Part 14
„Pah!“ rief der Einsiedlerkrebs. „Du würdest ihn mit deinen Brennesseln einklemmen und fressen.“
Die Seeanemone leugnete es nicht: „Natürlich. Dazu hab’ ich ja meine Brennesseln; das sind übrigens meine Fangarme, denn ich bin gar keine Pflanze, sondern ein richtiges, gefräßiges Tier wie du selber.“
„Ich mag dich gut leiden,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „In dir steckt keine Hinterlist.“
In diesem Augenblick kam ein Fisch daher, den die Seeanemone einfing und fraß. Und bald darauf trieb eine tote Muschel mit offenen Schalen heran. Sie segelte gerade auf den Einsiedlerkrebs zu, der ein Stück von ihr fraß und den Rest zur Seeanemone hinüberschob.
„Bitte schön,“ sagte er.
„Schmeckt sie nicht?“ fragte die Seeanemone.
„Ganz gewiß. Ich hab’ nur keinen Hunger mehr. Sonst hätte ich sie natürlich selber gefressen.“
„Natürlich.“
Als die Seeanemone gefressen hatte, zog sie die Arme ein, so daß sie wieder einer Feige glich.
„Jetzt bist du nicht mehr so schön wie vorher,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
„Jetzt bin ich satt,“ sagte die Seeanemone. „Dann ist kein rechter Grund vorhanden, sich zu putzen. Und du bist gleichfalls satt; darum brauche ich keine Angst vor dir zu haben.“
„Wie vernünftig du sprichst! Dich möchte ich zum Freunde haben.“
„Was ist Freundschaft?“ fragte die Seeanemone. „Befreundet ist man, wenn man einander nützen kann.“
„Genau dasselbe sage ich,“ fiel der Einsiedlerkrebs voll Entzücken ein. „Ich sagte es noch vorhin zur Krabbe, diesem Rindvieh.“
„Ich habe es gehört.“
„Ja richtig, du warst ja hier. Erzähle mir ein bißchen von dir!“
„Soll ich mit der Jugend beginnen?“ fragte die Seeanemone.
„Ach ja; die Jugend ... die wunderschöne Jugend,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs.
„Hast du auch eine Jugend gehabt?“
„Und ob. Du würdest mich ganz und gar nicht wiedererkennen, wenn du mich in meiner Jugendgestalt sähest. Hier geh’ ich jetzt Schritt für Schritt als bedächtiger, alter Knabe umher, der ein großes Schneckenhaus auf dem Rücken trägt. Als ich jung war, da hab’ ich im wilden Meere umhergeschwärmt und mir keine Sorgen gemacht.“
„Genau wie ich,“ meinte die Seeanemone.
„Wie ulkig!“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Es besteht wirklich eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen uns. Wünschest du dir nicht oft die frohen Jugendtage zurück? Es war herrlich, so frei umherzuschweben. Man sah sich um. Und man erlebte etwas!“
„Das tat man,“ sagte die Seeanemone. „Aber es hatte auch seine Unzuträglichkeiten. Man riskierte z. B. überaus leicht gefressen zu werden.“
„Das ist wahr. Die allermeisten meiner Geschwister sind von den Fischen gefressen worden. Die Fische haben sie zu Hunderten in einem Mundvoll genommen und gleich verschlungen. Wenn ich nachdenke, so ist es das reine Wunder, daß ich entwischt bin.“
„Dasselbe sage ich. Also in dieser Hinsicht sind wir jetzt eigentlich besser daran. Man hat Lebenserfahrung. Man kann sich vorsehen. Man hat Waffen und kann um sich beißen, wenn ein Feind herankommt.“
„Das sind wahre Worte,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
„Und dann ist da noch etwas,“ fuhr die Seeanemone fort. „Man kann viel mehr fressen als damals, und man frißt mit viel mehr Verstand.“
„Sehr richtig,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Das ist mir aus der Seele gesprochen.“
„Streng genommen, weiß man nicht, was fressen heißt, bis man großjährig wird und seine endgültige Gestalt annimmt.“
„Nein. Alles in allem ist der ruhige Tagesverlauf viel mehr wert als das Getümmel und Vergnügen der Jugend.“
Dann sprachen sie noch eine Weile zusammen und erfreuten sich mehr und mehr aneinander. Aber ein jeder hält sich sorgsam für sich und war stets auf dem Posten. Und durch diese Vorsicht stiegen sie noch höher in der gegenseitigen Achtung. Dann gingen sie zur Ruhe und schliefen. --
Sie ruhten so lange, bis sie sich wieder frisch fühlten, denn da unten auf dem Meeresgrunde gibt es weder Tag noch Nacht; dort scheint nicht Sonne, nicht Mond. Als sie also erwachten, schloß der Einsiedlerkrebs sein Haus auf und steckte Haupt und Scheren heraus, und die Seeanemone entfaltete ihre ganze, strahlende Blüte.
„Guten Morgen,“ sagte der eine.
„Guten Morgen,“ die andere.
„Schönen Dank für den gestrigen Tag,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
„Gleichfalls,“ sagte die Seeanemone.
„Ich habe in meinem Schneckenhaus gelegen und mir etwas überlegt,“ erzählte der Einsiedlerkrebs. „Siehst du ... nicht alle Tage trifft man jemand, mit dem man so vernünftig reden kann, wie wir beide gestern geredet haben.“
„Das ist wahr,“ gab die Seeanemone zu. „Mit den meisten, mit denen ich spreche, ist kein Staat zu machen. Außerdem sind da natürlich die, die man frißt. Aber mit denen spricht man ja nicht. Und die, die einen fressen. Aber die sprechen ja auch nicht mit einem.“
„Findest du nicht, daß wir zusammenbleiben sollten?“ schlug der Einsiedlerkrebs vor.
„Tja -- --,“ sagte die Seeanemone. „Das könnte ja recht amüsant werden. Aber ich weiß nicht recht, wie es zugehen sollte; denn es besteht eigentlich kein sonderlicher Unterschied in unserer Ernährungsweise. Wenn dann eines Tages nicht genug für uns beide vorhanden ist, könnten wir leicht aneinander geraten; und das Ende vom Liede wäre vielleicht, daß der eine den andern auffräße.“
„Ja, das wäre allerdings nicht schön.“
„Für den, der gefressen würde, wäre es nicht schön. Für den andern wäre es ja, streng genommen, nicht so schlimm.“
„Du bist furchtbar spaßig,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
Die Seeanemone fächelte mit ihren bunten Armen ins Wasser hinein und ließ sie mit dem Strome hin und her wogen. Sie sah hübsch und heiter aus, wie die Blumen auf dem Lande. Aber auf einmal ergriffen die bunten Arme einen kleinen Fisch, der in den Magen hinabglitt und sofort verzehrt war.
„Den kleinen Fisch hättest auch du essen können,“ sagte die Seeanemone. „Da siehst du es.“
„Ich hab’ auch meinen Fisch im Leibe,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs. „Hast du nicht gesehen, daß es zwei waren?“
„Nein,“ sagte die Seeanemone. „Ich habe nur einen gesehen, und den habe +ich+ gepackt.“
„Es war noch einer da. Er schwamm direkt auf mich los, ohne mich zu sehen; denn deine Arme verbargen mich von der Seite, von der er kam.“
Als er das gesagt hatte, machte er einen gewaltigen Sprung auf die Seeanemone zu, die sofort alle ihre Brennesseln gegen ihn kehrte.
„Au, au,“ schrie der Einsiedlerkrebs.
„Ist das eine Art, auf die Leute loszufahren?“ zeterte die Seeanemone. „Besonders wenn man weiß, daß du noch nichts gefressen hast.“
„Du hast mich gänzlich mißverstanden,“ sagte der Einsiedlerkrebs und putzte seine Fühlhörner. „Ich bin vor Freude so gesprungen; denn jetzt hab’ ich eine Methode ausfindig gemacht, wie wir ewig zusammenbleiben können.“
„Dann solltest du dich deutlicher ausdrücken.“
„Hör’ einmal. Worauf sitzest du?“
„Augenblicklich sitze ich auf einem Stein,“ sagte die Seeanemone. „Aber ich möchte mich nicht verpflichten, bis zu meinem Tode hier sitzenzubleiben, obwohl es mühselig genug ist, sich von der Stelle zu bewegen. Es ist noch nicht lange her, da saß ich auf einem Schiffsanker, der untergegangen war. Einmal hab’ ich auch auf einem Hai gesessen, der sich hier unten zur Ruhe gelegt hatte und so lange liegen blieb, daß ich annahm, er würde nicht mehr fortgehen. Aber er hat sich nur ein bißchen ausgeruht, und eines Tages suchte er das Weite. Es war höchst unbehaglich, auf wie stürmische Weise das geschah.“
„Nun will ich dir was sagen,“ meinte der Einsiedlerkrebs. „Ich habe eine Methode ausfindig gemacht, wie du ganz glatt von der Stelle kommen kannst. +Du sollst dich auf mir festsetzen.+“
„Auf dir?“
„Auf mir. Auf meinem Schneckenhaus. Dann trag’ ich dich mit mir herum. Ich bin ein gesetzter Bursche, der keine Luftsprünge mehr macht; und andererseits komme ich viel schneller vom Fleck als du.“
Die Seeanemone zog sich mit grauenhafter Geschwindigkeit zusammen. Weg war die ganze Blume, und nur die kleine Feige war noch da, die so unglaublich mißtrauisch aussah.
„Du scheinst nicht an meine ehrlichen Absichten zu glauben,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
„Was kostet das Billett?“ fragte die Seeanemone.
„Ach so. Deinen eigenen Profit bei der Sache erkennst du recht wohl, und nun willst du wissen, was +ich+ dabei verdiene. Ja, siehst du, ich denke an den kleinen Fisch von vorhin, der mir direkt ins Maul rannte.“
„Aha, du meinst, ich soll dich verstecken, wenn du auf Beute ausgehst.“
„Ganz recht,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Wir können ganz famos zusammen jagen. Der Fisch, der sich vor mir fürchtet, rennt dir direkt in den Rachen. Und wer +dir+ entgehen will und sich schon gerettet glaubt, der ist +mir+ verfallen.“
Die Seeanemone dachte nach: „Hm, das hat allerdings manches für sich.“
„Nicht wahr? Und dann werden mir deine Brennesseln großartige Dienste gegen meine Feinde leisten. Die großen Fische sind sehr hinter mir her, aber vor deinen Brennesseln nehmen sie sich in acht.“
Die Seeanemone entfaltete wieder ihre Blüte. Sie leuchtete, daß es eine Lust war, sie anzusehen.
„Komm doch,“ sagte der Einsiedlerkrebs ungeduldig.
„Laß uns erst essen,“ entgegnete die Seeanemone. „Ich glaube nicht, daß es zuträglich ist, einen solchen Freundschaftsbund mit nüchternem Magen zu schließen. Ich nehme den Fall an, wir säßen beieinander, und der Hunger quälte uns, dann könnten leicht böse Gedanken in uns auftauchen.“
„Wie vorsichtig du bist! Ich versichere dir: es könnte mir niemals einfallen, dich zu fressen.“
„Ja, aber mir könnte es vielleicht einfallen, dich zu fressen,“ sagte die Seeanemone.
Nun kam eine Schnecke heran, die der Einsiedlerkrebs mit seiner Schere fing, zerdrückte und sofort fraß. Gleich darauf kam noch eine und noch eine und wiederum eine. Die letzte stieß der Krebs zur Seeanemone hinüber, die nichts mitbekommen hatte.
„Glaubst du, daß du nun satt genug bist, um auf mein Haus hinüberziehen zu können?“ fragte der Einsiedlerkrebs.
„Ich weiß nicht,“ erwiderte die Seeanemone. „Aber du bist jedenfalls satt, und das ist die Hauptsache. Dreh’ dich ein bißchen nach der Seite, denn jetzt komme ich!“
„Setz dich über die Mündung des Schneckenhauses! Wir müssen uns von Anfang an so praktisch wie möglich einrichten.“
„Weg mit der Schere!“
Die Seeanemone bewegte sich auf ihrem Fuße fort, der nichts als eine große Saugscheibe war, bis sie sicher und gut saß.
„Nun reisen wir ein bißchen,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Breite die Arme tüchtig aus, damit alle Leute sehen können, daß eine prachtvolle Seeanemone kommt, und damit niemand ahnt, daß ein böser Einsiedlerkrebs darunter liegt.“
Der Einsiedlerkrebs kroch weiter, und die Seeanemone fächelte mit ihrer Blüte.
„Dir werd ich schon aus dem Wege gehen,“ sagte ein kleiner Fisch, der ihnen entgegenkam.
Er machte einen flotten Purzelbaum, tauchte unter die Seeanemone hinab und lief dem Krebs unmittelbar in den Schlund.
„Nimm die Hälfte,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Wir haben ihn ja zu zweien gefangen. Jetzt segeln wir ein bißchen.“
Nun schaukelte das Schneckenhaus mit den beiden Passagieren durchs Wasser dahin; und überall, wohin sie kamen, erweckte die Seeanemone unter allen Bewohnern der Meerestiefe großes Aufsehen.
„I, du Allmächtiger,“ rief der Seeigel. „Wer hat je eine Seeanemone so schnell daherkommen sehen! Ich gehöre mit zur Familie; und ich muß sagen, daß mir die Sache ganz unbegreiflich ist.“
„Es muß etwas dahinter stecken,“ äußerte eine große Auster, die gähnend im Tang saß.
„Ich stecke dahinter,“ sagte der Einsiedlerkrebs und streckte seine große Schere zwischen die Schalen der Auster.
„Au,“ sagte die Auster und preßte ihre Schalen zusammen.
„Es hilft dir nichts. Ich bin dir zu hart. Eine herrliche Auster, Seeanemone! Nun sollst du deine Hälfte abbekommen, sobald ich sie aufgedrückt habe.“
„Behalte sie nur,“ erwiderte die Seeanemone. „Ich hab’ meinen Magen noch nie im Leben so voller Würmer und kleiner nackter Schnecken gehabt. Sie gehen mir noch nicht einmal aus dem Wege; denn sie glauben ja nicht, daß ich mich so schnell von der Stelle bewegen kann.“
„Da siehst du es,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Es lebe unser Kompagniegeschäft!“
* * * * *
Eines Tages ging es dem Einsiedlerkrebs nicht recht gut. Er fühlte einen unangenehmen Druck im Magen und konnte fast gar keine Luft kriegen.
„Was ist denn mit dir los?“ fragte die Seeanemone. „Du hast dir soeben einen Fisch entgehen lassen.“
„Ja,“ versetzte der Einsiedlerkrebs. „Es geht mir jämmerlich. Ich werde nicht anders können, ich muß umziehen.“
„Du willst umziehen?“ rief die Seeanemone.
„Ja, ich muß. Ich kann in diesem Hause nicht mehr bleiben. All das gute Essen hat mich zu dick gemacht.“
„Das ist ja eine schöne Geschichte. Und es ging uns doch gerade so gut.“
„Es wird uns auch weiterhin gut gehen. Wir wollen uns nach einem neuen, großen Schneckenhaus umsehen.“
Da machten sie sich auf die Wanderung; und noch am selben Tage fanden sie eine wunderschöne große Königsschnecke, die auf dem Meeresgrunde lag. Der Einsiedlerkrebs wandte und drehte sie, klopfte mit der Schere darauf und sah nach, ob sie dicht sei.
„Sie ist gut,“ sagte er. „Die nehme ich.“
„Und obendrein ist sie leer,“ sagte die Seeanemone. „Das ist ein Vorzug mehr.“
„Das kann ich nun freilich nicht finden,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Wäre eine Schnecke darin gewesen, so hätten wir sie ja fressen können. Und dann wäre das Haus auch rein gewesen. Jetzt ist es vermutlich voller Sand und kleiner Steine, und ich muß vor dem Einzug ein gehöriges Reinemachen veranstalten.“
„Wie genau du es nimmst!“
„Ich bin dazu gezwungen. Wenn auch nur das kleinste Sandkorn drinnen zurückbliebe, so würde es meinen Hinterleib furchtbar martern, daß ich gleich wieder ausziehen müßte.“
„Ja, es ist wahr ... dein Hinterleib,“ sagte die, Seeanemone. „Den hab’ ich ja noch gar nicht zu sehen gekriegt. Heraus mit ihm, damit ich mich davon überzeugen kann, ob er wirklich so weich und lecker ist, wie du sagst.“
„Er kommt schon, wenn es Zeit ist,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs.
Und nun fing er mit dem Reinemachen an. Er stülpte das Schneckenhaus um, schüttelte es, beklopfte es mit den Scheren und steckte seine langen Beine hinein, um in allen Winkeln herumzuscharren. Dann drehte er es mit der Mündung nach der Richtung, aus der der Strom kam, so daß das Wasser gehörig hindurchspülen konnte. Zuletzt schnüffelte er mit seinen Fühlhörnern nach, ob noch ein wenig Sand oder Fäulnisstoff darin war. Das Ganze dauerte über zwei Stunden, und der Seeanemone fing die Sache an langweilig zu werden.
„Jetzt genügt es, glaube ich,“ sagte sie. „Man kann auch +zu+ sorgfältig sein.“
„Nicht, wenn es sich um den Schwanz handelt,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
Er saß eine Weile in Gedanken versunken da, betrachtete sein neues Haus und betrachtete auch die Seeanemone.
„Bist du wirklich satt, lieber Freund?“ fragte er dann.
„Nicht allzusehr,“ erwiderte die Seeanemone. „Hast du einen Leckerbissen für mich, so soll’s mich freuen.“
„Allerdings habe ich einen,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich habe meinen Schwanz. Und es würde mir außerordentlich leid tun, wenn er den Anlaß zur Beendigung unserer Freundschaft geben würde.“
Er sah die Seeanemone scharf an, und die Seeanemone erwiderte seinen Blick. Dem Einsiedlerkrebs kam es so vor, als ob sein lieber Freund einen sehr hungrig-gierigen Ausdruck im Gesicht hätte.
„Tu’ mir den Gefallen und dreh’ dich nach der andern Seite um, wenn ich den Schwanz aus dem alten Schneckenhause hervornehme,“ sagte er. „Ich muß dir gestehen, deine Anwesenheit ist mir äußerst peinlich. Ich glaube, ich habe mein Hinterteil noch niemand gezeigt.“
„Ach was, ich bin doch dein bester Freund,“ sagte die Seeanemone.
„Ganz richtig,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Aber ich kann trotzdem nicht. Hör’ einmal ... ich hab’ eine Idee. Ich will dir zuerst auf das neue Schneckenhaus hinüberhelfen. Das ist das Allervernünftigste.“
Sie machten sich an die Arbeit, und nach Verlauf einer geraumen Weile saß die Seeanemone da, wo sie sitzen sollte.
„Du bist nicht hungrig,“ sagte sie.
„Das bin ich allerdings nicht,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich kann bloß nicht verstehen, woher du das wissen willst!“
„Ich merke es an der Art, wie du mich mit deinen Scheren anrührst,“ erwiderte die Seeanemone. „Ich merke es immer an den Scheren der Leute, ob sie hungrig sind. Aber komm nun ... jetzt ist die Reihe an dir. Kann ich helfen, so stehe ich zu Diensten.“
Der Einsiedlerkrebs rührte sich nicht von der Stelle.
Er hatte eingesehen, daß er sich sehr dumm angestellt hatte. Er hätte die Seeanemone zuerst hinabsteigen und in einiger Entfernung warten lassen sollen. Dann hätte er selbst hinüberziehen können, und die Seeanemone wäre nachgekommen.
„Ich bin doch nicht recht zufrieden mit dem Schneckenhaus,“ sagte der Einsiedlerkrebs dann. „Bleib du nur so lange sitzen, während ich umherkrieche und mich nach einem andern umsehe! Ich werde bald wieder hier sein.“
„Niemals,“ sagte die Seeanemone. „Es kann nicht deine Absicht sein, daß ich die Unbequemlichkeit noch einmal haben soll. Komm ... sonst ist es vorbei mit uns.“
„Dann schließe dich,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Zieh’ die Arme mit den Brennesseln ganz ein, wie du es machst, wenn du dich ausruhst.“
„Schwatz’ nicht so dumm! Nimm einmal an, es käme gerade ein schöner Fisch heran! Du weißt ja, ich bin hungrig.“
„Dann wart’ ich, bis du satt bist.“
Und dabei blieb es. Die Seeanemone fing ein paar Fische und fraß sie. Dann zog sie die Arme ein und saß wieder wie eine trockene, eingeschrumpfte Feige da. Da ließ der Einsiedlerkrebs das alte Haus fahren und kam heraus.
„Nä --,“ sagte die Seeanemone und guckte heraus.
„Hinein mit dir,“ schrie der Einsiedlerkrebs. „Wenn du nicht gleich hineingehst, beiß’ ich dich.“
Die Seeanemone entfaltete sich ganz und fächelte mit den Brennesseln ganz nah am Hinterleib des Einsiedlerkrebses herum.
„Denk’ daran, wieviel Freude und Nutzen wir noch voneinander haben können,“ sagte der Einsiedlerkrebs und wand sich jämmerlich.
„Ich überlege mir das gerade,“ sagte die Seeanemone. „Sonst hätte ich natürlich längst deinen Schwanz gefressen. Noch nie im Leben hab’ ich einen solchen Leckerbissen gesehen.“
„Aber es ist nur ein Bissen. Hast du ihn gefressen, so ist er weg.“
Die Seeanemone sagte nichts, fächelte und fächelte nur mit den Armen und kam dem Hinterleib ihres guten Freundes immer näher. Der Einsiedlerkrebs krümmte sich in größten Nöten.
„Wenn du das tust, so begehst du eine große Dummheit,“ sagte er. „Dann mußt du morgen dein altes Leben wieder anfangen, das nicht entfernt so bequem war wie das, das du führst, seitdem du bei mir wohnst. Du wirst wieder nur langsam von der Stelle kriechen. Den einen Tag sitzest du auf einem dummen Stein und lässest alle Fische entwischen. Den nächsten sitzest du auf einem Hai, der mit dir auf und davon schwimmt und dich herumwirbelt, so daß du weder aus noch ein weißt.“
Die Seeanemone fächelte mit den Armen.
„Au!“
„Ich habe dich nicht angerührt.“
„Du warst nahe daran,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Du denkst an nichts andres. Das kann ich dir ansehen. Wenn du das tust, so benimmst du dich wie ein junger, unbesonnener Mensch. Als wir jung waren, da taten wir so etwas. Da dachten wir nie an den morgigen Tag.“
„Das war eine schöne, schöne Zeit,“ sagte die Seeanemone fächelnd.
„Neulich sind wir doch übereingekommen, daß +die Gegenwart+ die bessere Zeit ist,“ sagte der Einsiedlerkrebs verzweifelt. „Jetzt sind wir ruhiger und verständiger und machen uns zunächst immer klar, wie es werden wird. Wenn ich alt und hinfällig wäre, würd’ ich noch nichts dazu sagen. Und wenn einer von uns auf dem letzten Loche pfiffe, so wäre es nur recht und billig, daß der andere ihn fräße. Er wäre ja der Nächste dazu. Aber nun stehen wir beide im kräftigsten Alter und können einander für lange Zeit Nutzen und Freude bringen. Daran solltest du denken.“
„Ich denke daran. Und ich glaube, du hast recht. Kriech also hinein ins neue Haus! Ich werde dir nichts tun.“
„Ziehst erst deine Brennesseln ein!“
Die Seeanemone tat es, und der Einsiedlerkrebs schaffte langsam und vorsichtig seinen Hinterleib in das neue Haus. Das nahm Zeit in Anspruch; ordentlich mußte es ja gemacht werden, und während der ganzen Prozedur heftete er das eine seiner Stielaugen auf die Seeanemone. Aber sie bezwang sich, bis alles überstanden war.
„Das war keine Kleinigkeit,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich hatte wirklich Furcht vor dir.“
„Dazu hattest du auch allen Grund,“ erwiderte die Seeanemone. „Ich habe mich sehr zusammennehmen müssen. Erinnerst du dich daran, was du sagtest: Daß wir einander auffressen sollen, wenn wir alt und verbraucht sind?“
„Ich erinnere mich meiner Worte recht gut und bleibe auch dabei,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Es ist auch noch gar nicht so sicher, daß ich früher alt werde als du. Aber das soll unsre Sorge einstweilen nicht sein. Jetzt ist die Freundschaft erprobt und wird desto länger vorhalten.“
Drauf kroch er vergnügt von dannen mit seinem neuen Hause und seinem Freunde auf dem Nacken. Sie fingen eine Menge Fische ein und gediehen beide aufs beste.
* * * * *
Einige Zeit darauf war der Seeanemone etwas sonderbar zumute.
Sie hatte ihre Not mit der Entfaltung ihrer Blüte und ließ einen kleinen Fisch nach dem andern entwischen.
Der Einsiedlerkrebs sah es wohl, aber er hatte selber ein paarmal mit seiner Schere daneben gegriffen und sagte darum nichts.
„Wie geht es dir?“ sagte die Seeanemone hierauf.
„Danke, vortrefflich,“ antwortete der Einsiedlerkrebs. „Und dir?“
„Es ist mir noch nie so gut gegangen wie heute. Ich fragte nur, weil ich sah, daß du nach einem Fisch fehlgriffst.“
„Wirklich? Ich habe selber gar nicht darauf geachtet. Dagegen hab ich gesehen, wie +du+ vorhin zwei Fische vorbeisegeln ließest, außer einer wunderschönen Schnecke. Du fängst doch nicht etwa an, dich alt zu fühlen?“
„Gott, wie kannst du das glauben!“ sagte die Seeanemone und fing an, wie toll mit den Armen zu fächeln. „Du fällst wohl eher als ich zusammen.“
„Ich ... alt?“ sagte der Einsiedlerkrebs und schnitt heftig mit der Schere vor sich hin. „Nein, ich werde dich ganz gewiß überleben. Und dann fress’ ich dich auf. Du weißt ja, so haben wir’s verabredet.“
„Gott behüte! Ich werde dich auch auffressen, verlaß dich darauf! Im Augenblick bin ich leider nicht hungrig, sonst tät’ ich es gerne sofort.“
„Na, also hungrig bist du auch nicht! Das ist ja ein schlechtes Zeichen.“
Der Einsiedlerkrebs fing an, das Haus tüchtig zu schütteln, und bemerkte, daß die Seeanemone nicht so fest saß wie sonst. Aber es krachte so in ihm selber, daß er einen gehörigen Schreck bekam. Die Seeanemone ließ ihre Brennesseln auf einen vorbeistreichenden Fisch gleiten, aber sie brannten nicht mehr. Der Einsiedlerkrebs griff mit der Schere danach, traf aber nicht, so daß der Fisch unversehrt weiterschwamm.
Die beiden Freunde sahen sich mißtrauisch an.
„Lieber Freund,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Jetzt, glaube ich, ist unsre Freundschaft in ihr letztes Stadium getreten. Es ist kein Zweifel mehr: du bist alt und taugst nichts mehr. Deine Brennesseln brennen nicht mehr, und du bist so schlecht zu Fuß, daß du dich kaum an meinem Schneckenhaus festhalten kannst. Unsrer Verabredung gemäß, beabsichtige ich darum, dich aufzufressen.“
„Ich wollte gerade dasselbe zu dir sagen,“ entgegnete die Seeanemone. „Du bist ja ein reines Wrack geworden. Deine Schere ist gar nicht mehr scharf, und du kannst sie ganz und gar nicht mehr regieren. Das Beste ist: ich mache deinen Leiden ein Ende.“
Dann betrachteten sie einander wieder ein Weilchen, und keiner von ihnen wollte beginnen.
„Wie gut, daß du zuerst alt geworden bist,“ sagte hierauf die Seeanemone. „Was wolltest du ohne mich machen?“
„Das will ich dir sagen,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs. „Wenn ich dich gefressen habe, werd’ ich mich auf der Stelle nach einer jungen, schönen Seeanemone umsehen.“
„Ja, wie gut wir zueinander passen! Ich überlegte mir gerade, daß ich mich nach einem tüchtigen Einsiedlerkrebs umsehen muß.“