Part 3
»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus wie der Tod.«
Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es ihm erlaubte.
»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres auf die Straße setzen! Schicken Sie ihn zum Arzt, gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir melden, zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht gehe!«
Es bedurfte keiner langen Untersuchung.
»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete der Arzt. »Kleiden Sie sich warm, und wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande haben, um für ein paar Wochen zu verreisen ...«
Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn haften:
Reisen -- reisen -- weit weg -- nach Indien!
Der Maitag war warm und lockend, im Bureau erwartete man ihn nicht. So lange hatte er nicht unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.
Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. Doch die Seligkeit von früher wollte nicht über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein, seine Phantasien verdichteten sich zu bösen Träumen.
Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer braunen Nacktheit, schlichen aus dem Gebüsch, umtanzten ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen. Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn an, blähte den giftgefüllten Schlund, umschnürte mit kalten Ringen die erstickende Brust.
Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf der Treppe sank er zusammen, ein Strom von Blut brach aus seinen Lungen.
Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab und zu sah die Nachbarin nach ihm. Aber sie hatte selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.
»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, der täglich kam und zuweilen Erfrischungen brachte, die der Justizrat schickte. »Das muß doch sein Dienstherr bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte sie leiser hinzu.
Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.
Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich Sebastian. Nur nicht ins Krankenhaus. Er bat und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und das rote Blut ...
Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel ihm Frau Ruhnau ein. Eine tüchtige Frau war sie gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.
Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an dem die Plättfrau mit rotglühendem Bolzen arbeitete, auf dem Brett liegen.
Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie zu dem Kranken.
Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht zusammengefallen, die schmale Nase wachshell, schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er erkannte sie nicht. Unruhig warf er die Arme umher, stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.
Armer Junge, armer, armer Junge!
»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie den Arzt.
Der zuckte die Achseln.
»Ihn wenigstens hier herausbringen?«
»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien werden Sie ihn wohl nicht schicken können, würde ihm auch kaum mehr was nützen.«
Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn wenigstens hier herausbringen könnte« wiederholte sie.
Sie sah sich um.
Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte voll Staub und Schmutz. Die Luft selbst roch nach Unsauberkeit und Armut.
Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser traurigen Straße.
Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die hohe Mauer zu erklettern. Aber gleich war er wieder weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.
»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam und überlegend, »mein Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft in der Möckernstraße, der hat so'n kleines Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am Sonntag fährt er mit der Familie 'raus, und an warmen Sommerabenden vergnügt er sich da mit's Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht mag's auch sein --. Aber immer noch besser wie hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen da 'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?«
Der Arzt schwieg.
»Könnt' er's wenigstens -- aushalten?«
»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Natur ist unberechenbar. Aber er kann doch nicht draußen ganz allein --«
»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von klein auf gekannt, er ist wie mein eigener!« sagte sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn der Doktor wüßte.
»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm das Sterben erleichtern, dachte er bei sich.
Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden der Pferde halber, die nicht früher frei waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager den kranken Sebastian die Treppen hinunter. Sie betteten ihn sorgsam in den offenen Wagen, der Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf dem Rücksitz und hielt des Kranken Hände.
Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. Er fühlte kaum die Stöße und Rucke auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber zuckte jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! Wären wir erst da.«
Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter sich, sie fuhren auf der Treptower Chaussee. Der Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, ohne Unterbau, aus grün angestrichenen Brettern zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube. Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.
Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf Ufer und Fluß. Zartgrüne Weiden, lichte Gewänder, weißliche Boote, von halbnackten Gestalten pfeilschnell getrieben, schwellende Segel, schwärzliche Flöße, alles schwamm und schwebte in rosigem Schein. Jede Schwere war behoben, jede Härte aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und Luft.
Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.
»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«
Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend in das lebendige Licht.
In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer Glanz.
»Indien -- das ist Indien!«
Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.
»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das Häuschen, das is mein Schwager seine Sommerbude.«
Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine Wangen streichelte, mit harten Fingern und doch sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln über seine Züge.
»Wie schön bist du, Sidla -- zauberhaft schön!«
Einmal noch seufzte er tief -- streckte sich -- und fiel in die Kissen.
So war er doch in Indien gestorben.
Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte Laute der Ungeduld gemeldet. Jetzt trat der Störenfried erkennbar in den Bereich der Lampe. Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den vorspringenden Backenknochen, den Stempel des Intellekts auf der tief durchfurchten Stirn. »Faxen,« rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. Was ist daran schon gelegen.«
Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling auf, der, noch warm von seiner Beichte, die Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz. »Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der das Volk beschnüffelt, ohne von seinem Wesen das Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr schon einmal, um einen Schandlohn, bei Frost und Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang bedient? Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind, um ihm zu helfen, so einem armen Webermädel die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr Großstadtherrchen, also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas erfahren.«
Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd auf den Deutschböhmen gerichtet, fing er an. Der geübte Redner war ihm anzumerken.
Die Dampfpfeife
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh ...!
Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes Brüllen, gleich einem Aufschrei der gequälten Kreatur.
Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.
»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, »lauf', du versäumst!«
Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben Schein der Lampe in der Lade nach dem Brotlaib, schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn in die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal tritt er an das Bett und streichelt seines Weibes feuchte Stirn.
»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« sagt die alte Babi, die beschäftigt ist, Wasser in ein kleines Holzgefäß zu gießen, »gut wird's gehn. Wenn Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.«
Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser mehr zu den dreien, die schlafend in Kisten an der Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die nächsten Wochen.
Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt hat.
Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So hastig rennt er durch die unerhellte, nebeldicke Morgenluft, daß er die Kälte, die sein Gesicht zerschneidet, nicht empfindet.
Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh heult zum zweitenmal die Pfeife.
Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, bringt den Betrieb in Gang; die Schützen fliegen durch die Kettenfäden.
Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen des zweiten Pfiffs daheim in seiner Hütte ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern seines vierten Kindes.
Piska -- es pfeift -- wird sie genannt. Die Dampfpfeife, die sie zur Welt gerufen hat, wird ihre Patin.
* * * * *
Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende ursprünglichster Instinkte ... Fünf Wochen lang kriecht das Tierchen Piska an die Mutterbrust. Mit seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern seines leiblichen Verlangens.
Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, Ewigkeiten. Die Händchen tasten in das Leere, die Lippen stoßen klagend etwas Mißschmeckendes zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs neue füllt; bis Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm und Mund den kleinen Körper wärmend einhüllt.
In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht durch das Dämmern des kindlichen Bewußtseins ein Geräusch, ein Laut ...
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter schüttelt sie.
»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka kommt wieder, abends, wenn sie pfeifen.«
* * * * *
Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. Piska ist kein Säugling mehr.
Doch von der Großmutter noch immer vor den anderen bevorzugt. Sie nimmt die Kleine mit, wenn sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell für schwache, kurze Beinchen. Den Waldweg abwärts, über die Brücke, vor das große Haus.
Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele Menschen gibt es her. Männer, Frauen, Burschen, Mädel.
Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und verdrossen. Er unzufrieden mit dem Zugebrachten. Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie oft zu kraftlos, um zu essen.
Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen Wiese. Im Winter in einem großen, kahlen Zimmer mit vielen anderen. Manch einer hätschelt Piska, schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt Branntwein oder Bier in ihre Kehle laufen.
Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. Müde ruht sie auf dem Schoß, in dem sich wieder neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal. Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, der Unerbittlichen ...
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
* * * * *
Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie die Pfeife hört. »Ein großer Mann, ein Riese, noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«
Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern spielt. Auf der offenen Heerstraße, die ihr Spielplatz ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den Winkel rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt ihnen der Schnee in die zerlumpten Stiefel. Im Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub auf, daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend in die Lungen dringt.
Viel später, Piska geht schon in die Schule und weiß: es ist der Dampf, der mit so tobendem Gekreisch entweicht, verbindet sie geheimnisvolle Vorstellungen mit dem grellen Schrei.
Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, der die gut und schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben und die Strafen anzusetzen hat. Auf den der Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, kriecht dem Herrn in den H.....n!«
Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar reiche, der die Tasche voll mit Sechserln hat, alle Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter Pilsener Bier dazu.
Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.
Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen und daß sie wiederkommen. Daß es Samstag eine halbe Stunde früher die Suppe und die aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann das Zimmer aufreibt und die Kinder badet. Daß der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt und die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, daß er wieder den halben Wochenlohn vertrunken hat.
* * * * *
Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.
Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge zieht und sie an eine neue Kette andreht, hockt die Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die Finger lernen Weberknoten.
Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff kein Spiel mehr bedeutet.
Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie beim Instrument die Tasten reihen sich dem samtnen Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen stecken. Und dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.
Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld verdienen. Aufgepaßt, daß keine Fäden reißen, daß, wenn die Bobine abgespult ist, kunstgerechte Knoten zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.
Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber Jugend, goldene Jugend. Über deine Brücke geht aus jedem Dunkel der Weg zu hellen Fröhlichkeiten.
Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch und heimlich. Wenn ein Unberufener naht, gleich die Augen wieder ehrbar auf die Bank gerichtet. Eine Hetz'!
Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. Wie dann mittags im Winter der aufgewärmte Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll Birnen und die saure Gurke.
Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe.
Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink und frühreif wie die Piska selber.
Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen. Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren. Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der dichten Nähe ihres Burschen.
Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten, Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise.
An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt, wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit -- das Glück.
Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.
Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer Seele in ihrem Körper aufpeitscht.
Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos. Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...
Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit die Pfeife.
Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht verfallt!
In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor ...
Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen, Geld verdienen!
* * * * *
Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde. Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken.
Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der Hoffnung.
Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht, den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie zieht ihn mit sich in den Seilgang.
Nur ein Wort.
Na also -- was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na -- nicht gleich. Sie braucht nicht so zu weinen.
Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken.
* * * * *
Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor droht mit der Entlassung.
Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.
»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«
Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier, das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden.
Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für Schmerzen. Sie schreit und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.
Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.
* * *
Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie möchte aufstehen, an die Spulbank eilen.
Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern ihres Kindes.
Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit einen neuen Sklaven.
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's nicht anders machen.« Er bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung an.
Die Erziehung zur Bosheit
Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor, mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze. Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ...
Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter, der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen.
Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur. Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten, glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.
Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre, die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.
Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln, schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein zweites Vaterhaus nicht bot.
Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war, ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.
Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie, daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt _ein_ Individuum ergebe. Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen unnatürlich groß.
Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der Erde lagen.