Part 12
Römer erwiderte trocken: »Sie haben so gute Advokatinnen angestellt, daß ich zu dem Sonntagsausflug bloß Ja und Amen sagen kann. Also machen Sie mit den Töchtern die Fahrt und bringen Sie dieselben wieder gesund zurück. Es ist das erste Mal, daß sie mit jungen Männern ausfliegen dürfen!«
Als die Mechaniker in ihr Quartier hinaufstiegen, wischte sich Friedrich den Schweiß von der Stirne, und ein Freudenruf von Lutz kam wie ein Glockenton leise die Treppe empor. Heimlicher Jubel der Jugend herrschte oben und unten im Haus.
Am Vorabend der Fahrt aber erlebte Ulrich noch etwas recht Ärgerliches, einen Brief der Werra Barensky, in dem sie ihm in ihrem falschen Deutsch schwere Vorwürfe machte, daß er Mab vorgelogen habe, er verreise, und daß er sie nie besuche; er solle nun aber kommen, sobald als möglich!
Ulrich fand gerade noch Zeit, den Brief einzustecken, ehe Friedrich dazukam. Seine schlechte Laune verschlimmerte sich, als ihm die Hauswirtin mitteilte, ein merkwürdiges junges Wesen, wahrscheinlich vom Zirkus, habe den Brief gebracht. Wenn sich das nun über den Flur treppauf, treppab flüsterte!
Spät abends noch verließ er entgegen seiner Gewohnheit das Haus, ohne Ziel lief er durch die Stadt. Seine Gedanken waren nur bei dem Brief. Was sollte er mit einem Weib, dessen Bild auf riesigen gelben Papierbogen an allen Straßenecken klebte? Pfui Teufel! Wie eine Drohung aus der Hölle kam ihm der Brief vor. Welche Widerwärtigkeiten mußte er noch von der Artistin befürchten! Erst um Mitternacht kam er heim. Friedrich lag in tiefem Schlaf, eine frohe Stimmung auf dem Gesicht: vielleicht träumte er von Lotte Römer, vielleicht war es auch nur die Vorfreude auf die morgige Fahrt. »Könnte ich mit so gutem Gewissen schlafen wie du!« seufzte der Jüngere.
15
Das Doppelpaar trat den Ausflug an. Als das Schiff die Räder zu drehen begann, deckten leichte Schwaden von Nebel noch Strom und Ufer. Lotte und Lutz aber lachten schon frohmütig in den Tag. Bald goß aus wolkenlosem Himmel die Sonne ihre Strahlen über den Rhein. Sie schlüpften aus ihren Mänteln und waren in ihren duftigen Sommerkleidern wunderschön anzusehen: die kräftige Lotte im Braungold der Zöpfe wie die schlanke Lutz in ihrem hellen Blond, beide frisch wie der Morgen, die Augen voll jugendlicher Klarheit, die Herzen und Lippen bereit, sich zu freuen.
Dörfer und Städtchen, Burgen und Schlösser grüßten, die fruchtbare Ebene sonnte sich im Morgenstrahl, grüne Berge tauchten empor, und das Boot glitt hinein in die gesegneten, vielbesungenen Hügelufer. An den dunkeln Giebeln von Bingen vorbei warf der Strom sich in die Schlucht des Binger Lochs und kam ins Schäumen und Brausen, als wandle er auf den Spuren seiner Hochgebirgsjugend: an Klippen brach sich der Gischt, und die Wasserkühle wehte aufs Verdeck. Nun lachte der kleinen Gesellschaft Aßmannshausen entgegen. Das Gemüt wurde ihr weit vor Schönheit, sie einigte sich, hier auf der Rückfahrt auszusteigen und gegen Abend den Weg über die Niederwaldhöhe zurück nach Rüdesheim zu Fuß zu gehen.
Lotte und Lutz kannten die Ufer von Wanderungen mit ihrem Vater her recht gut und wußten aus der Erinnerung manches zu erzählen. An Friedrich hatten sie einen dankbaren Zuhörer. Ulrich aber blieb etwas geistesabwesend, denn der Gedanke an die Barensky ließ ihn nie völlig los, und der Ausflug der Eglisauer Jungmannschaft mit Nick strich ihm durchs Gedächtnis. »Die Überstunden! Sie arbeiten zu viel,« versuchte Lutz ihn aufzumuntern. Mit rosigen Fingern bot sie ihm einen geschälten Apfel an. Dankbar blickte er ihr ins Gesicht. Es ging ihm sonderbar, wenn er das frische Wesen sah. Nick oder Lutz? Darüber erwachte ein träumerischer Streit in seiner Seele. Wo waren die größeren Vorzüge? Nein, die stolze Nick mit dem Einschlag italienischen Blutes, das ihrem Gesicht eine so große Vornehmheit gab, konnte er nie vergessen; aber gewiß würde er auch bei Lutz, die deutsches Wesen so rein und innig verkörperte, ein volles, tiefes Glück finden.
In seinen Traum klang ein Wort, das Lotte an Friedrich richtete: »Es ist etwas Merkwürdiges an Ihnen beiden. Sie sind so einfach, so grad, als ob Sie sich gar keine Mühe gäben, etwas zu scheinen, und setzen sich doch überall in Ansehen.« Auf Friedrichs Gesicht glänzte die Freude über die Anerkennung des geliebten Mädchens. Lutz aber neigte sich zu Ulrich und flüsterte: »Das hat der Vater von Ihnen gesprochen.« Und den Männern wuchs der Mut.
Bald mit ihren eigenen vollen Herzen beschäftigt, bald mit der Schönheit der Landschaftsbilder, genossen die Paare die Fahrt. Hoch zur Linken grüßte die malerische Ruine Rheinstein, hart am Strom winkte die baumumschattete Klemenskirche, die aus grauen Jahrhunderten erzählt, darüber die Ruine Falkenstein; dann der Flecken Lorch mit rundem Uferturm, hoch oben der Nollicht, auch ein Hort der Sage, Schloß Sonneck und Ruine Fürstenberg -- eine Burg der andern so nah, daß man sich von ihren Zinnen zurufen könnte.
»Wer all die lustigen und traurigen Geschichten wüßte, die um die Mauern gehen,« meinte Lutz. »Bacharach, das alte, liebe Nest!« rief sie. »Da waren wir als Schulmädchen oft in der Weinlese. Die schöne Ruine ist die Wernerkirche und die Burg oben das Schloß Stahleck. Wie oft sind wir dort mit Buben und Mädchen herumgeklettert im bunten Herbst!«
Schon ragte aus dem von Dampfern, Kähnen und Flößen belebten Strom die Pfalz bei Kaub, der dicke Wachturm mit den vielen Seitentürmchen. Da erzählte Lutz mit aufquellender vaterländischer Begeisterung vom Rheinübergange Blüchers in der Neujahrsnacht 1814. Ulrich merkte: ihr Schulsack war nicht gering, und warmer Anteil für vieles bewegte ihr die Seele.
Vorüber waren die Spitzgiebel von Kaub, die runden und viereckigen Türme von Oberwesel, klippiger wurden die Uferhügel, über verborgene Felsen schäumte der Rhein; auf dem Schiff erhob sich das Lied von der Lorelei, und die Brüder fielen mit prächtigen Stimmen ein. »Lotte und ich können leider nicht singen,« gestand Lutz. »Schon in der Schule hat man uns gesagt, daß wir Spatzen seien.« Ulrich aber fand, in ihrer jungen Lieblichkeit sei sie auch ohne Gesang ein Lied.
In weitem Bogen zog das Schiff um den Felsen der Lorelei, Stromkühle und mittägliche Sonne spielten um das Schiff, stets fröhlicher wurden die Gesichter der Ausflügler. Wie herrlich war die Fahrt! Auf jedem Hügel stand ein Schloß, entweder in Ruinen oder mit hellglitzernden Fenstern, am Ufer lehnten die verträumten Kirchen. Überall Sagenstimmung. Aus den Rebbergen schimmerten Landhäuser und hielten ihre Fahnen empor. Das Dorf Kamp lachte aus üppigen Nußbäumen. St. Goar und St. Goarshausen kamen und gingen, das klosterreiche Boppard stellte seine lange Giebelreihe ans Ufer, dann Rhens -- mit dem Königsstuhl, in dessen rechteckigem Kanzelbau die Kurfürsten den Kaiser kürten --, und über dem malerischen Städtchen Oberlahnstein ragte das prächtige, efeuumkränzte Schloß Stolzenfels mit Kapelle, Terrassen und Gärten, in anmutig bewegtem Gebirgsrahmen die schönste Burg am Rhein, der breit wie ein See an ihr vorüberwallt.
In Koblenz verließ die kleine Gesellschaft das Boot. Bis die Fahrt wieder rheinauf ging, hatte sie eine reichliche Stunde Zeit. Sie hielt Mittag in einem Wirtschaftsgarten, vor sich die uralte vierzehnbogige Brücke über die Mosel, die aus einem Hintergrund schöner Berge durch reiches Grün in den Rhein hervorfließt. Harmloses, inniges Glück lag auf den Gesichtern der Mädchen. Ulrich, selber verwirrten Herzens, flüsterte dem Bruder ins Ohr: »Jetzt fort mit den Bedenklichkeiten! Bitte heute noch Lotte um ihre Hand!« Der versonnene Friedrich wurde rot und nickte ihm zu.
Wieder fuhren sie durch die reichen, wechselnden Bilder der Rheinlandschaft dahin, doch jetzt stromauf, und als sie das Boot in Aßmannshausen verließen, lag noch ein langer, schöner Abend vor ihnen.
Durch Waldesschatten stiegen sie hinauf gegen den Niederwald und dann auf den Aussichtsturm in der Höhe, unter sich flimmernde Buchen und Eichenkronen, den aus weiter Ferne heranwallenden, im Lichte golden erzitternden Strom, die stolz auf ihm daherziehenden Dampfer, die Burgen auf den Rebenhügeln und die fruchtbare Ebene mit den schimmernden Dörfern.
Aus den Augen Friedrichs blitzte die Entschlossenheit. Noch auf dem Turm gab er dem Bruder einen Wink, mit Lutz voranzugehen. Plaudernd zog der Jüngere die Ahnungslose hinweg und sagte, die andern würden schon nachkommen. Im Angesicht der herrlichen Landschaft schritten sie durch die Weinberge gegen Rüdesheim hinab und unterhielten sich über die Bilder am Weg. Plötzlich aber wandte Lutz den Kopf: »Ja, dort oben kommen sie, -- doch wie langsam! Was haben sie nur? Beide senken die Köpfe, wie wenn sie Goldstücke suchten.«
Ulrich lächelte geheimnisvoll, Lutz aber erriet den Zusammenhang und rief übermütig: »Ich glaube, die beiden verloben sich! Das ist fein! Lotte hat Ihren Bruder schon lange lieb. Warum sind wir nicht dabei? Ich bin so furchtbar neugierig, wie sie sich benehmen. Sehen Sie, jetzt haben sie sich geküßt. Friedrich schlingt den Arm um die Hüfte Lottes. Jetzt kommen sie miteinander wie Hermann und Dorothea. Ist das nicht wundervoll?«
»Was aber wohl Ihr Vater dazu spricht?« fragte Ulrich. Da flog ihr doch ein Schatten über das helle Gesicht, sie seufzte: »Es wird schon einen Kampf geben. Lotte hat aber doch Recht.«
Langsam und selbstvergessen kam das Liebespaar den Weg herabgestiegen. Als er das glückselige Gesicht des Bruders sah, wurde Ulrich von einer ihm unbekannten Rührung ergriffen, mehr noch, als Lotte seine Hand nahm. »Wer hätte heute morgen gedacht, daß ich dich am Abend Schwager nennen dürfe. Also du auf du! Ich will dir eine gute Schwester sein.« Sie gab ihm einen herzfrischen Kuß zur Besiegelung ihres Wortes und umarmte immer und immer wieder die Schwester. Friedrich gab Lutz ebenfalls einen Kuß, und Ulrich war nahe daran, seinerseits das Herz vollends an die Jüngere zu verlieren.
Von Bingen herüber kam aber schon das Schiff, das sie zur Heimfahrt benutzen wollten. Sie eilten nach Rüdesheim hinab und fuhren im goldenen Abendschein der eigenen Stadt entgegen. Nun aber ihre Türme zum Vorschein kamen, berieten die Schwestern doch in etwas bänglichem Flüsterton, wie sie dem Vater das Ereignis mitteilen sollten. Sie wurden einig, daß Friedrich und Ulrich zunächst, als hätte sich nichts von Belang ereignet, vor die Eltern treten und dann in ihrer Kammer warten sollten, bis eine von ihnen Friedrich in die Wohnung hinunterrufe. Kaum hatten sie den Plan verabredet, als das Boot in der Abenddämmerung das Ziel erreichte. Am Landungssteg holte das Ehepaar Römer die Gesellschaft ab. Friedrich hatte Herzpochen, Ulrich führte das Gespräch, erzählte von den Freuden des Ausfluges, und unter der Tür bedankten sich beide schlechten Gewissens für die Ehre und das Vertrauen, das ihnen von den Eltern Römer erwiesen worden war.
Friedrich hoffte heimlich, er werde noch am Abend gerufen, aber er horchte umsonst nach dem Glockenton, mit dem die Schwestern ihre Zeichen gaben. Er und Uli mußten zur Ruhe gehen, ohne zu wissen, wie sich Vater Römer zu der Liebe seiner Ältesten stellte.
Am folgenden Tag wollte Friedrich fast verzagen. Als die Brüder aber zum Mittagessen hinaufstiegen, da streckte Lutz den Kopf aus der Tür und flüsterte ihm zu: »Du bekommst eine Einladung zum Nachtessen.« Ihr Lächeln verriet kaum getrocknete Tränen.
Die Verlobung war also beim Alten auf Widerstand gestoßen. Selbst die Brüder fanden es begreiflich. Sie waren doch nur als Gesellen in Mainz zugewandert, Friedrich dazu erst seit sechs Wochen, und nur ihre guten Stellungen bei Appelius gaben ihnen einiges Ansehen. Die Römer aber waren eine alte Bürgersfamilie, vielleicht nicht gerade reich, doch in Verhältnissen, die sie für die Zukunft der Töchter Ansprüche machen ließen.
Die beiden Überstunden von sieben bis neun Uhr erschienen Ulrich an diesem Tage furchtbar lang. Als er endlich in brennender Neugier das Haus betrat, wurde er von Lutz mit klingendem Lachen in die Wohnung gerufen und traf dort bei Wein, Kuchen und Obst ein stillglückliches Bild: Lotte Hand in Hand mit Friedrich und diesen in friedlichem Gespräch mit dem Vater der Braut. Die Wogen hatten sich geglättet. Auch er fand in dem Familienkreis herzliche Aufnahme.
Beim Anstoßen auf die Verlobung sagte Lutz schelmisch: »Auf Schmollis, Ulrich, wir sind ja jetzt Verwandte! Und von dem Fest bekomme auch ich ein Butterbrot. In vierzehn Tagen wollen Friedrich und Lotte zu euern Eltern in die Schweiz reisen und sich als Paar vorstellen. Da darf ich als Begleitdame mit und sehe, wie es in eurer Heimat ist, den jungen, wunderklaren Rhein und die weißen Schneeberge.«
Auch Ulrichs Sinne gaukelten über die Gestade der Jugend: er malte sich das Glück der Eltern aus, wenn Friedrich mit einer so schönen und feinen Braut daheim erschien, dazu die fröhliche Lutz. Die Schwestern würden von ihnen nicht enttäuscht sein: Vater und Mutter verstanden es, sich eine schlichte Würde zu geben.
Mehr noch als das Geplauder des lieben Mädchens an seiner Seite fesselte ihn das Gespräch, das Römer mit dem künftigen Schwiegersohn führte. Nachdem er seinen Widerspruch aufgegeben hatte, richtete er seine Gedanken mit väterlicher Wärme auf die Zukunft des Paares; doch war es ihm offenbar eine unangenehme Vorstellung, daß der Freier in abhängiger Stellung stand.
»Ich werde mit Appelius sprechen. Das Geschäft erweitert sich stetig. Erweiterungen kosten Geld, und vielleicht ist er froh, wenn ich einen Betrag in seine Werkstatt zuschieße, selbstverständlich gegen das Versprechen, daß er dir eine leitende Stellung einräumt.«
Als die Brüder spät in ihre Kammer hinaufstiegen, taumelte Friedrich vor Glück, er wiederholte immer nur die Worte: »Die Eltern, wie werden sie aufhorchen, daß es mir so gut geht!«
Am folgenden Tag trug das junge Paar schon die Ringe. Ulrich fand, daß er einige Beschwerde habe, die ganze Liebeslust Friedrichs zu teilen, war aber doch erstaunt, daß selbst Appelius in dessen sonst so bedächtigem Wesen eine Veränderung bemerkte.
»Was ist denn mit Ihrem Bruder?« fragte der Geschäftsherr. »Ich habe ihn eben ertappt, wie er still für sich in eine Ecke hineinlächelte. -- Wie? -- Der ist verlobt? Mit der ältesten Tochter Römers, dem reizenden Mädchen?« Die Neuigkeit gab dem gelassenen, nüchternen Mann einen Ruck. »Wenn es so steht, muß man allerdings Rücksicht walten lassen. Sagen Sie ihm, daß er sich in der nächsten Zeit nicht so scharf ans Geschäft zu binden braucht, die jungen Leute haben gewiß jetzt mit Besuch und anderem überreichlich zu tun. Nein, ich will es ihm doch gleich selber ausrichten und meinen Glückwunsch dazu. Die Lotte Römer! Das ist ein Wurf, Herr Junghans.«
Im Überschwange des Glücks meinte Friedrich, am schönsten wäre es, wenn sich Ulrich und Lutz auch noch als Paar zusammenfänden, und selbst Appelius machte einmal scherzhaft die gleiche Anspielung. Ulrich mußte aber heimlich immer an den Brief der Barensky denken, eine traumartige Furcht vor dem Weibe lastete auf ihm. Davon wollte er sich durch eine Aussprache mit Friedrich befreien; aber wenn er das lachende Glück in den Augen des Bruders sah, erschien es ihm wie ein großes Unrecht, die Freude der Liebenden durch ein Wort der Sorge zu stören. Er ließ es daher, fand aber auch den frohen Sinn nicht, um irgend heischende Wünsche mit der lieblichen Lutz zu verbinden. Wenn es nur Friedrich gut ging und sich seine Träume schön erfüllten, zunächst auch der Heimatbesuch mit den Mädchen!
So oft aber seine Gedanken an den Oberrhein schweiften, schwebten sie auch um Nick. Es tat ihm doch in der innersten Seele wohl, daß sie ihm durch Friedrich herzliche Grüße geschickt und einen Brief in Aussicht gestellt hatte. Er überraschte sich sogar bei dem Plane, Nick mit ein paar Zeilen zuvorzukommen.
16
Seit Friedrich Junghans nach Mainz gezogen war, dachte Nick ruhiger an Ulrich. Der bedächtige ältere Bruder war dem jüngern doch ein Schutz vor mancherlei Abenteuern.
Nebenbei bemutterte sie ihren unbehilflichen Freund Glorian Rollenbuz. Dann und wann hielt sie Nachschau in seiner Wohnung und bat die Hauswirtin, etwas sorgfältiger zu dem großen Kind zu sehen; auch schrieb sie mit seinem Einverständnis an die Stiftung in Basel um eine neue Ausstattung für ihn, nahm ihm, als die neuen Kleider angelangt waren, die alten weg und freute sich, mit ihm wieder unter die Menschen treten zu dürfen.
In der Familie Wasmer stand es wie früher. Der lebensfrohe Mann, dem es sonst nicht an freundlicher Rücksicht gebrach, verbarg es kaum mehr, daß er den Tod seines Weibes herbeisehnte, und mit dem erhöhten Spürsinn der Sterbenden wußte die Dahinsiechende um die Stimmung des Gatten. Im letzten großen Seelenschmerz suchte sie Trost bei Nick. Ohne sprechen zu dürfen, stand der Gast des Hauses zwischen Mann und Weib. Ja, eines Tages fühlte Nick, daß sie das Vertrauen der Kranken nicht mehr besaß, daß die fieberglänzenden Augen in unausgesprochenem Verdacht, in brennender Eifersucht und in ohnmächtigem Haß, je länger desto stärker, auf ihr ruhten.
Sie wußte sich unschuldig, war aber von der Wesenswandlung der Kranken doch schwer betroffen. Auf einmal verstand sie den Sinn des geheimnisvollen Lächelns, der verblümten Anspielungen und der Gefälligkeiten Wasmers, und ihre innere Stimme gab der Leidenden völlig Recht: er rechnete darauf, wenn die Kranke erst gestorben sein würde, Nick zu heiraten.
Ein herzlicher Zorn auf den treulosen Mann kam über sie. Wie eine Schande für sich selbst empfand sie seine Gedanken, überhaupt als ein abgründiges Vergehen an Ehre, Gewissen und dem, was einem Menschen heilig sein soll.
Ein kleines Ereignis machte der heiklen Lage ein Ende. Hiob, der Junge, der sonst wie an einer älteren Schwester an ihr hing, benahm sich auffällig abweisend gegen Nick. Nach dem Abendbrot kam es zwischen ihnen zu einer kleinen Auseinandersetzung. Da stampfte der Junge mit dem Fuß: »Ich folge Ihnen nicht mehr, Fräulein. Sie sind schlecht!« Zuerst erschrak sie über die Beleidigung, dann ging sie auf den Jungen los und faßte ihn kräftig an beiden Ohren, wie sie es im Scherz oft, im Ernst noch nie getan hatte. »Was sagst du?« Der Knabe schrie erbärmlich auf, wiederholte aber: »Sie sind schlecht, weil Sie meine zweite Mutter werden wollen! Ich weiß es.« Da ließ Nick ihn los. »Wer lügt so?«
Der Streit aber hatte die strohhalmschwache Frau herbeigelockt, die sich mit den abgezehrten Händen an der Wand entlang tastete. Der Anblick der Schwerkranken gab der zornbebenden Nick die Fassung wieder. Mit unheimlicher Ruhe sagte sie: »An dem, was mir Hiob vorgeworfen hat, ist kein wahres Wort. Ich würde mich in die Erde hinein schämen, wenn auch nur ein Funke daran wäre. Diese Beruhigung kann ich Ihnen geben, Frau Wasmer. Ich danke Ihnen für alles Liebe, das Sie mir erwiesen haben, aber ich verlasse sofort das Haus und das Geschäft. Möge Ihnen das den Frieden geben!«
»Fräulein Nick!« kam es tonlos von den Lippen der Kranken. Sie wollte weiter sprechen, konnte es aber nicht. Und Nick trug das Häuflein flackernden Lebens auf das Schmerzenslager zurück.
Dann packte sie ihre Sachen und schickte sich an, die Wohnung zu verlassen. Auf der Treppe jedoch begann sie herzzerbrechend zu weinen, setzte sich auf eine der untersten Stufen, und das Gesicht mit den Händen bedeckend ließ sie ihrem wilden Schmerz den Lauf.
Da gingen Schlüssel und Klinke der Haustür, Wasmer kam heim. Sie schoß auf und floh an ihm vorbei hinaus in die Nacht. Sein verwunderter Ruf scholl ihr nach: »Fräulein Tappoli! -- Nick! -- Um Himmels willen, was ist denn los?« Sie aber lief. Zum Glück war es noch nicht spät, und nach einigem Umherirren fand sie wieder Unterkunft bei der Frau Gugolz. »Mir war doch, Sie kämen zurück,« lächelte die Alte. »Ich habe deswegen nie recht Lust gehabt, das Zimmer wieder zu vermieten.«
Am Morgen setzte sich Nick eben mit wehem Kopfe hin, um ihrem Geschäftsherrn einen Brief zu schreiben. Da kam einer seiner Ausläufer und rief sie zu ihm. Wohl oder übel trat sie den schweren Gang an und traf ihn allein auf dem Kontor. Er empfing sie mit verlegener Feierlichkeit.
»Es ist schief gegangen, Fräulein Tappoli,« begann er. »Es sind Dinge an den Tag gekommen, die ich noch lange für mich behalten wollte, und ich muß alle Schuld auf mich nehmen. Meine Frau hat mir eine Falle gelegt. Sie selber sprach von Ihnen, als wäre es ihr Wunsch, daß Sie ihre Nachfolgerin werden sollten. Ihre und meine Gedanken schienen sich zu treffen. Da wandte sich ihr Sinn, -- die glühende Eifersucht kam zum Ausbruch. Aber, Fräulein Tappoli ...«
»Kein Wort mehr!« rief Nick. »Ich kann nur das eine erwidern: Nie -- nie -- nie!«
»Fräulein,« bat er dringlich, »überlegen Sie sich die Sache doch noch einmal zu Ihrem eigenen Vorteil. Wie viel kann ich Ihnen bieten! Sie Idealistin gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den Markt. Da werden Wesen Ihrer Art mit der gleichen Kaltblütigkeit wie Hasenfelle verkauft.«
Nick unterbrach den Faden seiner Rede. »Wir haben uns nichts mehr zu sagen, Herr Wasmer. Lassen Sie mich in Frieden gehn!« Mit einer raschen Wendung verließ sie das Kontor. Eine Stunde später schickte er ihr den Lohn, dazu ein Zeugnis, dessen überreichliches Lob sein schlechtes Gewissen verriet.
Zu gewöhnlichen Zeiten hätte ihr weiteres Fortkommen ihr nicht viel Sorge bereitet, aber gerade jetzt schlich durch den Hochsommer der Stadt ein unheimliches Gespenst. Die Cholera war von einem Durchreisenden aus Rom im Gasthaus zum »Schwarzen Weggen« eingeschleppt worden, und nun ereigneten sich da und dort Fälle. Man sprach davon, wenn sie sich weiter ausbreite, würden viele Läden schließen.
Auch ein anderes beunruhigte Nick. Sie war der Ansicht gewesen, Glorian Rollenbuz sei ein bescheidener Verehrer, der es nie wagen würde, das Wort »Liebe« auszusprechen. Nun erhielt sie von ihm aber einen brieflichen Eheantrag, der mit unverständlichen Stellen aus römischen und griechischen Klassikern belegt war und einen langen Beweis enthielt, daß er für das Gedeihen seines Lebenswerkes der Mithilfe eines sich um ihn sorgenden Weibes bedürfe. Wie ihm nun antworten, daß ihre Empfindung für ihn nur eine freundschaftliche Gesinnung sei, aber nicht die Liebe, die für den gemeinsamen Gang durchs Leben ausreiche?
Sie wurde des unangenehmen Briefes enthoben. Glorian kam selber die schmale Treppe zu ihr emporgestiegen -- nicht aus eigenem Mannesmut, sondern angetrieben von einer großen, bei aller Magerkeit starkgebauten Dame, die dem armen, sonst immer frierenden Menschen den Angstschweiß ins Gesicht jagte. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich die Drei im Stübchen zurechtgefunden hatten: das knochige Frauenwesen im Riesenblumenhut mit weitausgespanntem Reifrock, einem Reisetäschchen aus orientalisch gemustertem Stoff und fransengeschmücktem Sonnenschirm, die Armsündergestalt Glorians, der sich tief in die Ecke stellte, und Nick selbst, die nicht wußte, was werden sollte. Doch zuckte ihr durch den Kopf, der Unglücksmensch habe wohl den Angehörigen in Basel seine Heiratspläne verraten und die Dame mit der unheimlich großen, langen Nase sei gekommen, um sich als seine Verwandte mit ihr auseinanderzusetzen.
Leibhaftige Schwester Glorians sogar war Fräulein Rollenbuz! Nachdem sie das schwer betont hatte, versetzte sie in großer sittlicher Entrüstung: »Und Sie sind also das verdorbene Wesen, das seine Fangnetze nach meinem unschuldigen Bruder auswirft, das ihn mit unchristlichem, ja teuflischem Blendwerk aus seiner bisher makellosen Lebenslaufbahn herausreißen und in den Pfuhl eines sündhaften Wandels hinabziehen will!«
Zornglühend erhob sich Nick, um sich zu rechtfertigen. Aber bevor sie zu Wort kam, war Fräulein Rollenbuz im rauschenden Seidenrock emporgeschnellt, und mit langausgestreckten Armen kreischte sie: »Ich bin die Ältere, ich habe das Wort! Sie mögen mit Ihren gleißnerischen Wegleugnungen warten, bis ich gesprochen habe!«