Mutter Natur erzählt

Part 13

Chapter 133,886 wordsPublic domain

„Ich habe mit meiner Gemahlin ägyptisch gesprochen,“ erwiderte der Storch. „Wir haben ein Gut in Afrika, weißt du. Und wir sprechen diese Sprache immer, wenn wir unter uns sind. Übrigens ist es da viel schöner; und ich bliebe gern immer in Afrika, wenn man nicht Rücksicht auf die Kinder nehmen müßte. Aber du verstehst wohl kaum, was ich sage ... Hast du jemals Reisen gemacht?“

„Ach nein!“ seufzte der Regenwurm.

„Wo bist du denn im Winter?“

„Ich bleibe hier,“ antwortete der Wurm.

„Uha! Das muß häßlich sein, hier im Schnee und Eis umherzuwaten. Bekommst du denn keine kalten Füße?“

„Ich habe gar keine Füße,“ antwortete der Regenwurm vergnügt. „Und ich grabe mich tief in die Erde hinein, wenn es kalt ist.“

Der Storch besah sich den Regenwurm nachdenklich und sagte dann:

„Ich weiß eigentlich nicht recht, ob es sich für mich paßt, hier zu stehen und mit einem Burschen, wie du einer bist, zu schwatzen. Dir fehlt ja fast alles, was zu einem ordentlichen Menschen gehört. Bist du von Rang?“

„Rang?“ wiederholte der Regenwurm verwundert. „Was ist das? Ich bin ein fleißiger Arbeitsmann. -- Ist das Rang?“

Da tanzte der Storch vor Lachen umher und teilte seiner Frau oben mit, was der Wurm gesagt hatte.

„Ich hoffe nicht, daß ich etwas Unpassendes geäußert habe,“ sagte der Regenwurm verzagt. „Übrigens bin ich der älteste Regenwurm hier am Platze; ich war schon zur Zeit des Pastors hier.“

„Ach!“ sagte der Storch gnädig. „Du bist also eine Art Altmeister aller Regenwürmer. Das ist doch wenigstens etwas. Dann kann ich mich wenigstens im Gespräch mit dir sehen lassen; unsere +Familien+ brauchen ja nicht zu verkehren.“

„Ich habe, weiß Gott, keine Familie,“ unterbrach ihn der Regenwurm.

„Du hast keine Familie?“ fragte der Storch und gähnte vor lauter Verwunderung.

„Nein,“ antwortete der Wurm. „Ich weiß nicht, wo meine Frau und meine Kinder sind, habe meine Eltern nie gesehen und würde meine Geschwister nicht wiedererkennen, wenn ich sie träfe.“

Der Storch zog das eine Bein unter sich ein und sah außerordentlich würdig aus.

„In den niederen Klassen herrschen fürchterliche Zustände,“ sagte er. „Ich will nichts mehr hören; es verdirbt meine Laune. Leb’ wohl. An einem andern Tage komme ich vielleicht wieder; aber nimm dich in acht, mir zu begegnen, wenn ich hungrig bin!“

Dann flog der Storch auf das Dach des alten Hauses hinauf; und der Regenwurm machte, daß er in sein Erdloch hinunterkam. -- -- --

Ein paar Tage später ging der Storch wieder auf dem Wege spazieren, wo er mit dem Wurm geredet hatte.

„Regenwurm!“ rief er; aber niemand antwortete ihm.

„Regenwurm, komm herauf! Ich will mit dir reden!“

„Ich wag’ mich nicht hervor,“ erwiderte der Regenwurm schließlich unten aus seinem Loche.

Aber da wurde der Storch sehr böse. Er schlug so stark er konnte, mit seinem großen roten Schnabel auf die Erde, und der Wurm kam herauf und krümmte sich in größter Angst und Untertänigkeit.

„Will Er wohl kommen, wenn ich rufe!“ gebot der Storch streng auf einem Bein stehend. „Weiß Er nicht, wer ich bin, und wer Er ist? Weiß Er die Ehre, die ich Ihm erweise, wenn ich mich mit Ihm unterhalte, nicht besser zu würdigen?“

„Werdet nicht böse, Ew. Hochwohlgeboren!“ bat der Wurm. „Ich hatte so große Angst; und Ihr sagtet selbst, ich solle mich in acht nehmen, Euch zu begegnen, wenn Ihr hungrig wäret.“

„So ist es!“ sagte der Storch stolz. „Aber erzähle mir jetzt ein wenig von deinem Leben! Ich langweile mich, und uns vornehmen Herren schadet es nicht, wenn wir das Leben in den niederen Volksschichten kennen lernen.“

„Was soll ich erzählen? Es würde Euch ja doch nicht interessieren,“ sagte der Wurm bescheiden. „Ich rackere mich ab, seitdem ich auf der Welt bin; und bis man mich frißt, pflüge ich die Erde um und lege Gräben an ...“

„So so!“ sagte der Storch freundlich. „Du bist es, der die Gräben gräbt, in denen die Frösche sind?“

„Ach nein!“ erwiderte der Wurm. „Etwas so Großes bringe ich denn doch nicht fertig. Unten unter der Erde grabe ich winzig kleine Gänge in die Kreuz und Quere.“

„Was für Nutzen haben wir Störche denn nun zum Beispiel von dir?“

„Ja,“ antwortete der Regenwurm, „erstens können Ew. Hochwohlgeboren mich ja fressen, wann es Euch beliebt.“

„Das weiß ich,“ sagte der Storch und warf den Kopf in den Nacken. „Du solltest mich nicht so oft daran erinnern. Und dann noch?“

„Außerdem mache ich die Erde zurecht, damit das Gras und die Blumen und Bäume wachsen und gedeihen können. Ich bereite die fruchtbare Ackererde.“

„Ist das der Dreck, in dem man watet?“ fragte der Storch.

„Verzeiht, wenn ich widerspreche,“ erwiderte der Regenwurm ehrerbietig; „aber Ihr dürft das nicht Dreck nennen. Es ist die fruchtbare Erde, in der alle Pflanzen wachsen; und von den Pflanzen leben die Insekten, und von den Insekten leben die Frösche, und die geruht ja sowohl Ihr wie Eure Familie zu verspeisen.“

„Glaubst du, das wüßte ich nicht alles?“ fragte der Storch, zog dabei das Bein unter sich ein und starrte vornehm in die Luft. „Ich will dich bloß auf die Probe stellen. Wie machst du denn diese -- wie nanntest du’s doch?“

„Ackererde,“ sagte der Regenwurm. „Ich trage die Erde, die am tiefsten liegt, zur Luft, zur Sonne und zum Regen hinauf; und die, die oben liegt, trage ich hinunter. So mische und vertausche ich, und dann wird Ackererde daraus.“

„Sehr vernünftig!“ sagte der Storch. „Was dann weiter?“

Der Regenwurm kroch eifrig näher und erzählte; denn er war es nicht gewohnt, daß jemand Lust hatte, ihm zuzuhören.

„Habt Ihr nicht bemerkt, daß die welken Blätter zuweilen zusammengerollt auf der Erde stehen wie eine Tüte, mit der Spitze nach unten? Das ist mein Werk. Ich tu’ es in der Nacht, wenn es dunkel und still ist, und niemand mir etwas zuleide tut. In der nächsten Nacht ziehe ich weiter daran; und das setze ich fort, bis das Blatt ganz in die Erde hinabgezogen ist. Dann mache ich Erde daraus.“

„Das interessiert mich.“

„Ach, wenn nur alle so gnädig wären wie Ew. Hochwohlgeboren! Ich will mich wirklich nicht rühmen, denn andere würden es gewiß viel besser machen. Aber wenn man ein fleißiger Regenwurm ist und seine Pflicht tut und keiner Menschenseele ein Haar krümmt, dann ist es hart, von allen +verkannt+ und +verfolgt+ zu werden. Du lieber Gott! Sobald man das Unglück hat, Ew. Hochwohlgeboren in den Weg zu laufen, wenn Ihr hungrig seid, oder wenn die jungen gnädigen Herren oben im Nest eine kleine Erfrischung nötig haben, dann wird man natürlich gefressen. Das ist ganz in der Ordnung, und ich sage nichts dazu. Aber alle verachten uns und treten auf uns herum. Sie nennen uns häßlich; doch was sollten wir wohl unten in der feuchten, schwarzen Erde mit schönen Kleidern anfangen? Dann könnten wir ja unsere Arbeit gar nicht verrichten. Sie treten uns und glauben, wir haben kein Gefühl im Leibe; die Knaben hängen uns an den Angelhaken ... Ach, Ew. Hochwohlgeboren, es ist mitunter nicht leicht für einen, der tut, was in seinen Kräften steht.“

„Hm hm!“ sagte der Storch. „Du weißt dich ja in ein ganz gutes Licht zu rücken, wenn du erst einmal in Gang kommst. Ich habe wirklich Mitleid mit dir.“

„Tausend Dank, Ew. Hochwohlgeboren!“ sagte der Regenwurm und wand sich. „Seht, es gibt für einen Regenwurm nichts Schöneres, als an einem feuchten Sommerabend nach beendetem Tagewerk ganz langsam auf der Erde herumzukriechen. Dann genießt man das Leben so recht und sucht sich die Blätter aus, die man zur Nacht hinunterziehen will. Aber man wagt es kaum, weil die Leute so schlecht sind. Zum Beispiel der Pastor, der hier wohnte, das war ein guter Mann; aber er hatte nicht das richtige Verständnis. Ich hörte einmal, wie er zu einem von den Jungen, der auf einen Wurm trat, sagte, das dürfe er nicht; es sei zwar ein ekelhaftes Tier, und er solle es nicht anrühren; aber er dürfe ihm auch kein Leid antun, denn es sei doch eins von des Herrgotts Geschöpfen. Das war ja sehr schön; aber warum sagte er dem Jungen nicht lieber, daß wir schlichte Kleider haben, weil wir arbeiten, und daß unsere Arbeit allen anderen Tieren und den Menschen zugute kommt.“

„Tja--a!“ sagte der Storch. „Da haben wir diese Unwissenheit.“

„Könnte Ew. Hochwohlgeboren nicht ein gutes Wort für uns einlegen?“ bat der Regenwurm.

Der Storch blähte sich und sah sehr tiefsinnig aus, als er antwortete:

„Ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. An dem, was du da sagst, ist etwas Wahres; und du tust mir wirklich leid; aber ich weiß nicht recht; vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich hungrig werde. Doch ich will mir die Sache überlegen. Ich bin ja nicht ohne Einfluß bei den Menschen. Allerdings fresse ich Frösche und Schlangen und eine ganze Menge andere ihnen nützliche Tiere; aber ich bin ja schön und ziemlich selten, und dann ist da noch das mit den Kindern, du weißt ja. Wie gesagt, ich werde es mir überlegen.“

„Tausend Dank, Ew. Hochwohlgeboren!“ sagte der Regenwurm entzückt. „Und dann hört ... Ich kann Euch zur Entschädigung einen Dienst leisten.“

„Jetzt bildest du dir gewiß allerhand ein,“ rief der Storch und stellte sich sofort auf ein Bein.

„Ach Gott, nein! Ich weiß nur allzugut, was für ein geringes Geschöpf ich im Vergleich mit Euch bin. Ich will Euch bloß vor einer Gefahr warnen, die Euch droht!“

„Mir? Mir droht keine Gefahr. Ich werde im ganzen Lande geehrt und geschätzt; und der, der Jagd auf mich macht, muß Strafe zahlen. Ich glaube, du bist ein wenig übergeschnappt, mein lieber Regenwurm.“

„Wenn Ihr mich nur einen Augenblick anhören möchtet! Seht, -- wir graben ja unsere Gänge allerorten; und weil unser so viele sind, ist die ganze Erde durch Gräben unterwühlt. Hier im Garten sind wohl fünfzigtausend Regenwürmer vorhanden.“

„Das ist ja eine ganze Schar,“ sagte der Storch und leckte sich den Schnabel, so daß der Regenwurm schleunigst auf sein Loch zukroch.

„Wohin?“ fragte der Storch.

„Ich wage nicht, hier zu bleiben, wenn Ew. Hochwohlgeboren in einem so hungrigen Tone sprechen,“ sagte der Wurm.

„Spute dich und erzähle,“ rief der Storch ungeduldig.

Der Regenwurm steckte nur den Kopf zum Loche heraus und sagte:

„Ich will Euch nur mitteilen, daß wir das ganze Haus untergraben haben. Es kann jeden Tag einstürzen.“

„Ha ha ha!“ lachte der Storch.

„Ihr dürft nicht über mich lachen! Was ich da sage, ist wirklich wahr. Denkt daran, wie viele unser sind. Es liegt oft an uns, wenn die Häuser sich senken und Risse bekommen. Und der alte Pfarrhof ist so baufällig und morsch, daß er bald einfallen wird.“

Der Storch fuhr fort zu lachen und hackte mit seinem Schnabel nach dem Wurm. Aber der war schon tief unten in der Erde. Und der Storch flog aufs Dach zu seiner Frau hinauf und erzählte ihr von dem lächerlichen Regenwurm, der sich einbildete, er könne das Storchennest und das ganze Haus zerstören.

„Man soll sich mit dieser Sorte nicht einlassen,“ sagte die gnädige Frau; „solche Leute bilden sich zu leicht etwas ein.“

„Das nächste Mal fresse ich ihn,“ sagte der Storch.

* * * * *

Eine Woche verging, und der Storch und der Regenwurm sprachen nicht mehr miteinander.

An einem schönen, warmen Sommertag saß das Storchenpaar oben auf dem Dache und besah sich seine Jungen, die im Neste lagen.

„Nun haben sie Flaumfedern,“ begann die Störchin.

„Ja ... es dauert aber noch lange genug,“ sagte der Storch. „Die Frösche fangen an, vorsichtig zu werden. Es wird uns schwer genug werden, bis wir so weit sind. Heute morgen hab’ ich nur einen gefangen. Könnte ich den Regenwurm heute treffen, so sollte er gefressen werden, ehe er den Mund auftun könnte.“

„Was ist denn das?“ rief in diesem Augenblick die Frau. „Mir scheint, das Dach schwankt.“

„Was ist das ...“ schrie der Storch.

Doch bevor er ausgesprochen hatte, stürzte das Haus unter ihnen mit gewaltigem Getöse zusammen. Eine Staubwolke wirbelte hoch empor, und die beiden Störche flogen mit Geschrei in die Luft.

Das alte Haus war nur noch ein Haufen von Ziegelsteinen und morschen Brettern. Alles lag traurig aufgestapelt da, und ganz zu unterst lagen das Nest und alle Storchenkinder zermalmt und begraben.

„Meine Kinder! Meine Kinder!“ schrie die Frau.

Beide Vögel kreisten viele Stunden lang über den Trümmern. Sie hackten mit den Schnäbeln in den Steinen und dem Kalk umher, sie horchten und riefen, aber niemand antwortete, denn die Kinder lagen tief unten tot da.

Am Abend saß das Storchenpaar in einem hohen Baume im Garten; und sie besprachen das große Unglück, das sie betroffen hatte.

„Der Regenwurm!“ schrie der Storch plötzlich.

Die Warnung, die ihm der Wurm gegeben hatte, fiel ihm ein; und jetzt bereute er, daß er ihr nicht gefolgt war.

„Wie konnte ich ahnen, daß der närrische Wurm die Wahrheit sprach? Aber komm jetzt, wir wollen ihn fressen! Er und seine Brüder sind’s, die das Haus untergraben und den Tod unserer Jungen verschuldet haben.“

Damit flogen sie beide auf den Weg nieder und riefen den Regenwurm mit den zärtlichsten Worten:

„Komm getrost hervor, lieber Regenwurm!“ säuselte der Storch; denn er machte seine Stimme so sanft, wie er nur konnte. „Meine Frau ist hier und möchte gern hören, was du von deinem interessanten Leben drunten in der Erde zu erzählen weißt.“

Aber der Regenwurm hatte den Fall des Hauses vernommen und war so tief hinuntergekrochen, wie er nur konnte. Er hörte die Worte des Storches nicht und merkte es auch nicht, als die beiden Vögel wütend mit ihren Schnäbeln auf die Erde klopften.

Schließlich flogen die Störche fort, um bei den Nachbarstörchen Besuch zu machen und ihnen ihr Unglück zu erzählen. Aber als es dunkle Nacht war, kroch der Regenwurm ans Licht und streckte sich mit Wohlbehagen in dem taufeuchten Grase aus.

„Wie ist die Luft so wunderschön schwer,“ sagte er. „Wir bekommen Regen heut nacht. Ach ja, das Leben ist herrlich -- besonders seitdem Seine Hochwohlgeboren abgereist sind. Er war ja allerdings ein freundlicher Herr, aber man lebte doch in ewiger Angst, daß er hungrig werden könnte.“

In der Tiefe.

Der Einsiedlerkrebs ging auf dem Meeresgrunde spazieren. Schwerfällig zog er das Schneckenhaus hinter sich her, worin sein Magen und sein ganzer Hinterleib steckten. Er hatte gerade genügend gefressen, so daß er nicht hungrig war; freilich hätte er deswegen einen besonders guten Happen nicht verschmäht, falls ihm einer in die Quere gekommen wäre.

Aber dazu war keine Aussicht vorhanden. Der Einsiedlerkrebs sah nichts als eine alte Krabbe, die, in Gedanken versunken, mit seitlichem Gange daherkam, ferner eine Meerschnecke, die sich im Wasser wiegte, und endlich ein lächerlich-runzliges, eingeschrumpftes Ding, das auf dem Grunde lag und einer Feige glich.

„Du bist mir eine lächerliche Schnecke,“ höhnte die Meerschnecke.

„Ich bin gar keine Schnecke,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs. „Ich bin ein Krebs.“

„Dann bist du ein lächerlicher Krebs,“ sagte die Krabbe. „Scheren hast du ja und einen Panzer auf der Stirn und Stielaugen, aber mit was für einem Schneckenhaus schleppst du dich in aller Welt herum? Ist vielleicht etwas Gutes darin?“

„Das sollt’ ich meinen! Mein +Magen+ ist in dem Schneckenhaus.“

„Wo ist denn aber die Schnecke?“

„In meinem Magen,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs freundlich.

„Pfui,“ sagte die Meerschnecke und wiegte sich durchs Wasser weiter.

Gedankenvoll sah ihr der Einsiedlerkrebs nach:

„Wie ärgerlich, daß sie Reißaus genommen hat! Ihr Haus hätte so gut für mich gepaßt. Na ... es eilt nicht. Dann behelfe ich mich eben noch eine Weile mit dem alten.“

„Hast du vor, die Wohnung zu wechseln?“ fragte die Krabbe.

„Das muß man ja von Zeit zu Zeit,“ entgegnete der Einsiedlerkrebs. „Man wächst ja.“

„Ja, das bleibt ewig wahr. Die Wachstumsgeschichte ist das größte Unglück. Die anderen Geschöpfe wachsen +nach und nach+ und merken es nur daran, daß sie größer werden und mehr Appetit bekommen. Aber wir armen Krebse müssen es unsrer harten Schalen wegen auf einmal abmachen. Es ist noch gar nicht so lange her, seitdem ich die alte Schale abgeworfen und ganz weich und unglücklich dagestanden habe. Das kleinste Sandkorn, das ich berührte, tat mir weh. Oh, wie verdrießlich war ich da; und Appetit hatte ich auch nicht! Volle vierzehn Tage lang hab’ ich unter einem großen Stein gehockt und wäre vor Angst beinah gestorben. Wäre der kleinste Stichling gekommen, so hätte er mich umbringen können. Es ist eine aparte Sache.“

„Ja, mit meinen Scheren ist es genau so,“ sagte der Einsiedlerkrebs.

„Mit deinem Hinterleib verhält es sich wohl auch nicht anders,“ sagte die Krabbe.

„Mein Hinterleib hat keinen Schild,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs. „Was sollte er auch damit? Er liegt ja wohlverwahrt im Schneckenhause. Für ihn brauche ich keinen Kalk und kann meine Scheren desto stärker machen.“

„Wie apart!“ sagte die Krabbe. „Es interessiert mich außerordentlich, das zu hören. Ich bin auf alles Aparte versessen. Ich bin selber apart. Onkel Hummer geht rückwärts, und Cousine Garnele hüpft. Mich lachen sie aus, weil ich einen seitlichen Gang habe. Aber nun sage mir einmal Vetter ... denn ich darf dich doch wohl Vetter nennen?“

„Ja, was liegt mir daran!“

„Sag’ mir einmal, Vetter ... wenn du nun umziehst, suchst du dir dann einfach ein neues Schneckenhaus?“

„Natürlich,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs.

„Und dann ziehst du um?“ fragte die Krabbe weiter. „Das ist apart. Du hast es in Wirklichkeit viel besser als wir. Du kannst dir dein Haus selber aussuchen; und sobald du darin bist, ist alles in Ordnung.“

„Allerdings. Mein Hinterleib muß sich freilich erst ein bißchen an die neue Wohnung gewöhnen. Beim Umzug ergeben sich stets allerhand kleine Unzuträglichkeiten.“

„Höchst apart!“ sagte die Krabbe. „Willst du denn nicht bald umziehen? Ich würde mir die Sache gern einmal ansehen.“

„Das könntest du ja,“ entgegnete der Einsiedlerkrebs. „Freilich nur, wenn du gerade selbst die Schale wechselst; sonst fürchte ich, daß du meinen leckeren Hinterleib mit deinen Scheren attackierst.“

„Na, na. Wir sind doch anständige Leute. -- Ist er denn wirklich so lecker?“

„Anständige Leute +essen+, wenn sie hungrig sind.“

„Und dann gehören wir doch auch zu derselben Familie. Selbst wenn wir beide apart sind.“

„Familie ist Blödsinn. Da lobe ich mir einen rechten, guten Freund. Aber den findet man auf dem Meeresgrunde nicht so leicht.“

„Ich denke, wir könnten uns recht gut Freunde nennen, nachdem wir uns so voreinander ausgesprochen haben,“ sagte die Krabbe.

„Findest du?“ meinte der Einsiedlerkrebs. „Ich finde, nur Dummriane sprechen gleich von Freundschaft, sobald sie eine Stunde miteinander geplaudert haben, nachdem sie sich satt gefressen. Sollte ich einen zum Freunde wählen, so müßte es einer sein, der mir nützlich wäre, und dem auch ich Nutzen brächte. An andre Freundschaft glaube ich nicht.“

Da machte die Krabbe den Vorschlag: „Ich will dein Freund sein. Ich will daneben stehen, wenn du in ein andres Schneckenhaus einziehst, und achtgeben daß niemand dir etwas antut. Das wird apart.“

„Du alter Schwätzer!“

„Beschimpfst du mich?“

Die Krabbe wurde plötzlich wütend und ging auf ihren Vetter los.

„Nimm dich in acht,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Es mag sein, daß du ein bißchen behender bist als ich, aber dafür sind meine Scheren auch doppelt so groß.“

„So ein Wichtigtuer!“ rief die Krabbe. „Du glaubst, du seist besser als wir, weil dein Gesäß in einem Schneckenhause steckt. Und doch bin ich überzeugt, daß du der dümmste Wicht im ganzen Meere bist.“

„Und vorhin sprachst du von Familienzusammengehörigkeit,“ spottete lachend der Einsiedlerkrebs.

„Ich begreife nicht, wie ich mich überhaupt mit dir einlassen konnte,“ sagte die Krabbe. „Treff’ ich dich einmal mit bloßem Hinterleib, so ist es um dich geschehen.“

„Und soeben hast du noch von Freundschaft geschwatzt!“ rief der Einsiedlerkrebs und lachte noch mehr.

„Warte nur,“ sagte die Krabbe und lief dreimal nach der Seite um ihn herum.

„Gutnacht!“ sagte der Einsiedlerkrebs.

Er zog die Scheren ein und legte sie so, daß sie die Öffnung zum Schneckenhause ganz verdeckten. Da schimpfte die Krabbe noch ein wenig, und dann schwamm sie auf und davon.

Gleich nachdem die Krabbe fort war, steckte der Einsiedlerkrebs Kopf und Scheren wieder heraus.

Er konnte nicht einschlafen. Er dachte an das, was er selber von Freundschaft und Verwandtschaft gesagt hatte. Es war ihm nicht nur vorübergehend eingefallen, sondern er hatte schon oft darüber nachgegrübelt.

Wenn er so auf dem Meeresgrunde dahinkroch oder sich im Wasser in seinem Schneckenhause wiegte, dann +dachte+ er mehr nach als die meisten andern dort unten in der Tiefe. Und vor allem dachte er, wie schön es sein würde, wenn er irgendeinen guten Freund oder Kameraden hätte, auf den er sich ganz verlassen, mit dem er Plaudern und schweigen könnte, ganz nach Belieben.

Angehörige hatte er nicht. Seine Frau hatte er am Hochzeitstage zum ersten- und letztenmal erblickt. Kinder hatte er zu Tausenden in die Welt gesetzt, ohne sie je gesehen zu haben und ohne zu wissen, wo sie sich aufhielten. Niemals ließ er sich in Schwärmen sehen, wie die Garnelen und Fische. Darum war es nicht so verwunderlich, daß er sich zuweilen einsam fühlte.

„Könnte ich doch einen guten Freund ausfindig machen!“ dachte er. „Einen, der mir Nutzen brächte, und dem ich gleichfalls nützen könnte.“

Wie er nun seine Scheren im Wasser vorstreckte, stieß er auf das seltsame, verschrumpelte Ding, das da unten lag und wie eine Feige aussah.

„Gott weiß, was das für ein Kerlchen sein mag,“ dachte er. „Daß er hübsch sei, kann man nicht gerade sagen. Aber darauf kommt es auch nicht an. Vielleicht ist er tot. Vielleicht ist es ein einsamer Kavalier wie ich.“

Er stieß mit den Scheren daran, aber das Wesen regte sich nicht.

„Auf mit dir,“ rief der Einsiedlerkrebs. „Ich bilde mir ein, daß Leben in dir ist, und daß du dich bloß totstellst. Auf mit dir, oder ich beiße!“

Er schnappte ein klein wenig zu, um zu zeigen, daß er es ernst meinte. Im selben Augenblick fuhr er aber erschrocken zurück und retirierte, so schnell er es mit seinem Schneckenhause konnte.

Das unbekannte Geschöpf schwoll plötzlich an und faltete sich mit fabelhafter Geschwindigkeit auseinander. Im Augenblick hatte es sich in eine wunderbare, bunte Blume auf dickem Stengel verwandelt, der unten mit breiter Scheibe auf dem Meeresgrunde festsaß.

„Wer bist du?“ fragte der Einsiedlerkrebs. „Woher kommst du? Was willst du hier? Warum entfaltest du dich so? Warum hast du vorher wie ein sonderbarer Klumpen dagelegen?“

„Ich bin die Seeanemone,“ sagte der Fremdling.

„Das klingt hübsch,“ rief der Einsiedlerkrebs ihr zu. „Es deutet darauf hin, daß du eine Blume bist. Wir haben hier unten nicht gerade viele Blumen. Schön bist du auch. Und nun will ich noch mit deiner Erlaubnis feststellen, wie du duftest.“

Er streckte seine Fühlhörner mitten in die Krone der Seeanemone hinein, zog sie jedoch mit lautem Gebrüll wieder zurück.

„Ja, ich bin eine Brennessel,“ sagte die Seeanemone. „Du hättest mir fernbleiben sollen.“

Da schüttelte der Einsiedlerkrebs seine Fühler und putzte sie ächzend. Die Seeanemone aber freute sich und fächelte munter mit ihren schönen Blättern.

„Was wolltest du von mir? Warum warst du so naseweis?“

„Warum sollte ich zurückhaltend sein? Ich konnte ja nicht wissen, ob du nicht ein guter Happen für mich wärest. Noch bin ich eigentlich nicht hungrig, aber für einen guten Bissen habe ich stets Platz.“

„Mir geht es genau so,“ sagte die Seeanemone seufzend. „Ich weiß mich gar nicht mehr zu entsinnen, daß ich jemals richtig satt geworden bin. Sähest du nicht so verflucht hart aus, dann fräße ich dich.“

„Na, nur immer sachte,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich lasse mich denn doch nicht so mir nichts dir nichts fressen. Aber wenn ich auch außen hart bin, in meinem Innern bin ich dafür um so weicher. Du kannst dir keinen Begriff davon machen, was für einen leckeren Schwanz ich in dem Schneckenhause habe!“

„Laß mich ihn sehen!“ sagte die Seeanemone.