limmat. Sie selber sind zu einer Dienerin der Hoffart hinabgesunken. Standen Sie nicht in einem Laden, in dem Damenhemden mit durchbrochenen Einsätzen und roten Bändchen verkauft wurden?«

»Herrgott, die Baslerinnen werden auch nicht in Sack und Asche gehen!« rief Nick, welche die Predigt des Fräuleins allmählich lächerlich fand.

Schon schwebten aber die Hände der Henriette Rollenbuz wieder beschwörend über ihr. »Wir sprechen nicht von unserm tugendreichen Basel, sondern von Ihnen, der Pfarrerstochter, die sich heruntergelassen hat, unchristlich gewordenen Mädchen und Frauen diejenigen Gegenstände zu verkaufen, welche die Blicke gottloser Männer mit Wollust erfüllen. Daß Sie sich dabei selber in Leichtfertigkeit verstrickt haben, ist mir nicht verwunderlich; es erscheint mir aber doch als eine besondere Bosheit von Ihnen, daß Sie die Hände nach meinem bisher tadellosen Bruder ausstreckten. Indessen wird Ihnen der Anschlag nicht gelingen: meine schwesterliche Liebe durchschneidet Ihre Netze, sie führt Glorian in die Obhut seiner Familie nach Basel zurück.«

»Und rettet ihn vor der Cholera!« rief Nick, deren Zorn einem blühenden Mutwillen gewichen war. Jetzt hob das Fräulein ihre Arme nicht mehr beschwörend empor. Ihre Gestalt steifte sich krampfhaft, ihr Wort brach ab, schreckensbleich saß sie mit offenem Munde da.

Nick aber fuhr ein Übermut in die Seele, daß sie sich selber nicht mehr begriff. Möglichst weit von ihrer Gegnerin entfernt stellte sie sich in die Ecke, stemmte die Daumen in die Ohren, fächerte mit den Fingern, riß die dunklen Augen groß auf und das Gesicht zu einer Fratze. So lief sie auf die Erstarrte los, nahm ein Stück ihres Kleides, blies es an und rief: »Sie, Unglückliche, spüren Sie es nicht? Ich selber bin die Cholera!« Ein erstickter Schrei -- und ohne sich mehr nach Glorian umzusehen, riß Henriette Rollenbuz Schirm und Tasche zusammen. Treppab war sie verschwunden, und schlotternd folgte ihr Glorian. »Viel Glück in Basel!« rief ihm Nick die Treppe hinunter nach und schlug die Hände über dem Kopf zusammen: »Mein Gott, ist das eine verrückte Welt!«

Am Nachmittag noch zitterte ihr das Erlebnis mit Glorian und seiner Schwester als etwas Unbegreifliches durch die Sinne. Ihrer Freiheit froh, lief sie planlos hinaus vor die Stadt, lief und stieg von Menschen unbehindert, bis sie auf dem Gipfel des Ütlibergs stand. Dort begann sie in die Einsamkeit hinaus ein Lied zu singen, und was ihr noch schwer in der Seele gelegen hatte, rollte mit den Tönen davon.

Der Tag war dunstig, die Aussicht verschwommen, gegen Abend aber hellte sich das Land zu herrlicher Klarheit, warm lag es in der sich neigenden Sonne: Stadt, See, Täler, Dorfschaften, grüne und weiße Berge, durch das milde Licht wunderbar miteinander verbunden. Welcher Friede!

Dort unten in der schimmernden Stadt aber wanden sich die Menschen in der Seuchenfurcht, dort kroch in hunderterlei Gestalten das Elend, der Wahn der menschlichen Leidenschaften. Nick brauchte nur an die abgezehrte Frau zu denken, die ungeliebt der Grube zuwankte, an den herzensrohen Mann, der sich schon zu Lebzeiten der Gattin das künftige Weib auslas, der sich einbildete, sie, Nick, müsse es sein, und dafür keine Anspruchsmittel als seine Wohlhabenheit besaß. Im Traum war ihr nie der Gedanke gekommen, ihr Dasein mit dem Wasmers zu vereinigen. Noch wahnsinniger aber erschien ihr die Vorstellung der Fräulein Rollenbuz, daß sie ihren Bruder für sich einfangen wolle. Diese Menschen hatten ja keine Ahnung, wie es in einer jungen Mädchenseele aussah. Auch quälte sie sich an dem Wort Wasmers: »Sie Idealistin, gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den Markt. Da werden Wesen wie Sie mit der gleichen Kaltblütigkeit wie Hasenfelle verkauft.«

Der Ausspruch war für sie eine furchtbare Beleidigung. Sie fühlte sich stark genug, ihr Brot in Ehren zu verdienen, aber die beiden häßlichen Erfahrungen, die ihre letzten Tage bewegt hatten, gaben ihr doch die Erkenntnis, daß sie bisher das Leben nicht dunkel genug betrachtet hatte, daß es viel trauriger war, gemeiner und grausamer, als sie sich's je hatte vorstellen können. In ihr Herz schlich sich die Furcht vor Gefahren, die sie nicht kannte. Lebhafter als sonst spürte sie das weibliche Anlehnungs- und Schutzbedürfnis. Daraus stieg die Erinnerung an Ulrich Junghans, den Freien, Starken, der wie kein anderer ein Weib zu schirmen berufen war. Sie begriff sich selber nicht, daß sie ihm nicht längst den versprochenen Brief geschrieben hatte. Jetzt wollte sie es tun! In ihrem Kopfe war das Schriftstück schon im Werden. Eine große Ruhe überkam sie. Der Frieden ihrer Seele stand im Einklang mit der Einsamkeit der abendlichen Natur und ließ sie in der daherwallenden Dämmerung ohne Angst den Waldweg hinab in die Wiesen und Felder und hinüber in den Lichtdunst der Stadt schreiten. Sie freute sich, daß der Ausflug für ihr inneres Besinnen nicht umsonst gewesen war, schrieb den Brief aber doch nicht mehr, sondern überließ sich dem frühen, tiefen Schlaf der Jugend.

Die Uhr ging wohl schon gegen Mitternacht. Da wurde sie von Frau Gugolz geweckt: »Fräulein Tappoli, schon zweimal ging die Klingel. Ich weiß nicht: will jemand etwas von mir oder von Ihnen? Es ist so unheimlich in der Cholerazeit!« Wieder ging schwach die Glocke, aber aus dem Fenster war niemand auf der durch eine Gaslaterne erhellten Gasse zu entdecken, und auf eine Anfrage, wer unten sei, kam keine Antwort zurück. Wieder aber regte sich die Klingel. Da holte die Alte ihre Pfefferbüchse und stattete Nick wie sich selber mit einer Hand voll Gewürz aus, um es dem Bösewicht ins Gesicht zu werfen, der vielleicht drunten stand. Mit einer Kerze tasteten sie die Treppe hinab, Nick als die Mutigere voran. »Gott, Sie sind es, Frau Wasmer!« schrie sie leise auf und schickte Frau Gugolz wieder in die Wohnung empor.

Am Hauseingang lehnte kraftlos die Todkranke. Sie nahm Nicks Hand in ihre beiden. »Ich finde keine Ruhe und kein Sterben, bis Sie mir verziehen haben,« stieg es ihr rauh aus der hohlen Brust. »Ich habe eingesehen, daß mein Verdacht gegen Sie todungerecht war.«

»Ich danke Ihnen,« stotterte Nick, und da Frau Wasmer sich nicht bewegen ließ, zu ihrer Erholung ins Haus zu treten, brachte sie die Schwankende durch die finstere Nacht wieder heim.

Wie ein Spuk kam ihr nachher das seltsame Erlebnis vor. Sie war aber doch tiefglücklich, daß die von Gewissensbissen gequälte Frau vor ihrem Hinscheiden die blind wütende Eifersucht gegen sie aus der Seele getilgt hatte. --

Aus freiem Herzen schrieb sie Ulrich Junghans am andern Morgen den Brief, der die alte Freundschaft wieder anknüpfen und die Liebe reifen sollte.

»Lieber Uli!« lautete er. »Marie, die ich zuweilen sehe, erzählte mir so viel Freundliches von deinem Aufenthalt in der Fremde, daß auch ich oft meine Gedanken zu Dir hinüber wandern lassen muß. Seit ich durch den Tod meines Vaters die schöne Jugendheimat am Rhein verloren habe und hier in der Stadt das Brot selber verdienen muß, sind meine Gedanken recht oft und nicht ohne Heimweh bei Dir. Ich sehe Dich stets noch, wie Du mit Deinen Flügeln in die Dornen fielst, aber auch, wie Du Dir von mir trotzig den Pfänderkuß erzwangst und als kühner Schiffer auf unserm Strom mit Wirbel und Woge fochtest. Leider mußtest Du dann zu dem Eindruck kommen, daß Du mir gleichgültig seiest. Die blitzdumme Antwort, die ich Dir auf Deine Herzensfrage gab, habe ich auf das innigste bereut, schon an dem Morgen, da Du auf die Wanderschaft gingst, und seither immer. Schiebe sie auf den Trotz und Stolz eines jungen Mädchens, das für Liebesfragen erst am Erwachen ist, und auf die große Verwirrung des Augenblicks. Nun war es mir aber eine tiefe Freude und Gewissensberuhigung, aus einem Brief, den Du noch in Nürnberg geschrieben hast und den mir Marie zeigte, zu sehen, daß Du mich doch nicht ganz verwirfst, wie Du nach meinem törichten Benehmen das Recht hättest. Dein Vorsatz, wenn Du einmal aus der Fremde heimkehrst, mit mir doch noch ein ernstes Wort zu reden, hat mir den Mut zu diesem Brief gegeben. -- Aber was soll ich Dir schreiben? Nichts weiter, als daß ich Dir noch einen recht schönen Aufenthalt in der Ferne wünsche und daß Du, wenn Deine Zeit um ist, in Gesundheit und Segen in die Heimat zurückkehren und mir die Freude des Wiedersehens bereiten mögest.

Deine getreue Nick.«

17

Der Brief Nick Tappolis hob Ulrich weit über die Sorge des Tages hinaus und gab ihm die völlige Klarheit über seinen künftigen Weg. Wie schöne Gefühle ihn mit Lutz Römer verbanden, -- seine echte, ursprüngliche Liebe war und blieb eben doch Nick, und nun sie ihm die Hand reichte, war ihm, sein Glück sei nicht weniger groß und rein als dasjenige Friedrichs. Er sprach aber mit dem von seinen eigenen Plänen Eingenommenen nicht darüber.

Ein Liedchen vor sich hinsummend stand er spät an der Werkbank und überdachte seine Antwort an Nick. Eine Stunde noch, und dann hatte auch er Feierabend. Da trat Appelius auf ihn zu, der noch auf dem Kontor gearbeitet hatte: »Eben sprach ein Bote vor, Sie möchten rasch heimkommen. Ihr Bruder sei ernstlich erkrankt. Es ist sonderbar: der Mann, den ich um fünf Uhr noch so gesund sah. Doch eilen Sie!«

Den Erschreckten trugen die Füße kaum, eine große Bangigkeit schnürte ihm die Brust. Als er den Schlüssel in der Haustüre drehte, kam ihm mit tränenüberströmtem Gesichte Lutz aus dem Flur entgegen, die heimlich auf ihn gewartet hatte.

»Ulrich, es ist etwas Furchtbares geschehen,« erzählte sie ihm und konnte fast nicht sprechen vor Schluchzen. »Friedrich kam etwas früher als sonst heim. Lotte und ich machten mit ihm einen weiten Spaziergang den Rhein entlang und gingen im Rückweg zum Zirkus, um dort das Leben und Treiben zu sehen. Mitten unter den Menschen steht die Tierbändigerin Barensky. Mit einer kleinen Peitsche streicht sie Friedrich den Hut vom Kopf, schlägt sie ihm ins Gesicht und schreit meiner Schwester zu: ›So geht es einem Mann, der lügt!‹ und verschwindet unter den Leuten. Alles im Hui! Friedrich taumelte vor Schreck, sein erstes Wort war: ›Ich bin unschuldig, ich kenne das Weib nicht.‹ Um die ohnmächtige Lotte mühten sich Bekannte. Wir kamen heim, wie weiß ich zwar nicht. Der Vater war noch nicht da, wir schöpften Hoffnung, ihm die Sache verheimlichen zu können; als er kam, hatte er aber schon Wind davon. Friedrich, der sich vor ihm verteidigen wollte, verbot er die Wohnung und jagte ihn davon. Die Verlobung soll gelöst werden. Lotte fällt von einem Krampf in den andern. Nun, Ulrich, ja nicht etwa mit dem Vater zu sprechen versuchen, sondern hinauf zu Friedrich, der am meisten Trost bedarf von uns allen. Gute Nacht! Ich muß jetzt sehen, wie ich in die Wohnung hineinkomme, ohne daß der Vater es merkt!«

Ein zitternder Händedruck, und die leis Schluchzende verschwand.

Leichenblaß lehnte Ulrich an der Mauer. In diesem Augenblicke war ihm nur eines klar: die Barensky hatte Friedrich mit ihm verwechselt, ihm hatte sie den Streich zugedacht.

Als er ins Quartier kam, fand er Friedrich in jämmerlichem Zustand. Der Getroffene saß, Haare und Kleider wirr, auf seinem Koffer und stöhnte in einem fort vor sich hin: »Ich bin unschuldig, ich kenne das Weib nicht!« Die Verwundung war übrigens nicht gefährlich, es handelte sich um einen handlangen, blutunterlaufenen Strich, der sich aus der Stirne quer über die Schläfe nach dem Ohr hinunterzog und bei sorgfältiger Pflege in etlichen Tagen wieder heilen konnte. Viel schlimmer war das innere Leid des Getroffenen über die zu Unrecht erlittene Schmach, das Gefühl eines jäh und unverdient über ihn hereingebrochenen Unglücks.

»Lottchen, du armes Lottchen!« stöhnte er, die Hände ineinander geklammert. »Nein, bei Gott, Römers haben diese Schande nicht verdient. Ich begreife, daß sie nichts mehr von mir wissen wollen -- nein, ich begreife es nicht, ich bin unschuldig, das böse Weib ist verrückt. Uli, geh und schlag sie tot!« So klagte und wütete er bis ins Morgengrauen.

Der Bruder pflegte und tröstete ihn nach Vermögen. Als es Zeit gewesen wäre, ins Atelier zu gehen, war er, bis ins Herz erschüttert, selber auch arbeitsunfähig, und in tiefer Erschöpfung verbrachten sie gemeinsam die Stunden.

Als er aus dumpfem Halbschlummer erwachte, rüstete er sich und läutete zaghaft an der Römerschen Wohnung an. Die übernächtige Lutz gab ihm vor Schmerz halberstickten Bescheid: »Der Vater ist aufs Kontor gegangen, es ist vielleicht besser, wenn du ihn dort siehst. Ich habe aber keine Hoffnung, daß es etwas nützt. Er war heute morgen ebenso außer sich wie gestern abend. Wir sind alle krank, der Arzt ist bei Lotte.«

Nun stand Ulrich im Kontor Römers. Der zornige Alte, dem die Ader hoch geschwollen auf der Stirne stand, ließ ihn wenigstens sprechen, und der blasse junge Mann beichtete das Erlebnis, das er auf das Anstiften Szedeskys mit der Barensky in Frankfurt gehabt hatte. Er schloß: »Das ist alles! Daß die Artistin mit mir einen Liebeshandel anfangen wollte, war nicht meine Schuld, und jedenfalls habe ich ihrem Wunsch nach einem Wiedersehn nie nachgegeben. Der Beweis dafür liegt darin, daß sie Friedrich mit mir verwechselt hat. Wenn aber jemand von uns beiden eine Schuld trifft, so bin ich es. Ich bitte Sie also, Herr Römer, die Liebe Friedrichs und Lottes nicht das Opfer des wahnsinnigen Weiberstreiches werden zu lassen. Mein Bruder ist völlig unschuldig!«

Der Alte erhob sich ächzend vom Lederstuhl, das Bekenntnis schien einigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, aber plötzlich wuchs sein Zorn wieder. »Junger Mann,« fuhr er auf, »Sie haben wohl keine Ahnung, wie schwer es mir geworden ist, die Hand meiner Ältesten einem Fremden zu überlassen. Ich tat es bloß, weil ich und meine gesamte Familie eine stille Freude an Ihnen beiden hatten, weil wir uns sagten, so etwas Quellenlauteres wie die beiden hochgeachteten Schweizer gebe es in der Welt nicht wieder. Wie steht es nun aber mit dieser Quellenlauterkeit? -- Sie haben eben doch dem Teufel den kleinen Finger gegeben. Und er hat Ihre Hand genommen, allerdings statt der Ihren die Friedrichs. Ich, meine Frau und meine Töchter sind in unserer Familienehre bloßgestellt -- unerhört bloßgestellt.«

Sein Zorn wurde ein Keuchen. »Es gibt nur einen Ausweg,« brachte er endlich hervor, »den muß ich im Namen meiner tiefbeleidigten Familie von Ihnen fordern. Ihr Bruder und Sie verlassen die Stadt so schnell wie möglich. Wir sind für Sie tot. Ebenso Sie für uns. Das Geschwätz wird sich dann allmählich von selber verlaufen, und in ein paar Jahren kann Lotte noch mit einem anderen glücklich werden!«

Ulrich fand kein Wort und hätte doch aufschreien mögen vor Weh. »Was stehen Sie noch?« fuhr Römer empor. »Ich habe Ihnen nichts mehr als gute Fahrt zu wünschen!«

Ulrich spürte den Boden unter sich schwanken. Als er zurückkam, hob Friedrich den vom Arzt verbundenen Kopf. »Du brauchst mir nicht zu sagen, wo du warst, noch welchen Bescheid du erhalten hast, -- ich lese es aus deinem grauen Gesicht. Wir sind hier im Hause und in Mainz überflüssig.« »Dazu hat Appelius auch noch ein Wort zu sprechen,« versetzte Ulrich schwermütig, »sonst -- ja!«

Die Brüder verbrachten den Nachmittag untätig, selten fiel eine abgerissene Bemerkung zwischen ihnen. Jeder rückte von einem Stuhl zum andern, von Koffer zu Koffer, und wenn der eine stöhnte, seufzte auch der andere. Gegen Abend kam die Hauswirtin mit Tränen in den Augen und meldete: »Sie müssen leider ausziehen. Mir wären Sie ja noch lange recht, aber Herr Römer wünscht es!« Da weinte Friedrich leise wie ein Kind. Der Jüngere aber machte sich auf den schweren Weg zu Appelius, erzählte ihm den Sachverhalt, und daß für ihn wie Friedrich des Bleibens in Mainz nicht mehr sei. Es wäre für sie eine große Wohltat, wenn er sie beide sofort entließe.

»Ich habe schon etwas von dem Auftritt gehört,« erwiderte der Geschäftsherr, »und bereits befürchtet, daß Sie mit diesem Anliegen zu mir kommen werden. Nun steht die Sache so, daß ich Ihren Bruder entlassen kann, obgleich er mir fehlen wird. Sie aber auf keinen Fall. Ich bitte Sie, nicht nur die vertragliche Kündigungsfrist innezuhalten, sondern überhaupt zu bleiben, bis ich Ersatz für Sie gefunden habe. Wie schwer das in unserm Beruf ist, wissen Sie wohl, ich rechne aber um so fester auf Ihr Entgegenkommen, als wir uns ja bis dahin gut verstanden haben und Sie bei mir stets der Bevorzugte waren. Wer weiß, vielleicht wird Ihnen Mainz und die Stellung auch wieder lieb. Mir scheint, man nimmt das gestrige ärgerliche Vorkommnis allerseits zu schwer. Daß Ihr Bruder kein Lebemann ist, sieht man ihm aus dem ehrlichen Gesicht. Nur hier in der Stadt könnte das Paar nicht bleiben, wie es der Traum Römers war, der mit mir darüber gesprochen und die besten Absichten für die jungen Leute gehegt hat.«

In Mainz gehalten, in der Stadt, in der er so Schönes und so Fürchterliches erlebt hatte! Es wollte Ulrich nicht in Sinn und Seele hinein. Es war aber für ihn wohl Ehrensache, daß er Appelius nicht im Stiche ließ, und für Friedrich ein Glück, daß wenigstens er, der Erbarmungswürdige, sofort seine Straße ziehen durfte.

Der Bruder, der mit gesenktem Kopf im dunkeln Zimmer saß, nahm in seinem Herzweh die Nachricht seiner Entlassung fast gleichgültig auf. Nach einer Weile aber sagte er: »Die Lutz war auf einen Sprung da -- hoffnungslos! Römer hat Lotte sogar schlagen wollen, weil sie auf der Verlobung bestand.« Er starrte, als suche er die Gedanken zusammen, und sah den Bruder plötzlich an: »Was weißt du denn von dem schlechten Weib? Lutz behauptet, du habest dem Vater --« Da unterbrach Ulrich den Bruder und beichtete ihm wie am Morgen Römer.

Eine Viertelstunde blieb Friedrich stumm, dann stöhnte er wie aus einem Traum: »Also du bist an dem gräßlichen Unglück schuld. Wäre es nicht hundertmal klüger und ehrlicher gewesen, du hättest mich rechtzeitig vor der Liebe mit Lotte gewarnt? Was für ein elender Duckmäuser bist du! Du hast Lotte und mich auf dem Gewissen!«

Friedrich gehörte zu jenen Naturen, die nur äußerst selten, dann aber fassungslos wild werden. Sein Schmerz wandelte sich in einen flammenden Zorn auf Ulrich. Aus ihm brauste die Wut, und unter seinen ungezügelten Vorwürfen verlor auch der Jüngere die Beherrschung. Böse Worte flogen hin und her, sie entzweiten sich tief und gründlich.

Da pochte es, die Hauswirtin kam und mahnte zur Ruhe. Ulrich fand sich selber wieder, sah aber, daß jeder Widerstand die Empörung Friedrichs nur reizte. So packte er das Notwendige in das Felleisen, verließ den Wütenden und das Haus und übernachtete in irgendeinem Gasthofe, weit von der bisherigen Wohnung entfernt.

Am Morgen begab er sich zur Arbeit, um elf Uhr kam er mit einem Dienstmann ins Quartier, schnürte den Koffer und rechnete mit der Wirtin ab. Wo aber steckte denn Friedrich? -- Da sagte ihm die Frau, daß der Bruder schon um neun Uhr mit seinen Sachen davongegangen sei, er habe von einem Zuge nach der Schweiz gesprochen, der um zehn Uhr abfahre.

Wirr im Kopf und schamvoll schlich der Jüngere die Treppe hinunter und dachte kaum daran, daß er an der Türe der Familie Römer vorübergehe.

Da legte sich eine kleine Hand in die seine. »Lutz!« stammelte er. »Leb wohl, Ulrich!« kam es wie ein bebendes Glöckchen zurück. Sie hob sich auf die Zehenspitzen und gab ihm mit schmerzerfülltem Gesicht einen zärtlichen Kuß. So schied er nicht ohne einen Sonnenstrahl aus dem Haus, und eine Rührung überkam ihn dabei, daß er hätte weinen mögen. Er ging auf den Bahnhof, um sich zu erkundigen, ob Friedrich wirklich abgereist sei. Der Schalterbeamte antwortete: »Ein junger Mann, der Ihnen fast so gleich sieht wie ein Ei dem andern, doch mit einem Hieb über die Schläfe, hat eine Karte nach Basel gelöst.«

Ulrich wandte sich auf die Straße zurück. Ohne Versöhnung, ohne Händedruck und Lebewohl, ein Grollender war Friedrich in die Heimat gefahren. Und sie waren doch bis an die gestrige Nacht gute und getreue Brüder gewesen von Jugend auf. Er hätte mit der Abreise warten und sich mit ihm noch einmal in Ruhe aussprechen sollen. Wie stellte der Geflohene nun die schreckliche Verlobungslösung, den gräßlichen Absturz aus sonniger Höhe in die graue Enttäuschung vor den Eltern dar? Was müßten sie denken, die sich so sehr an ihren Söhnen gefreut und den Besuch einer feinen und lieblichen künftigen Schwiegertochter erwartet hatten? Und was würde Nick darüber hören, die sich gerade jetzt wieder so vertrauensvoll an ihn gewandt hatte? Gewiß verlor sie nun allen Glauben an ihn!

Jeder Gedanke des Verlassenen war ein Kummer. Er versank in einen Dämmerzustand, in dem es ihm gleichgültig war, wie die Tage kamen und gingen. Er hätte sich nicht erinnern können, ob gestern die Sonne schien oder Regen fiel, nicht urteilen, ob er jetzt ein gutes Quartier besaß oder ein schlechtes. Nur seine Arbeit verrichtete er mit starkem Willen. Dann und wann aber stieg aus seiner Niedergeschlagenheit eine wehe Wut, ein abgründiger Drang, die Barensky, die Verderberin so vielen Glücks, aufzusuchen und sie zu züchtigen.

Aus dunkelm Antrieb kam er auf einem Sonntagsabendspaziergang an dem Garten der Familie Römer vorbei, spähte durch die Hecke, sah die blassen Schwestern, die sich über den Beeten ergingen, und erschrak über das Aussehen Lottes. Es war, als habe eine schwere Krankheit ihre Jugendblüte gebrochen. Nun lief er heim und suchte sich den Knotenstock hervor, dessen er sich auf der Wanderschaft bedient hatte. Er schlug damit den Weg nach dem Zirkus ein, und in seinen Sinnen war ihm, es dürfe nicht anders sein, als daß er jetzt die Barensky niederschlage. Da hörte er hinter sich seinen Namen. Als er sich wandte, war es Appelius, der ihn gegrüßt hatte und nun lachend fragte: »Finden Sie es am Sonntag nicht für nötig, Ihren Arbeitgeber zu grüßen?« Er lud den Verwirrten zum Abendbrot in einen Garten ein. Zu welchen Zweck, merkte Ulrich bald. Appelius erhob freundschaftliche Vorstellungen gegen ihn, daß er besser zu seiner Gesundheit sehen möge. »Sie haben eine grüne Gesichtsfarbe, Sie fallen aus den Kleidern. Wenn es mit Ihnen so weiter geht, geraten Sie ins Spital, und ich muß tatsächlich an Ersatz denken.«

Als sich der Geschäftsherr verabschiedet hatte, kam Ulrich selber die Einsicht, daß er im jetzigen Zustand zu schwach sei, die Rachepläne gegen die Verbrecherin auszuführen, und daß ihn Appelius durch seine Dazwischenkunft von einer grenzenlosen Torheit bewahrt habe.