Mümmelmann: Ein Tierbuch

Part 7

Chapter 73,960 wordsPublic domain

Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht, zu fressen oder allein zu saufen, sondern interessierte sich nur für die Flasche. Eines schönen Tages biß er sich an der Hand eines Bekannten, der ihn neckte, den letzten Milchzahn aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie rasend auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden ihren schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten Reis vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte er sich auch lebhaft für den Garten, murkste in allen Ecken herum, stach unter heftigem Schnauben und Prusten unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen und verzehrte schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken, die er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes Fleisch, das ich ihm in den Rachen gestopft hatte, mit einer Gebärde tiefsten Ekels im hohen Bogen ausgespieen hatte. Jetzt aber schlang er alles hinab, was ihm vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben und Obst verschmähte er nicht, und die Herren Hunde mußten sich mittags beeilen, wenn sie überhaupt etwas kriegen wollten.

Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter wurde er. War er bei mir im Zimmer, so erlaubte er es nicht, daß ich ruhig am Schreibtisch saß. Immer wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte, und tat ich ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er über das ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür, daß es nicht zum Aushalten war. Vor den Hunden hatte er schon längst keine Angst mehr. Er jagte sie im Haus und Garten herum und brachte Battermann durch sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul auf ihn stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst beutelte.

Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach längerem Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen Garten zu verehren. Er war kaum einige Tage da, so erschien ein Freund unseres Hauses und teilte uns mit, der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt, die ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da war kein Dachs, und als ich den Wärter fragte, lachte der und sagte: »Der? den sollen die Hunde mißhandelt haben? Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen, er ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den Affen!«

Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein das Affengesindel ist, das wußte ich. Als ich aber an den Rhesuskäfig kam, da spazierte Dächschen ruhig und besonnen darin herum, fraß alles, was das liebe Publikum durch das Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten Akazien geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das Zusehen gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer von ihnen ins Parterre, dann sauste Dächschen sofort hinter ihm her und stach ihm ganz gehörig einen. Da er durch seine Erziehung an das Tageslicht und an die Menschen gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er hatte sogar Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht. Die Affen gewöhnten sich schon etwas an ihn, befolgen aber immer noch den alten Wahlspruch: »Vis-a-vis is beeter as dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb erwachsen, hatte sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus. Aber Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn die Affen aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen wurden und sich auf das Wasserbecken stürzten, um zu trinken, gab Dächschen jedem von ihnen, den er erwischte, einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die nassen Affen herauskrabbelten, dann lachte er.

Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem ungestümen Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich aufzureißen, was er so gründlich besorgte, daß er in den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort machte er es nicht besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche Wohnung im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte, weil er eine größere Wohnung gewöhnt war.

Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe widerstanden, suchte er sich andere Zerstreuung und die besteht darin, daß er jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn, der Stachelschweine, sich zu sehr seinem Käfig nähert, ihm einen oder mehrere Stacheln mit großer Behendigkeit ausrupft, die er dann, hat er gerade nichts Besseres, ruhig und besonnen zerkaut.

Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß ich ihm die Flasche gab, kennt er mich und wenn mein Trillerpfiff erklingt, stürzt er aus seiner Höhle und wartet der guten Dinge, die da kommen sollen.

Meine lieben Hunde aber sind alle tot.

Die Zeit der schweren Not.

Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem was am Berge lebte, mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs, blies er in ihre Verstecke und Bussard und Krähe, Meise und Häher pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der Eiche sprang, still stand der Graben und der Bach verschwand.

Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor er den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer, schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und eine Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht, und so noch einmal, bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden, das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe und Häher tauchten auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem Kleinvogelvolke.

Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume, er knickte die Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da kam die Zeit der schweren Not.

Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was der Berg an Äsung bot.

Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und immer größer die Lichter.

Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel zeichneten sich blaßrote Flecke ab.

Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf, schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde, einen ganzen Tag und eine volle Nacht.

Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin, mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und wo sie zogen, da wurde der Schnee rot.

Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte, bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf. Ein drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte im eisigen Wasser.

Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt, war reicher beschickt, als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und das Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden sein und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten Sehnenfetzen von den Knochen.

Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu Tag mehr in die Breite ging.

Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören mißmutig ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.

Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und er schlug Stück um Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke Fährte stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie zu halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse; er schob den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen, kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen und dann schnürte er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so, wie oben.

Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen vermag.

In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze, schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stücke wahrgenommen hatte, das ihm verloren gegangen war, eine unbekannte, verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung, zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen, Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute dem Frieden nicht.

Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten, da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und grob schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind, trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an.

Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlang strich, um eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen, rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt mit dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann strich die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen.

Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.

Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war, die Zeit der schweren Not.

Des Rätsels Lösung.

Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas Rätselhaftes ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, Unbegreifliches, Transzendentales.

Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der Hof des Forsthauses eine so sonderbare Witterung hat? Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch nicht? Also: »Was ist es?«

Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und der Belaufsgrenze, als eine Hundenase verstehen kann. Das ist das Ergebnis der philosophischen Betrachtungen Waldmanns, ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe genommen hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, das eine ganz andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs und Has' und Reh und Hirsch und Sau, und auch eine andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und Eichkater.

Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in den Torfschuppen. Manchmal bleibt es drei Tage aus, aber am vierten ist es wieder dagewesen. Einmal war es eine volle Woche fort und Waldmann dachte kaum mehr daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann wie toll hin- und herlief und winselte und kratzte und kläffte, bis der Hegemeister fragte, ob er nicht ganz klug sei.

Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier war, vergaß er die unerklärliche Witterung, draußen gab es immer so schrecklich viel zu schnüffeln und ab und zu auch etwas zu zausen; heute einen Fuchs, der die Kugel zu kurz bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das Waldmann arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein großes Vergnügen, am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, und ein noch größeres, das Stück zu Stande zu hetzen, und das größte, es an der Drossel zu schütteln, als es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen Arbeit vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für Nacht auf dem Hofe umging.

Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß ihm der Gedanke daran in den Sinn. Und wenn er noch so hungrig war und die Frau Hegemeisterin ihn auch noch so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf den Schweinestall los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte und winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich schließlich mit nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender Rute in das Haus, und der Hegemeister lachte und meinte: »Unser Waldmann hat den Rattenkoller. Wir wollen Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die Behänge, und dann schoß er wieder auf den Schweinestall los und fing an zu schnüffeln.

Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem Sessel saß, fuhr er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe das Mädchen um, das mit dem Nachtmahl hereinkam, rannte in den Hof und kläffte und winselte an dem Torfschuppen herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und her, sprang an den Wänden hoch, kletterte über die Törfe, schnaufte in alle Ecken hinein, bis er von dem Torfmull einen Husten bekam, und zog schließlich, von dem Hegemeister weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag er während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst der Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, wenn er der Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an den Tisch.

»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht am besten! Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas auf dem Hofe war, und es war nicht Müschen, die Katze, und eine Ratte war es auch nicht, und es war etwas, das ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, das die Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß aufpassen, daß es kein Unglück gibt. Herrchen ist ja der klügste Mensch, den ich kenne, aber gegen uns ist er doch ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht besser, als die anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten, das Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, und Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die jeder feinen Nase entsetzlich sind!«

Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß Waldmann noch einmal nach dem Wetter sehen wollte, und er ließ ihn hinaus. Wieder ging das Hin- und Hergerenne und das Gewinsel los; und als sich der Hegemeister zu dem Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem Torfschuppen zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm empor, pfiff in den höchsten Tönen und stellte sich an, als hinge das Wohl und Wehe des ganzen Hauses davon ab, daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der Hegemeister ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die Törfe; da lief Waldmann hin und her und machte einen Lärm, wie eine ganze Meute, bis schließlich ein halbes Hundert Törfe ins Rutschen kamen und mit dem Hunde dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht um die albernen Ratten auf!« Als aber mitten in der Nacht Waldmann mit fürchterlichem Gekläffe aus seinem Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von da gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn doch etwas zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an den Hals und wurde in einer Weise angeschnarcht, die ihm durchaus nicht paßte.

Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag; er ließ seine Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem Wege und verkniff sich das Pfeifen und Wedeln, als er mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu versöhnen, schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu verspeisen, wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ sie liegen, und der Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte und sagte nachher zu Hause: »Der Hund trägt es mir jetzt noch nach, daß ich ihm heute nacht den Pantoffel an den Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel genommen, als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der Ausdruck: »Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er beim Abendbrot noch nicht einmal, als ihm eine Fetthaut von der Leberwurst hingeworfen wurde, und es dauerte fast fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen.

Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn möglich, daß die Menschen essen und trinken und lachen können, während es draußen umgeht? Wer weiß, ob nicht schon heute nacht das schreckliche Wesen sich in das Haus schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe hinaus und war und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister pfiff und pfiff. Die ganze Nacht blieb er draußen, bald auf der Schwelle lauernd, bald am Schweinestalle oder am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts, und als die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und ließ sich erst wieder blicken, als es etwas zu fressen gab. Der Hegemeister war dann noch so taktlos, ihn zu fragen, ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt habe, eine Äußerung, die nicht geeignet war, Waldmann in bessere Stimmung zu versetzen.

Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt. Der Knecht kam herein und sagte: »Wir haben nämlich die erste Neue, Herr Hegemeister, und ich glaube, der Waldmann der war nämlich klüger als wir alle zusammen. Vom Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum das morgens auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich glaube nämlich, wir tun dem Hunde den Gefallen und machen ordentlich Blechmusik, indem das nämlich der Iltis für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten Hegemeister wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der stellte sich nämlich mit der Flinte an und wir ließen die Hunde in die Ställe und machten mit Kasserollen und Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der Iltis, und entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu fassen.«

Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir das nämlich so machen.« Und so ging die Geschichte los. Der Knecht und die Line und sogar die Frau Hegemeisterin nahmen Topfdeckel und zogen in den Schweinestall, der Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem Hofe an und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der Lärm los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in den Torfschuppen und winselte da so lange herum, bis der Knecht ihn hineinließ. Da stellte sich Waldmann ganz wild an, so wild, wie er wurde, wenn er eine kranke Sau verbellte, und er scharrte und kratzte an dem Torfe herum, daß der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe auseinander.«

Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter mit den Topfdeckeln klappern. Auf einmal schrie sie auf, ließ die Deckel fallen, hielt sich die Röcke zusammen, rannte dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die Pfeife aus dem Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten, was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und hinterher sauste Waldmann. Und da hörten sie auch, wie die Frau Hegemeisterin schrie: »Bravo, Waldmann, bravo! Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker, so recht, so schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht und Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt. Waldmann stieß den Iltis, der nur noch ein ganz wenig zuckte, hin und her, schlug ihn sich noch einmal um die Behänge, trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf seine Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister den Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte.

»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja ganz glatt hinunter, aber er dachte doch bei sich: »Ihr hättet mir viel Ärger und Kummer ersparen können, wenn ihr eher auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer recht habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die Nase und so kann man euch schließlich nichts übel nehmen.«

Das Eichhörnchen.