Nach Amerika! Ein Volksbuch. Fünfter Band
Chapter 16
»Nicht _meinet_wegen bitt' ich Dich darum, Lobsich -- ich fühle, wie ich mit jedem Tage kränker und schwächer, Dir die ganze Wirthschaft, die ganze Sorge wohl bald werde allein überlassen müssen; aber denke wie Alles werden soll wenn ich einmal -- nicht mehr bei Dir bin, _fremde_ Menschen eine Angewohnheit, die bei Dir beginnt zur Leidenschaft zu werden, benutzen können -- und die Gelegenheit gewiß dann nicht versäumen werden -- «
»Rede nur nicht so,« sagte Lobsich, doch ergriffen, und ihr jetzt die bleiche Wange streichelnd und das Haar glättend -- »rede nicht solches Zeug Salome -- Du bist gar nicht so krank, wie Du selber glaubst, und wirst Dich in dem gesunden Klima hier bald genug erholen.«
»Das Klima ist wohl gut,« sagte die Frau kopfschüttelnd, »aber was ich habe, trag' ich schon in mir, und die Sorge dabei um Dich, nagt und frißt mir am Leben mehr und mehr. Ich fühle das auch stärker, als ich es Dir sagen kann, und doch ist es Dein eigner Nutzen Lobsich, Dich zu ändern -- wenns wirklich nicht meinetwegen wäre -- Vater -- Deines eigenen Selbst wegen. Sieh,« fuhr sie lebendiger fort -- »Du weißt, mit wie schwerem Herzen ich von Deutschland fortgegangen bin -- wir hatten keine Ursache zu gehn, und würden uns dort immer wohl befunden haben, hätte der Mensch, der Weigel, was ihm Gott verzeihen möge, nicht immer in Dich hineingeredet, daß Du Dein Glück mit Füßen von Dir stießest, wenn Du bliebst. Aber ich klage jetzt nicht darüber; wir sind einmal hier, das alte Vaterland liegt hinter uns, und mit gutem Willen und nur einigem Fleiß, kannst und wirst Du Dir auch hier das bald wieder erschaffen, was Du in Deutschland verlassen -- eine sorgenfreie glückliche Existenz. Wir haben der Beispiele hier schon mehre, wo die Wirthe solcher Gasthäuser sich ein hübsches Vermögen erworben, und es geht denen, die ihr Geschäft fleißig und ordentlich betreiben, vielleicht Allen gut. Aber etwas wird dafür auch von ihnen verlangt; sie müssen sich selber beherrschen können, und dürfen der Verführung, die rings um sie her in Flaschen und Karaffen steht, keine Macht über sich gönnen. Sonst, Lobsich -- sonst sind sie verloren, und zu _späte_ Reue macht das Verlorene dann nicht wieder gut.«
»S'ist mir doch was Unbedeutendes, was die Frau für ein Mundwerk hat,« sagte Lobsich, gutmüthig lächelnd -- »aber Du hast recht Salome; ich will mich tüchtig zusammennehmen, Du -- Du sollst einmal sehn -- Du sollst noch Deine Freude an mir haben.«
»Du bist so seelensgut,« fuhr die Frau mit innig gerührter Stimme fort, »mochtest, wenn Du die bösen Flaschen nicht angerührt, gern _allen_ Menschen helfen, und Deine Frau, vor allen Übrigen gewiß nicht unglücklich machen; denke nur immer daran, Lobsich. Sieh, ich bin auch früher manchmal heftig und auffahrend gewesen, und habe gefunden, daß Dich das nur noch schlimmer machte -- ich habe es gelassen seit der Zeit, und mir selber Gewalt angethan, bis es nie mehr vorfiel; der Mensch _kann_ sich bezwingen, wenn er nur ernstlich _will_. So lange ich lebe, werde ich Dir ja auch gern und treulich zur Seite stehn, aber -- wenn ich fort von Dir bin, Lobsich -- denke nur immer an _die_ Zeit, wie es da werden würde, wenn Du Dir allein überlassen bliebest, und Dich nicht ändern wolltest, und keinen Menschen mehr hättest, der Dir freundlich und ehrlich riethe.«
»Du bist ein gutes Kind,« schmeichelte der Mann, »und machst Dir ganz unnütze Sorgen um mich. Hoffentlich lebst Du noch recht lange, und legst _mich_ noch vielleicht hier irgend wo unter die Erde.«
Die Frau schüttelte langsam und ernst mit dem Kopf, mochte aber auch nicht weiter jetzt in den Mann dringen, und sagte, nach einer kleinen Pause, in der sie sich die Augen getrocknet und wieder ruhiger zu dem Mann aufsah:
»Ich wollte Dich noch an eins erinnern, Lobsich -- Du weißt, daß heute Nachmittag die Englische Schoonerladung von Mehl und Mais verauktionirt wird, die neulich von dem Steueramt hier den Leuten, die sie hatten schmuggeln wollen, weggenommen wurde. Versäume die Zeit nicht; wir haben jetzt gerade das Geld dazu, und die Sachen werden billig verkauft werden.«
»Alle Wetter ja,« sagte Lobsich, augenscheinlich etwas verlegen, »daran hatte ich gar nicht mehr gedacht, aber -- aber -- Du weißt doch, der reiche junge Kaufmann, Herr Henkel, war gestern bei mir und da -- «
»Um Gottes Willen Mann, was hast Du da gemacht?« rief die Frau erschreckt -- »Du hattest _viel_ getrunken und -- «
»Nu nu, ängstige Dich nicht,« lachte der Mann, »_das_ Geld ist gut aufgehoben, -- ich wollte nur wir hätten halb so viel wie der -- aber er brauchte gestern gerade 400 Dollar, die ihm an der Summe fehlten, eine Anzahl gekaufter Bonds zu bezahlen, und hat mir versprochen, sie mir heute Abend oder morgen früh zurück zu geben.«
»Und ist das auch gewiß?«
»Guter Gott,« lachte Lobsich, »er bekommt ja hier von einer ganzen Menge Deutschen Geld, was er für sie theils nach New-York, Colonialwaaren einzukaufen, theils nach Deutschland nehmen soll, und da er den Leuten sogar für die Zeit, die er es in Händen hält, einige Procente giebt, kann er es doch nicht indessen todt liegen lassen -- er hätte ja sonst für seine Gefälligkeit noch Schaden obendrein. Bei Kaufleuten muß das Geld immer cursiren und arbeiten, und da ihm die paar Hundert Thaler gerade auf ein paar Stunden fehlten, mochte ich doch nicht so ungefällig sein und nein sagen. Nun Alte? -- was hast Du noch, Du siehst ja noch so verdrießlich aus; ist Dir's nicht recht?« --
»Ich weiß nicht, Lobsich,« sagte die Frau unschlüssig und als ob sie ungern den Punkt berühre -- »der Herr Henkel -- er mag ein steinreicher, vornehmer und sehr braver Herr sein -- ich möchte ihm nicht gern Unrecht thun, aber _mir_ -- mir gefällt er nun einmal nicht -- _mein_ Mann wär's nicht, und sein Lachen besonders hat für mich etwas Unheimliches; es kommt mir immer so vor, als ob er sich dabei über Euch lustig mache.«
»Papperlapapp,« lachte der Mann -- »und noch dazu des alten reichen Dollinger Schwiegersohn, von dem er einmal eine halbe Million erbt, wenn der stirbt. Er mag seine Eigenheiten haben, aber ein tüchtiger Geschäftsmann bleibt er immer und die Wirthe sollten ihm besonders dankbar sein, denn er läßt was drauf gehn wohin er kommt.«
»Aber er hat Dich noch nicht bezahlt.«
»Die Zeche -- hahaha, die paar Thaler? für die bist Du doch nicht bange?«
Die Frau zögerte mit einer Antwort und sagte endlich --
»Es wäre kindisch von mir, und doch -- Du magst mich auslachen wie Du willst, hat mir der Mann etwas, das mich mistrauisch gegen ihn macht, und der Mensch der immer mit ihm geht, der Amerikaner, dem ist ein schwarzer Strich ordentlich über das ganze Gesicht gezeichnet -- «
»Nun ja, _der_ gefällt mir gerade auch nicht besonders,« sagte Lobsich, »aber hier in Amerika kommt man mit Manchem zusammen, von denen man sich in einem anderen Lande wohl fern halten könnte und würde, und unser Herr Gott hat uns eben nicht alle gleich hübsch gemacht; sonst ist er aber gut, denn er zahlt Alles gleich baar.«
»Da kommt der Fremde wieder herunter,« sagte die Frau jetzt, »und ich will machen daß ich in meine Küche komme -- in dem Aufzug kann ich mich nicht gut vor dem Herren sehn lassen; also nicht wahr Vater -- Du hältst Dein Wort?«
Lobsich gab ihr die Hand und nickte ihr freundlich zu und Salome verließ rasch, und mit viel leichterem Herzen, als sie es betreten, das Zimmer, während durch die andere Thüre Hopfgarten, dem der Barkeeper wieder langsam vorausschlenderte, hereinkam, und ohne sich weiter aufzuhalten, durch den Schenkraum hindurch auf die Thüre zu ging, die auf die Straße führte. --
»Um wie viel Uhr wird gegessen, Herr Lobsich?« sagte er hier, sich noch einmal nach dem Wirthe umdrehend.
»Um ein Uhr.«
»Schön, werde mich einfinden; -- noch eins -- ich wollte Sie noch fragen ob Sie nicht -- aber es ist schon gut, ich werde es schon finden -- danke Ihnen -- « und mit dem kurz abgebrochenen Satz verließ er das Haus. Er hatte sich noch einmal nach der Wohnung des Staatsanwalts erkundigen wollen, besann sich aber eines Besseren, und hielt es für eben so gut auf der Straße den ersten Besten danach zu fragen. Die Wirthsleute brauchten nicht zu wissen daß er irgend etwas Nöthiges mit den Gerichten zu thun hatte.
Hopfgarten, auf seine erste Anfrage gleich an das Court oder Gerichtshaus gewiesen, fand bald in dessen Nähe die Wohnung des Staatsanwalts, diesen aber leider nicht zu Hause. Er war ausgegangen, wurde aber gleich nach Tisch zurück erwartet.
Das war fatal, ließ sich jedoch nicht ändern, und obgleich Hopfgarten große Lust hatte, indessen zu einem anderen Advokaten zu gehn, hielt er es doch für besser zu warten, um dann durch den Staatsanwalt gleich durchgreifende Mittel anzuwenden. Der Bursche mußte endlich einmal unschädlich gemacht, und der so reichlich verdienten Strafe überliefert werden.
Nach seiner Uhr sehend, fand er, daß übrigens nur noch eine Viertel Stunde an ein Uhr fehlte und drehte eben wieder in die Straße ein, nach seinem Gasthaus zurück zu gehn, dort rasch zu essen, und keinen Augenblick seiner kostbaren Zeit zu versäumen, als ihm, eben wie er um die Ecke bog, zwei Männer begegneten und fast gegen ihn anrannten, in deren Einen er mit nicht geringer Überraschung den so sehnsüchtig verfolgten, in diesem Augenblick aber doch nicht erwarteten oder gewünschten Soldegg oder Henkel, wie er jetzt wieder hieß, erkannte.
»Hallo Herr von Hopfgarten,« rief ihm dieser freundlich und jedenfalls ganz unbefangen entgegen -- »das freut mich wahrhaftig, daß wir uns wieder einmal in den Weg laufen. Alle Wetter, ich glaube wir haben uns seit unserer Landung nicht mehr gesehn.«
Hopfgarten, keineswegs ein solcher Meister in der Verstellung als der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, fühlte, wie ihm im ersten Augenblick das Blut in Strömen in's Gesicht stieg, und dann wieder zu seinem Herzen zurückdrängte, wußte aber auch, daß in diesem Moment Alles von seiner eigenen Kaltblütigkeit abhänge, den Verbrecher wenigstens noch auf eine Stunde glauben zu machen, daß er sich zum zweiten Mal von ihm anführen lasse, denn jedenfalls fühlte ihm dieser erst auf den Zahn, ob er mehr von ihm wisse, als sich mit seiner Sicherheit vertrug. Rasch also gesammelt, sah er dem Mann starr in's Auge und sagte dann lachend:
»S'ist doch eine tolle Ähnlichkeit zwischen Ihnen beiden; und man sollte darauf schwören, es _könnten_ nicht zwei sein.«
»Zwischen _uns_ Beiden?« lachte Henkel, auf seinen Begleiter zeigend -- »das ist nicht übel -- übrigens hab' ich die Herren wohl erst einander vorzustellen -- Herr von Hopfgarten -- ein früherer Reisegefährte von mir und sehr lieber Freund -- Mr. Cottonwell, ein Pflanzer aus Louisiana -- «
»Nicht zwischen _Ihnen_,« rief Hopfgarten mit einer höflichen Verbeugung gegen den Fremden, »sondern mit Ihnen und Ihrem Bruder -- oder _haben_ Sie keinen Zwillingsbruder, Henkel?«
»Aber woher wissen _Sie_ das?« rief Henkel, anscheinend erstaunt, »haben Sie ihn gesehen?«
»Er hat mir einen Brief für Sie gegeben.«
»Und haben Sie den Brief?« rief Henkel lachend -- der in dem Augenblick wirklich noch gar nicht wußte, _welche_ Rolle er weiter spielen müsse, und sich durch die Frage immer noch eine Hinterthür offen behielt, das Ganze auf einen Scherz hinaus zu drehen.
»Allerdings,« sagte Hopfgarten ruhig, und jetzt wieder ganz gefaßt; »ich bin in der Zeit noch gar nicht nach New-Orleans, wo ich Sie vermuthen mußte, gekommen, und wenn Sie mit mir zu Haus gehn, kann ich ihn an seine Adresse überliefern. Ich habe Ihnen überdieß noch etwas sehr Wichtiges, und für Sie höchst Interessantes mitzutheilen.«
»Und das wäre?« rief Henkel rasch und neugierig.
»Nun hier auf der Straße,« sagte Hopfgarten mit einem flüchtigen Blick auf Henkels Begleiter, »geht das doch wohl nicht; wollen Sie mit mir essen, so können wir es zu Hause abmachen?«
»Wo logiren Sie?«
»Im rothen Drachen.«
»Ah bei Lobsich -- da wird ja wohl um ein Uhr gegessen.«
»Ja -- «
»Hm -- das thut mir leid,« sagte Henkel, nach seiner Uhr sehend, »aber ich habe vorher noch ein kleines Geschäft in der Stadt abzumachen, das sich unmöglich aufschieben läßt. Dorthin bin ich ebenfalls gerade ein Uhr bestellt; ist es Ihnen aber recht, hol' ich Sie um zwei Uhr, spätestens halb drei im rothen Drachen ab.«
»Schön,« sagte Hopfgarten, der bis dahin Zeit behielt seine eigenen Maasregeln zu treffen -- keinenfalls konnte Henkel eine Ahnung haben, daß er _Alles_ wisse, und der Verbrecher lieferte sich solcher Art selber in seine Hände -- »also treffen wir uns um zwei oder halb drei im rothen Drachen -- es ist überdieß jetzt Zeit, daß ich zum Essen gehe, und wir bereden alles Andere dort. Auf Wiedersehn Herr Henkel!«
»Auf Wiedersehn, mein lieber Herr von Hopfgarten,« rief ihm der junge Mann noch freundlich mit der Hand nachwinkend zu, nahm dann den Arm seines Gefährten, und schritt mit ihm langsam die, mit dem Wasser gleichlaufende Straße hinauf.
»Was ist denn das für eine Geschichte mit dem Zwillingsbruder, Soldegg,« sagte der Amerikaner, als dieser vielleicht hundert Schritte schweigend und mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt neben ihm hin gegangen war --
»Lieber Goodly,« erwiederte aber Soldegg finster -- »wir haben keine Zeit mehr zu Kindereien; der Bursche, der uns eben verließ, weiß mehr als _mir_ und _Euch_ gut ist, und die halbe Stunde, die wir zum Handeln haben, müssen wir benutzen.«
»Mir? -- was weiß er von mir -- Donnerwetter, er sah grün und unschuldig genug aus, und von dem sollte ich denken, hätten wir Nichts zu fürchten.«
»Er war in Grahamstown und weiß, daß ein gewisser _Goodly_ wegen einem sehr albern angestellten Raub und Mord steckbrieflich verfolgt wird; und was seine Unschuld betrifft, so steckt hinter dem mehr als Ihr glaubt -- mehr als mir lieb ist. Habt Ihr nicht bemerkt, wie er erst roth und dann blaß wurde, als ich ihm so plötzlich in den Weg lief? Er gehörte sonst zu der ehrlich dummen Art, denen ihr eigenes Blut nicht einmal mehr gehorcht; hinter der Gewalt, die er sich aber _dann_ anthat, steckt mehr als ich gerade gesonnen bin abzuwarten, und er hat für jetzt nur den einzigen Fehler begangen, daß er _mich_ für eben so leichtgläubig und thöricht hielt, als _er_ sich früher gezeigt. _Noch_, mein lieber Herr von Hopfgarten, haben Sie den Fuchs _nicht_ im Bau, und er wird von jetzt an Sorge tragen, daß er Ihnen nicht wieder so leicht begegnet.«
»Tod und Teufel!« fluchte Goodly, mit dem Fuße stampfend, »das wäre eine verfluchte Geschichte, wenn wir jetzt gleich fort, und die 500 Dollar im Stich lassen müßten, die wir noch heute Mittag erheben sollten.«
»Ich lasse _Nichts_ im Stich;« sagte Soldegg ruhig -- »vor allen Dingen müssen wir herausbekommen, wie lange der Herr hier ist, und das erfahren wir am besten bei dem deutschen Pflasterschmierer hier gleich unten am Wasser. Kommen Sie Goodly, dort sage ich Ihnen, was wir zu thun haben.«
Den Herrn Doctor Hückler, den Soldegg vorher etwas ungenirt mit dem »deutschen Pflasterschmierer« gemeint, fanden sie gerade im Begriff, seinen Laden zu schließen, um nach Hause zum Essen zu gehn.
»Ach lieber bester Doctor,« rief ihm Soldegg schon von weitem zu -- »ich habe noch eine große Bitte an Sie; thun Sie mir den Gefallen und schließen Sie noch einmal auf -- ich halte Sie nicht zehn Minuten länger.«
»Ah mein guter Herr Henkel; sehr erfreut sie zu sehen, wie geht es Ihnen, -- womit kann ich Ihnen dienen?« sagte der Doctor auf Englisch, dem Wunsche willig Folge leistend, und in seinen »#shop#« voran hineintretend.
»Ich habe eben jemanden getroffen den auch Sie kennen,« sagte Soldegg.
»Herrn von Hopfgarten -- nicht wahr? -- ja er hat mir heute Morgen seine Visite gemacht, gerade wie er ankam.«
»Er ist erst seit heute Morgen in der Stadt?«
»Etwa seit zehn oder elf Uhr; er trug seinen Reisesack noch unter dem Arm.«
»Dann hab' ich Glück gehabt, daß ich ihm gleich begegnet bin -- Sie wissen, nicht wie lange er zu bleiben gedenkt?«
»Oh wohl nur sehr kurze Zeit -- «
»Das glaub' ich, nachdem er _mich_ gesehn,« lachte Soldegg.
»Wie so? was haben _Sie_ mit ihm?« rief der Doctor erstaunt.
»Lieber Doctor, das ist eine lange Geschichte Ihnen die weitläufig auseinander zu setzen; ich erzähle Sie Ihnen ausführlicher, wenn wir nachher zusammen fortgehn; für jetzt muß ich Sie um eine große Gefälligkeit bitten. Wollen Sie einmal mit mir zum nächsten Friedensrichter gehn -- er wohnt keine zehn Häuser von hier.«
»Mit dem größten Vergnügen, aber weshalb?«
»Nur mich zu legitimiren, um einen Verhaftsbefehl gegen Jemand auszuwirken.«
»Gegen Herrn von Hopfgarten?« rief Hückler erstaunt aus.
»Allerdings,« sagte Henkel ernst, »so leid es mir thut gegen einen früheren Reisegefährten auf solche Art einschreiten zu müssen, und so gern ich einen _kleinen_ Verlust um _den_ Preis lieber verschmerzen würde; aber siebentausend Dollar bin auch _ich_ nicht im Stande so leicht einzubüßen, sehe wenigstens keinen Grund ein, das an einem wildfremden Menschen zu thun.«
»Siebentausend Dollar?« rief Hückler erstaunt -- »also _darum_ erschrak der Herr so, als ich ihm sagte, daß Sie hier wären.«
»Er erschrak? -- nicht wahr?« frug Henkel rasch, mit einem bedeutungsvollen Blick nach seinem Begleiter hinüber -- »ich will es gerne glauben, aber wir haben auch keine Secunde länger zu versäumen, denn ich glaube, zu Mittag geht schon wieder ein Dampfboot nach den nördlichen Seeen ab, das er, wie ich alle Ursache habe zu vermuthen, benutzen will, mir zu entschlüpfen.«
»Oh nicht vor zwei Uhr!« rief Hückler, seinen Hut wieder aufgreifend -- »da können Sie sicher sein, es ist das Postboot, und geht auf die Minute; aber ich stehe Ihnen zu Diensten, lieber Herr Henkel, Sie werden übrigens _zwei_ Bürger brauchen, einen Verhaftsbefehl auswirken zu können; wir hatten neulich den nämlichen Fall -- der andere Herr wird wohl wahrscheinlich -- «
»Nein, Herr Cottonwell ist vollkommen fremd hier -- Einer der bedeutendsten Pflanzer Louisianas -- entschuldigen Sie, daß ich die Herren noch nicht einander vorgestellt habe. Herr Doctor Hückler -- der beste Arzt, den wir in Milwaukie haben.«
»Oh bitte, lieber Herr Henkel, Sie sind zu freundlich; da gehen wir also am Besten gleich bei Einem ihrer Amerikanischen Freunde vor, den abzuholen.«
»Nein, ich habe noch einen besseren;« sagte Henkel. »Herr Lobsich kennt mich auch schon von Deutschland aus, und überdieß muß ich auch dorthin, um die Leute im Haus zu ersuchen, das Gepäck des Fremden nicht verabfolgen zu lassen, bis ich zu meinem Recht gekommen bin. Wir gehn die Wasserstraße zusammen hinunter -- Ihre eigene Wohnung liegt ja überdieß in der Richtung zu -- und Sie warten einen Augenblick am Hause des Friedensrichters.«
Hückler war die Bereitwilligkeit selber, und wenn er auch unterwegs sein Erstaunen nicht unterdrücken konnte, daß ein Mann, noch dazu von Adel, solche Streiche machen sollte, kam er doch zuletzt zu der Schlußfolgerung, daß er es ihm schon immer angesehn, wie hinter dem eingebildet vornehmen Wesen nicht viel dahinter sei, und der Adel besonders schütze erst recht nicht vor solchen Sachen. _Die_ Leute glaubten gewöhnlich, sie wären etwas Besseres als Bürgerliche, und dürften thun und lassen was sie wollten; er selber aber halte sich für ebensoviel werth, wie der beste Adliche.
Henkel überließ es gleich darauf Herrn Goodly, seinen Freund ein paar Minuten angenehm zu unterhalten, und ging rasch dem rothen Drachen zu, in dessen Schenkstube, wie er recht gut wußte, Herr Lobsich regelmäßig zu finden war, so lange seine Gäste oben bei Tisch waren, und der Wirth benutzte die Gelegenheit dann nicht selten, seine eigenen Getränke, damit aus keiner Flasche zu viel fehle, der Reihe nach durch zu probiren.
Wie er es gehofft, zeigte es sich; Lobsich war eben wieder eifrig beschäftigt, sich, trotz dem Versprechen, das er heute Morgen seiner Frau gegeben, in seinem eigenen Schenkstand zu traktiren, und fuhr, als die Thüre geöffnet wurde, mit dem eben geleerten Glase rasch unter den Tisch in das dort zum Abspühlen stehende Wasser.
»Ah mein guter Herr Lobsich, so fleißig -- der Mann ist doch immer beschäftigt, wenn man zu ihm kommt,« rief ihm Henkel freundlich entgegen.
»Ah mein guter Herr Henkel!« entgegnete der Wirth mit unverkennbar schwerer Zunge -- »ungeheuer erfreut, Sie zu sehn -- meine Alte hat schon -- hat schon gefürchtet, daß Sie -- «
»Lieber Herr Lobsich,« unterbrach ihn aber Henkel, dem Nichts daran lag, sich mit dem Mann in ein längeres Gespräch einzulassen -- »Sie haben einen neuen Gast heute bekommen, nicht wahr?«
»Ja wohl, lieber Herr Henkel, ja wohl -- sehr charmanter Mann,« sagte Lobsich, um den Schenktisch herumkommend.
»Dieser sehr charmante Mann, mein lieber Lobsich,« flüsterte ihm Henkel, seinen Arm dabei ergreifend zu, »ist ein Erzgauner, der, wie ich alle Ursache zu fürchten habe, mir mit 7000 Dollar durchbrennen will -- wie gefällt Ihnen das?«
»Ist mir doch was Unbedeutendes!« rief Lobsich, in unbegrenztem Erstaunen.
»Ich bin eben im Begriff einen Verhaftsbefehl gegen ihn auszunehmen,« fuhr Henkel aber indessen fort, »und habe deshalb eine Doppelbitte an Sie. Vor allen Dingen muß ich Sie ersuchen, mit mir zum nächsten Friedensrichter zu gehn und meine Person zu bescheinigen -- die Leute kennen mich hier nicht, und Doktor Hückler wartet schon oben in der Straße auf uns zu demselben Zweck; und zweitens möchte ich Sie dringend ersuchen, Ihren Leuten bestimmten Auftrag zu geben, diesen Herrn von Hopfgarten, sobald er zu Hause kommen sollte, nicht wieder fortzulassen, und mir augenblicklich -- «
»Zu Hause kommen?« sagte Lobsich vergnügt -- »er _ist_ zu Hause -- «
»Er ist zu Hause?« rief Henkel überrascht -- »beim Essen oben?« --
»Nein, nicht beim Essen,« sagte Lobsich, seufzend nach seiner Flasche hinübersehend, der auf's Neue zuzusprechen ihn jetzt der gerade verkehrt Gekommene verhinderte -- »er hatte es furchtbar eilig und ging in sein Zimmer hinauf, ich glaube, einige Papiere zu holen.«
»Wahrscheinlich seinen Reisesack zu packen,« rief Henkel rasch und unruhig, denn Hopfgarten konnte da jeden Augenblick wieder herunterkommen -- »ich muß Sie also _dringend_ bitten, mein guter Herr Lobsich, Ihren Leuten ganz bestimmten Auftrag zu geben, diesen Herrn, sobald er vor der Zeit suchen sollte zu entwischen, nicht aus dem Haus zu lassen, bis der Constable hier gewesen ist.«
»Aber _erst_ trinken wir einen, mein guter Herr Henkel -- was nehmen Sie?«
»Jetzt nicht, mein lieber Lobsich -- nachher so viel Sie wollen -- rufen Sie jetzt nur so rasch als möglich Ihren Barkeeper herunter, daß wir keine Zeit versäumen.«
»Der kommt zeitig genug,« sagte Lobsich, nichtsdestoweniger an einer kleinen Klingel ziehend, die dicht an der Thür angebracht war, und sich dann selber wieder vor allen Dingen einschenkend -- »also was trinken Sie?«
»Nichts -- nichts, ich danke Ihnen herzlich -- ich habe keinen Durst,« sagte Henkel, mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf- und abgehend.
»Keinen Durst?« lachte Lobsich -- »ist mir doch was Unbedeutendes -- gerade wie meine Frau -- die hat auch immer keinen Durst -- gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Henkel, die Frau hat nie Durst.«
»Da kommt Ihr Barkeeper,« rief aber Henkel, der einen scheuen Blick nach der sich öffnenden Thür geworfen -- »bitte instruiren Sie ihn -- es ist die höchste Zeit.«
»Ah ja wohl, Herr Henkel mit dem größten Vergnügen. Sie Schmidt,« wandte er sich an diesen, indem er seinen Hut vom Nagel nahm -- »wenn ich fort bin und es -- und es sollte Jemand nach mir fragen, so -- so sagen Sie ihm nur -- daß ich nicht zu Hause wäre.«
»Ja woll Herr Lobsich,« sagte der Barkeeper.
Henkel warf den Kopf ungeduldig hin und her.
»Aber weshalb gehn wir denn fort?« frug er ihn leise.
»Ja, Sie haben auch recht,« sagte Lobsich, der das ganz falsch verstand, gutmüthig, indem er seinen Hut wieder abnahm, »wir können ja auch hier bleiben, und noch ein Glas trinken -- ich denke ich nehme dießmal -- «