Part 6
»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre Aufregung und Aerger erspart geblieben.«
»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt, daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner Dienstboten tief herabsetzt.«
»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu entlassen gedenke.«
»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange diese keine Mutter haben.«
»Du stellst diese Person über Deine Frau!«
Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem Schutze stand.
»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«
Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.
»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf. Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott, Arnold -- muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«
»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«
Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte. Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war der Vorwurf, den er erhob.
»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine »Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«
Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.
»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«
»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide nur einen Ausweg -- tödte mich -- es wird mit meinem Einverständniß geschehen.«
»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere Dich und beginne ein neues Leben.«
»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«
»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine Krankheit will ich es bekämpfen.«
»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um eine Krankheit zu heilen?«
»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«
»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich. »Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende mit mir wieder ehrlich und froh sein.«
Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie Schluchzen.
»Lydia -- wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«
Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben; der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«
»Und schadet niemand?«
»Nein.« Sie sah ihn fragend an.
Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«
»Nicht essen? -- Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein? Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht, mir vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube -- -- zu essen?«
»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«
Einen Lebenszweck -- -- wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie -- sie liebte ihn. Er war jetzt hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt, jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr inneres Ohr -- Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht -- -- -- -- -- -- -- -- --«
Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie sie aus, diese Worte des Freundes.
Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren, abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen, zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. -- Mit furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.
»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich nicht quälen.«
Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu können, so sah er sich bitter enttäuscht.
Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden würde.
Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich erschienen wäre, nicht thun würde -- nie wieder. -- Es stand etwas zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft -- -- »Morphium«. --
Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor, drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.
»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches entbehren müssen,« sagte er ernst.
»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und schlicht.
In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels gegeben.
Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor Schrödter.
Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.
Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral, sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe zertreten.
Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder lieben, nie, im Leben nicht wieder.
In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine Heilanstalt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.
Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine »Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.
Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.
Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt, auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war -- durstiger als je.
Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid würde man ihr zu Theil werden lassen -- und Achtung, äußere Achtung vielleicht auch wieder, ja -- das -- --
Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er allein wußte, daß sie eine Schuldige -- eine Ehrlose war.
»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes und dem ewigen Leben in Christus.
O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«
Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«
Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten gefunden, es fehlte nicht eins.
Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer trinken.
Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.
»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen.
Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden, die Steine rufen.« -- Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, wieder, immer wieder.
Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.
Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster des Hofes vor den Stallungen und Remisen.
Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher Sonnenstrahl glitt drüber hin.
Der Tod ist der Sünde Sold; -- »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein, frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des Irrenhauses umgab.
Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht -- -- -- Sie hatte die Freiheit benutzt.
Ein Schrei, ein Fall -- die Steine der Tiefe nahmen sie auf.
Nach dem Tode.
In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht werden konnte.
Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.
Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.
Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar lautes Lachen aus diesem Kreise.
Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren, drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.
In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.
Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.
Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.
Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein damit fertig werden sollte.
Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen Krankenhauses.
Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen Augen und blickte zur Seite.
Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten. Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen, als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.
Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz, das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.
»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben, daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich -- eine arme demüthige Magd des Herren -- werde in wenigen Jahrzehnten auch nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter, gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde genommen, und wir werden wieder zum Staube -- wir -- wir -- aber dieser nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«
Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine runde flache Glasschale herab.
In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem Präparate die Krankheit zu demonstriren.
Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.
Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein Erforderniß zur Seeligkeit ist.
Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt abgewandten Mädchens.
Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches -- ein Satz des Glaubensartikels selbst -- aber war einer der Grundpfeiler, auf dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie täglich und stündlich vor Augen hatte?