Morphium: Novellen

Part 7

Chapter 73,650 wordsPublic domain

Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten, nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.

In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.

Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.

Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.

Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.

Das Isolirzimmer der Station war leer.

Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige Lippen.

Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse besonders bezahlt werden.

Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil schliefen sie.

Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt, sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um nachzusehen.

»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«

Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt. Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.

Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall gestört,« -- so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.

Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.

Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.

»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie freundlich.

Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«

»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig näherte.

»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der Stationsarzt.

Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier nebenan zu thun.«

Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.

Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat, sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte, dem Wärter und der Schwester zurück.

»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.

»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon nach ihm geschickt.«

»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen, dessen Papiere fehlen.«

»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«

Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,« erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«

»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und Schmerzen.

Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse war.

Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier eigentlich vorliege.

»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn, Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch einen Wärter.«

Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.

Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm lag.

Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.

Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.

Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und diese Kleider. -- Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an unerträglich zu werden.

Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person abrieben und auf der Bahre festbanden.

Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was, fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster gingen, daß Ihnen mal so etwas -- solche -- erlauben Sie gütigst -- Schweinerei unter die Finger kommen würde?«

Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie. »In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.«

»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der dritten Frauenstation.

Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.

»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,« bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester Clarissa.«

Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.

»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«

Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten, bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich machen konnte.

Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen, durchgeistigten Antlitze ruhen.

Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt verlassen.

Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem stillen Entsagen.

Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.

Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie eine Heilige zu sterben?

Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor denen sie doch bescheiden zurücktrat.

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst.

Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.

»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.

Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr nachdenklich und ernst aus.

»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier den Hungertod vor uns.«

»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete die Schwester sanft.

»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr etwas Rothwein oder Milch zu geben.« --

Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt. Ein Menschenleben -- was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber eine Menschenseele -- sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann, empfangen zu haben.

»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«

Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. -- »Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«

Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.

»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale Lage aller inneren Theile bedingt. -- Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie auf der Trage gebracht wurde. -- Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie mich nicht mehr.«

Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«

Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und führte die Schlundsonde ein.

Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen Tropfen Morphium und flößte das ein.

Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern des Bewußtseins.

Vergebens -- geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit seiner Nähe das enge Gemach.

Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.

Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.

Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.

Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten Verbrechen zurückgeschreckt. --

Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der Sterbenden umhüllte.

»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.

Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.

Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte hernieder senken können.

Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren konnten.

Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer, ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zu lassen, damit sie, wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus diesem Leben scheiden könne.

Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.

Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.

Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe, die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich schwärzlich.

Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager -- ein letzter wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....

O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes ...

Die Nonne betete an einem Todtenbette.

Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab, legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.

Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik. Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.

Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des geistlichen Herrn ruhig an.

»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,« sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht gestorben.«

»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche recognosciren -- jedenfalls, wie dem auch sein möge -- die Begräbnißkosten -- --«

»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der Anatomie aus.«

»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«

Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich erledigt sei.

Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder wohlthätiger Herr.

Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die Armenverwaltung war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung.

Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«

»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es soll sofort etwas geschehen -- --«

»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe der Nacht verstorben.«

»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«

»Am Typhus -- wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben ist die Person eigentlich daran nicht direct.«

Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das irgend welcher Pflege nicht bedurfte.

»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut die Reparaturkosten und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen, vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke zurückgelassen haben.«

»Man weiß keine Namen?«

»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser, je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege, Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich abzuschieben.«

»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.

»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.