Part 5
Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht wird er mal Modearzt bei nervösen Damen -- Specialität Migräne; -- er war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.
Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.
In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte, beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.
Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches Geräusch ihn aufschreckte.
Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. --
Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend. Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt, von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder gar auf dem Bette aufwiesen.
Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht verzweifelte Frau nicht zu sehen.
»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft, Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer Vorrath« -- --
Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.
»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.
»Ja, ja -- es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium. Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da -- erbarmen Sie sich.«
»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird es morgen wieder gefunden.«
»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«
»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«
»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«
»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung dieser Absicht zu verhindern.«
»So -- sind Sie etwa mein Vormund?«
»Nein -- ich bin Irrenarzt.«
Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt von dieser Scene.
Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen. Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.
Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor beschlossen haben?«
»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine Entziehungscur durchzumachen.«
»Ja« -- sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«
»Das freut mich.«
»Sie verstehen, was ich meine?«
»Nein.«
»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es ja.«
»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren, daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«
»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«
»Ich kann Ihnen nicht helfen.«
»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo verstecken, wo mich kein Mensch findet.«
»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde, versehen?«
»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles, was ich sonst noch brauche, erschaffen.«
»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«
»So bin ich verloren.«
»Ich weiß es nicht.«
Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.
Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch. Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte, aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.
»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe, ganz nahe an seinem Ohr.
Er antwortete nicht.
»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«
»Als was -- als Ihr Arzt?«
Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«
Sie bot sich ihm an -- sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.
Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine Liebe, gnädige Frau.«
»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen gezeigt haben, liebe ich Sie.«
»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte, bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«
Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt blieb sie stehen und wartete -- wartete auf das Almosen, das er ihr geben wollte, um sich von ihr zu befreien. -- Sie fühlte die furchtbare Erniedrigung ihrer Lage -- aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. --
Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.
Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein Mann gegenüberstand -- ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender Schatten. -- --
Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.
Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.
Vor sich selbst kam er nicht so weit -- nicht bis zum sittlichen Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer unsagbaren Stumpfheit.
In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber verfolgten ihn gradezu.
Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.
Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die zerrütteten Nerven waren tot -- es war nicht mehr möglich sie anzuregen. Er konnte nicht mehr genießen.
Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. -- Richtig -- man wartet da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner Liebe. --
Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen, -- nicht mehr schlafen.
So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. --
Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!
Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr -- und nun?
Ja, nun war das Ende da, -- nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot ihm noch irgend einen Genuß.
Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, so vertraut. Vielleicht konnte sie ihm doch noch eine -- noch eine letzte Freude gewähren!
Da war ein kleines Glas -- das hatte er sich reservirt für das Ende; das Ende -- ja das war doch nun da.
Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst schlug ihm entgegen. Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen, stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut spritzt. Aber jetzt -- du lieber Gott, war es denn nicht das Ende?
Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu denken.
Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, sie rollte zur Erde.
Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man sich bücken.
Mit blöden Blicken stierte er darauf hin -- wozu, wozu -- wenn es doch nun einmal das Ende sein mußte?
Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern!
Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde Sold« -- es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie doch?, wie doch?
Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. -- Aber das Notizbuch? Aufstehen und es holen, oder sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?
Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. -- -- Das Ende, das Ende! --
Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe, setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. --
Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie vorwärts.
Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch, der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen -- es war ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen Gläser in ihrer Tasche verschwinden.
Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.
Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an, daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.
Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin zu finden.
Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug. »Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch auf seinen Grabstein setzen zu lassen.
Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.
»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht ahnen, wissen Sie nichts -- gar nichts?«
Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem Spiele stand -- -- ihre Ehre -- -- von allen Seiten ruhten neugierige Blicke auf ihr.
»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. --
»Ah -- also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«
Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.
»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so fragen!«
Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst -- es war ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei, Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.
»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen, den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu erlangen.«
»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte darauf Rücksichten nehmen.«
Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.
»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,« sagte sie kurz.
»Ein Sterbender -- das will ich glauben, -- ich habe heute zum ersten Male bemerkt, wie krank er war -- werfen wir keinen Stein auf den Todten.«
»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«
In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin fern zu halten -- er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!
Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt, das ihn jetzt fast vollzählig umstand.
»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«
Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete; erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«
Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich zurück.
Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen, um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in Sicherheit bringen.
Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und genießen konnte sie jetzt -- maßlos, unbeschränkt, heimlich.
Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf -- fort, nur fort.
»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und mißtrauisch sah er sie an.
O, wie sie ihn haßte -- sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich stoßen mögen, sie war fassungslos.
»Lassen Sie mich -- der Schreck, die Aufregung -- ich möchte allein sein.«
»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«
»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie darauf bestünden.«
Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl zu rechtfertigen wissen.«
Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in ihren Augen brannten verhaltene Thränen.
Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes, entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.
»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch -- -- --«
»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe. »Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden kann, was wir nicht wissen.«
»Lydia!«
Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.
Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins Haus.
Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.
Lydia kam dabei zur Besinnung.
Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern zu ziehen.
Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die Brust und sprang auf.
»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen, man sah das Weiße um die Pupille herum.
Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie sich an die Wand.
»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen Sie den Herrn,« rief das Fräulein ihr nach.
Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung. Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß.
Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine Frau sich gegen Fräulein Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen.
Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das Unglück, das über ihn hereinbrach.
Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen.
Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele.
Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar. Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden Preis; wie er sich nachher mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar.
Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der Verzweiflung vorbei war.
Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort.
Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, Turnaus Gläser gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen.
Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als an dem Unglückstage vorher.
Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen.
Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten.
Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte Rechenschaft über die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr seinen Namen gab.
Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um damit zu rechnen.