Part 1
####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1909 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
In der im Original gewählten Frakturschrift wird nicht zwischen den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ unterschieden. Zur Übertragung in die heute üblichen Antiquaschriftarten wurden aber im Register die Einträge getrennt nach den beiden Anfangsbuchstaben aufgeführt.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
####################################################################
Negerleben in Ostafrika.
Negerleben in Ostafrika.
Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise.
Von
~Dr.~ Karl Weule
Professor an der Universität und Direktor des Museums für Völkerkunde in Leipzig.
Mit 196 Abbildungen, darunter 4 bunte Vollbilder, und einer Karte.
Zweite Auflage.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1909.
Vorwort.
„Ort, Datum, Adresse, kurz, ein Briefkopf -- also die üblichen Reisebriefe!“ Gemach, mein Herr oder meine Gnädigste! Schon zwischen Brief und Brief besteht, trotzdem er heute den Charakter des Kunstwerks längst verloren hat, ein Unterschied; um wieviel mehr beim Reisebrief, dessen Form und Inhalt in ungleich höherem Grade durch die Umstände, aus denen heraus er entsteht, bedingt werden. Ehrlich will ich zudem -- falls die Briefform nun einmal ein Verbrechen ist -- gestehen, daß die Kapitel dieses Buches ihre jetzige Form erst in Leipzig angenommen haben. Meine Reise besaß auf Grund ihrer besonderen Ziele auch einen ganz besonderen Charakter. Ich sollte den Menschen erforschen, sollte in den Sitten und Gebräuchen, den Erzählungen und Mythen die Negerpsyche ergründen. Das bedingte einen unausgesetzten, innigen Verkehr mit den schwarzen Leuten. ~Masumgumso~ nennt der Suaheli die Tätigkeit, die ich ein halbes Jahr hindurch getrieben habe; unsere Wörterbücher übersetzen das mit „Unterhaltung“. Das trifft den Sinn meines ~Masumgumso~ nur so obenhin; dieses hatte stets den ernsten Hintergrund der wissenschaftlichen Forschung, nicht den des Zeitvertreibs. ~Maneno~, Worte, waren es gleichwohl, aus denen es sich zusammensetzte. Kann nur der Leser eine geeignetere Form der Darstellung nennen als die von mir gewählte, die die gesamten Eindrücke eines bestimmten, soeben zum Abschluß gelangten Zeitraumes noch gänzlich unverwischt, dabei jedoch harmonisch ineinander verarbeitet und wissenschaftlich vollkommen verwertbar wiedergibt, ohne dabei in das trockne Einerlei des Tagebuches zu verfallen?
Meine Ostafrikareise liegt bereits um mehr als ein Jahr zurück; eine Unsumme von Berufsgeschäften hat mich an der sofortigen Herausgabe meiner Eindrücke gehindert. Der drohenden Gefahr des Verblassens dieser Eindrücke bin ich dadurch begegnet, daß ich über die Geschehnisse und Ergebnisse jener Reise genau Buch geführt, ja, wo es die Zeit zuließ, sogar Wortlaut und Tonfall des ~Masumgumso~ schriftlich festgehalten habe. Vieles habe ich gleichzeitig an Verwandte und Freunde berichtet, besonders an den trefflichen Alfred Kirchhoff, den ich leider nicht mehr wiedersehen sollte. Bei meiner Rückkehr am letzten Januar 1907 war er bereits schwer krank; am 8. Februar ist er verschieden.
Aus meinen gewissenhaften Aufzeichnungen habe ich das jetzige Buch zu komponieren vermocht, ohne den einzelnen Auftritten im Busch und im Urwald, auf dem Marsch und im Negerdorf Gewalt anzutun, und ohne die Milieustimmung zu verderben. Das ist wichtig, gerade bei jenen einzelnen Bausteinen, aus denen das große Gebäude der Wissenschaft vom Menschen von vielen Mitarbeitern nach und nach errichtet werden soll. Weltbewegende Ereignisse bleiben dem Negerleben im allgemeinen vorenthalten; da macht die Stimmung, aus der das kleine Geschehnis geboren wird, alles. Daß ich sie +immer+ getroffen hätte, möchte ich nicht behaupten; im großen und ganzen wird der Leser indes mit mir zufrieden sein können; mir persönlich steigen jedenfalls beim Lesen meiner Zeilen alle die seltsamen Szenen, deren Zeuge ich gewesen bin, wieder mit einer Deutlichkeit vor das Auge, als hätte ich erst gestern vom dunkeln Weltteil Abschied genommen.
Zum nicht geringen Teil verdanken wir die Anschaulichkeit unseren modernen Forschungsmitteln. Die photographische Kamera ist freilich nicht mehr neu, doch bewährt auch sie sich noch immer, sogar weit besser, will mich dünken, als in der Hand der Reisenden früherer Jahrzehnte. Das bringen die feinen Objektive und die guten Platten mit sich. Auf meine mehr als tausend tadellosen Aufnahmen von Land und Leuten irgendwie stolz zu sein, habe ich darum keinerlei Ursache.
Neuer ist schon der Phonograph, und kaum erst in die exotische Völkerforschung eingeführt der Kinematograph. Die Leistungen der Sprech- und Singmaschine haben den Vorzug, auch den Lesern eines Buches zu Gesicht und zu Gehör gebracht werden zu können; ich habe darum wenigstens eine kleine Auswahl der von mir gesammelten Eingeborenenlieder abgedruckt. Der Kinematographenfilm ist das Demonstrationsmittel des Vortragssaals; zugleich ist er das Archiv der dahinschwindenden Sitten unserer Naturvölker. In dieser Eigenschaft sollte seine Anwendung mit allen Mitteln und in größter Ausdehnung angestrebt werden, solange es noch Zeit ist. Es liegt in der Natur der Sache, daß er seinem eigenen Herrn, der ihn selbst mit den Szenen aus dem Eingeborenenleben bedeckt hat, am meisten erzählt; ihn versetzt er schon beim Aufblitzen des ersten Bildchens in das alte Forschungsgebiet zurück. Der Anschaulichkeit des Buches kommt damit auch er, wenn auch nur indirekt, zugute.
Mein gänzlicher Mangel an musikalischer Bildung hat die Transkription meiner Lieder durch musikalische Freunde bedingt; gern statte ich den Herren Dr. von Hornbostel in Berlin und Dr. Albert Thümmel in Leipzig den wohlverdienten Dank ab.
Nicht geringe Schwierigkeiten bereitet die Wiedergabe gewisser Bantusprachlaute durch unser deutsches Alphabet; am größten sind sie beim Laute „tschi“. So hart wie ihn unsere Sprechweise bedingt, ist der Laut nicht; das „t“ ist kaum hörbar; aus diesem Grunde habe ich vorgezogen, die Silbe nach dem Standardalphabet „chi“ zu schreiben.
Das Buch ist Stückwerk. Natürlich. Wie sollte es dem einzelnen Forscher auch möglich sein, die Gesamtheit der Lebensformen einer ganzen Rasse zu erfassen! Selbst einer Rasse wie der des Negers. Wir nennen den schwarzen Mann Naturvolk; für uns klebt er am Boden, mit dem er bei seiner offenkundigen Ruhelosigkeit gleichwohl nicht verwachsen scheint. Nur scheint; in Wirklichkeit ist er bodenständig wie kaum ein anderer Teil der Menschheit. Afrika ist Sitz und Heimat des Negers seit jeher; in seinen weiten Räumen ist er entstanden; dort ist er physisch zu dem geworden, was er heute ist; dort hat er auch seine Kultur entwickelt. Diese Kultur ist anders als die unsrige; sie ist sicherlich nicht so hoch; doch gewährt auch sie ein ganz bestimmtes, scharf umrissenes Bild. Ob es reizvoll ist, sich in dieses Bild zu vertiefen? Lies dies Buch: es hat in breiten, kräftigen Strichen eine Anzahl Züge jenes Bildes festzuhalten versucht. Nachher magst du selbst urteilen.
+Leipzig+, 19. September 1908.
=K. Weule.=
Inhaltsverzeichnis.
Seite
+Vorwort+ V
+Erstes Kapitel.+ Die Ausreise 1
+Zweites Kapitel.+ Die Ziele 15
+Drittes Kapitel.+ Es kommt anders 30
+Viertes Kapitel.+ Lehrzeit an der Küste 42
+Fünftes Kapitel.+ Einmarsch ins Innere. Die ersten Eindrücke 64
+Sechstes Kapitel.+ Umschau 87
+Siebentes Kapitel.+ Einleben ins Volkstum 102
+Achtes Kapitel.+ Marsch nach Süden. Meine Karawane 136
+Neuntes Kapitel.+ Bei Matola 170
+Zehntes Kapitel.+ Mit und unter den Yao 194
+Elftes Kapitel.+ Weitere Ergebnisse 238
+Zwölftes Kapitel.+ Rovuma-Idyll und Zug ins Pori 254
+Dreizehntes Kapitel.+ Unyago überall 283
+Vierzehntes Kapitel.+ In voller Ernte 297
+Fünfzehntes Kapitel.+ „Und will sich nimmer erschöpfen und leeren“ 338
+Sechzehntes Kapitel.+ Schlußzeit in Newala 388
+Siebzehntes Kapitel.+ Wiederum zum Rovuma 405
+Achtzehntes Kapitel.+ Die Meisterzeit 429
+Neunzehntes Kapitel.+ Zur Küste zurück 477
+Zwanzigstes Kapitel.+ Rückblick 495
+Register+ 515
Abbildungen.
Seite
Karl Weule (Titelbild)
Kap Guardafui 1
Hafen von Daressalam 3
Eingeborenentanz in Daressalam 6
Straße im Eingeborenenviertel von Daressalam 10
Karte der großen Karawanenstraße. Eingeborenenzeichnung 15
Dolcefarniente in einem Hofe von Daressalam 19
Im Europäerviertel von Daressalam 24
Bucht von Lindi 30
Dampfer Rufidyi. Eingeborenenzeichnung 32
Mündungsgebiet des Lukuledi oberhalb Lindi (Separatbild) 33
Reede von Lindi 37
Arabische Dhau. Eingeborenenzeichnung 41
Kettengefangene. Eingeborenenzeichnung 42
Seliman Mamba 45
Yao-Frauen von Mtua (Separatbild) 49
Mädchen aus Lindi 51
Tanz der Weiber in Daressalam 53
Alter portugiesischer Turm in Lindi 55
Unter Palmen 57
Die Ngoma Liquata. Eingeborenenzeichnung 64
Makua-Frauen aus dem Lukuledi-Tal (Separatbild) 65
Mueramann und Yao 67
Ruinen der Missionsstation Nyangao 71
Wamuerafrau 76
Muerajüngling 77
Muerafrau mit Unterlippenpflock 79
Lichte Baumgrassteppe mit Barra-barra (Separatbild) 80
Massassiberge. Eingeborenenzeichnung 87
Inselberg von Massassi 89
Unsere Mtandibesteigung. Eingeborenenzeichnung 95
Buschbrand auf dem Makonde-Plateau (bunte Tafel) 96
Wanyassa-Jäger mit Hund. Eingeborenenzeichnung 102
Studienbummel in der lichten Baumgrassteppe 107
Lager in Massassi 111
Am traulichen Herd. Hütteninneres in der Rovuma-Ebene (Separatbild) 112
Taubenschlag und Speicher 120
Marschbereit vor Massassi 123
Rattenfalle 125
Antilopenfalle 127
Perlhuhnfalle 129
Falle für Großwild 129
Yaohütte 135
Meine Karawane auf dem Marsche. Eingeborenenzeichnung 136
Yao-Gehöft in Chingulungulu (Separatbild) 136
Lager in Mwiti 142
Jalousie mit Swastika 147
Yaohäuptling Nakaam 149
Hofinneres in Mwiti 155
Ältere Makondefrau im Festschmuck (Separatbild) 160
Hüttentypus der Rovuma-Ebene 162
Hüttengrundriß 162
Ruhelager und Herd Susas 165
Yaofrauen mit Nasenpflock 167
Makuakindergrab 168
Matolas Gehöft 170
Matambwefrau mit reichem Narbenschmuck (Separatbild) 176
Arm-Chronologie 183
Yaohäuptling Matola 185
An den Wasserlöchern von Chingulungulu 189
Makondefrauen von Mahuta (Separatbild) 192
Pombegelage 194
Lager in Chingulungulu 195
Zwei Makuamütter 198
Frau am Mörser. Eingeborenenzeichnung 206
Mehlbereitung in einem Eingeborenengehöft (bunte Tafel) 208
Plauderstündchen 209
Affenraubzug. Eingeborenenzeichnung 211
Barde Sulila 215
Yao-Ngoma in Chingulungulu 223
„Waldschule“ im Pori bei Chingulungulu (Separatbild) 224
Yao im Masewekostüm 227
Yao-Masewe in Mtua 237
Elefantenherde. Eingeborenenzeichnung 238
Dorf des Wangonihäuptlings Makachu (Separatbild) 240
Grab des Yaohäuptlings Maluchiro in Mwiti 242
Feuererzeugung 245
Fischtrocknen am Rovuma 253
Freske in Akundonde 254
Mein Begleiter Nils Knudsen 255
Zwei Matambwemütter 257
Bergbaufeld Luisenfelde 263
Flötenkonzert der Unyago-Knaben (Separatbild) 264
Der Unglücksvogel Liquiqui. Eingeborenenzeichnung 265
Yaogräber in Akundonde 267
Daggara im Walde bei Akundonde 269
Der Festhüttenring Lisakassa im Walde bei Akundonde 271
Lachende Schönheiten 275
Mädchen-Unyago im Wamatambwedorf Mangupa. I. (Separatbild) 280
Mädchen-Unyago im Wamatambwedorf Mangupa. II. (Separatbild) 280
Der alte Medulla, sein Pfeifchen anbrennend 281
Mädchen-Unyago im Makondeweiler Niuchi 283
Tanz der Frauenmaske Njohowe in Newala 288
Stelzentänzer bei den Makonde. Eingeborenenzeichnung 292
Unser Lager in Newala 297
Der Verfasser im newalenser Winterkostüm 298
Zwei Gelehrte von Newala 301
Stelzentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi (Separatbild) 304
Wasserschöpfende Makondefrauen. Eingeborenenzeichnung 305
Sandflohverheerungen am menschlichen Fuß 307
Negerpfad im Makondebusch 313
Die Urmutter. Holzskulptur eines Makondekünstlers 317
Der allgemein übliche Türverschluß 321
Türverschluß bei den Makonde von Jumbe Chauro 322
Auf der Suche nach dem Schlüsselloch 323
Gelbgießer beim Schmelzen des Messings 327
Wanyassa-Töpferei in Massassi (Separatbild) 329
Makuatöpferei in Newala 334
Rindenstoffherstellung in Newala 336
Makua-Masewe in Newala 338
Makuafrauen 343
Kindertragart bei den Negermüttern. Eingeborenenzeichnung 345
Anwendung des Wurfstocks 347
Anwendung der Wurfschlinge 349
Beim Naturaspiel 350
Natura 350
Kreiselspiel 351
Ikoma-Tanz beim Mädchen-Unyago in Akuchikomu (Separatbild) 352
Am Xylophon Mgoromondo 353
Makondekinder 359
Negertelephon. ~Unasikia?~ Hörst du auch? 360
~Ndio!~ Jawohl! 361
Negertelephon 361
Drei Vegetarier vom Makuastamm 362
Kakallefestzug beim Unyagoschlußtag 363
Maskentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi (Separatbild) 368
Wiedergabe eines Eingeborenenliedes durch den Phonographen (bunte Tafel) 384
Frau aus dem Makondestamm 385
Grabbäume an der Boma von Newala 388
Mehlopfer 397
Rovumalandschaft (Separatbild) 400
Knotenschnur 401
Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf 405
Ububa-Kranker 411
Madyaliwa, Saidi und Makachu 415
Blick von Nchichira auf den Rovuma (bunte Tafel) 417
Matambwefischer. Eingeborenenzeichnung 421
Waldverwüstung im Rovumatal 425
Pfahlbau am Rovuma bei Nchichira 427
Pulver-, Schnupf- und Medizinbüchsen vom Makondehochland 429
Der Wali von Mahuta 431
Mutter und Kind 432
Mehrstöckige Häuser am Rovuma bei Nchichira (Separatbild) 432
Yao mit Ziernarben 433
Makonde mit Ziernarben 434
Matambwe- und Makuafrau mit Ziernarben 435
Makuafrauen mit Ziernarben 436
Makondefrau mit besonders „schönen“ Ziernarben 437
Ein mißglückter Verschönerungsversuch 438
Pseudochirurgie 439
Rückenziernarben einer Makuafrau 440
Bauchtätowierung eines Makondemannes 441
Makondemasken 443
Litotwe 444
Wangoni-Frauen von Nchichira (Separatbild) 448
Bwana Pufesa, der Herr Professor. Eingeborenenzeichnung 457
Diabolospieler auf dem Makondeplateau 458
Ein afrikanisches Diabolo 459
Makondefrau im Festgewand 461
Zwei Wamueragelehrte. Eingeborenenzeichnung 463
Makondeweiler in der Gegend von Mahuta (Separatbild) 464
Askari in Interim 467
Die lichte Baumgrassteppe und ihre Tierwelt. Eingeborenenzeichnung 477
Wanduwandus Grab 483
Große Ngoma in der Boma von Mahuta (Separatbild) 488
Einzugstoilette. Zähneputzen meiner Begleitmannschaft 491
Der Verfasser im Porikostüm 493
Der Fels von Aden 495
Karte.
Der Südosten Deutsch-Ostafrikas. Maßstab 1 : 1000000.
Erstes Kapitel.
Die Ausreise.
+Daressalam+, am Pfingstsonntag 1906.
An Frau Professor +Weule+, Leipzig.
Daß ich das schönste Fest des Jahres -- denn dafür halte ich Pfingsten im Gegensatz mindestens zur gesamten deutschen Jugend -- unter Palmen verleben würde, hätte ich ein halbes Jahr zuvor noch nicht zu ahnen gewagt. Aber es ist so; seit zwei Tagen weile ich in der Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika und damit an einem Fleckchen Erde, dem auch Leute, die weiter und mehr gereist sind als ich, noch manchen Reiz abgewinnen können. Nicht daß die Szenerie an sich etwas Großartiges oder gar Überwältigendes hätte; im Gegenteil, überragende, wuchtige Berge oder stattliche Ströme fehlen gänzlich; auch die weite Fläche des offenen Ozeans trägt unmittelbar nichts zum Bilde bei, denn Daressalam liegt landeinwärts und ohne nennenswerten Ausblick auf das offene Meer. Was den Zauber des hiesigen Landschaftsbildes ausmacht, das ist vielmehr wohl eine der glücklichsten Vereinigungen von blitzendem Wasser, leuchtendem Grün und strahlender Sonne, die man sich denken kann.
Die Einfahrt in den Hafen selbst läßt den Neuling die kommende Schönheit nicht ahnen; ein von Korallenbänken eingeengtes, überaus schmales, durch seine scharfen Biegungen an die Steuermannskunst hohe Anforderungen stellendes Fahrwasser führt auf den Scheitelpunkt einer scheinbar ausgangslosen, flachen Bucht zu. Plötzlich aber gleitet das Schiff über diesen Scheitelpunkt hinaus in einen außerordentlich engen, von steilen, grünen Uferbänken begrenzten Kanal, der sich, noch ehe der Reisende sich von seinem Erstaunen erholt hat, zu einer weitgedehnten, glitzernden, von Schiffen bedeckten Wasserfläche erweitert. Das ist die berühmte Bucht von Daressalam. Daß wir Deutschen einem solchen Hafen zuliebe das alte Karawanenemporium Bagamoyo mit seiner offenen Reede aufgeben und dafür das bis dahin nahezu unbekannte Negerdorf Daressalam zum Vorort der Kolonie machen mußten, versteht man angesichts der offenkundigen Vorzüge dieser Örtlichkeit vollkommen, auch ohne erst jahrelang im Lande geweilt zu haben.