Nach Amerika! Ein Volksbuch. Fünfter Band
Chapter 8
»Ah das thut mir unendlich leid,« sagte Herr Steinert, dem damit freilich jede Hoffnung auf Verdienst nach _der_ Richtung hin, abgeschnitten wurde, »wäre mir so sehr angenehm gewesen hier im Lande der Freiheit, die auf dem Schiff so schön begonnene, liebenswürdige Bekanntschaft erneuert zu haben. Sie sind wohl nur zu Ihrem Vergnügen herüber gekommen, mein verehrter Herr?«
»Theils Geschäfte, theils der Wunsch New-Orleans kennen zu lernen,« sagte Herr Dollinger -- »aber Sie werden entschuldigen -- «
»Ich verstehe -- ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört,« citirte der Weinreisende, »nun es war mir wirklich sehr angenehm -- ah sieh da, ein alter Reisegefährte,« sagte er plötzlich, als ein anderer Herr, der gerade auf sie zugekommen war, plötzlich abbog und seine Richtung, kaum übrigens noch zwanzig Schritt von ihnen entfernt, nach der Stadt zu nehmen wollte -- »Herr von Hopfgarten, bitte Herr von Hopfgarten -- nur ein Wort.«
Der Herr war in der That unser alter Bekannter, Hopfgarten, der jenen scharfen Winkel in seinem Spatziergang eigentlich nur deshalb gemacht hatte, dem gerade erkannten Weinreisenden und Reisegefährten aus dem Wege zu gehn, da er sich nicht in der Stimmung fühlte eine längere Unterhaltung mit dem redseligen Manne anzuknüpfen. Geradezu unhöflich gegen ihn zu sein, gestattete ihm aber auch sein gutes Herz nicht, und da Herr Steinert ihm auf halbem Wege entgegenkam, mußte er schon gute Miene zum bösen Spiel machen und blieb, ihn erwartend stehn. Herr Dollinger glaubte die Gelegenheit indessen günstig, von dem etwas zudringlichen Mann, von dem er doch keine der ersehnten Nachrichten erwarten durfte, loszukommen, und wollte sich mit einem kurzen höflichen Gruß entfernen. Darin hatte er sich aber wieder in Steinert geirrt, der einmal gefaßte Opfer nicht so leicht aus den Händen ließ.
»Nur noch einen Augenblick, bester Herr Dollinger,« rief er ihm nach, »ich wollte mir nur das Vergnügen nicht versagen, Sie noch mit einem andern Reisegefährten und sehr achtbaren Herrn, dem Herrn von Hopfgarten bekannt zu machen. Herr von Hopfgarten, Herr Dollinger, Herr Dollinger, Herr von Hopfgarten.«
»Herr Dollinger?« rief Hopfgarten rasch, auf den fremden Herrn zutretend. »Herr Dollinger aus Heilingen?«
»Glücklicher Vater der liebenswürdigen Madam Henkel,« bestätigte Herr Steinert, während Hopfgarten auf den alten Herrn zuging, ihm die Hand bot und mit fast bewegter Stimme sagte:
»Sie glauben nicht, wie sehr es mich freut, mein verehrter Herr, Ihre persönliche Bekanntschaft hier so zufällig gemacht zu haben.«
»Herr von Hopfgarten -- ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte Herr Dollinger verlegen -- »wie ich so eben hier erfahre, sind auch Sie mit der Haidschnucke von Europa herübergekommen.«
»Meine verehrten Herren,« unterbrach Steinert aber in diesem Augenblick das Gespräch -- »da wir uns so fröhlich zusammengefunden und so jung auch nicht wieder zusammenkommen, hätte ich einen Vorschlag zu machen. Wie wäre es, wenn wir im ersten besten Hotel dinirten, und ein wenig von alten Zeiten plauderten. Lieber Gott, die Amerikaner sind ein solches gemüth- und herzloses Volk, daß man wahrhaftig ein vernünftiges ruhiges Wort mit ihnen zu reden gar nicht im Stande ist -- was sagen Sie dazu, meine Herren, sind Sie dabei?«
Hopfgarten hatte indessen, aber von Steinert unbemerkt, dem Vater Clara's einen so ernsten und bedeutsamen Blick zugeworfen, daß diesem, der nur zu rasch begriff, auf was er deute, sein Herz plötzlich stillstehn fühlte, und sich halb abwenden mußte, nur erst wieder Fassung zu gewinnen und dem Weinreisenden die Bewegung nicht zu verrathen; Hopfgarten parirte indeß die Einladung des Zudringlichen.
»Es thut mir wirklich leid, mein bester Herr Steinert, der freundlichen Forderung nicht Folge leisten zu können, da ich auf ein Uhr -- und wahrhaftig wir haben gar keine Zeit mehr zu verlieren,« unterbrach er sich selbst, nach seiner Uhr sehend -- »bei Madame Henkel eingeladen bin. Dort wurde mir schon bemerkt, daß ich das Vergnügen haben würde Herrn Dollinger zu treffen und kennen zu lernen, welches Sie mir jetzt etwas früher verschafft haben. Wir werden nun gleich zusammen hinaufgehn können.«
»Oh das bedaure ich in der That ungemein,« sagte Herr Steinert, der doch nicht Unverschämtheit genug besaß, sich _noch_ weiter anzubieten -- »aber ein andermal möchte ich mir das Vergnügen nicht versagen. Wie wär' es denn, wenn wir uns vielleicht morgen im St. Charles träfen.«
»Ich will sehn, wenn es irgend möglich ist,« sagte Hopfgarten.
»Und Herr Dollinger?«
»Werde ich mitbringen,« sagte der kleine Mann; dabei legte er seinen Arm in den des Kaufmanns, und mit einer freundlichen Verbeugung gegen Herrn Steinert, führte er den Vater Clara's mit sich die Levée hinauf.
»Sie wissen wo meine Tochter wohnt?« rief aber Herr Dollinger, wie sie nur kaum außer Gehörweite des Weinreisenden gekommen waren -- »Sie kennen die Verhältnisse -- wissen was hier vorgefallen und welches entsetzliche Schicksal meine Tochter betroffen?«
»Ich weiß nur, daß dieser Henkel oder Soldegg wie er heißt,« sagte Hopfgarten mit fest aufeinander gebissenen Zähnen, »ein nichtswürdiger, niederträchtiger Schurke ist und, wie ich nach Allem fürchten muß, was ich selbst gesehn und später hier in New-Orleans zu meinem Entsetzen gehört, ein Bubenstück an seiner Frau begangen hat, von dessen _Möglichkeit_ selbst ich früher keine Ahnung gehabt.«
»Aber wo ist meine Tochter, wo find' ich sie?«
»Und wissen Sie das nicht?« sagte Hopfgarten, erstaunt, ja erschreckt stehn bleibend und seinen Arm loslassend.
»Mit keinem Wort -- mit keiner Ahnung,« rief der alte Herr, »nur einen Brief von ihr habe ich, und in dem die furchtbare Kunde erhalten, daß der Mann, in dessen Hand ich meines armen Kindes Schicksal gelegt, ein nichtswürdiger, schändlicher Verbrecher ist. In dem Brief bittet sie mich, ihr Geld genug zu schicken, mit ihrem Mädchen wieder nach Deutschland zurückkehren zu können, und natürlich ließ ich daheim Geschäfte und Alles im Stich, mein armes Kind selber abzuholen. Vergebens habe ich aber jetzt auf der Post nachgefragt, wahrscheinlich erwarten sie noch gar keine Antwort, da der Brief sowohl wie ich selber außergewöhnlich kurze Zeit gebraucht herüberzukommen; vergebens habe ich die ganze Stadt durchsucht -- ich kann sie nicht finden, keine Spur von ihr ist zu entdecken. Auch von Henkel weiß Niemand etwas, selbst nicht das hiesige Handlungshaus, dessen Firma er misbraucht, und dieses konnte nur aussagen, daß sich erst kürzlich ein junger Mann, anscheinend Arbeiter auf einem Dampfboot, _sehr_ angelegentlich, und schon früher mehrere Andere bei ihm nach dem Manne erkundigt hätten. Das aber war dasselbe Haus, für das ich, von diesem Henkel betrogen, eine sehr bedeutende Waarensendung von Deutschland, theils mit einem französischen Schiff, theils mit der Haidschnucke, herübergeschickt, von der natürlich kein Stück an ihre Adresse angekommen, wie sich der Bursche auch nie hat bei ihnen blicken lassen. Von meinem Kinde, das ich jetzt seit drei Tagen vergebens suche, wußte mir Niemand ein Wort zu sagen, und der alte Kaufmann Henkel, ein würdiger, wackerer Mann, rieth mir die Sache jedenfalls ohne weiteren Zeitverlust den Gerichten zu übergeben, freilich, wie er mir selber sagte, mit nur schwacher Hoffnung dem Verbrecher auf die Spur zu kommen, der sich hier, in dem ungeheuer weiten Land, nachdem er seinen Raub jedenfalls in Sicherheit gebracht, einer Verfolgung nur zu leicht entziehen konnte. Er hat mir übrigens die Adresse eines tüchtigen Advokaten aufgeschrieben, an den ich mich, mein Kind sowohl wieder zu finden, als einen Versuch zu machen mein Eigenthum wieder zu erlangen, nur ungesäumt wenden solle.«
Die Adresse lautete auf den Staatsanwalt wie Advokaten und Notar Mac Culloch, in Canalstraße, und da sie sich gerade in der Nähe befanden, beschlossen die beiden Männer ihn auch ungesäumt aufzusuchen und seinen Rath zu erholen. Hopfgarten erzählte indessen unterwegs dem alten Herrn, wie er selber ebenfalls schon seit mehren Tagen in New-Orleans vergebens umhersuche Clara's Spur zu finden, und sich Gewißheit über den fürchterlichen Verdacht zu verschaffen, der erst seit dieser Zeit -- das _wie_ wollte er ihm später mittheilen -- in ihm aufgestiegen.
Den Advokaten fanden sie in seinem Bureau, da die Geschäftsstunden in New-Orleans meist um vier Uhr schließen und Kaufleute wie Beamte großentheils erst dann zu Mittag speisen. Herr Dollinger trug ihm hierauf den Fall ausführlich, von der ersten Rettung Claras auf dem Rhein, bis zu dem Brief von seiner Tochter vor, indeß ihn Hopfgarten nur manchmal mit lauten Ausrufungen der Wuth und Entrüstung unterbrach, bis er endlich, als dieser geendet, seinen Grimm nicht mehr mäßigen konnte, und ausrief:
»Dann wundert mich auch das nicht mehr, was _ich_ von dem nichtswürdigen Hallunken später gehört und selber erfahren habe, und ich bin im Stande Ihnen eine Fortsetzung des hier eben Vorgetragenen zu liefern.«
Mit kurzen Worten erzählte er nun dem, jetzt noch weit aufmerksamer zuhörenden Rechtsgelehrten, da sich die Sache auf neuere unmittelbare Daten bezog, zuerst von dem »Soldegg Henkel« unterschriebenen Brief des Verbrechers, der nach allem Vorgefallenen den Professor und besonders dessen Familie hatte so rasch als möglich von New-Orleans entfernen wollen, lästige und gefährliche Freunde der Frau und damit Zeugen gegen sich, aus dem Weg zu schaffen; dann von seinem Zusammentreffen mit Soldegg in Vincennes und dessen unerhörter Frechheit, mit der er sich für seinen Zwillingsbruder ausgegeben. Auch den Brief den ihm Soldegg an seinen vorgeschützten Bruder eingehändigt, und den zu öffnen er ihn selber gebeten hatte, falls er Henkel nicht in New-Orleans finden sollte, trug er bei sich, und Mac Culloch lachte, trotz der ernsten Sache, laut auf, als er die kurzen, in englischer Sprache geschriebenen Worte, nicht an seinen _Bruder_, sondern an Herrn von Hopfgarten selber gerichtet, erst flüchtig überflog und dann laut vorlas.
»Lieber Hopfgarten -- ich hätte wahrhaftig nicht geglaubt, daß Sie sich _so_ leicht anführen ließen; wo um Gottes Willen hatten Sie nur Ihre Augen? -- Sie haben uns doch soviel von ihrer _Falkenähnlichkeit_ erzählt. Grüßen Sie mir meine Frau, wenn Sie dieselbe zufällig sehen sollten, und auf das _Herzlichste_ meinen _Zwillingsbruder_ von Ihrem alten Freund und Reisegefährten -- _Soldegg Henkel_.«
Aber damit war er noch nicht zu Ende -- Soldegg mußte sich von da nach Arkansas gewandt haben, da er erst gestern, seinem weiteren Bericht nach, das Fräulein von Seebald gesprochen, die mit ihrer kranken Schwester von Arkansas zurückgekommen war, sich mit derselben nach Deutschland einzuschiffen. Diese hatte ihm genaue Auskunft über jenen Menschen, der selbst in Arkansas als gefährlicher Spieler und Pferdedieb einen Namen haben sollte, gegeben. Hiernach war sein letzter Aufenthaltsort Little Rock gewesen, und das auch wahrscheinlich der Platz, wo sich Näheres und Bestimmteres über ihn erfahren ließ.
Mac Culloch notirte sich indessen, dem Bericht schweigend und höchst aufmerksam folgend, sämmtliche darin vorkommende Namen, neben die er kleine Bemerkungen schrieb, und sagte, als dieser geschlossen war, und er sich auch noch den Brief Soldeggs, einen Autographen desselben in Händen zu haben, von Herrn von Hopfgarten erbeten hatte, freundlich:
»Wir haben es hier mit einem gefährlichen, durchtriebenen Burschen zu thun, von denen es vielleicht in keinem Lande der Welt weiter, so ausgebildete durch und durch verdorbene Schufte giebt, wie gerade in den Staaten, deren freie Verfassung und besonders deren wildes, von der Cultur noch nicht überall erfaßtes Terrain, mit der Leichtigkeit der Verbindungen den Aufenthaltsort im Nu nach jeder Himmelsrichtung hin zu ändern, ihren Bubenstreichen jeden nur möglichen Vorschub leistet, und ihrer Habhaftwerdung oft unübersteigliche Hindernisse in den Weg schiebt. Es liegt aber hier jedenfalls ein so bösartiges und durchdachtes Gewebe von Verbrechen vor, daß es mir fast scheinen will, als ob der Bursche sein Gewerbe auf die Spitze getrieben hätte, wobei diese Herren dann meist so sicher und zuversichtlich werden, doch manchmal in die Falle zu gehn. Jedenfalls wollen wir thun, was in der Sache nur möglicher Weise zu thun ist, und ich habe nach Little Rock hin gerade _dazu_ die beste Gelegenheit. Der Staatsanwalt dort ist ein intimer Freund von mir, ich selber kann hier von New-Orleans aus keinen Verhaftsbefehl nach einem anderen Staat hin ausstellen, aber ich will an ihn schreiben und sehen, ob wir den Herrn dort fassen und nach hierher ausgeliefert bekommen können. Vielleicht ist es dann auch möglich einen Theil der Ihnen betrügerisch abgelockten Güter wieder herauszubekommen, obgleich _das_ nachher immer sehr schwer hält, denn solcher Sachen entledigen sich diese Hallunken gern so rasch als möglich. Soldegg -- Soldegg« -- setzte er dann nachdenkend hinzu -- »ich müßte mich sehr irren, wenn ein Mann gleiches oder doch ganz ähnlichen Namens, nicht bei einem bedeutenden Juwelendiebstahl in Mobile, vor einem Jahr etwa genannt wurde und gleich darauf spurlos verschwunden war; vielleicht zeigt sich später, daß der Herr auch bei uns im Süden schon auf der Kreide steht.«
»Glauben Sie, daß es die Sache fördern würde, wenn ich selber deshalb nach Little Rock ginge?« frug Hopfgarten rasch.
»Gewiß wesentlich,« sagte Mac Culloch -- »ein so wichtiger Zeuge an Ort und Stelle würde das Ganze ungemein vereinfachen, und hat sich der Bursche von dort wieder weggewandt, so sind Sie, mit dem Fingerzeig den Sie von der vorher erwähnten Dame erhalten haben, viel eher im Stande ihm wieder auf die Spur zu kommen, als vielleicht die Gerichte selber, derer Unterstützung Sie dann gewiß wären.«
»Aber meine Tochter« -- sagte Herr Dollinger -- »wie soll ich das arme Kind jetzt in der ungeheuern Stadt hier wiederfinden?«
»Sie hat Ihnen geschrieben die Briefe #poste restante# unter der Adresse einer gewissen -- «
»Hedwig Loßenwerder -- «
»Ah ja -- Hedwig Loßenwerder zu lassen -- gut, legen Sie Ihre eigene Adresse unter dem Namen auf die Post; es wird dort jedenfalls nachgefragt und man sucht Sie selber auf.«
»Seit vorgestern ist das schon geschehn,« sagte Herr Dollinger traurig, »und wohl zehnmal bin ich an jedem Tag auf der Post gewesen nachzufragen, ob die Adresse abgeholt, aber noch hat sich Niemand danach erkundigt. Wenn Sie nur nicht die Stadt, in der es ihr an Mitteln fehlte zu existiren, verlassen oder krank geworden und -- ich wage den Gedanken gar nicht zu verfolgen.«
»Lassen Sie den Muth da nicht sinken,« sagte Mac Culloch freundlich, »in unserer Luft liegt eine merkwürdige Lebenskraft, die den Fremden unglaublich lange Zeit über Wasser hält. Aber apropos, Sie sind aus Heilingen Herr Dollinger, nicht wahr? -- ich habe da vor einiger Zeit einen Schreiber zu mir in Dienst genommen, der vor mehren Monaten von Deutschland, und wenn ich nicht ganz irre, aus derselben Stadt gekommen ist. Der Mann wohnt seit der Zeit hier in New-Orleans in einem deutschen Gasthaus, und es wäre gar nicht unmöglich, daß _er_ uns über seine so specielle Landsmännin irgend eine Auskunft zu geben vermöchte; jedenfalls können wir ihn fragen.«
»Wie heißt der Mann?« frug Herr Dollinger rasch.
»Fortmann, Julius Fortmann glaub' ich.«
»Den kenne ich nicht,« sagte Herr Dollinger kopfschüttelnd.
»Das schadet Nichts, fragen können wir ihn doch,« sagte Mac Culloch aufstehend und seinen Hut nehmend -- »wir brauchen nur über jenen Gang zu gehn -- hier, wenn ich bitten darf -- dort in der ersten Thüre rechts sitzt Herr Fortmann.«
Mac Culloch ging voran und öffnete die Thüre, die Herren eintreten zu lassen. In dem kleinen Gemach saß nur ein einziger Arbeiter, den Rücken ihnen zugedreht, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.
»Herr Fortmann,« sagte Mac Culloch, »hier sind ein paar Landsleute von Ihnen, die eine Frage an Sie zu richten wünschten; wären Sie so freundlich ihnen Auskunft zu geben?«
Herr Fortmann stand rasch von seinem Stuhle auf und drehte sich nach den Fremden um, erschrak aber sichtlich, wurde leichenblaß und stotterte verlegen einige Worte, als Herr Dollinger, der ihn erstaunt und überrascht betrachtet hatte und aus dem starken ungewohnten Bart die sonst gut genug bekannten Züge nicht gleich wieder herausfinden konnte, in voller Verwunderung ausrief:
»Herr Aktuar Ledermann, -- träum' ich denn oder wach' ich?«
»Hallo,« sagte Mac Culloch, aufmerksam werdend, »_Leder_mann statt _Fort_mann, und todtenbleich sehn Sie dabei aus, Herr? -- wie hängt das zusammen?«
»Herr Dollinger,« stotterte der arme Aktuar in höchster Verlegenheit -- »dieses unerwartete Zusammentreffen?«
»Aber Mann, haben Sie denn nicht Ihr kleines Erbtheil verspielt und sind aus Verzweiflung in das Wasser bei Heilingen gesprungen? Hat man denn nicht, nachdem Sie wieder und wieder gewarnt worden, sich des gefährlichen Spiels zu enthalten, Ihren Rock und Hut am Ufer und in Ihrem Zimmer einen Brief gefunden, in dem Sie von Ihrer Frau Abschied nahmen und Alles eingestanden?«
Ledermann war neben seinem Stuhl, ein Bild der personificirten Verlegenheit, die Hände fest zusammenreibend, und bald einen scheuen Blick nach seinem jetzigen Principal, bald nach Herrn Dollinger hinüberwerfend, stehn geblieben, augenscheinlich in Verzweiflung jede Vertheidigung aufgebend und seinem einmal über ihn hereingebrochenen Schicksal freien Lauf lassend.
»Hm,« sagte Mac Culloch, der genug Deutsch verstand wenigstens den Sinn der in dieser Sprache gethanen Fragen zu verstehn, »da kommen wir ja hinter ganz merkwürdige Sachen Herr _Leder_mann, und der Name _Fort_mann findet eine halbe, wenn auch ganz eigenthümliche Erklärung. Nun Sir, haben Sie kein Wort zu Ihrer Vertheidigung, und etwa gar noch die Idee, daß ich Sie zur Fortführung _meiner_ Geschäfte hier verwenden möchte und dürfte, wenn eine solche, und wie mir fast scheint _sehr_ begründete Anklage auf Ihnen lastet?«
Ledermann holte tief Athem, und sah sich dabei nach allen Seiten mit einem Blick um, als ob er nur irgend eine Öffnung suche hinauszufahren, einer Situation zu entgehn, die ihm furchtbar zu werden anfing; die klaren Schweißtropfen standen ihm dabei auf der Stirn. Endlich aber, und auch wohl durch das Bewußtsein dazu getrieben _ohne_ eine Erklärung hier nicht fortzukommen, faßte er sich ein Herz, holte noch einmal tief Athem, denn die Luft fing ihm an auszugehn und sagte:
»Herr Dollinger -- ich bin durchgebrannt.«
»_Was_ ist er?« frug Mac Culloch, der die Deutung des Wortes nicht verstand.
»Fortgelaufen,« erklärte ihm dieser.
»Aber weshalb?«
»Ich will Ihnen Alles gestehn, und urtheilen Sie dann selbst,« sagte der arme Teufel. »Sie wissen daß ich vor einiger Zeit 600 Thlr. unverhofft geerbt, und mit richtiger Anlage des Geldes meinen sehr geringen Gehalt hätte bessern und dann anständig leben können. Sie kennen aber meine Frau nicht, Sie wissen nicht in welchen Verhältnissen, welchem häuslichen Elend ich daheim gelebt, und daß sie mich trieb und trieb das Geld ihrem Bruder zu leihen, der es mir eben so sicher wie jeder Andere verzinsen würde. Hätte ich mich geweigert so war es um meine häusliche Existenz, die überdieß kaum noch dem Namen nach bestand, vollständig geschehn gewesen, und gab ich es ihm, so war ich das Geld, das mir im Alter einmal ein Nothpfennig werden sollte, los -- und die Erfahrung hat gelehrt daß ich recht gehabt, denn in der neuesten deutschen Zeitung die wir herüber bekamen, steht sein Bankerott schon richtig angegeben. Gott ist mein Zeuge daß ich Alles versucht habe was in Menschenkräften steht, meine Frau zu überzeugen und zu einem vernünftigen Nachgeben zu bringen -- ich hätte eben so gut den Tisch da zu etwas derartigem bewegen mögen. Mein Kind war todt, ich selber sah nur sich täglich mehrenden Zwist im Hause, eine Scheidung wurde auch schon dadurch zur Unmöglichkeit, daß ich, selbst wenn Therese darein gewilligt, nie im Stande gewesen wäre sie und mich an zwei geschiedenen Heerden zu erhalten. Die Verzweiflung gab mir da das letzte Mittel ein. Ich ging in ein Spielhaus, wo ich mit einer bestimmten kleinen Summe setzte, und es ist wohl noch kaum ein Spieler so mit dem ernsthaften Wunsch an einen solchen Platz getreten zu verlieren, als ich. Meine Freunde wurden, da sie wußten daß ich etwas geerbt und Geld in Händen hatte, aufmerksam auf mich, und warnten mich; das war Alles was ich wollte. Ich ging wieder und wieder in das Haus, und glaube von mir sagen zu können, daß ich die Rolle eines unglücklichen, endlich zur Verzweiflung getriebenen Spielers durchgeführt habe. Als ich den richtigen Zeitpunkt gekommen wähnte, schrieb ich den Brief, ging Abends an das Wasser, legte dort einen alten Rock und Hut ab und marschirte in derselben Nacht noch drei Meilen nach einem kleinen Postflecken; dort nahm ich Extrapost unter falschem Namen und fuhr nach Hannover, von da nach Bremen und schiffte mich auf einem Amerikanischen Schiffe, das zufällig im Hafen lag, nach New-Orleans ein. Ich habe vielleicht gefehlt, -- « setzte er mit einem aus tiefer Brust heraufgeholten Seufzer hinzu, »ohne diesen Schritt wäre mir aber beim ewigen Gott nichts Anderes übrig geblieben, als wirklich in's Wasser zu springen. Meine Frau mag mich jetzt betrauern und wird sich trösten, denn ihre Verwandten sind wohlhabend, und ich glaube sogar daß sie noch einmal eine kleine Erbschaft zu erwarten hat, die ich ihr von Herzen gönne -- verrathen Sie mich aber, bester Herr Dollinger,« setzte er mit Todesangst in den Zügen hinzu, »so bin ich verloren, denn daß mir Therese in dem Fall nach Amerika folgte, ist so gewiß, als wir hier zusammen stehen. Niemand hat jetzt ein Interesse an meinem Leben; ich bin keinem Menschen einen Pfennig schuldig, alle meine Arbeiten, als ich sie verließ, waren in größter Ordnung und ich weiß daß ich in Heilingen das Andenken eines rechtschaffenen, braven Mannes hinterlassen habe.«
»Das haben Sie,« sagte Herr Dollinger, ihm freundlich die Hand reichend, »und ich gebe Ihnen mein Wort, daß über _meine_ Lippen nie ein Wort unseres jetzigen Begegnens kommen wird.«
»Aber nicht übel,« lachte Mac Culloch, der der Erzählung aufmerksam gelauscht, wieder in englischer Sprache, »läuft seiner Frau zu Hause fort, kommt nach Amerika unter einem falschen Namen, und läßt sich bei dem Staatsanwalt da anstellen; mein lieber Mr. Fortmann, das sind schöne Streiche.«
»Bester Mr. Mac Culloch,« sagte Herr Ledermann.
»Nun ich habe Nichts dagegen,« lachte dieser, »wenn weiter Nichts vorgefallen ist als das, mögen Sie Ihre häuslichen Verhältnisse mit ihrem Gewissen und Ihrer Frau Gemahlin abmachen; jetzt aber möchten wir Sie fragen ob Sie in Zeit Ihres hiesigen Aufenthalts Nichts von der Tochter dieses Herrn, Clara Henkel, gehört haben?«
»Von Frau Henkel?« sagte Ledermann, als Dollinger noch einmal die Frage in Deutsch an ihn gerichtet hatte; »keine Sylbe -- aber ich erinnere mich daß ein junger Deutscher Namens Donner, ein Arzt glaub' ich, sich schon sehr eifrig nach ihr erkundigt hat, und konnte mir schon damals nicht erklären, daß das so große Schwierigkeiten haben sollte sie aufzufinden.«
»Hm hm,« sagte Mac Culloch sich das Kinn streichend, und nachdenkend vor sich nieder sehend -- »es wird Ihnen da doch wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Erfolg des Briefes abzuwarten.«
»Ist denn etwas vorgefallen?« frug Herr Ledermann, durch das ängstliche Benehmen Herrn Dollingers aufmerksam gemacht -- »doch nicht mit Herrn _Henkel_?« frug er plötzlich, den alten Herrn scharf und erschreckt fixirend.
»Sie sollen Alles erfahren lieber Ledermann,« sagte Herr Dollinger freundlich -- »es ist das eine zwar schmerzliche, aber doch eine Pflicht sogar, die ich Ihnen gegenüber, einer alten Sache wegen zu erfüllen habe. Es gilt auch dabei einen armen, unschuldig verfolgten und unglücklich gemachten Menschen zu rechtfertigen.«
»Loßenwerder?« rief Herr Ledermann rasch.
Herr Dollinger nickte schweigend und langsam mit dem Kopfe.