Part 2
»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« fragte er nach einigen Minuten des Schweigens.
»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend.
Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen an. Er bemerkte in diesem Augenblicke, daß sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich in das schöne Weib eines Anderen zu verlieben. Nicht sein sittliches Bewußtsein schützte ihn davor; es hatte Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt und benutzt haben würde, aber diese Zeiten waren vorüber. Wie eine Lähmung lag der gewaltige Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen Nerven und Sinnen.
Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, trockenen Mannes, dachte nicht daran, daß in ihrem vertraulichen Verkehr mit dem jungen Arzte irgend etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte nicht in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, sondern ebenfalls unter dem Einflusse einer krankhaften Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und Triebe.
»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« sagte sie leise mit einem Abschiedsblicke nach ihres Vaters Grab.
»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, bekomme ich am Ende auch einmal eine so schöne Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das, was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen nannte. Andere urtheilten noch härter über diesen eigenthümlichen Characterzug des jungen, wohlhabenden Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen auch nicht für so krank wie er war, und sah in dem aus seinem Wesen sprechenden Lebensüberdrusse nur die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der nichts mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen Lebens ihm bot.
»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach Ihrem Tode zu den Gerechten erhebt?« fragte Lydia, lächelnd auf seinen Ton eingehend.
»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen armen Morphinisten wird sich schon noch ein demüthigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit, wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,« antwortete sie, mit einem Blick über alle die Kreuze und Steine hinschweifend, die in steinernen Lettern so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten, wie man im Leben wohl selten beisammen finden wird.
Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte sich mit dem Wasser, verließ an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in ihrem Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause.
Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von Rosenbeeten unterbrochener Rasen aus, dessen Mitte ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee von Kastanienbäumen führte zu dem etwas von der Straße zurückliegenden Gebäude und an demselben vorbei nach dem dahinter liegenden Garten.
Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen spielten zwei hübsche Kinder unter der Aufsicht einer Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden führen, um diese zu begrüßen. Die Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen Wollkleides, welches das Fräulein trug.
Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen und zeigte bei diesen lebhaften Bewegungen, in dem eng anschließenden, schlichten Kostüm eine vollendete Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung war schön, so daß Turnau, der sonst wenig Sinn für weibliche Reize hatte, davon ganz betroffen war.
»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise.
»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin, erst seit kurzer Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin; dann begrüßte sie die Kinder, die endlich widerstrebend, mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer Mutter, herbeikamen.
Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin. Das Gesicht des jungen Mädchens war breit und gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die freundlich blickenden grauen Augen zu klein und zu tief liegend, um dem Gesichte irgend welchen Reiz geben zu können. Trotz der schönen Gestalt war das Mädchen nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend und roth, die Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von Jugendlust, Frohsinn und Güte verklärte die ganze Erscheinung.
»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder noch immer benehmen, wenn Gäste da sind, gewöhnen Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge Frau.
Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß die Kinder sich jedesmal weigerten, wenn sie ihre Spiele verlassen sollten, um auf einen Augenblick der Mutter zugeführt zu werden.
Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen Gesichter und die feuchten Blondhaare der Kleinen. »Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so heiß?« wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner.
»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir waren so sehr vergnügt dabei und haben uns so oft gebückt, davon sind wir so roth.«
Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens und der Mund schien ein schelmisches Lächeln kaum unterdrücken zu können.
»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder aber jetzt ruhiger,« entschied die todtenblasse Frau. Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter von der heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten Kinder ab.
»Wollen Sie meinen Mann nicht noch begrüßen?« fragte sie dann den Doktor, der Hausthür zugehend.
»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin nicht wohl genug dazu.«
»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre Begleitung.«
»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem will ich Ihnen auch im Vertrauen gestehen, gnädige Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem Garten für mich ein Genuß war.«
»Ein Genuß? Ah -- da wäre ich doch begierig.«
»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. Es war ein Genuß für mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.«
Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte das junge Mädchen. »Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe häßlich zu nennen,« meinte sie dann.
Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermüthigen Blicke der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, natürliche Haar an, gnädige Frau.«
Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses schlichte, glatt zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches, was finden Sie denn daran so schön?«
»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, daß diese junge Person schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgiebt sie und macht sie reizend.«
»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst seiner Worte.
»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles, was mich umgiebt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind zum größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten Collegen sind noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, -- ist es da nicht erklärlich, daß ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmuth -- ah, die ist schön!«
»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund. Möchten Sie sich dadurch veranlaßt fühlen, die Villa Bremer nicht mehr so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.«
»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst Gebrauch machen, gnädige Frau.«
Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ darauf den Garten.
»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas Himbeerwasser,« sagte Lydia zur Bonne, dann setzte sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und nahm ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß.
»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich jetzt auch der Mutter nähernd mit einem zornigen Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor Turnau verschwand.
»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die junge Frau.
Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten Erfrischung im Garten. Hinter ihr ging der Geheimrath Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit schon leicht ergrauendem, dunklen Haar.
»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich zu begleiten?« fragte er, neben seiner Gattin Platz nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter seiner Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten Unterhaltung zu beglücken.«
»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und wir unterhielten uns so angenehm, daß mir seine Begleitung natürlich erschien.«
»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch eine vernünftige Frau angenehm unterhalten,« sagte Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern ist seine Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir sagen. Jung und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas darin einen Pessimismus zur Schau zu tragen, der eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert ist. Er leugnet jeden Genuß, jeden Glauben, er leugnet die Liebe, er widerspricht der Natur -- -- --«
»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« unterbrach Lydia ihren Mann.
»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen Leuten. Gefällt Dir zum Beispiel dieses Andeuten einer geheimnißvollen Krankheit, dieses Spielen mit dem Gedanken an Tod und Grab -- -- --«
»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.«
»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat nichts zu thun, da steckt die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten müßte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, daß es unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen.«
Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, daß Fräulein Wagner mit dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie mitzunehmen.
»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,« sagte Lydia.
Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die Kleine hoch empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.
»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte der Geheimrath, »ich glaube, wir haben da einen glücklichen Griff gethan.«
»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia lachend. »Was für ein Geschmack -- dieses Vollmondsgesicht!«
»So! -- Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem Wüstling nicht zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu verlieren.«
»Was für eine Idee!«
Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum sollte es denn nicht möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.
Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung des Morphiums ist Durst.
Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen und Briefe. Bald war der Hausherr in seine Lectüre vertieft, während die junge Frau sich leise erhob, um ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und legte sich nieder, einer bleiernen Müdigkeit, die in ihren Gliedern lag, nachgebend.
II.
Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt, daß Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr Turnau gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß hinausgehen, an das sie gewöhnt war.
Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu besuchen, das um 9 Uhr früh statt fand. Das Stubenmädchen brachte ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servirbrett zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort, von heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit erfaßten ihren ganzen Körper.
Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten die unsicher tastenden Hände das Morphiumglas zu entkorken. Nach dem Gebrauche des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum Morphium.
Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie streckte sich lächelnd aus, genoß mit Bewußtsein die nun eintretende eigenthümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen, erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können.
Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille war aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, eine Nadel von funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, so daß die Toilette doch tadellos und sogar vortheilhaft war.
»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrath wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, daß Du blaß und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut thun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?«
Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriß einer kleinen Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.«
»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber nicht, daß Du so bald reisen kannst.«
»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner Toilette noch nicht ganz reisefertig?«
Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas Garderobengeld für die Reise geben.« --
»Brauchst Du vielleicht Geld?«
»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.«
Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch einige Besorgungen machen wolle.
»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,« bat er.
Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich gebrauchen könne, dachte er nicht.
Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.
Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe, gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen.
Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.
Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein, durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.
Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile Treppe hinauf.
Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter, schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife -- vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen, schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem Namen des Zimmerbewohners.
»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie ein.
Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher. Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot. Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.
»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder.
»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,« antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger Alter.«
»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch -- sechs Gramm geben ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«
»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«
»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«
Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. -- --«
»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand.
»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen, Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, -- die Versuchung ist ja so groß.«
Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast, denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater standen?« fragte sie mühsam.
»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, mußte ich von meinem armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte. Es war hart -- eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« -- --
»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«
»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle einmal versagt?«
»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm nöthiger ist als das tägliche Brot!«
»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«
»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«
»Andere fälschen Recepte.«
»Und das geht?«
»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel, denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«
»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«
»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu, auf dessen Namen es gefälscht wurde.«
Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und schluchzte krampfhaft. »Ich vermöchte eine solche Schmach nicht zu überleben.«
»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.
Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es gemacht -- -- Recepte zu fälschen?«