Part 11
Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.
Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben, arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben, weder Gott noch den Menschen.
Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!
Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.
In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen. Nicht sich selbst -- Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? -- wozu dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? --
Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. --
Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.
Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des Mädchens. -- Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die Erkenntniß! --
Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des Genusses.
Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. --
Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft schien.
Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« -- was sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?
Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten, stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.
Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten, die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich zurechnete.
Sie gingen unter -- der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie auf.
Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.
Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.
Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.
Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau, wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.
Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche Körper keine chemische Retorte ist.
Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.
Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.
Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant und besorgte auch Wein.
Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die Heimath erinnerte.
Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen, fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth -- die Nerven, wie sie meinte.
Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. -- Liebe -- es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen. Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke Mädchen zurück auf das dürftige Bett.
Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt bleiben möchte.
Krankheit -- für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. -- Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft von einer Krankheit zurück.
Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. -- Der machtvoll vorwärts Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.
Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres Besitzes verzehrte, so war sie verloren.
Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen Erwerb fing sie an, besser zu leben.
Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.
Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen, nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und ausruhn.
»Du sollst den Feiertag heiligen!«
Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.
Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.
Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit, ohne Denken, ohne Kampf.
Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete weiter.
Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.
Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte, weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.
Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen.
Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden Beschäftigung zu finden.
Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht, daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.
Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.
Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.
Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.
Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.
Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.
Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner -- »Gehülfin« -- wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer Dienerin und der Nonne allein.
Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde, bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte, die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.
Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich allein miethen konnte.
Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.
Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.
Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast wie Luxus.
Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.
Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.
Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder, die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche Glück zu vervollkommnen.
Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter dieses Hauses nicht tauschen mögen.
Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer errungenen Erfolges war ihr fremd.
Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht, ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem Temperament vielleicht sogar lästig.
Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.
Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige, kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten Raffinement gegenüber nicht.
Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter nichts. --
Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen, war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran, daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach situirt sein würde.
Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.
Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben, sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden unter den Armen.
Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet, von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.
Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.
Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte: »Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« --
Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter, für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert hatte.
Und wie litt dieser Mensch! -- Es war kaum anzusehen. --
Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden, um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können.
Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um sie warb.
Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so uninteressant, so gleichgültig. -- Die Collegen interessirten sie wohl als solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig.
So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten Namen und ein weit über ihre Bedürfnisse hinaus gehendes Einkommen.
Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand zu sagen, denn niemals sprach sie von sich selbst, sie hatte überhaupt gar keine Privatangelegenheiten.
III.
Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise das Diakonissenhaus, an dem er angestellt war, verlassen.
Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten Aerzte gegen ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit darüber, daß er ihrer Aufforderung nicht nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie nicht zugeführt hatte.
In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche Uebelnehmerei fern. Sie dachte gar nicht mehr an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen hatte, aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem scharfen erfahrenen Blicke nicht entging, daß der junge Mann für seinen Beruf nicht begabt war und auch kein intensives Streben besaß.
Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar übel, wenn bei einer wichtigen Operation ein jüngerer Assistent herangezogen wurde und versäumte dann aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich zu belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte ihn, seine Studien fortzusetzen und sich den täglichen Fortschritten seiner Wissenschaft anzuschließen.
So suchte ihn niemand zu halten, als er ging. Er miethete sich zwei hübsche Zimmer, annoncirte in den Zeitungen und verdiente am Ende so viel in seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete. Mehr aber nicht.
Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie kam auf den Gedanken, ihn zum Hausarzt zu wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen durchzusuchen nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht wurden, denen eine bestimmte Einnahme von vornherein zugesagt wurde. Er meldete sich überall, bekam auch oft Antwort, stets aber wünschte man -- gewissermaßen als Zeugniß -- ein empfehlendes Schreiben seiner früheren Vorgesetzten. Schließlich bemühte er sich um ein solches, aber es fiel so kühl und nichtssagend aus, daß es ihm wenig half.
Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen, die ihn erhielt. Er sagte sich, daß die Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei, und ins Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen Stadt, miethete sich im Hotel ein und annoncirte in der Zeitung.
Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin kaufen; man hielt ihn nach diesem Vorgehen nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen Verkäufer irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in der Stadt, denen er seine Visite machte, erwiderten den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach diesem Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen kam kein Mensch mehr zu ihm.
Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee und fuhr nach dem Rhein. In einer mittleren Stadt miethete er eine Wohnung, meldete sich ordnungsmäßig auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der Zeitung. Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu holte man ihn zu einem Kranken.
Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als er noch zweitausend Mark besaß! Bis die verbraucht waren, hätte er sich hier durchgearbeitet. Schon jetzt, nach zwei Monaten verdiente er etwas, aber ach, das väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem Nichts.
Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in der Sprechstunde oder einen Besuch, dann konnte er für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme legte er bei Seite, um am Anfang des Monats die Miethe entrichten zu können. Als dann aber der Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen Summe.
Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu warten, er erbot sich sogar, seinen Miether bei seinen Bekannten zu empfehlen.
Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er wurde zu einer schweren Entbindung gerufen, bei der außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war.
Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das neugeborene Kind folgte ihr nach, und kein Mensch in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen Beweis der Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden.
Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen garnichts dafür. Eine Reihe unglücklicher Zufälle war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen hatte, kündigte seinem Miether zum nächsten Termin.
Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während der Sprechzeit. Ehrhardt verkaufte seine Uhr, um seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog.
Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung an und seinen Mittagstisch suchte er in der Nähe der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er früher gegessen hatte, borgte nicht mehr.
Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er hätte vielleicht in ein Hospital eintreten können, oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er doch einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt hätten, aber hier kannte er niemanden, alle Thüren blieben für ihn verschlossen.
Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt wohnte, verlangte Vorschuß für Kohlen, sonst weigerte sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; so verkaufte er denn, was er entbehren konnte an Wäsche und Kleidungsstücken, und bezahlte Miethe und Kohlen.
Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt hatte, war ihm noch die Bezahlung schuldig. Er ging hin, fand den Mann im Bette und in der Behandlung eines anderen Arztes. Er hatte seinen Arm zu früh wieder gebraucht, die üblen Folgen davon aber schob er auf Doctor Ehrhardts falsche Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend die Thür.
Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur verklagen, der Doctor Brauer, den man jetzt hätte, der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan hätten.
Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend einen Menschen zu verklagen. Er lebte jetzt von der Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, daß er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, um mit der Hälfte davon sein Essen zu bezahlen und die andere in seine Wohnungskasse zu legen.
Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte angeben, wie viel die Ausübung seines Berufes einbrächte, um nach Maaßgabe dieser Schätzung zu den gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.
Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. Das freie Gewerbe, bei dessen Ausübung er beinah verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich angezogen und gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit ein geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit von diesen phantastischen Mädchenträumen geblieben. Aber Cäcilie war ein Weib, wenn sie in Noth kam, so blieb ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr jede Stunde ein sicheres Brod geben konnte -- er dagegen, er konnte doch nicht hingehen und Arbeiter werden.
Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren Schächten gehen sah. Sie hatten alle ihr sicheres Auskommen. Keiner hatte eine geringere Einnahme als drei Mark jeden Tag.
Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte er sich, daß es mit der Zeit wieder anders und besser werden würde; nach und nach würde er bekannt werden und eine Stellung erringen, genau so wie alle seine Collegen am Ort. Er mußte nur warten -- aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben, während man wartet, und er hatte nichts, wovon er hätte leben können.
Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift schickte ihm eine Abonnementseinladung und ein Probeheft ihres Blattes. Mechanisch las er es durch. Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, daß Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin, nach mehreren glänzend ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik der Universität Boston mit festem Gehalt als Assistentin angestellt sei.
Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung der Dame Zeit genug lasse, ihre schon jetzt bedeutende Privatpraxis ausüben zu können.
Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet und hatte studirt mit derselben Summe, die ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen brauchte.
War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich jetzt hinsetzte, um an sie zu schreiben und sie um Unterstützung zu bitten?
Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld! Cäcilie wußte ja auch, daß in Deutschland der Beruf überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld schicken, vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte.
Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht sehr sentimental, eher mit einem bitteren Humor gewürzt und schickte ihn ab.
Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort aus Amerika mindestens drei Wochen vergehen würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete und sofort half.
Drei Wochen -- wie sollte er leben, wie sollte er drei Wochen noch warten! Er besaß nichts mehr, es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch Kassen, die dazu da waren, einen vollständig verarmten Menschen vor dem Hungertode zu schützen.