Part 9
Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die Nonne sein soll, so war sie -- so gab sie sich, so dachte und fühlte sie. Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse -- -- -- ach, was -- es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines Interesse gewesen. -- Diese interessante Species -- eine moderne Nonne, war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in Büchern, noch im Leben.
Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen keuschen Seele und das Ergebniß -- -- -- -- ja, das Ergebniß war hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben -- die Welt verachten, verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!
Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.
Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen Docenten. --
Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine Erklärung zu bitten.
Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen begleitet, den Saal betrat. --
Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den Leierkasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner Geldstücke. --
Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht, sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht. Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den Nacken herab.
Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.
Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren. »Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann.
Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die Gestalt des mit ärmlichem Putz gekleideten Mädchens.
»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer Sicherheit, als gebe ihm dieser Name ein Recht, hier zu thun, als sei er zu Hause.
Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, ehe er, wenn es nöthig werden sollte, grob wurde, aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen dieses Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt auf ihn zu.
»Was wollen Sie hier?«
»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, das soll hier gestorben sein,« sagte der Mann und wie erklärend fügte das Mädchen hinzu: »Meine Mutter.«
»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es denn einen Mann geben, der nicht weiß, wo seine Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr. Schlüter.
Der Vagabund schwieg.
»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.
Der Mann suchte immer noch vergeblich nach Worten. Er hatte sich das einfacher gedacht, nach seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline Schwarz war, die hier starb, und ihn als ihren Mann erkennen.
Nun wußte hier niemand etwas davon, und dieser Herr Doctor hatte eine Art zu fragen, die ihn lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an die Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer genug gewesen, auf die Polizei zu gehen, um sich hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, Fragen über Fragen an ihn richtete.
Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen sei.
Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik gebracht und wann sie gestorben war.
Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz -- Karoline Schwarz« -- wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner Station gestorben sei?«
»Ein Herr auf dem Bureau.«
Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die Leute zurück.
»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den Namen betrifft.«
Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und Entsagens, das sich vor ihnen entrollte.
Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen, aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren. Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein hatte für das Weib zu sorgen.
Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. -- Einige Tage hielt sie sich noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen.
»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich machen?«
»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib zurück, nicht wahr?« unterbrach ihn der Arzt, mit vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er, wen er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche Scene, wo ihm, von Schmutz starrend, die am Hungertyphus sterbende Unbekannte von der Polizei zugeschickt wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz des Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, die da hinter ihm stand, nach ihrem Tode als Gerippe präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, Hunger, armseligem Vortheil und gedankenlosem Egoismus. Das Ende dieses Menschenlebens hatte er gesehen, es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber erschien ihm das, was diesem Ende vorangegangen war, noch schauerlicher und trostloser. Ein Menschenschicksal -- -- was für ein Schicksal.
Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. Verlegen drehte er den breiten, schäbigen Hut zwischen den Fingern.
»Was will man machen,« stotterte er -- »bei den schlechten Zeiten, ein so schönes Stück Geld. Bei manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs Mark an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib -- ein schlechtes Weib, -- Herr -- sollte ich mit ihr zusammen verhungern?«
»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein verhungern zu lassen,« bemerkte der Arzt scharf.
Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen.
»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte keinen Schritt mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie auf die Beine kam, und sie konnte so schimpfen, und sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und sogar an meinem Schatz.«
Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die beiden Herren mehr als alles Andere.
»Ihre Mutter ist verhungert,« -- rief der Student rücksichtslos dem Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer geneigt war, das so unumwunden auszusprechen.
»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, »ich habe ihr Alles hingelegt, Brodscheiben und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln. Bis sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit sein, daß sie mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«
»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, daß die Frau Brod und Kartoffeln nicht genießen konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller Entrüstung an.
»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und auch noch Schnaps, das sind gute Dinge. Die Carousselleute meinten das auch, etwas Anderes haben arme Menschen nicht zu verzehren.«
»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« begütigte Dr. Schlüter, »aber wer sollte denn nach der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht in ein Krankenhaus?«
»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier nicht unterstützungs- und heimathberechtigt,« warf das junge Mädchen ein.
»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte der Mann zuletzt energisch.
»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, und ich will Ihnen erzählen, was daraus geworden ist,« sagte der Stationsarzt. »Die Vorräthe haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, den Branntwein mag die Frau selbst getrunken haben. Dann wurde sie schwächer und schwächer, hatte fürchterliche Schmerzen und den brennendsten Durst, den Sie sich denken können.
Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, niemand sorgte für ihre Reinlichkeit, das Ungeziefer kam und quälte sie auf ihrem nassen, schmutzigen Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst derer, die das Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.
Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, hat die Menschen und die Welt verflucht und hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die Polizei sie fand. Die Polizei hatte Erbarmen und brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht mehr helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«
Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften Juni ist sie Abends zum Todtengräber gebracht. Der wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,« sagte er, ohne von dem Buche aufzusehen.
Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.
»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte die Tochter.
»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte hinzu, und ohne Dank, fast ohne Gruß verließen sie den Saal, um weiter zu suchen nach dem Stückchen Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen Weibes nach ihrer Ansicht ruhte.
Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte Entrüstung über dieses Gesindel aus und empfahl sich dann dem Privatdocenten, der in Gedanken verloren vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz stehen blieb.
Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer fast nicht mehr menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit und herab geneigt über dieses Bild tiefsten irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet von Erbarmen und Liebe. Liebe? -- -- --
Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen nicht. Sie liebte nur ihren Herrn und Gott, die Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur Mittel zum Zweck. -- »Was ihr gethan habt dieser Geringsten einem, das habt ihr Mir gethan.« -- Das war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht gethan, gefühlt hatte sie nichts für die Unglückliche, und diese -- diese gerade war wohl auch der Liebe nicht werth gewesen.
Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten Knochenhänden. Gegen Mann und Kind hatte sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, ruhelos, mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde gefunden zu haben, auf dem auch der Aermste Anspruch hat zu ruhen -- ruhen -- nach dem Tode. --
Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem Geräusche den sinnenden Mann. Sollte man ihm einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch die Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?
Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah wieder den Straßenmusikanten mit seiner Tochter eintreten.
Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war einen Schein blasser als vorher, und der Mann schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.
Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, zu antworten, ging er mit stierem Blicke und unsicheren Schritten durch den ganzen Saal, grade auf das Gerippe zu.
Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.
»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf. --
»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter Stücke haben sie Dich geschnitten und ausgenommen, wie ein geschlachtetes Thier, und Deine Knochen blank gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe im Grabe gegönnt, und nun stehst Du da und bist todt?«
»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter zugleich entrüstet und erschrocken, »was faseln Sie, was rütteln Sie an dem Scelett? Um Gotteswillen, es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es los, Sie zerbrechen es ja.«
»So -- es ist mehrere hundert Mark werth?«
Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm des Proletariers. Er trat scheu zurück, aber in seinen Augen loderte eine wilde Drohung.
»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« fragte er mit finsterer Miene.
»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen das gesagt?«
»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl gewesen sein,« antwortete die Tochter für ihren Vater.
»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war ein armes Weib und bös, ja sie war bös, aber ein Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen Hund ein,« grollte der Mann.
»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte der Kliniker. »Wenn hier jemand stirbt, für den niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten bezahlt, so kann das Institut -- ich meine die Doctoren können dann mit der Leiche machen, was sie wollen.«
»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein -- so ein Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?«
»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.«
»Nun also -- was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?« fragte der Arzt erleichtert.
»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt, aber ein Mensch, -- ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem Tode? Nach dem Tode -- zu dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu machen.« Er lachte laut und wild auf.
Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.
»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen, diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« -- -- --
Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.
Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb einige Worte darauf.
»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages, fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« -- --
Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn an sich.
Fünfzig Mark! ......
Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen Wüthenden zu halten. Mit respectvollem Gruß entfernten sich Vater und Tochter.
Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf das graue Gerippe der Gattin und Mutter. Es war ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb -- aber was wollte man machen!
Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten das brauchen -- sie lebten und darbten.
Die Mutter aber -- -- -- -- ja, die stand da und sah ihnen nach aus ihren leeren, großen Augenhöhlen. Sie war übel daran, aber sollte man deshalb die fünfzig Mark verschmähen? -- Ein solches Opfer für sie, konnte sie das wohl verlangen, noch dazu jetzt -- -- -- nach dem Tode? -- -- --
Ende.
Doctor Cäcilie.
Hochwürdigste, gnädige Frau!
In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen. -- Meine Frau ist nach einer, wie es leider den Anschein hat -- vergeblichen -- Krebsoperation einer sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.
Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.
Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir, schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.
Mit hochachtungsvollster Ergebenheit
Ihr gehorsamster
_v. Möbius_, Premierlieutenant.
Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften, die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer Vorgesetzten zu sprechen.
Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen vermochten.
»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir schicken?«
Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf. »Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, wir haben nicht genug Schwestern.«
»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden wollen, habe ich nur erhalten.«
Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«
»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«
»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute alte Schwester.
»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.
Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit raschen Schritten den Saal.
Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.
Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte ihm freundlich die Hand.
Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«
»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß, schon seit Jahren verstorben?«