Morphium: Novellen

Part 3

Chapter 33,688 wordsPublic domain

Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet auf eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder, gehen Sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch, zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe sie vermißt werden.«

Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.

Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige junge Mensch von ihr denken -- von ihr, die von dem eigenen Gatten, von allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde!

Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken. Thränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« --

»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.

»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das Gesetz soll mich nicht dazu zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt garnichts an, ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der Welt Schaden zufügen könnte.«

»Sie schaden sich selbst.«

»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist wirklich empörend!«

»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er besaß.

Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Thränen. »Haben Sie keinen Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend.

»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. »Außer in Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Droguengeschäften geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, die jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.«

»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe Waare verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«

»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«

»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«

»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«

»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«

»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter. Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; -- es wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich gönne ihm auch den Verdienst.«

Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.

Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt hatte, daß der Corridor augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.

In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, daß sie ihren Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am Mittagessen theilnehmen konnte.

Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte, erheblich daran gehindert zu werden.

Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.

Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte. Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen, während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.

In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück. Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu treten.

Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen.

»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«

Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen Frage ihres Mannes. Was für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch, Lügen -- ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, wie erbärmlich stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese Weise eine Mittheilung zukommen ließ!

Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen, daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«

Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war. Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte, verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er -- -- -- »lieferte die gewünschten Waaren nicht.«

Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in seiner übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte, die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm, ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?

Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.

»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«

Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes Antlitz.

»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.

Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling,« tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt.«

Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau.

Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.

Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie -- schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel. -- Ja, was nun?

Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium, nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den Enttäuschungen dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft concentrirte. Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren und anzubeten.«

Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder, für sich aber begehrte sie nur das Eine -- mochten es ihr Menschen oder Engel gewähren -- nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben mußte und was man ihr grausam versagte.

Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn. Turnau -- Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.

Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des Professors Schrödter, in der Turnau wohnte.

In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber ihrer Eltern.

»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem Wege, den sie jetzt ging.

Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in ihrer Lage peinlich und anstößig war.

Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen ungewöhnlichen Besuch erwartet.

Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht außerordentlich schön erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr, Frau Bremer?«

Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen hätte, so wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und beglückte.

Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte bitterlich.

Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten, sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden Blicke des Arztes, was sie thun würde.

Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.

»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre Thränen trocknend, »gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender Künstler -- sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...«

»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem Gärtner, gnädige Frau,« er nahm die Rücksicht, ihre Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton einzugehen, den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich habe ich eigentlich kein Interesse für Botanik, nur als Zimmerdekoration liebe ich Pflanzen. Ich verstehe nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn nicht gar zum Regisseur.«

Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers bestätigte seine Worte. »Ich sehe hier gar keine anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia, erstaunt um sich blickend.

»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt hat Räume genug, wo man solche Sachen aufstellen kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin nämlich sehr häuslich, gnädige Frau. Die Biergespräche meiner Altersgenossen interessiren mich so wenig, daß ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. Ich wüßte kaum, was ich in einer Kneipe anfangen sollte, da ich außerdem sehr mäßig in materiellen Genüssen bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«

»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich es sagen -- sogar für blasirt.«

»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie dürfen das ganz ruhig sagen. Eine ärmliche Umgebung wäre mir unerträglich, und wenn ich mich hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten fühle, so ist das nicht etwa häusliche Tugend, sondern Bequemlichkeit -- Blasirtheit, wenn Sie wollen.«

»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,« sie konnte schon wieder lächeln, wie sie das sagte, »es muß und wird noch dahin kommen, daß Ihre Tugend allgemein anerkannt wird.«

»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, ich interessire mich für Kunst und Wissenschaft, huldige dem Schönen unter allen Umständen, und bin außerdem dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib und Seele, wie Sie ja wissen.«

»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.

»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«

»Das weiß ich.«

»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.«

»Das weiß ich auch.«

»Und Sie bleiben dennoch dabei?«

»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.«

»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun. Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu, wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«

»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie --, das geht niemanden etwas an.«

»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit klarem Willen und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an sich zugemessen ist!«

»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.«

»Ah -- das souveräne Volk -- dem muß man die Freiheit schon lassen.«

»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?«

»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,« sagte sie traurig.

»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung, einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«

Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.

»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie heute gelitten haben.«

»Noch schlimmere Folgen?«

»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen verzeihen, wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht schließlich verkaufen, wenn Sie keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium zu verschaffen?«

Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht fallen.«

»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche Frauenehre gekostet.«

Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann, mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und sie fühlte, daß sie ihn liebte.

Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah -- wie sie wohl zu lieben verstand!

Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesichte, die leichte Erregung der Sinne war schon wieder vorüber. »Bitte, meine gnädige Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.

Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm eine kleine Schachtel heraus, die er ihr gab.

»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung wissen Sie sich ja zurechtzumachen. Beruhigen Sie sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen sind Gift für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«

»O, Gott, wie edel Sie sind -- ich danke Ihnen.«

»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen ein anderes Mal ein Recept geben, Ihre Lösung können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern bekommen haben, damit Sie sich ganz beruhigen.«

Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne empfand sie die Wohlthat, die er ihr zu theil werden ließ.

Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. Schweigend ließ sie sich von ihm die Treppe herunterführen, schweigend stieg sie in den Wagen, der sie erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der dem erfahrenen Manne zeigte, was ihr Herz in diesem Augenblicke empfand.

Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück in das Haus, dessen Herrin sie war. Wie gleichgültig war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran, daß sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige über diese Schwelle zu schreiten. Eine Fremde war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim dennoch geworden.

Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr Mann noch sonst jemand von ihren Angehörigen gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb des köstlichen Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung und die wohlthätige Ruhe, die sie im Gegensatze zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst jetzt empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. Langsam nahm die Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, die Freundschaft und Hingabe, die sie ihm widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Sie war nun zufrieden, sie war ruhig und still, er hatte sie glücklich gemacht. --

III.

Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten, eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.

Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der Decke.

Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab. Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge, das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. -- Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins Stocken gebracht.

»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,« sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.

Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten recognosciren, die Sache wird stimmen.«

Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden dorthin zu bringen.

Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. --