Part 4
Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin. Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen, sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.
Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.
Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen. Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte. Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle, vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden war.
Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.
Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts zum erstenmal in der großen Hundehütte fest. Verlassen, frierend, von Furcht und Sehnsucht fast von Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! Ich will ja brav sein! Kommt denn niemand? Laßt mich nicht allein!« Und unterbrach sein Winseln nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender und immer neu enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, ob die Erlösung sich nicht nahe ... Und in der nächsten Nacht derselbe Jammer ...
In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam die Ahnung von dem Weltzusammenhang in ihm. Von der Macht des Starken. Daß der Schwache rechtlos sei und daß ihm nur _eine_ Waffe zu Gebote stehe -- die Bosheit. Er veränderte sein Wesen. Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke kehrten sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab ihm das Aussehen eines Fuchses.
Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren der Zeitungsträger schnappte.
Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach dem langentbehrten Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen vorgewagt. Es hielt das Knurren Bellos, dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in die Wohnung einzulassen, für eine der beliebten Narrenpossen seines Freundes, und überschritt die Schwelle. Da biß der Hund nach ihm ... über das magere Beinchen rieselte das Blut in Tropfen ...
Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und belohnte ihn mit einer halben Wurst.
Bellos Erziehung war vollendet.
Unweit von mir trocknete eine junge Dame im Verborgenen eine Träne ab. »Das war eine traurige Geschichte. Armer Bello.«
Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.
»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über alle Maßen,« entschuldigte Isabellas Nachbarin.
»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?« Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.
Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein Schlummer«-Lieds von Brahms.
»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«
Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen?
»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang, schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.
Vision
Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein letztes Glück.
Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren. Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens, um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren Anteil an jeder Regung seines Wesens.
Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.
Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere. Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist nichts als sein Begehren.
Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft.
Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine kranke Blume.
Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht, daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir dafür seine Freundschaft.
Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen Anteil, du gibst mir nichts als deine Sinne.«
Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«
Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.
Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht näher.
Plötzlich streifte sie sein Atem. -- Sie fuhr empor und sah ihn in der Tiefe eines Sessels lehnen.
Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher -- er hatte sie beim Kommen nicht geküßt.
Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. Er erzählte von Erlebnissen und Plänen, forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt habe.
Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige Klang, der niemals jäh erstickt und im Geflüster abbricht?
Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es ihr und bot sich an, ihr daraus vorzulesen.
Sie wollte rufen: du -- du -- kommst du nicht zu mir?
Der Laut erstickte in der Kehle.
Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, zuweilen wurde er sogar bedeutend.
Sie dachte: ist er es denn wirklich?
Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, aus seinen Zügen war jede Heimlichkeit gelöscht. Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine angeregte Unterhaltung.
Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. Etwas Unüberwindliches hielt sie zurück. Die kurzen Schritte, die sie von ihm trennten, waren nicht zu überschreiten.
Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich meine Liebe nur geträumt, den Mann mir gegenüber kenn' ich nicht.
Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. Sein Leben ist erstorben. Du aber lebst. Und keine Brücke führt vom Lebenden zum Toten.«
Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. Aus schwerster Not stöhnte sie auf ...
Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen waren naß von Tränen. Und schnell, ehe die betäubte Seele sich von ihrer Angst befreien konnte, stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, erhöre mich -- nimm mir, wenn es sein muß, seine Freundschaft, aber laß, o laß mir sein Begehren.«
Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb des Fenstertritts gekauert, hätte die Wiederkehr in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen brauchen. Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des grauhaarigen Zigarettenrauchers entheiligte kein Männerwort den Nachhall der ausgeströmten Klage. Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem Hochmut, der ihr wohl helfen mußte, ihre Abneigung gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden, erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. Mehr als den Geliebten suche die Frau jetzt in dem Manne den Vater ihrer Kinder, den gleichberechtigten Gefährten.
Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. Am wenigsten hätte ich es dieser zugetraut. Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms erschienen. Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem mein Urteil stand. Entgegen den heutigen Gebräuchen war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre angepaßt. Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. Es gelang mir, ihr früheres Ich bildhaft vor mir wiederherzustellen. Die feine Linie des jetzt zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der großen schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit verschattet, die Lockungen der Lippen, ehe die Zeit ihnen die Frische nahm.
Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? Sie wendete sich nur an mich, als sie ruhig sagte, sie habe keine Vorstellung von einer Weltordnung, die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt ihrer Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe würden sie dann sein? Vom Fluch des Triebes befreit, von der Versklavung durch das Blut, das seine Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn es die Grenzen seiner Macht erreicht. Ruhigere sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie ihrer tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres Weibseins aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, die Farbe ihrer Wangen kaum erhöht, erzählte sie; es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender ihrer Mitschwestern gewesen sein.
Herbst
Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.
Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie in die Herbstlandschaft hinaus.
Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls. Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.
Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.
Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen. Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen blühten.
Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.
Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter Mädchenhaftigkeit.
Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden herabgeglitten war.
Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...«
Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.
Wie das lebendig vor ihr aufstand -- den ganzen Tag über hatte es sie schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen: warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren, Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische Unberührtheit ihrer Jugend.
Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen, hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung »Du« zu sagen.
»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«
Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte anvertrauen müssen.
Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er wäre vor ihr auf die Knie gesunken.
Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.
Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.
Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft. Und damit das eigene Geschick besiegelt.
Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich -- das Signal der Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.
»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«
Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.
Und nun wartete er draußen.
»Darf er herein?«
»Nein!«
»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich lasse nicht von ihm ...«
Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war. Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden sah.
Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte, den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?
Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir lieber.
Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt. Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein. Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.
Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie mußte sich am Tischrand halten.
Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank, suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des Lagers streuen.
Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung und der Sehnsucht der gereiften Frau.
... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses Zimmers übertreten ...
Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen, wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch die Spalte der angelehnten Tür.
Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ...
Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie zu einer matronenhaften Flechte.
Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu besinnen.
»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig sein.«
Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte, als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter, bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.
Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.
»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«
Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.«
Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin, die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde.
Altersfrieden
Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus für arme Fischer«.
In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. In Sorgen hatten sie gelebt, waren in schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten sie nicht Not.
Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den müden Leib zu betten. Ein Raum für jedes. Hoch genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, um, beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu streifen.