Part 6
Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und besuchte den Hausherrn. Als er sich verabschiedete und sagte: »Hoffentlich haben Sie für Ihre Heidfahrt schönes Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch, Quatschquatsch!« Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie traurig es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak sich sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle her. Wieder einmal kam ein junger Geck zu Besuch und stellte seine Angströhre hinter sich auf den Rasen. Als er sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein Pomadenhaar. »Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief Jakob und machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben.
Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines Tages ging die Familie aus und vergaß ihn einzusperren. Auf dem Rasen lag die Wäsche zum Bleichen. Jakob pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf die Wäsche und massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur so herumstob. Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen gepflanzt, abwechselnd rote und weiße. Nach dem Mittagessen gab es ein großes Geschrei: alle Maßliebchen waren geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in ein Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung; in dem einen Loche lagen die weißen, in dem andern die roten Blumen.
Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das Eisen der Harke zu setzen, wenn die Gartenwege geharkt wurden; dann benahm er sich so stolz, wie ein Mann, der sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte. Einmal stellte er sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch ein. Er plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf das Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich einige Tage später. Er flog auf die schlappe Waschleine und konnte das Gleichgewicht nicht halten. Ein Vaterunser lang schaukelte er auf der Leine hin und her und schrie, als zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich benahm er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über den Kopf stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann schüttelte er den Kopf wie unklug, darauf versuchte er Rad zu schlagen und Kobolz zu schießen, schließlich hüpfte er im Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine verrückt gewordene Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten.
Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den ersten Schnee seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht wie eine Kuh, die es donnern hört. Dann fraß er ein bißchen von dem weißen Zeug. Darauf warf er Stücke davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich kollerte er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung, daß er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an, aber der andere blieb kalt. Dann zog er den linken an, aber nun wurde wieder der rechte kalt. Auf einmal begann er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und ging nicht mehr auf die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im Garten lag.
Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas Bier stehen. Erst schmeckte es ihm nicht, aber der Durst trieb es hinunter. Als der Hausherr zurückkam, war das Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken, wie ein Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es noch nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert Male, dann versuchte er zu krähen, bekam aber den Schlucken. Alsdann versuchte er geradeaus zu gehen, taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren; dann flog er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem Rosenbusche, in dem er so lange herumkrabbelte, bis der Hausherr, der sich halbtot lachen wollte, ihn erlöste. Darauf versank er in Melancholie, zog den Kopf ein und stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt auf die Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand, mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und trank so viel, wie er sonst in einer ganzen Woche nicht trank. Nun überfiel ihn der Zerstörungskoller und er riß Gras und Blätter ab und sprang dabei herum, wie ein Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann verschwand er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr schlechter Laune, großem Brand und völliger Freßunlust wieder zum Vorschein.
Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter Heuchler und ein gerissener Dieb und wurde deshalb auf das Land verschenkt. Dort führte er sich aber so übel auf, daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber selbst das half nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen, lockte Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken an seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein. Schließlich trieb er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen Garten schenkte.
Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern füttern und sagt zum Dank: »Quatsch!«
Hausfriedensbruch.
Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte es gern, und so mußte er sich fügen; was sollte er machen?
»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was willst Du in der Stadt wohnen? Erstens kennst Du niemand dort, zweitens wohnt Dir allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! Dein schönes Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. Und was muß man weit fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast Du die fettsten Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper besucht Dich, wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, sie alle sind nett zu uns. Und ist Dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere. Laß uns nur im Walde bleiben.«
Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an:
»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut reden von Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer dasselbe und immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: Du fliegst hierhin und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst Du immer allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich dumm und albern und höre und sehe von der Welt nichts. Höchstens, daß Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die Wohnung? Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten, hellsten, luftigsten Villen frei!«
Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht. So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die Stadt.
Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken, Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon war am Teiche eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht.
Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, schlug mit den Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber sie ließ sich nichts merken.
Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große, weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß; darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den Gliedern.
Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn, dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe.
Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja auch die Kleinen da, und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen und brüten.
Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug los wurde, schaffte sich ein pikfeines, schöngemustertes Reisekleid an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war man am Fluß, wo Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen.
Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, meinte Dickkopp, jetzt sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst nach der Pfalz, wo jetzt die schönen Trauben reif wären, dann nach Italien und Spanien, vielleicht auch nach dem Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel. Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr milde gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie hatten es bereut, denn es regnete viel, und wenn einmal Frost und Schnee einsetzte, dann sah es mit der Beköstigung recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse erst noch einmal nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. So flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla.
Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen Baum zwischen den blaubereiften Zwetschen. Als sie aber näher kamen, saß ein dicker, frecher, alter Spatz darin und tat so, als ob er immer darin gewesen wäre. Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann setzte sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl von diesem höheren Standpunkte aus an, überlegend, was da zu machen sei. Watscheline aber fuhr wie wild auf den Eindringling los.
»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? Was machen Sie da?«
»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und seine Augen funkelten höhnisch.
»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er sitzt da in anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß Sie herauskommen, oder ich bringe Ihnen Manieren bei.«
»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling, »behalten Sie das bißchen man alleine; ich will Sie nicht berauben.«
»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört? Das ist doch zu frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, Dickkopp!«
»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, Dickkopp kann so bleiben.«
»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit solchem Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es erst mit Güte.
»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich »das ist unser Haus.«
»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« fragte trocken der Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? Und gleich bar bezahlt oder was?«
»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des Besitzers bewohnt und darin zweimal gebrütet und haben so ein historisches Recht darauf.«
»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das sagte die Katze auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne ich es mit Erlaubnis des Besitzers und beanspruche ebenfalls ein historisches Recht, denn meine Frau wollte schon früher darin brüten, und auf einmal waren Sie da.«
»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,« meinte Dickkopp höflich. »Sie hätten sich nur zu melden brauchen. Aber ich denke, wir einigen uns. Wir haben uns nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen jetzt bis zum März, solange können Sie darin wohnen.«
»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,« höhnte der Spatz.
Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang sich noch: »Und im März treten Sie es uns dann wieder ab, nicht wahr Herr Sperling?«
»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der.
»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die Sache zu dumm wurde, »sind Sie denn verrückt?«
»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück.
»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!«
»Danke, habe selber welche!«
»Wollen Sie heraus oder nicht?«
»Ich ziehe das letztere vor!«
Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, der aber kannte das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline so unvorsichtig war und in das Schlupfloch kroch, faßte er sie beim Hals und kniff sie, daß sie schrie.
Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in das Haus, fiel über den Spatz her und hackte gewaltig auf ihn los. Als der Sperling merkte, daß er an den Unrechten gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun kamen sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit Verbal- und Realinjurien über das Starenpaar her.
»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen und schnurren sich in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind! Bagage! Kirschendiebe! Schneckenfresser! Und krumme Beine haben sie! Und gelbe Schnäbel bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen! Wartet nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten Lappen abreißen! Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr! mit uns! Na, wartet bloß!«
»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich zumute wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns mit dem Gesindel herumschlagen!«
Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie draußen über der Wiese auf dem Telegraphendraht ihre Federn ordneten, rückte die Frau an ihren Mann heran und sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im Walde, nicht wahr?«
»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht gleich gesagt. Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht hören!«
Mein Dachs und meine Dackel.
Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter Seite eine Kiste abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt. In seinem Begleitschreiben teilte der unbekannte Absender mit, der Dachs sei für meine Hunde bestimmt.
Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens einmal des Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine Schinderei gewesen wäre, die Hunde an dem wehrlosen Tierchen zu arbeiten, und drittens war es auch viel zu niedlich dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein kleiner, weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer, rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise, und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann, waren allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd, bellend und pfeifend tanzten sie um mich herum und baten: »Laßt uns doch den Stinker, wir möchten ihn bloß ein ganz klein bißchen langziehen!«
Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so wurde ein Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer Milch gefüllt, und nachdem er einige Male durch gellendes Keckern sein Mißbehagen über den ungewohnten Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und anhaltend, während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust nur so aus den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich ihn bekommen, nachmittags lief er schon hinter mir her, wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen war er ganz an mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie er meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen rechten Schuh und lutschte ruhig und besonnen an meinem linken herum, wenn er nicht plötzlich zusammenzuckte und mit Zähnen und Branten ein furchtbares Gemetzel unter seinen Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig voll von langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll, daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur befreite ihn aber für immer von dieser Plage.
Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte Kiste im Keller angewiesen, in der er so lange blieb, wie es ihm paßte. War das aber nicht der Fall, dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte wie verrückt an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend, daß eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so daß ich aufstehen und ihm eine Flasche machen mußte. Schwach war er übrigens auch nicht. Da er nachts immer im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt und mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine gelegt wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in seinem Bett herum, bis er Steine und Gitter herunter hatte. Aber reinlich war er. Seine Bedürfnisanstalt hatte er in einer bestimmten Kellerecke, vor der ein Stein lag, und es war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel Mühe rückwärts über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer dem gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger hatte oder sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn man ihm plötzlich zu nahe kam, wobei er seine Haare sträubte, sich aufblähte und sich nach Möglichkeit den Rücken zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen, wenn er die Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn ihm irgend etwas nicht paßte.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn gewöhnte. Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte ihn, nachdem ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen tabu sei. Patzel sah ihn mit weißfunkelnden Augen an, war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu vergreifen. Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie er ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als er aber einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute, da fing er an zu mucken. Er guckte uns nur noch von der Seite an und machte ein Gesicht, als wenn er sagen wollte: »Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann brech' ich allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und ich konnte sie schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit ihm zusammen lassen.
Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er lutschte täglich einen bis anderthalb Liter Milch aus und wußte sich seiner Haut brav zu wehren. Nach drei Wochen brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die Hunde taten dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe ließ. Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie fortwährend in die Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm nichts tun durften, so kniffen sie peinlich berührt, vor ihm aus, wenn er sich sehen ließ, oder retteten sich auf Stühle und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier, dessen schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine Mama erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien, sauste Dächschen hinter ihm her und versuchte zu saugen, eine Zumutung, die Bob stets mit großer Entrüstung und Verlegenheit erfüllte.
Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den kleinen Grimbart, daß sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen entstanden, daß alle Zuschauer Tränen lachen mußten. Am lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die Treppe hinuntertrudelten und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte, indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn die Treppe hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts lieber, als den Dachs in den Nacken zu packen und viertelstundenlang herumzuschleppen. Gar zu gern hätte er ihn gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle fassen, immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg, und wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann schlug er um sich, daß es nur so brummte.
Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann Gelegenheit hatte, einen Bock zu arbeiten und einen alten Fuchs zu zausen, aber auch die Staupe durchmachen mußte und seinen lieben Bruder Patzel durch einen unglücklichen Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden, der sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst lustig anzusehen, wie Battermann sich zu ihm stellte. Er hatte den Dachs zuerst nicht mehr in der Erinnerung und fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich aber gehörig wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm nichts tun dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir sogar aus dem Wege, wenn er witterte, daß ich mich mit dem Dachs beschäftigt hatte. Er war eifersüchtig und beleidigt.
Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und las. Da der Dachs mich fortwährend störte, stieß ich ihn zurück und sah dabei, wie Battermanns Augen leuchteten. Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen, eine Gunst, die ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er hatte eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte von nun an immer mit Dächschen. Ihr Hauptspiel war Schliefen. Dächschen schliefte unter das Faulbett, und Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte standhaft, bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er ihn beim Nacken herauszog, worauf dann die wilde Jagd unter allen Stuhl- und Tischbeinen her weiter ging.