Morphium: Novellen

Part 8

Chapter 83,609 wordsPublic domain

»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als möglich der Gesellschaft nachkommen!«

»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«

»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen, wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist so groß, daß sie lieber sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch nicht im Stiche lassen würde.«

»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist, daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt.

»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht, was uns da manchmal vor Augen gebracht wird -- es ist zuweilen gradezu himmelschreiend.«

»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« --

»Sie meinen? O -- hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl aufzufinden sein, indeß vorläufig -- die Begräbnißkosten -- --«

»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das besorgt die Universität.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine die Anatomie.«

»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«

Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum noch Zeit, sich dazu umzukleiden.

Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die Leiche sah bei dem elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen fratzenhaften Eindruck.

Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand hochinteressant.

Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbnißkosten dieser Todten, die inneren Organe, die alle mißgestaltet und ungewöhnlich waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers einschließlich des Kopfes wurden vom Fleische befreit, präparirt, gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule besessen hatte.

Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste mit menschlichen Resten zum Todtengräber.

Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten Winkeln der Kirchhöfe.

Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden, die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune verlassen hatten.

Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört, man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.

In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln zuckte.

»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.

Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine Anfechtung« -- wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.

Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele, nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu suchen und seine Gnade.

Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie, in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.

Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch Schmerzen.

Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.

Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater. Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief -- sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.

So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die Seelen der Novizen ausgeübt wird.

»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute waren.

Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz entschieden ihre Kräfte.

Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der über der weißen Stirnbinde lag.

Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.

All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich deshalb an die Schwester Domina.

Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten der Anstalt zuzubringen.

Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm, indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.

Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen hervor und fielen auf die Blätter.

Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte, daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie auf die Bank zu setzen.

»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden stören kann, den Sie gefunden haben?«

»Ich habe einen Zweifel.« -- Zögernd, gepreßt rang sich das Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut werden zu lassen.

»Sie -- einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«

»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein historischer Zweifel.«

»Wie -- was?«

Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.

Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in den Armen der ihren zurück. Da -- da schritt über den Markt die Jungfrau Maria.« ....

»Nun und was weiter?«

»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser Diocletian lebte.«

Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien.

Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte aufhören.«

»Bitte, lesen Sie.«

Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die Stelle.

Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er, »eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.«

»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich. Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte.

»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des Fleisches?«

»Ja.«

Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte, zufrieden gewesen war.

Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.

Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust gelesen habe.

Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat eintrat.«

»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«

»Achtzehn Jahr.«

»Was haben Sie seitdem gelesen?«

»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«

»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«

»Es muß mir genügen.«

Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich ihr ganz widmen, imponirte ihm.

Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen schwieg sie.

Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte; aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«

Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie eine Leiche werden.

Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum Plaudern und Scherzen.

Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen, klugen Mädchen.

Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.

Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, die Kinder der Kirche aber übersieht sie.

»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. -- Wer beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«

Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah, eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten, dunkelsten Mittelalter.

Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.

Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.

Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. --

Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das Isolirzimmer der dritten Station gebracht.

Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.

Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung zurückkehrte.

Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.

»Gerne Barbara« -- er vermied es, sie Fräulein zu nennen -- »warum sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«

»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor waren Sie -- Sie auch dabei?«

»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«

Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren Hände herab.

»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt, deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«

Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind?« hauchte sie.

»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.«

»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des Herrn.«

»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern, nicht wahr Schwester Clarissa?«

»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie.

Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«

Die Schwester schwieg.

»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara.

»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«

»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das Kind gesehen, sagen Sie mir, o Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«

»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«

Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie weinte leidenschaftlich.

»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«

»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie -- niemals wiedersehen.«

Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun -- als Arzt, um ihrer Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig ungeschickt -- »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später -- -- nach dem Tode -- -- --«

Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten Angst auf Schwester Clarissa.

»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit -- werde ich es wiedersehen, das ungetaufte Kind -- -- nach dem Tode?«

Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und rauh.

Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. --

Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer. Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.

Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und Thun der meisten Menschen trennte.

Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«, mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.

Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings umwallt, die Stirn verhüllte.

Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre Person beschäftigte ihn nicht mehr.

Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.

Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.

Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte, ihr näher zu treten. Ihre Augen -- ja das war es, in ihren Augen hatte etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts Anderes gewesen war, als Fanatismus.

Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.

Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen ihn kalt.

Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie -- sie erachtete die Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung willen, die sie für sich und Andere erhoffte -- -- nach dem Tode.