Nach Amerika! Ein Volksbuch. Fünfter Band
Chapter 17
»Was wollten Sie denn Ihrem Barkeeper wegen dem Fremden, der heute angekommen ist, sagen?« frug Henkel ungeduldig werdend.
»Alle Wetter, das hätt' ich ja beinah vergessen,« rief der Wirth, seinen Hut wieder aufgreifend -- »Sie Schmidt -- verstehn Sie mich, Schmidt?«
»Ja woll, Herr Lobsich -- «
»Nun gut, wenn der Fremde herunterkommt, der heute Morgen angekommen ist -- «
»Der mit dem Reisesack?«
»Das Maul sollen Sie halten, Schmidt -- wenn der Fremde herunterkommt, der heute Morgen gekommen ist -- «
»Der mit dem -- «
»Das Maul sollen Sie halten, sag' ich -- versteht sich, der mit dem Reisesack, der das Zimmer allein bestellt hat -- wenn der herunterkommt und durchbrennen will, dann halten Sie ihn fest.«
»Erst soll er bezahlen?« frug Schmidt.
»Sie sind ein Schaafskopf,« bedeutete ihn Lobsich, »als ob Einer nicht erst bezahlen, und dann doch durchbrennen könnte.«
»Ja, aber wenn er bezahlt hat, brennt er doch nicht mehr durch,« meinte der Barkeeper.
»Ja, da hat der nun wieder recht,« lachte Lobsich gutmüthig nach Herrn Henkel hinüber. Diesem aber brannte der Boden unter den Füßen, die Zeit verstrich, und der, wenn auch nicht trunkene, doch vom Wein redselig gemachte Mann war nicht von der Stelle zu bringen.
»Wenn aber Jemand, _außer_ seiner Zeche noch _tausende_ schuldig ist, kann er doch wohl noch durchbrennen, nicht wahr?« sagte er, soviel als möglich vermeidend, in Gegenwart des Barkeepers irgend einen direkten Wunsch auszusprechen.
»Donnerwetter ja -- Sie haben ja recht,« rief aber auch jetzt Lobsich, der sich endlich des vorher Besprochenen wieder erinnerte, »wenn also der Mosje herunterkommen sollte und zur Thür hinauswollte -- bums, Thüre zu -- Nichts da, bis wir wieder mit dem Constable zurückkommen, verstanden?«
»Ich soll den Fremden nicht fortlassen?« sagte der Barkeeper, dem derartige Aufträge wohl schon öfter gekommen waren, ruhig.
»Justement die Sache,« versicherte Lobsich.
»Wenn er aber nun mit Gewalt -- «
»Zu Boden schlagen,« sagte Lobsich, mit einer entsprechenden Bewegung, und sich den Hut fester in die Stirn drückend, nahm er Henkel unter den Arm, und verließ mit diesem rasch das Haus.
Der Barkeeper, der indessen vor allen Dingen die Zeit benutzte, in der er allein war, und sich aus einer, der eigentlich nur zur Verzierung auf dem Schenkstand stehenden und ganz extrafeine Liqueure enthaltenden Porcellain-Flaschen ein tüchtiges Glas vollgeschenkt hatte, trank dieses in langsamen Zügen und mit augenscheinlichem Behagen aus, wischte sich dann den Mund sauber mit der Zunge rein, und wollte sich eben wieder, nach Barkeeper Art, die gefallenen Hände vor sich auf den Knieen, sehr behaglich und selbstzufrieden auf den Schenkstand setzen, das Weitere seines Auftrags ruhig abzuwarten, als rasche Schritte auf der Treppe laut wurden, der ihm überwiesene Fremde die Thüre schnell öffnete und zum Schenktisch trat.
»Bitte geben Sie mir ein Glas Genevre,« sagte er, ein Paket Papiere dabei in seine Rocktasche schiebend -- »mir ist nicht recht wohl -- ein wenig rasch, wenn ich bitten darf.«
»Hm,« murmelte Schmidt, der schon sprungfertig gesessen hatte, irgend eine Bewegung des Fremden nach der Thür hin zu vereiteln, leise vor sich hin, »dagegen ist keine Ordre eingegangen,« und schickte sich dabei langsam an, dem Wunsch des Mannes zu willfahren.
»Machen Sie ein wenig rascher,« drängte Hopfgarten, »ich bin in größter Eile.«
»So?« sagte Schmidt, ihn über die Achsel, während er mit dem linken Auge zwickte, betrachtend -- »ja, kann ich mir etwa denken, haben aber reichlich Zeit.«
»Zeit? ich? -- was wissen Sie davon, ob ich Zeit habe oder nicht,« sagte Hopfgarten, der sich über das ungenirte Benehmen des Burschen doch ein wenig an zu ärgern fing -- »kommen Sie, geben Sie mir den Genevre herunter.«
»Angenehm sein -- länger Vergnügen haben -- wegen warten müssen -- « brummte Schmidt in den Bart, indem er Flasche und Glas auf den Tisch setzte. Hopfgarten nahm aber weiter keine Notiz von ihm, trank, zog sein Taschentuch aus der Tasche sich den Mund zu wischen, und sagte dann zu dem Barkeeper, der indessen rasch um den Schenktisch herum und der Thüre zugeschritten war:
»Schreiben Sie mir das Glas auf, ich habe jetzt kein kleines Geld bei mir, und auch keine Zeit zum Wechseln -- geht Ihre Uhr da richtig?«
»Auf den Punkt.«
»Gut; _wollten_ Sie wohl die Güte haben mir zu erlauben vorbeizugehn, Herr -- _Schmidt_ heißen Sie ja wohl.«
»Ja wohl, Julius Thiodolph Schmidt.«
»Thiodolph, schöner Name -- Sie haben übrigens wohl nicht verstanden, um was ich Sie gebeten -- ich möchte auf die Straße hinaus.«
»Ja, das soll ungefähr der Wunsch von allen denen sein, die nicht mehr hinaus können,« sagte Schmidt mit unzerstörbarer Ruhe, ohne auch nur eines Zolles Breite zu weichen.
»Nicht mehr hinauskönnen? ich glaube Sie sind verrückt, oder haben zu viel getrunken,« rief Hopfgarten, jetzt wirklich ärgerlich. »Treten Sie aus dem Weg, oder ich _bringe_ Sie hinaus; glauben Sie, daß ich Lust und Zeit habe, mich mit einem solchen Holzkopf lange einzulassen?«
»Lust? -- weiß ich nicht -- Zeit? ganzen Arm voll,« sagte Schmidt wieder mit derselben Ruhe. Nur erst als Hopfgarten, dem die Geduld endlich riß, und der nicht Lust hatte, sich mit dem Burschen in einen Wortstreit einzulassen, ihn am Arm ergriff und auf die Seite schieben wollte, stemmte er sich mit Gewalt gegen, klammerte sich mit beiden Händen an die eisernen Haspen an, durch die Abends ein Querstock gesteckt wurde, und begann aus Leibeskräften zu schreien.
Überall giebt es müssige Menschen, denen Nichts lieber auf der Welt ist, als eine Prügelei oder irgend einen Skandal mit anzusehn, sobald sie nur nicht selber dabei betheiligt sind. So kamen denn nicht allein, wie nur Thiodolph Schmidts erster Hülferuf erschallte, eine Anzahl Leute von der Straße heran, zu sehn, was es gäbe, sondern die »Boarder« selber, d. h. die Gäste, die an der Mittagstafel Theil genommen und größtentheils jetzt auch fertig geworden waren, sprangen, als sie den Lärm unten hörten, rasch die Treppe hinunter. Schmidt bekam dadurch natürlich Hülfe, und Herr von Hopfgarten, der jetzt empört über solche Behandlung den Barkeeper am Kragen gefaßt hatte, und allein auch wohl bald mit ihm fertig geworden wäre, sah sich plötzlich von einigen zwanzig anderen Leuten umgeben, die, des Barkeepers Hülferuf unterstützend, die Thüre sperrten, und Thiodolph von den Eisengriffen des kleinen Mannes befreiten.
Hopfgarten, außer sich über eine solche Behandlung, schrie nach einem Constable, und wollte hinaus auf die Straße, Schmidt aber rief den Anderen zu, den Mann da um Gottes Willen nicht fortzulassen, sein Herr sei eben fortgelaufen, eine Gerichtsperson zu holen. Hopfgarten fand sich deshalb auch bald von einem Dutzend Menschen umstellt und angestarrt, gegen die anzukämpfen unmöglich gewesen wäre, und die sich jetzt auch noch auf seine Kosten lustig machten.
»O je, wie er strampelte;« lachte Einer -- »#no you don't# mein Herzchen,« ein Anderer -- »Zeit war's aber, daß wir dazu kamen, ein paar Secunden später und er wäre draußen gewesen. Toddy könnte jedenfalls dafür traktiren.«
Thiodolph, dessen Name solcher Art und zugleich mit einer Anspielung auf seinen Beruf, in Toddy[5] von den Amerikanern gemishandelt wurde, fand das selber in der Ordnung und ging, die Sorge um den Gefangenen den Leuten überlassend, hinter den Schenktisch, denen, die am thätigsten bei der Sache gewesen waren, irgend ein Glas Brandy oder Whiskey, was sie gerade verlangten, einzuschenken.
»Was hat er denn gestohlen?« frug indessen Einer der Leute; aber selbst Thiodolph konnte darüber keine Auskunft geben, und alles Protestiren Hopfgartens, daß er eben selber im Begriff gewesen sei, zum Staatsanwalt zu gehn, ja einige der Leute aufforderte, ihn dahin zu begleiten, wenn sie ihm denn absolut nicht trauten, blieben erfolglos.
»Nicht wahr Herzchen,« lachte ihn Einer der Trinkenden, sein Glas in der Hand haltend über die Schulter an, »daß Du uns an der nächsten Ecke durchgingst, und wir das leere Nachsehn hätten? o ja, so dumm sind wir aber nicht.«
»Nur nicht so ungeduldig, mein Schatz,« rief ihm ein rothköpfiger Ire zu, »wenn Du Dich so nach den Gerichten sehnst; _die_ kommen schon zu Dir, segne ihre Augen, _die_ werden sich das Vergnügen nicht lange versagen, Deine werthe Bekanntschaft zu machen.«
Hopfgarten lief, in Ungeduld fast vergehend, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen auf und ab, hatte aber auch keine Ahnung über die wahre Ursache seines Festgehaltenwerdens, und schrieb dieselbe natürlich einem sich augenblicklich aufklärenden Misverständniß zu. Zu jeder anderen Zeit würde er auch darüber gelacht haben, jetzt aber kam ihm das freilich gerade so ungelegen, wie nur irgend möglich.
»Na, da kommt ja ein Constable, mein Herzchen,« rief plötzlich Einer der am Fenster Stehenden aus, »nun sind wir ja außer aller Noth.«
»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten, diesem rasch entgegentretend, als sich auch schon die Thür öffnete, und der Constable, von einem ganzen Schwarm Menschen gefolgt, das Zimmer betrat. Lobsich, ungemein lustig und guter Laune, war mitten zwischen ihnen.
»Mein Herr,« rief jetzt Hopfgarten dem Constable entgegen, »hier muß ein Misverständniß obwalten, und ich ersuche Sie, mich ungesäumt zum Staatsanwalt zu führen.«
»Heißen Sie Hopfgarten?« sagte der Constable, ruhig zu ihm tretend.
»Ja wohl -- und bin -- «
»Sie sind mein Gefangener,« sagte der Constable, seine rechte Hand auf des Deutschen Achsel legend.
»Ihr Gefangener? -- auf wessen Klage?«
»Geht mich eigentlich Nichts an,« meinte der Constable; »werden das wahrscheinlich besser wissen wie ich; wenn Sie's aber noch einmal hören wollen, auf eines Herren Henkel Klage, der einen Verhaftsbefehl gegen Sie erwirkt hat.«
»_Henkel?_« rief Hopfgarten, erschreckt emporfahrend, denn jetzt durchschaute er leicht genug die List des Buben -- »das ist nicht übel -- um Gottes Willen lassen Sie dann nur nicht diesen _Henkel_ außer Augen -- ich will gern mitgehen und verlange Nichts mehr -- wo ist _der_ aber?«
»Weiß ich nicht, geht mich auch Nichts an -- « sagte der Constable, »wir können nicht die ganze Stadt arretiren -- ich habe Nichts zu thun, als Sie zum Friedensrichter Oppel zu bringen, der das Weitere dann bestimmt.«
»Und dort werde ich Ihnen beweisen,« rief Hopfgarten rasch, »daß dieser Henkel der abgefeimteste Schurke ist, der auf Gottes Erde wandelt, und wenn er mir jetzt durch _Ihre_ Schuld entwischt, mache ich das Gericht dafür verantwortlich.«
»Ist mir doch was Unbedeutendes.« rief Lobsich im höchsten Erstaunen aus; »was der Bursche noch für eine Frechheit hat. Hm, hm, hm, werden ihn aber schon zahm kriegen da oben, werden ihn schon zahm kriegen.«
Hopfgarten wollte sich ärgerlich nach dem Wirth umdrehen, besann sich aber eines Besseren und folgte dem Constable, von einigen zwanzig Neugierigen begleitet, zu dem Friedensrichter.
Diesen fanden sie jedoch schon gar nicht mehr in seiner Office -- er war, wie Hopfgarten zu seinem Erstaunen erfuhr, mit den Herren Henkel und #Dr.# Hückler zum Essen gegangen, und wurde erst in einer Stunde zurückerwartet. Vergebens machte jetzt der Deutsche dem Constable die dringendsten Vorstellungen, sich den wirklichen Verbrecher -- und die Beweise sei er jeden Augenblick bereit zu bringen, nicht entwischen zu lassen, während er selber hier festgehalten wurde; der Mann hatte weiter keine Befehle erhalten, sich auch gar nicht darum zu kümmern, welche Aussage eingebrachte Gefangene machten. Das Alles würde der #justice of the peace#, wenn er nachher zurückkam, schon untersuchen.
Hopfgarten gab jetzt, in seiner Verzweiflung und Ungeduld, einem der dort in der Nähe befindlichen Leute einen Dollar, in die Wohnung des Doktor Hückler zu laufen und diesen aufzusuchen. Er war der einzige Mensch, der ihn in Milwaukie kannte, eine volle Stunde verging aber, und weder Bote noch Doktor kam. Auch zu dem Staatsanwalt hatte der Gefangene seine Karte geschickt, und ihn dringend ersuchen lassen, augenblicklich zu ihm zu kommen, da die Sache von höchster Wichtigkeit sei. Es geht das nicht selten so in der Welt, wenn die Policey einmal wirklich nothwendig gebraucht wird, ist sie nirgends zu finden, und Hopfgartens größte Angst war jetzt, daß der schlaue Verbrecher seine Zeit benutzen, und sich aus dem Staube machen würde.
Darin hatte er sich nicht geirrt; als bald nach zwei Uhr der Friedensrichter zurückkam, fehlte der Kläger noch, der, seiner Aussage nach nur fortgegangen war, die nöthigen Papiere zum Beweis seiner Klage zu holen. Erst als Hopfgarten jetzt ernstlich darauf drang, den Staatsanwalt zu sprechen, und dabei erklärte, daß dieser sogenannte _Henkel_ ein #alias# Soldegg, #alias# Holwich und Gott weiß was sonst noch sei, und das Gericht sogar wohl thun würde, auch _die_ Leute zu vernehmen, mit denen er in intimer Verbindung gestanden, wurde der Richter doch stutzig und schickte vor allen Dingen einen Constabler nach dem Postdampfschiff, das zu untersuchen, ob jener Henkel nicht etwa an Bord sei, in dem Fall aber ihn ungesäumt hierher zu bringen.
Das Postdampfschiff war vor etwa einer Viertel Stunde abgefahren.
FOOTNOTES -- FUSSNOTEN
1: Spottvogel, die Amerikanische Nachtigall. 2: Hilf Dir selbst. 3: Soldatenländereien, mit denen in Amerika ein nicht unbedeutender, sehr häufig aber auch höchst betrügerischer Handel getrieben wird. 4: Schwarz-Deutsche -- ein Schimpfwort der ungebildeten Amerikaner für die Deutschen. 5: Toddy eine Art kalten Grogs.
TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME
Contemporary spellings have generally been retained even when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been corrected and some names regularised; missing punctuation has been silently added.
Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt.
The following additional changes have been made:
Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:
konnte ihren nicht konnte ihren Thränen länger wehren nicht länger wehren
Reyleys Rileys
im Little Rock in Little Rock
das theilen was er das theilen was er und seine Familie hat und seine Familie haben
sagte Mac Culloch freundig sagte Mac Culloch freundlich
ein mit Streichhölzchen ein mit Streichhölzchen gefülltes, und einige gefülltes Kästchen, und einige Bündel derselben Bündel derselben
in einem solchen Zustand in einem solchen Zustand vor sich sehn vor sich zu sehn
durch ihre Eier und dem durch ihre Eier und das zarten Fleisch der jungen Hähne zarte Fleisch der jungen Hähne
so vertieft, (...) viel Notiz zu vertieft, (...) viel Notiz (...) zu nehmen (...) zu mehmen
lieb und vertrauungsvoll lächelnd lieb und vertrauensvoll lächelnd
End of Project Gutenberg's Nach Amerika! Fünfter Band, by Friedrich Gerstäcker