Part 4
An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport. Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.
Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte, dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.
Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.
Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der Eintretenden umzusehen.
Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten, nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie darauf den Arzt.
Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten. Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die Muskeln unter der welken Haut.
Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf, bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.
So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt, sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung einfach nicht mehr zu ertragen war.
Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus hinter sich hat.
Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel, Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr hilft, so kommt auch der Tod.
Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der Wahnsinn.
Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten Mittel.
In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines Chefs.
Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte, nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.
Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die Stationsschwester hatte ihn gerufen -- er mußte kommen.
Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.
Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war, noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte niemanden.
Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen, die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der zersplitterte Knochen lag frei.
Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu thun.
Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem Bewußtsein war.
»Chloroform,« stöhnte der Mensch.
»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau.
»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich über die blaugrauen Lippen.
Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?« fragte er dabei.
»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch -- ein Unglück. Man wollte mich heilen, gegen meinen Willen -- ich will nicht geheilt sein --«
»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen, weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das wollten Sie nicht.«
»Ich will nicht -- ich will nicht. -- -- --«
Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus, Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.
Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen wolle.
»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.
»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel war.
Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen, vielleicht sehr rasch zu enden.«
»Was liegt daran« -- murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner Lage nicht sein.«
»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der Kranke verloren ist?«
»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«
»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit ruhiger Würde.
Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.
Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.
»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.
»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist. Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«
»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.
»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«
Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das Operationsbett heran.
Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich um sich.
Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.
Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden, gleichgültigen Menschen willen!
Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist -- gegen seinen Willen wollte man ihn heilen -- das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.
Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt. Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?
Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen, sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.
Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden Sonderlings hier allein stand halten?
Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.
Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.
Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.
»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.
»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«
»Herr Doktor wünschen?«
»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle rufen Sie mich.«
»Ja, Herr Doctor.«
Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken, wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.
Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten, erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines Vorgesetzten zu danken.
Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß. Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.
»Der Tod ist der Sünde Sold.«
Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem Grübeln fiel es ihm ein. --
Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in ihrer Pflege befand -- sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden, sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie jeder Andere.
Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte er nicht mehr vergessen.
Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens, gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei war sie schön -- statuenhaft schön -- schade um solch ein Weib!
Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen. Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu widmen.
Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich, die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der nervösen Ueberreiztheit.
Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.
Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte; deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß er überhaupt niemanden lieben könne.
Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß -- Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht. Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.
Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden Weibe Genuß zu gewähren!
Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs, wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und ihm darin sah! Ihn graute davor. -- Und dann, dann mußte er lächeln. Wie sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm gleichgültigen Frauen grübelte!
Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue, nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!
Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu sehen -- --
Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen, welches er hörte, Wirklichkeit war -- Professor Schrödter hatte die Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken zu lassen!
Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.
Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.
»Störe ich Sie noch? -- Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh aufstand.
Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber. »Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«
»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«
Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.
»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«
»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen. Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«
»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«
»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob. »Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so viel wie möglich geschehen konnte.«
»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen zur Seite gestellt werden.«
»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für hoffnungslos?«
»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe verlor.
»So -- Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?« fragte er wüthend.
»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«
»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und zu erhalten?«
»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine religiöse, aber keine medicinische Frage.« -- -- --
»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin, die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«
Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank, neben dem er stand und schwieg.
Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.
»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. -- Wir wollen nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«
Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.
»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann der Professor noch einmal.
Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich. Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr unangenehm.
»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er sich durchaus nicht beleidigt fühle.
Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, wie um auf etwas anderes zu kommen.
»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner Vertretung engagiren zu dürfen.«
Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«
»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«
»Auf Wiedersehen denn.«
»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«