Nach Amerika! Ein Volksbuch. Fünfter Band

Chapter 7

Chapter 73,729 wordsPublic domain

»Weiter Nichts,« meinte Mollwich mit bitterem, verbissenem Ton, »als daß der Landdeed, den ich von Ihnen bekommen, und nach dem ich den Military Grant[3] nur gleich in Besitz nehmen konnte, wenn nicht falsch, doch schon lange von Jemand Anderem besiedelt und besetzt war. Mit Gewalt ließ sich dagegen Nichts ausrichten, und ein deutscher Advokat, dem ich unglücklicher Weise in die Hände fiel, und der merkte, daß ich ein paar Thaler Geld im Vermögen hatte, beschwatzte mich einen Proceß anzufangen, wonach ich es dann endlich, nachdem ich die Sporteln zehn und zehn Dollarweis bezahlt, schwarz auf weiß bekam, daß der jetzige Besitzer jenes #military grants# in seinem vollen Rechte sei, und ich meinen Proceß verloren habe. Die Gerichte bewiesen mir das durch eine Masse Sachen die ich nicht verstand, aber ihre Geldforderung, _die_ machten sie mir begreiflich. Da ich das Geld nicht missen konnte wieder nach New-Orleans zu gehn, _schrieb_ ich ein paar Mal an Sie, mir die Summe, die ich Ihnen für den falschen Grant gegeben, zurück zu zahlen, erhielt aber keine Antwort, und bekam indessen in der sumpfigen Gegend auch noch obendrein das Fieber, das mich zwei volle Monat schüttelte, und verhinderte wieder auf das Wasser zu gehn, wo es ja noch immer schlimmer wird. Davon wieder genesen, mußte ich einen Theil meiner Sachen verkaufen, nur die Passage hier herunter zu bezahlen, und stehe jetzt auf Amerikanischem Boden, an Erfahrung allerdings reicher, aber sonst gerade so arm wie Einer jener armen Teufel die an der Levée lagern; und als ich vor 11 Monaten in New-Orleans landete hatte ich ein Vermögen von dreizehnhundert Thalern in der Tasche.«

»Das ist allerdings sehr schlimm,« sagte Herr Hamann, der fortwährend bei der Erzählung des Deutschen den Kopf geschüttelt und mit den Achseln gezuckt hatte, »aber mit Ihren Erfahrungen, und Fleiß und Ausdauer, werden Sie sich doch schon wieder hinaufarbeiten. Nur den Muth nicht sinken lassen; Amerika ist ein durchaus freies und betriebsames Land, und wer da arbeiten _will_, der kommt auch durch; das ist _mein_ Sprichwort.«

»Das hoff' ich zu Gott,« sagte der Mann, »und wenn ich nur erst einmal ein klein wenig wieder zu Kräften gekommen bin, werd' ich schon tüchtig zufassen, wenigstens einen Theil des Verlorenen wieder einzubringen. Vor allen Dingen muß ich Sie aber jetzt bitten den Landdeed, den ich -- der Himmel weiß es -- kein Opfer gescheut habe zu verwerthen, wieder zu nehmen, und mir die vierhundert Dollar zurückzuzahlen, die ich Ihnen dafür gegeben?«

»Ich? -- Ihnen vierhundert Dollar für etwas zahlen was Sie, als vollkommen freier Herr Ihrer Handlungen von mir einmal gekauft haben? Das ist auch wohl nur Ihr Scherz, mein guter Herr Mollwich. Ich verkaufe außerdem so viele Deeds, die _alle_ gut sind, daß ich nicht einmal wissen kann ob der gerade, den Sie nicht verwerthen konnten, wirklich derselbe ist, den ich Ihnen gegeben.«

»Seh' ich aus wie ein Spaßvogel,« sagte aber der arme Teufel erschreckt -- »und _nicht_ der Deed den _Sie_ mir verkauft haben, sagen Sie? glauben Sie daß ich Sie betrügen würde Herr Hamann?«

»Gott soll mich bewahren das von einem Menschen zu denken,« sagte Herr Hamann rasch und abwehrend, »aber wie käme _ich_ dazu das Geld zu verlieren?«

»Und soll _ich_ Ihnen 400 Dollar für ein Papier zahlen, das ich höchstens zu Fidibus brauchen könnte?« rief der Mann empört.

»Lieber Herr, zu was Sie das Papier brauchen, wenn Sie es einmal gekauft und bezahlt haben,« sagte Herr Hamann froh eine Gelegenheit zu finden ärgerlich zu werden, »kann mir ungeheuer gleichgiltig sein; soviel erinnere ich mir aber noch sehr gut aus jener Zeit -- obgleich es lange genug her wäre das auch vergessen zu haben -- daß Sie damals bei drei oder vier Menschen genaue Erkundigungen über die Ächtheit des Dokuments eingezogen, und diese Ihnen sämmtlich die Ächtheit desselben versichert haben.«

»Aber wer _waren_ die Männer?« rief Mollwich rasch -- »der eine ein gewisser Messerschmidt, über den ich in Missouri oben böse Sachen gehört, und der schon in mehreren Fällen sogar falsches Zeugniß soll abgelegt haben.« --

»Na nu wird mir aber die Sache doch zu bunt,« rief Herr Hamann entrüstet; »jetzt beschuldigen Sie mich wohl am Ende, mir gerade in die Zähne hinein, daß ich falsche Zeugen bestochen hätte, Ihnen das Land aufzuschwatzen? -- wissen Sie wohl daß ich Sie dafür hier vor Gericht belangen könnte?«

»Ich beschuldige Sie ja dessen nicht, bester Herr Hamann,« rief der Mann in Verzweiflung, der wohl einsah, daß er auf solche Art Nichts wieder von seinem Gelde herausbekommen würde, »aber ich bitte Sie um Gottes Willen, setzen Sie sich an meine Stelle, und sagen Sie selber was ich thun, was anfangen soll?«

»Arbeiten, lieber Freund, arbeiten,« erwiderte Herr Hamann immer noch heftig.

»Aber der Mensch will doch vor allen Dingen _leben_.«

»_Leben_, lieber Mann; es ist noch kein Mensch in Amerika verhungert; die Sache kommt Ihnen wahrscheinlich viel schlimmer vor als sie wirklich ist.«

»Sie werden mir zugeben Herr Hamann, daß ich Geld haben muß um meine nächste Kost zu zahlen, bis ich wenigstens Arbeit bekomme -- das ganz abgerechnet, daß ich Geld genug mit herübergebracht habe selbstständig hier aufzutreten, und nun wieder zu _fremden Leuten_ in Arbeit gehen soll?«

»Aber ist das _meine_ Schuld?« frug Herr Hamann scharf.

»Lieber Herr -- wir wollen uns nicht um das Vergangene streiten« -- sagte der arme Teufel einlenkend; »es war allerdings mehr meine Schuld, wie die eines andern Menschen; ich bin genug gewarnt worden und hätte sollen klüger sein; aber, mein guter Herr Hamann, Sie werden das doch auch einsehen, daß es ungerecht -- daß es wenigstens gar zu hart wäre, wenn ich den _ganzen_ Verlust allein tragen sollte. Lieber Gott ich wäre ja ein geschlagner, vollkommen ruinirter Mann -- und das werden Sie doch gewiß nicht wollen.«

»Ich werde mir gewiß die größte Mühe geben für Ihnen eine passende Beschäftigung zu finden,« sagte Herr Hamann.

»Einen _Theil_ des Geldes geben Sie mir doch jedenfalls zurück?«

»Einen Theil des Geldes? aber lieber Freund, Sie reden da gerade, als ob ich die vierhundert Dollar von Ihnen genommen und in die Tasche gesteckt hätte,« sagte Herr Hamann.

»Aber ich habe es doch an Sie bezahlt?«

»An mich _bezahlt_, -- recht schön, aber ich habe die Deeds doch nicht haufenweise in meinem Schiebfach liegen, und besorge sie doch nur, wenn ich Jemandem damit einen Dienst erweisen kann, von Anderen, denen ich sie aber so theuer, ja dann und wann noch theurer bezahlen muß;« rief Herr Hamann wieder in Eifer gerathend, »das soll mir aber eine Warnung sein, mich nicht wieder in solche Geschichten einzulassen! mein gutes Herz hat mir da schon manchen bösen Streich gespielt, und man hat doch am Ende nur Ärger und Undank davon.«

»Und können Sie mir's verdenken, daß ich mich über den Verlust beklage?«

»Beklagen? Gott bewahre, aber von _mir_ sollen Sie nur kein Geld wieder heraus haben wollen.«

»Aber von wem, um des Himmels Willen denn?« rief der Mann händeringend.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« meinte Herr Hamann, in einem anscheinenden Anfall von Gutmüthigkeit, der dem Unglücklichen schon wieder einige Hoffnung gab -- »ich will mit dem Mann von dem ich den Grant habe -- wenn ich ihn noch finden kann, heißt das, denn hier in Amerika bleiben die Leute nicht Jahrelang auf ein und demselben Fleck sitzen -- reden, und wenn _der_ sich dazu versteht etwas von der Summe wieder herauszugeben, so -- «

»Aber lieber Herr Hamann, Sie wissen recht gut daß das nie der Fall sein wird,« sagte Mollwich kleinlaut.

»Nein das weiß ich gerade _nicht_,« sagte Herr Hamann, »aber Sie verlangen doch wahrhaftig nicht, daß ich _dem_ erst für Sie den Grant bezahlen, und Ihnen dann nachher, wenn Ihnen die Sache nach Jahr und Tag nicht mehr convenirt, das für Sie ausgelegte und von Ihnen eben nur wieder erhaltene Geld, noch obendrein dazu bezahlen soll? Das wären schöne Geschäfte.«

»Und bis wann könnte ich da Antwort haben?«

»Ja das bin ich nicht im Stande Ihnen zu sagen; Sie wissen selber wie beschränkt meine Zeit ist; übrigens können Sie -- nicht wahr, Sie haben Ihre Sachen bei sich?« --

»Es liegt noch Alles unten an der Dampfbootlandung,« sagte der Mann.

»Nun gut, dann können Sie die so lange zu mir herstellen und hier für drei Dollar die Woche -- billiger bekommen Sie es überdieß nirgends -- wohnen, und wenn ich etwas Bestimmtes erfahre -- «

»Auch das noch, nicht wahr?« -- rief aber der Mann jetzt, der zu viel von Amerika gesehen hatte _darauf_ einzugehn; »dadurch würde ich nur hingehalten und käme auf's Neue in Schulden, die ich nachher mit dem _letzten_ Rest meines Eigenthums bezahlen müßte. Nein, lieber Herr Hamann, geben Sie mir wenigstens _hundert_ Dollar von dem an Sie gezahlten Geld; nur _ein_hundert Dollar für die _vier_, und ich will fortgehn und zufrieden sein, und keinem Menschen eine Sylbe klagen, ja die gesammelte Erfahrung, wenn auch als theuer, doch nicht als zu theuer erkauft betrachten.«

»Danke Ihnen,« sagte Herr Hamann spöttisch, »Ein Hundert Dollar baar Geld können allerdings schon ein Übriges thun, ich habe sie aber nicht in kleinen Paketen daliegen, sie einzeln aus dem Fenster zu werfen; und wenn Sie überhaupt glauben, daß ich Sie nur in Kost und Logis haben will, um Sie _hinzuhalten_ und Ihnen Ihre Sachen abzunehmen, so können Sie meinetwegen hingehen, wohin Sie Lust haben; _mich_ aber seien Sie so gut und lassen Sie in Zukunft zufrieden, und wenn Sie glauben irgend eine Forderung an mich zu haben, so gehn Sie hin und verklagen Sie mich -- ich heiße Hamann, wohne in -- Straße Nr. 36 und gehe keinem Menschen aus dem Wege.«

Mollwich wollte wieder einlenken, und vielleicht noch einmal versuchen den Mann in Güte zu bewegen, einen Theil seines Unrechtes, ohne daß er es gerade einzugestehn brauchte, an ihm gut zu machen; Herr Hamann aber verfolgte den gewonnenen Vortheil, spielte den Gekränkten und schändlich Beleidigten, und jagte den armen Teufel, der sein Alles durch ihn verloren, zuletzt auch noch zum Zimmer und Haus hinaus.

Gerade als er dieses verließ, und noch unter der Thür, begegnete ihm der junge Hamann, der durch den Schenkstand durch, ohne den hinter ihm drein Gesichter schneidenden Barkeeper auch nur eines Blicks zu würdigen, den Speisesaal betrat, und hier Hedwig, still mit ihrer Arbeit beschäftigt, und den Vater, im Auf- und Niedergehn die Hände vergnügt zusammenreibend, fand. Mollwich hatte aber so verstört und bleich ausgesehen, daß der junge Mann nicht anders glauben konnte, als es sei etwas mit ihm vorgefallen und den Vater frug, was er gehabt und weshalb der Deutsche -- ein alter Bekannter, wenn er nicht irre -- in solcher Aufregung das Haus verlassen.

»Aufregung? -- der?« lächelte aber Herr Hamann still vor sich hin, »der hätt's auch noch nöthig sich groß aufzuregen.«

»Und was wollte er, Vater?«

»Was er wollte? -- was alles derartiges Gesindel von mir will, wenn sie einmal zu mir kommen; _Geld_. Weil er sich von Jemandem hat einen verfallenen #military grant# aufbinden lassen kommt er zu mir, und verlangt ich soll ihn ihm abnehmen, dabei wäre 'was zu verdienen.«

»Ich glaubte Du hättest wieder etwas mit dem Mann gehabt,« sagte der Sohn seufzend, drehte sich ab und wollte langsam das Zimmer verlassen, als Hedwig, die mit klopfendem Herzen der ganzen vorigen Verhandlung gelauscht, und nach Allem, was sie von dem alten Hamann wußte, keinen Augenblick mehr zweifelte, wie er selber den Unglücklichen betrogen, und von sich gestoßen, vortrat und mit vor innerer Aufregung hochgefärbten Wangen und zitternder Stimme, aber mit in edler Entrüstung blitzenden Augen ausrief:

»Er _hat_ etwas mit ihm gehabt Herr Hamann, und der Mann jetzt elend und ruinirt dieß Haus verlassen.«

»Ist die Dirne _verrückt_?« rief der Alte, sich rasch und erstaunt nach ihr umdrehend, denn Hedwig hatte bis jetzt fast noch nie ein Wort gesprochen, wo sie nicht gefragt worden, oder ihres Geschäftes wegen reden _mußte_, »_was_ ist vorgefallen Mamsell, und was haben Sie sich in Dinge zu mischen, die Sie Nichts angehn, und von denen Sie Nichts verstehn?«

»Ich habe vielleicht Unrecht,« sagte Hedwig, der das aufquellende Blut die Stirn-Adern zu zersprengen drohte, »den Mann, der mir Brod gegeben, eines Fehlers anzuklagen; aber ich will lieber das Brod nicht mehr essen, wenn ich glauben soll, daß es aus den Thränen Unglücklicher gewachsen ist.«

»Sie können _heute_ abziehn, wenn's Ihnen recht ist,« rief der Alte ärgerlich auf sie zugehend; »glauben Sie etwa Mamsell, daß ich mir von meinen _Dienstboten_ etwas derartiges gefallen lasse? -- marsch fort jetzt in ihre Küche, und wenn die Woche um ist, denn bis so lange müssen Sie bleiben, damit ich mich nach Jemand Anderem umsehen kann, verlassen Sie mein Haus! -- Thränen der Unglücklichen -- ich will Sie bethränen der Unglücklichen« -- und an den Sohn gar nicht mehr denkend, der erstaunt, erschreckt, die halboffene Thüre des Schenkzimmers in der Hand, stehn geblieben war, riß er den andern Ausgang, der in das innere Haus führte, auf, und stürmte, die Thüre wieder hinter sich in's Schloß werfend, daß die Scheiben klirrten, die Treppe hinauf.

Auf dem Schenktisch aber im Barroom saß Jimmy, pfiff aus Leibeskräften den Yankeedoodle, und knackte mit seinen Fingern den Takt dazu.

Franz schloß die Thüre wieder, und dann zu dem noch immer zitternden und erregten Mädchen langsam hintretend, sagte er freundlich:

»Was ist vorgefallen Hedwig -- was hat Sie so erregt -- was hat mein Vater gethan, daß Sie den Zorn des alten Mannes selbst so weit gereizt haben Ihre Stellung zu gefährden? sprechen Sie offen zu mir; kann ich es ändern, soll es geschehn.«

»Wär' es nicht deshalb gerade Herr Hamann,« sagte aber Hedwig jetzt mit kaum hörbarer zitternder Stimme, während das Blut ihre Wangen verließ und sie todtenbleich färbte, »ich hätte meine Lippen nicht geöffnet; aber zu lange habe ich schweigen müssen, zu viel des Elends hier im Hause mit ansehn, mit erleben, und immer das Bewußtsein dabei mit mir herumtragen müssen, nicht helfen zu können, nicht im Stande zu sein beizuspringen und den Unglücklichen die rettende Hand zu reichen. Das ertrage ich nicht mehr länger und will ja gern dieß Haus verlassen; ich habe Schmerz und Weh genug schon gelitten auf der Welt,« setzte sie seufzend hinzu, »mein Herz sehnt sich danach auch einmal glückliche Menschen um sich zu sehn, wenn es auch selber nie glücklich werden sollte.«

Mit kurzen Worten erzählte sie jetzt, auf Franzens Bitte, diesem den Vorfall mit dem Deutschen, der jetzt von Allem entblößt New-Orleans wieder betreten habe, und Franz stand dabei, die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die Brauen finster zusammengezogen, und hörte schweigend der Erzählung zu. Und langsam wandte er sich dabei ab -- Scham und Schmerz drängten ihm eine Thräne in's Auge, die er dem Mädchen nicht verrathen wollte; aber Hedwig sah sie doch -- der verrätherische Tropfen blitzte, als er fiel im Sonnenlicht und froher Jubel zog ihr dabei, sie wußte selber kaum weshalb, in's Herz.

»Der Mann soll sein Geld wieder haben,« sagte er endlich, mit kaum wieder gesammelter, aber entschlossener Stimme, »der Fluch eines Unglücklichen soll nicht auf unserem Namen haften, wo ich es hindern kann, und gebe Gott, daß meines Vaters Herz sich endlich meinen Bitten und Vorstellungen erweichen möge. Aber wo find' ich den Mann -- wo in der weiten Stadt darf ich hoffen ihn zu treffen?«

»Er ist von Missouri heruntergekommen, und sagte, daß er sein Gepäck an der Dampfbootlandung gelassen -- sein Name ist Mollwich.«

»Das ist genug -- ich brauche den Namen nicht, ich kenne das Gesicht, und lange ehe er die Dampfbootlandung wieder zu Fuß erreicht haben kann, bin ich mit einem Omnibus an Ort und Stelle.«

Er wandte sich rasch zum Gehen, zögerte, drehte sich um und schritt wieder auf Hedwig zu.

»Hedwig,« sagte er leise und ergriff ihre Hand, die sie ihm, von einem eigenen, wunderlichen Schauer durchbebt, überließ, »ich danke Ihnen herzlich für die Gelegenheit die Sie mir heute geboten Ihnen zu beweisen, daß ich des Vaters harten Sinn so gerne mildern möchte -- aber -- gehn Sie nicht von uns, verlassen Sie das Haus nicht, dem Sie ein Segen werden können -- wenn Sie _wollen_.«

»Und _darf_ ich bleiben?« sagte Hedwig schüchtern »hat nicht Ihr Vater selbst mich fortgeschickt, und wird er mir je vergessen können was ich gethan?«

»Er wird es, weil er muß; er _kann_ Sie nicht entbehren, und _darf_ seine Drohung nicht wahr machen, _meinet_wegen,« rief Franz -- »oh gehn Sie nicht Hedwig -- schon lange habe ich gesehn, wie gut und freundlich Sie mit den Leuten sind, und manche Thräne trocknen, die nie hätte fließen sollen. Ich weiß es wohl und _kann_ ihnen nicht immer helfen, und doch auch hält mich ebenfalls die Pflicht, hält mich die Überzeugung hier zurück, daß Schlimmeres geschehen und manches hier -- werden würde wie es -- wie es nicht werden darf und soll, so lange mein Vater noch das Mindeste auf mich selber giebt. Verließ ich ihn, so wären Consorten, wie Messerschmidt und Jimmy, bald Leiter des Geschäfts, und Gnade Gott den Unglücklichen, die _dann_ in ihre Hände fielen. Helfen Sie mir ausharren Hedwig -- lassen Sie uns Beide das gut zu machen suchen, was Andere -- ich will ja so gern hoffen, oft absichtslos -- verderben. Schon seit Sie im Hause sind, kommt es mir vor, als ob Manches anders -- besser geworden wäre; früher war es als ob mich die Räume hier erdrückten, wenn ich zwischen ihnen weilen mußte, und von Arkansas kehrte ich mit dem festen Entschluß zurück, das väterliche Haus zu meiden. Seit Sie hier sind, hab' ich das Gefühl nicht mehr; mir ist, als ob mich die Pflicht hielte, und ich dem Wunsche meines Vaters, das Geschäft aus seinen Händen zu übernehmen und, wenn auch noch unter seiner Leitung, fortzuführen, nicht länger widerstreben dürfte. Ich weiß daß Vieles dann besser werden würde -- machen Sie es nicht zu einer Unmöglichkeit durch Ihr Austreten.«

»Was kann ich armes Mädchen dabei thun?« sagte Hedwig traurig.

»Viel -- unendlich viel -- mich selber zum Ausharren bewegen in dem schweren Stand. Mein Vater ist, wenn auch vielleicht nicht reich, doch wohlhabender als er sich mir gegenüber stellt, und hab ich die Aufsicht über das Ganze in die Hand genommen, kann und darf ich erst den einzelnen schlechten Menschen gegenübertreten, und die unschädlich machen, die jetzt der Fluch des Hauses sind, wird Vieles besser, manche Thräne getrocknet, manchem Unrecht in Zeiten vorgebeugt werden. Schlagen Sie ein, Hedwig; vergessen Sie, was mein Vater gesagt, wenn nicht um meinet, doch um der Armen willen, denen Sie Hülfe bringen können.«

Er hatte ihre Hand losgelassen und ihr die rechte wieder mit einem bittenden aber recht treuherzig ehrlichen Blick entgegenhaltend zögerte Hedwig wohl einen Augenblick, legte aber dann die Hand auf's Neue, doch immer noch schüchtern, wie unentschlossen, in die seine.

»Ich will's versuchen,« sagte sie so leise, daß er mehr an der Bewegung ihrer Lippen, wie dem Laute nach, die Worte verstand, als Jimmy die Schenkthür mit einem plötzlichen Ruck aufriß und hineinrief:

»Es wird gleich #dinner# Zeit sein.«

Hedwig fuhr von dem jungen Mann zurück -- sie wußte selber nicht weshalb -- als ob sie etwas Unrechtes begangen, und wieder färbte hohes brennendes Roth ihre Wangen.

»Ich danke Ihnen,« sagte aber Franz herzlich, und an Jimmy, der ihm kaum aus dem Weg treten konnte, rasch vorbeischreitend, verließ er das Haus, vor allen Dingen den Deutschen aufzusuchen.

»Nun? -- zieht die Mamsell heute ab?« frug Jimmy lauernd über die Schulter zurück nach dem Mädchen hinüber. Hedwig verließ jedoch, ohne ihn eines Blicks zu würdigen, rasch das Zimmer. Der Barkeeper des »deutschen Vaterlands« sah ihr etwa eine halbe Minute in tiefem Nachdenken und mit einem recht häßlich boshaften Blicke nach, und stieg dann langsam die kleine Treppe hinauf, die zu Herrn Hamanns Zimmer führte.

Capitel 4.

Alte Bekannte.

Es war die Mittagsstunde desselben Tages, als ein alter Bekannter von uns, der Wein- und Champagner-Reisende, Adalbert Steinert, in seinem blauen Frack mit den weißen Beinkleidern, sehr anständig und modern, aber doch auf eine Weise gekleidet, die uns solche Gestalten unwillkürlich mit mistrauischen Blicken betrachten läßt, an der Levée von New-Orleans hinaufschlenderte. Er trug sein kleines Spatzierstöckchen mit dem Elfenbeinfuß als Griff daran nachdenkend an die Lippen gepreßt, die ihm Begegnenden dabei mehr musternd als nur einfach beobachtend, den Hut übrigens keck auf einer Seite und streichelte manchmal, wie in tiefen Gedanken mit der linken Hand seinen ziemlich starken, wohlgepflegten Bart, als er plötzlich mitten auf dem Platz und ohne auszuweichen vor einem stattlichen, sehr anständig aussehenden ältlichen Herrn stehen blieb und, ihm die Hand entgegenstreckend, mit freudiger, wenn auch etwas erstaunter Stimme, ausrief:

»Ha -- täuscht des Mondes Licht mich nicht -- mein verehrter Herr Dollinger aus Heilingen, ein alter Kunde und Gönner aus dem lieben Vaterland? Das ist ja vortrefflich! Aber was verschafft _uns_ denn hier die Ehre Ihres Besuchs, denn daß _Sie_ auch ausgewandert sein sollten, kann ich mir doch nicht gut denken.«

»Ich weiß wirklich nicht mit wem ich das Vergnügen habe zu sprechen,« sagte Herr Dollinger etwas verlegen, die vor ihm stehende, und ihm in ihrem ersten Auftreten vielleicht nicht recht zusagende Gestalt mit einem flüchtigen Blick überfliegend.

»Mein Name ist Steinert, Adalbert Steinert, Reisender für das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt a. M., habe ja die Ehre gehabt, mit Ihnen, mein bester Herr, seit längeren Jahren schon in angenehmer Geschäftsverbindung zu stehn, und darf mir gewiß schmeicheln, Ihnen immer gute, ja vortreffliche Waare geliefert zu haben.«

»Ah Herr Steinert -- ja ich erinnere mich jetzt -- Sie sind wohl schon längere Zeit in Amerika?«

»Nicht so sehr, mein bester Herr Dollinger, nicht so sehr; hatte das schätzbare Vergnügen, damals mit Ihrer Frau Tochter die Reise zu gleicher Zeit zu machen.«

»Sie sind mit der Haidschnucke herübergekommen?« rief Herr Dollinger da plötzlich mit einem Eifer, der selbst Herrn Steinert auffiel, und ihn überrascht zu dem Herrn aufschauen machte.

»Allerdings mein verehrter Herr, wie ich Ihnen schon das Vergnügen hatte in meinem vorigen zu bemerken,« sagte er mit einer nichtsdestoweniger verbindlichen Verbeugung.

»Ah ja,« erwiederte Herr Dollinger sich rasch fassend, die vor ihm stehende Gestalt aber jetzt mit einem noch viel aufmerksameren Blick musternd -- »und sind -- sind viele von Ihren Reisegefährten in New-Orleans geblieben?«

»Lieber Gott,« entgegnete der Weinreisende achselzuckend -- »wer zählt die Völker, kennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen -- »New-Orleans wimmelt von fremden Einwanderern; dann und wann aber trifft man immer noch einmal auf ein bekanntes Gesicht. So habe ich neulich einen sehr intimen Freund von mir, freilich in eben nicht glänzenden Verhältnissen wiedergetroffen -- Fortuna ist nur dem Kühnen hold. -- Apropos, bester Herr Dollinger -- bitte vergessen Sie Ihre Rede nicht -- Sie können mir vielleicht einen sehr großen Dienst erweisen, wenn Sie mir die Adresse Ihres Herrn Schwiegersohnes mittheilen wollten. Aus einem unglücklichen Versehn hat er mir an Bord, wo er mich dringend einlud ihn zu besuchen, eine falsche Visitenkarte gegeben, und ich habe mir bald die Füße abgelaufen ihn hier, immer vergeblich, aufzutreiben. Die genaue Firma seines Hauses kannte ich nicht, und _ein_ Geschäft Henkel und Sohn, dessen jüngerer Compagnon ebenfalls in Europa ist, wußte Nichts von dessen Ankunft und Verheirathung.«

»Herr Henkel ist gegenwärtig nicht in New-Orleans,« sagte Herr Dollinger ausweichend; »und wird auch wahrscheinlich auf einige Zeit nach Europa zurückgehn.«