Part 10
Es dauerte aber noch drei Wochen, bis Friedrich seine Kündigung ausgedient hatte und hergereist war. In dieser Zeit wußte Ulrich nicht: war seine Freude größer, daß der Bruder kam, oder der Schmerz darüber, daß er seinen Freund Janos verlieren sollte. Er mochte aber nicht in den Getreuen dringen, daß er bleibe. Wenn der Freund die Laute schlug, so spürte er aus den sehnsüchtigen Melodien der Zigeunermusik, wie sehr sich Szedesky heim in seine Pußten sehnte. Niemand konnte vom Vaterland so schön und feurig sprechen wie er. Am liebsten hätte er Ulrich dorthin mitgenommen, um ihm die Reize der Donaulandschaften zu zeigen, von denen er behauptete, sie seien noch herrlicher als die Ufer des Rheins. Indessen war es ja schon Friedrichs wegen undenkbar, daß Ulrich jetzt Mainz verließ, aber das Versprechen mußte er Janos geben, daß auch er im Laufe der nächsten Jahre einmal nach Ungarn kommen und dort sein Gast sein werde. »Noch lieber mein Mitleiter in der väterlichen Fabrik!« rief Szedesky. Und je näher der Scheidetag kam, desto mehr spürten sie die Stärke ihrer Freundschaft.
Da machten sie, zunächst jeder für sich, in Dingen der Weiblichkeit Entdeckungen, Ulrich nämlich diejenige, daß in dem Haus, in dem sie Quartier hatten, zwei der lieblichsten Mädchen der Stadt Mainz wohnten. Es waren die Töchter des Hausbesitzers Alwin Römer, der den ersten Stock innehatte, während die Mechaniker im dritten hausten. Die Schwestern hießen Lotte und Lutz und waren im Gegensatz zu Margret und Emmeline Finkler in Nürnberg noch sehr jung: die ältere höchstens einundzwanzig, mit braungoldigem Haar, die jüngere wohl noch nicht neunzehn und sonnblond, -- Rheinländerinnen, wie von ihnen das Lied singt, heiter, ungezwungen, doch von einem feinen Stolz, und ihre lebhaften Gesichter so rein, als wäre noch nie ein Schatten darüber geflogen.
Die Freunde hatten die Hausgenossinnen nicht früher entdeckt, weil sie selber ihre Wohnung schon morgens vor sechs Uhr verließen und erst am späten Abend wieder heimkamen. Die Mädchen aber sah man meistens um die Mittagszeit. Nur um ihren erfrischenden Anblick genießen zu können, ließen sich die Freunde, die bisher auswärts gegessen hatten, das Mittagbrot von der Hauswirtin verabreichen. Jeden Tag hatten sie nun die Augenweide der reizenden Nachbarinnen, die ihre achtungsvollen Grüße freundlich erwiderten. Zu einem Gespräch kam es indessen zunächst nicht, der Verkehr beschränkte sich auf das stille Wohlgefallen der Jugend an der Jugend.
Anderer Art war die Entdeckung Szedeskys. Bei einer chirurgischen Einrichtung hatte er in Frankfurt Hilfe geleistet und kehrte mit der Meldung zurück, daß er dort eine Landsmännin kennen gelernt habe. »Feurige Künstlerin vom Zirkus, unheimlich schönes Weib, eine Tierbändigerin, und sie selbst hat Augen wie Tiger und Teufel! Am Sonntag sehe ich sie wieder.« Er lud Junghans ein, ihn zu dem Stelldichein mit der Artistin und nachher in die Vorstellung des Zirkus zu begleiten. Ulrich war sofort dabei. In seinem Leben hatte er noch keine große Kunstreiterei gesehen, und was der Freund halb in Bewunderung, halb in Ablehnung von der Landsmännin erzählte, reizte seine Einbildungskraft. Der Sonntag erschien, auf der Fahrt in die Nachbarstadt sprach Janos noch einmal von Werra Barensky, diesmal unmißverständlich warnend: »Wenn das schöne Weib schon meine Landsmännin ist, so ist sie doch nichts Gutes. Sie ist wie ein Raubtier: prächtig für die Augen, aber nachher -- gehen und vergessen!«
Vor einem der vornehmsten Gasthöfe Frankfurts sagte er: »Da wohnt sie!«
»Donnerwetter, so vornehm!« entfuhr es Junghans. »Ich habe geglaubt, die fahrenden Leute wohnen in ihren Wanderwagen.« Szedesky lächelte ein wenig und drehte die langen Spitzen des Schnurrbartes. »Hervorragende Artistinnen sind bezahlt wie erste Sängerinnen, leben wie Fürstinnen und finden alles noch zu schlecht. Ihre Bildung aber ist der volle Gegensatz zu ihren Ansprüchen.«
Sie traten in das Hotel, ließen sich anmelden, und die Ungarin erschien in der Begleitung eines noch sehr jungen Mädchens. In einem Sonderzimmer machten die Freunde bei einem Abendbrot, das sich Janos ein hübsches Geld kosten ließ, mit den Damen nähere Bekanntschaft. Offenbar freute sich Werra Barensky, daß sie sich mit ihrem Landsmann wieder einmal in der Heimatsprache ergehen konnte, während Ulrich, der von ihrem Gespräche nichts verstand, sich als ziemlich überflüssiger Gast erschien. Aber was war die Barensky für ein wundervolles Weib! Das wie aus Libellenflügeln gewobene Kleid umspannte einen nur mittelgroßen, aber herrlich ebenmäßigen Körper, das Gesicht war von offenen, angenehmen Linien, durch Leib wie Antlitz ging ein verhaltenes Spiel von Leben bis hinaus in die Fingerspitzen, und jedes Glied, jede Faser atmete geschmeidige Kraft. Dieser Ausdruck ließ sie zunächst älter erscheinen, als sie war; erst als Ulrich schärfer hinsah, entdeckte er die Jugendlichkeit ihrer Züge, spürte aber vor allem das Fremde an ihr, am stärksten, wenn sie bei ihrem warmem Lachen die prächtigen Zähne im blutroten, üppigen Munde blitzen ließ. Dann erschien das Raubtier, das Tigerhafte, von dem Szedesky erzählt hatte.
Er nahm zunächst mit der Gesellschaft des jungen Mädchens vorlieb, eines nicht weniger sonderbaren Geschöpfes: schmal, farblos, nächtlich, die gelben Augen manchmal wie blind, im nächsten Augenblick aber von einer Leuchtkraft wie goldene Sterne, von denen ein Wolkenschleier hinweggeglitten ist; und die Nixen des Rheins tauchten plötzlich in seiner Vorstellung auf.
Sie erzählte ihm in schlechtem Deutsch, daß sie Bulgarin sei, aber den englischen Künstlernamen Mab führe und bei der Barensky die Stelle einer Gesellschafterin und Schülerin einnehme. Mit drolliger Lebhaftigkeit sprach sie von jungen Wölfen und Löwen, die sie aufziehe.
Plötzlich spürte Ulrich, daß die Augen der Barensky sanft und sinnend auf seinem Gesicht ruhten. Sie nickte ihm leise zu, und in ihre Züge trat etwas Mädchenhaftes, eine Zartheit, von der er sich betroffen fühlte. Sie begann sich mit ihm in fremdklingendem Deutsch zu unterhalten. »Als Freund von Landsmann meiniges sein Sie auch mein Freund! Sehr schön, daß Sie heute abend unsere Vorstellung besüchen.« Er erzählte ihr, daß er noch nie einen Zirkus gesehen habe. Darüber lachte sie kindlich auf. »Was für ein merkwürdiger Mann! -- Woher kommen Sie?« »Aus Mainz, aber eigentlich aus der Schweiz.« Sie schwieg, und er merkte, daß ihr sein Vaterland ein böhmisches Dorf war, mehr und mehr aber auch, daß die unheimliche Person kein Hehl aus ihrem Wohlgefallen an ihm machte und es darauf anlegte, ihn in ihre Netze zu ziehen.
Als sich die Freunde endlich verabschiedet hatten und durch das abendliche Frankfurt nach dem Zirkus hinausschlenderten, schob Janos seinen Arm unter den des in stummer Verwirrung neben ihm Schreitenden. »Hättest ihr nicht verraten sollen, wo du wohnst, Ulrich! Wenn sie nun nach Mainz kommt, dich suchen?« Jetzt erkannte auch Ulrich seine Unvorsichtigkeit und erschrak. Szedesky aber tröstete ihn lachend: »Nun, das Satansweib kennt viele Männer, hat dich wohl morgen schon wieder vergessen.«
Der Zirkus Tempelmann war zu jener Zeit gewiß eines der größten und schönsten Unternehmen seiner Art, aber Ulrich wohnte der Vorstellung ohne sonderliche Teilnahme bei, der Besuch eines Volksstückes im Stadttheater von Nürnberg hatte ihn tiefer angeregt. Die bemalten Gesichter und die Späße der Clowns widerten ihn an, auch die Vorführungen der Raubtiere durch Werra Barensky in einem inmitten der Arena aufgebauten runden Zwinger stießen ihn ab. »Wie viel sind die königlichen Geschöpfe wohl gequält worden,« dachte er, »bis sie sich unter die Peitsche der Herrin fügten!« Als sie die Löwen, die Tiger und Leoparden durch- und übereinanderspringen und endlich zu ihren Füßen kauern ließ, sah er in den diamantenen Augen und dem siegreichen Lächeln nur die Pose der Artistin. Ein anmutiger Drahtseilakt der kleinen Mab aber, die jetzt mit ihren goldglänzenden Augen von fast märchenhafter Schönheit war, hatte seinen vollen Beifall, und nachher gefiel ihm die Barensky als Begleitdame der ersten Reiterin weit besser als in der Rolle der Bändigerin. Herrlich spielten ihr in einem grünen Jagdkleid die Glieder. Dann und wann warf sie einen grüßenden Blick zu ihm und Szedesky empor, und sie erwiderten ihn gemessen.
Nach der Vorstellung traten ihnen am Ausgange die beiden Künstlerinnen, die im letzten Teile nicht beschäftigt waren, wie zufällig entgegen, und sogleich wandte sich Werra Barensky an Mab mit dem Vorschlage, die Herren noch an den Bahnhof zu begleiten. Das kam nun Szedesky und Ulrich nicht gelegen, aber sie konnten den Vorschlag unmöglich ablehnen. Wie von selber fügte es sich, daß Szedesky mit Mab vorausging und sich mit ihr in eine lebhafte Unterhaltung verwickelte. Junghans folgte ihnen mit Werra Barensky auf dem Fuß.
Als sie ein Stück gegangen waren, drängte sich ein Bettler an sie heran. Sie standen still, Ulrich wie sie zogen die Börse, sie schenkte dem alten, kränklichen Mann sogar ein Goldstück. Durch den kurzen Aufenthalt bildete sich ein ziemlicher Abstand zwischen ihnen und dem vordern Paar. Da spürte Ulrich plötzlich, wie die Begleiterin leise seine Hand ergriff. »Ich Sie sehr liebe,« flüsterte sie, den Mund nahe an seinem Ohr, und er erzitterte unter dem Hauch ihres Atems. Sie blickte sich rings um, die Straße war bis auf die beiden Voranschreitenden menschenleer. »Schenken Sie mich ein Kuß!« bettelte sie, und durstig riß sie ihn an sich. »Wir müssen uns wiedersehen,« hauchte sie in glühender Sinnlichkeit. »Wann Sie wiederkommen zu mir?« »Ich weiß nicht, wann ich mich wieder frei machen kann,« stotterte er, und das waren die letzten Worte ihres kurzen Zwiegespräches. Denn das andere Paar trat ihnen wieder entgegen, und zuviert schritten sie nun in das helle Licht des Bahnhofs. Die Artistinnen blieben bis zum Abgange des Zuges. Eine wilde Erregung hatte sich Ulrichs bemächtigt, und wenn er Werra Barensky ins Gesicht blickte, sah er darin nichts mehr vom Raubtier, nur das zärtlich liebende Weib, ein wunderschönes, durstiges Weib.
Im Zug beichtete er Janos sein Erlebnis. Der Freund war darüber bestürzt und bat ihn dringend, mit ihm fortzufahren in seine ungarische Heimat. Ulrich aber erwiderte bedrückt: »Ich kann doch meinen Bruder Friedrich, der herkommt, nicht im Stich lassen, auch Appelius nicht.«
Das Abenteuer in Frankfurt wurde eine schwere Sorge für sie beide und warf seine Schatten noch in die folgenden Tage. Daß Ulrich die Erinnerung daran etwas abschütteln konnte, dazu half ihm am meisten der Anblick der lieblichen Schwestern Römer. Nachdem sich der Verkehr mit ihnen eine Weile nur auf den Gruß beschränkt hatte, der freundlich gegeben und freundlich erwidert wurde, kam er mit ihnen dann und wann in ein kleines Gespräch. Er erfuhr daraus, daß sie mit großer Liebe einen Garten draußen vor der Stadt pflegten, den sie jeden Morgen und oft am Nachmittag aufsuchten. Gerade der ländliche Zug an den jungen Städterinnen gefiel ihm ungemein. --
Nun stand der Tag bevor, da Friedrich in Mainz einrücken, Janos aber scheiden mußte; doch war die Vereinbarung getroffen, daß die beiden sich kennen lernen und einen Tag miteinander verbringen sollten.
Schon war Szedesky aus dem Geschäft Appelius ausgetreten und besorgte in der Stadt einige Einkäufe, Nötiges für die Reise und Geschenke für die ferne Freundin und die Eltern. Da hatte Ulrich ein höchst unangenehmes Erlebnis. Als er zum Mittagessen gehen wollte, trat ihm Mab entgegen. In ihrem alten Filz, in schlecht sitzendem, verschossenem Mantel und den roten Juchtenstiefeln sah sie aus wie ein Junge aus dem Wagen fahrender Leute, ihr Gesicht gelbäugig und nächtlich. Mit einem erstickten Aufschrei trat sie auf ihn zu und stammelte irgend ein Wort der Erlösung, das auf deutsch bedeuten mochte: »Endlich gefunden!« Erschrocken blickte er sich um, ob ihn etwa ein Bekannter in der Gesellschaft des sonderbaren Geschöpfes sehe. In gebrochenem, doch schnellem Deutsch, das zwitscherte und zischte und von dem er nicht alles verstand, erzählte sie ihm, daß Fräulein Barensky immer noch ungeduldig des versprochenen Besuches harre, daß die Herrin sie eigens von Wiesbaden, wo jetzt der Zirkus stehe, herübergeschickt habe, um ihn in Mainz auszukundschaften, und ihm ihre dringende Bitte nach einem Wiedersehen ausrichten lasse. Sie überreichte ihm die gedruckte Karte der Herrin sowie ein paar Eintrittskarten und bettelte ihn flehentlich an, daß er nun allein oder mit dem ungarischen Freund ja recht bald komme. »Werra Barensky sonst sehr gut zu mir, aber jetzt wegen Herr sehr böse.«
In furchtbarer Beklemmung hörte ihr Ulrich zu und erwiderte wenig. Nein, nur nicht die Bekanntschaft mit dem wilden Weib erneuern! Er war kein Meister der Verstellung, aber die Not zwang ihn zur Lüge. »Wie gern würde ich Fräulein Barensky wiedersehen,« erwiderte er, »gewiß auch mein Freund; aber wir stehen beide vor der Abreise, schon morgen geht es aus den Toren von Mainz. Mir selber handelt es sich um wichtige Familienangelegenheiten, die keinen Aufschub erleiden. Und mein Freund will ohne mich auch nicht mehr bleiben. Also richten Sie Fräulein Barensky mein lebhaftes Bedauern aus, meine Grüße und die Versicherung, daß ich mich stets mit Dank an den schönen Abend in Frankfurt erinnern werde.«
»Aber vielleicht heute abend, Herr!« Die schlanke Mab sah ihn trostlos an, um ihren schmalen Mund zuckte das Weinen. Fast ließ er sich davon rühren, aber rechtzeitig kam ihm ein rettender Gedanke. Er stand in einer alten Gasse still und deutete auf ein Haus, das er selber nicht kannte. »Ich wohne hier,« sagte er schnell, »und leider kann ich Ihnen keine andere Auskunft geben.« Damit bot er ihr in wilder Aufregung die Hand und schlüpfte aufs Geratewohl in die Tür. Wie ein Dieb, dachte er. Doch geriet das Unterfangen. Durch einen langen, halbdunkeln Gang kam er auf einen Hof und durch einen folgenden Flur wieder auf eine Straße. So entwich er der Versucherin.
Szedesky erwartete den ungewohnt lange Ausbleibenden neugierig. Als ihm Ulrich das Erlebnis erzählte, tat er in seiner Sprache einen bestürzten Fluch: »Was du der gottlosen Fledermaus gesagt hast, ist recht. Aber nun auch wirklich abreisen, sobald es geht! Du kennst noch nicht das Weib, das Halbtier. Wenn sie merkt, du bist noch in Mainz, dann ...« Er machte eine Bewegung, wie wenn er nach jemand mit einem Revolver oder einer Pistole zielte. Auf dem Gesicht stand ihm die Sorge um den Freund.
Unendlich hatte sich Uli auf die Ankunft Friedrichs gefreut. Nun lag eine Wolke über dem Wiedersehen. Und was dächten wohl die Seinen oder Nick, wenn sie ihn in eine so abenteuerliche Geschichte verstrickt wüßten?
13
Nick stand hinter dem Ladentisch und erlebte die Einförmigkeit und die Verdrießlichkeiten eines fast nur von Damen besuchten Geschäfts. Welche Geduld braucht es oft den Käuferinnen gegenüber! Ja, die jungen, die schlanken, die hübschen hatten bald herausgefunden, was ihnen stand; umso schwerer trafen die von der Natur Verkürzten, Häßlichen die Wahl. Es lag nicht an ihren schiefen Schultern und verzwängten Gestalten, wenn ihnen die Stoffe nicht saßen, sondern an der Verkäuferin, die ihre Wünsche nicht besser begriff. Manchmal mußte Nick die Zähne zusammenbeißen, um gegen die Eitelkeiten, Launen, Quälereien und die kleinliche Gesinnung der Kundinnen standhalten zu können.
Ein Männergesicht -- und die Damen waren höflich. Sobald der Inhaber des Geschäfts, Georg Wasmer, im Laden anwesend war, bezähmten sich auch die Unleidlichen. Er verstand sich bewunderungswürdig auf den Verkehr mit Frauen aller Kreise und Stufen, für jede hatte er ein gewinnendes Lächeln und ein angemessenes Wort. Nick mochte den frischen Vierziger wohl, nicht nur seiner angenehmen, aufgeräumten Erscheinung wegen, sondern weil er im Gegensatz zu dem dicken Spielwarenhändler Jean Groß auch den Ladentöchtern höflich begegnete und jeder nach ihrem Können seine Wertschätzung bewies. Auch ihr. Ja, ohne es die andern merken zu lassen, bevorzugte er sie und lud sie bald in seine Familie ein, die in bürgerlich gemütlichen Räumen über dem Geschäft wohnte. Zunächst jeden Sonntag zum Mittagessen. Die Frau war so lungenkrank, daß es schien, sie werde den Frühling nicht überleben. Auf ihrem feinen Gesicht stand schon ein Glanz aus einer andern Welt, und ihre Augen leuchteten engelhaft. Daneben war nur ein einziger Junge, Hiob, zu dessen lebhaftem Wesen der vom Großvater überkommene, geduldige Name wenig paßte. Nick mochte beide, Mutter und Sohn. Die zarte Kranke schloß sich wie ein Efeu, der seinen Stamm sucht, an sie. Die Gesellschaft der jungen Ladentochter tat ihr sehr wohl, schon deswegen, weil der Gatte sich nicht sonderlich um die Familie kümmerte und als ein geselliger Mensch die Abende häufiger auswärts als daheim verbrachte. Es war deshalb für Nick nur eine halbe Überraschung, als die Frau sie nach ein paar Wochen einlud, das Zimmer bei Frau Gugolz aufzugeben und völlig zu ihr überzusiedeln. Georg Wasmer unterstützte den Plan, und mit einigen Bedenken ging Nick darauf ein. Aber das Gefühl, in der Welt nicht mehr ein einsamer Flattervogel zu sein, verband sich ihr wohltätig mit dem, daß sie durch manche Handreichung, Vorlesen und Geplauder das Los der Kranken erleichtere, die sich ihre Dienste lächelnd gefallen ließ. Hiob, der Knabe, schloß sich mit seinem lebhaften Wesen an sie an, und zum großen Trost der Leidenden blieb der Hausherr jetzt öfter als sonst am Abend daheim, spielte mit Nick Schach, sang mit ihr ein Lied oder besah sich mit ihr die Nachbildungen von Stichen alter Meister, deren großer Freund er war. Manchmal waltete in dem Familienkreis eine so frohe Stimmung, daß selbst die stets schwächer werdende Frau darüber ihr Elend vergaß.
Bei seiner Neigung zum Künstlerischen gehörte Wasmer einer kleinen dramatischen Gesellschaft an, die unter der Leitung des ehemaligen Komikers Lackelmann vom Stadttheater auf einer der Stuben des Zunfthauses zur Meise ein Spiel einstudierte. Nick mußte ihn in die Übungen begleiten, und da es ihr nicht an Talent fehlte, war sie in jugendlichen Rollen bald ein geschätzte Mitglied der kleinen Liebhaberbühne.
Dabei sah sie gewöhnlich auch Marie und begegnete in ihren Augen einem fragenden Blick: »Hast du jetzt Uli geschrieben?«
Nein, das hatte sie immer noch nicht getan. So oft sie die Freundin erblickte, empfand sie Gewissensbisse. Über Nichtigkeiten versäumte sie das Größte, das ihr oblag.
Auf dem Heimweg plauderte ihr Wasmer einmal von Marie. »Ihre Heimatgenossin hat ein merkwürdiges Glück. Durch ihre Einfachheit tut sie es allen an. Unter einer Menge junger, tüchtiger Männer kann sie nur wählen, und daß sie dabei keinen Fehlgriff tut, dafür sorgt ihr besonderer Beschützer, der alte Literaturprofessor, der sie wie ein Vater überwacht.«
Nick fand nicht gleich eine passende Erwiderung, sie dachte nur: Gewiß ist daher die milde Heiterkeit in das früher herbe Gesicht Maries gekommen und die Würde, mit der sie jedem Gast sicher begegnet; sie hat nun einmal die gefällige Art ihrer Familie.
Wasmer mißverstand ihr Schweigen. »Wenn Sie nur wollen, Fräulein Tappoli,« versetzte er geheimnisvoll, »so sind Sie bei mir nicht lange Ladentochter, sondern finden auch Ihr Glück, ein größeres noch als Ihre Freundin!« Im Schein einer Straßenlaterne ließ er den Blick mit selbstsicherem, wohlgefälligem Lächeln über ihre Gestalt gleiten. Ihr aber war der Ton, mit dem er gesprochen hatte, aufgefallen, irgendeine warnende Stimme gegen ihn erhob sich in ihr.
In der dramatischen Gesellschaft, in der es auch ein paar junge Herren gab, regte er sich jedesmal heimlich auf, wenn sie mit einem von ihnen in einer Liebesrolle zusammenspielte oder sich sonst von ihnen durch ein harmloses Gespräch unterhalten ließ. Auf dem Heimweg wußte er stets etwas Unvorteilhaftes über die Betreffenden, während es sonst nicht in seiner verträglichen Art lag, über andere abzusprechen. Indessen war sein Benehmen im übrigen tadellos. Für viele kleine Zeichen des Wohlwollens mußte sie ihm still dankbar sein. Ein vornehmer Mensch war er gewiß, dafür hielt ihn auch jedermann in der Stadt. --
Blauer Himmel und weiße Wolken über den Giebeln kündigten den Frühling an. Nach Feierabend wäre Nick oft gern in die frische Luft hinausgewandert; aber es war nun zur Gewohnheit geworden, daß sie diese Stunden bei der Kranken verbrachte. Als Anerkennung dafür gab ihr Wasmer am »Sechseläuten« den Nachmittag frei. Glückselig wanderte sie durch die von freudigem Lenzvolk belebte Stadt und sah den festlichen Umzug der Zünfte. Mit Bannern, Wappentieren und den Abzeichens ihres Handwerks zogen sie fröhlich und würdig durch die Gassen. Unter den mit roten Armbinden und hohen Zylinderhüten geschmückten Herren, die das Fest leiteten, befand sich auch Wasmer. Das Gesicht jugendlich hell, den rötlichen Schnurrbart keck gestrichen, sah er im Feierkleid wie ein Weltmann aus, und das Amt bewies sein öffentliches Ansehen. Mehr aber fesselte es Nick, als rotbemützt die Gesellschaft zum »Kämbel« vorüberzog, die stattliche Zunft, der ihr Vater angehört hatte. Die Erinnerungen an ihn flossen durch ihre Seele, wie er unter diesen Männern freudig mitgetan und als feinsinniger Redner an ihrer Tafel den Vogel abgeschossen hatte. Wenn er wüßte, wie bescheiden und abhängig seine Nick nun das Brot in der Heimatstadt verdienen mußte!
Es blieb ihr aber nicht lange Zeit zu Betrachtungen. Halb noch in Kindersinn, halb in gereiftem Lebensernst folgte sie im wonnigen Frühlingsabend dem Strom der bunten Gruppen und dem festlichen Volk an der Wasserkirche vorbei hinaus gegen den See, wo sich die Menschen wie eine Landgemeinde sammelten, die Zünfte im Ring um einen mächtigen Holzstoß. Vom See her winkten die eiligen Boote, von den Ufern die friedlichen Dorfschaften, und in die träumende Bläue stieg geheimnisvoll der Silberglanz des Hochgebirgs. Wie fröhlich die Menschen, wie herrlich die Welt! Leib und Glieder Nicks federten sich, sie spürte, wie jung sie noch war; das Wohlgefühl, die Kraft ihrer neunzehn Jahre durchwallte sie, singen und jauchzen hätte sie mögen vor Lebenslust.
Schon senkte sich leise die Dämmerung auf das Lenzbild. Da erklang vom mächtigen Petersturm die Sechsuhrglocke. Aus dem Holzstoß lohten Flammen und Rauch empor und umwirbelten den Winter, die weiße Mannspuppe, die an hoher Stange hing. Er geriet in Brand, unter mächtigem Geknatter fuhr er in Stücken und Fetzen auseinander. Die Musikgesellschaften spielten, Zünfte und Volk, Jung und Alt sangen Frühlings- und Heimatlieder. Auch sie sang tapfer mit.
»Fräulein Tappoli!« klang ihr plötzlich eine etwas näselnde, doch freudige Stimme ans Ohr. Es war Glorian Rollenbuz, der frühere Verweser in Eglisau, der Gelehrte, der seit mehr als zehn Jahren die Grundzüge des Ökumenischen Konzils bearbeitete und noch lange nicht damit fertig war. Selbst diesen unverbesserlichen Stubenhocker hatten der Lenz und das Fest vom Ofen hinweggelockt, er war aber in dem vielen Volk an dem linden Abend die einzige Gestalt, die den Hals mit einem schweren Tuch umschlungen hielt. Rührende Freude sprach aus seinem pergamentenen Gesicht, er blieb bei ihr, und sie sahen zu, wie das Feuer, das rote Scheine auf die dunkel gewordenen Wasser warf, lohte und niederging. Als die Menge der Menschen auseinanderströmte, gab er ihr das Geleit bis zur Türe des Hauses Wasmer und hielt sie dort noch mit seinen Gesprächen fest. »Aber die frische Luft!« scherzte sie. Er seufzte nur, und als er merkte, daß sie gern ins Haus träte, stammelte er: »Darf ich wieder nach Ihnen sehen?«
»Gott, der Mensch ist verliebt in mich! Würde er sich sonst so der frischen Luft aussetzen?« Lachend und ärgerlich ließ sie diese Erkenntnis über sich ergehen. Was sollte sie mit Glorian anfangen?