Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 1
Chapter 9
Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein Ebenbild ließen sich sehen.
Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt? Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände, die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder.
Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu mischen.
Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen und begrüßt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die Gesuchten wären?
--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.
Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre Neugierde nicht zur Genüge befriedige.
Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die _Porta del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. Überall hörte man von dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß, ein herrlicher Anblick! Die Götter der alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern können.
Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen, weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen auf der Straße, mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone musternd, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. So einsam?' tönte in der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals so sehr überraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. Du böser Otto,' flüsterte sie, den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie mußte ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'
Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte von noch höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert, das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte."
Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann plötzlich: Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehest du ihn deiner Luise noch nicht?'
Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene Neugierde Frevel?
Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein konnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich näher herzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei, da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen konnte."
Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, du selbst hast mich ja heraufgeführt.'
Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete? Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?'
Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie vorhin sagte. Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'
Jener stand schnell auf: Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, und wenn Sie sich in Rätsel vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.' Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlängern und trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die überraschendste Ähnlichkeit--"
* * * * *
FÜNFZEHNTES KAPITEL.
Das Intermezzo.--Der Trinker.
Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee, Trümmer seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu rühren, und schaute verwundert herauf.
Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, daß wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.
Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen. Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, daß mich dieses Lachen ungemein ärgerte.
Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende gehört; wie viel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen findet, wo er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben; ich hätte ihn würgen können, als wir im Wagen saßen.
War es nicht genug," sagte ich, daß du mit deinem scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen? Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m ä d e l an, daß du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige jüdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad, wie fingst du es nur an?"
In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen unsereinen," antwortete er verdrießlich. Ihr wißt, daß Euch keine Gewalt über meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Elis-Geschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."
Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich ließ für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzählen.
Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, begann er:
Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich, sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.
Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.
Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kühnen Bogen und--o Unglück--er entwischt meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur noch die Spitze hervorsieht.
Wie schön sagt Schiller:
Einen Blick Nach dem Grabe Seiner Habe Sendet noch der Mensch zurück.'
So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig _chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?
Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem gegenüberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und Hussa, Sultan, such' verloren!' tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und präsentiert mir das triefende _corpus delicti_.
Was ich dir hier mit vielen Worten erzählte, mein Bester, war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und auch bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich, einen zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spaß, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich ließ ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dünn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.
Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in das Kaffeehaus bestellt, um meine tägliche Fensterparade zu bewundern!"
Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem Glas, trank und fuhr dann fort:
Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher, besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern und sie verschütten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiß aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, daß alles im schönsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne dem Schoßhund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die größten Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so faßt mich irgend ein Unheil noch zum Schluß, daß ich mit Schande abziehe wie heute."
Nun," fragte ich, und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"
Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein paar Pfaffen habe singen hören und wie er einem hübschen Mädchen nachgelaufen sei--was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu sein--da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich lag--"
Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; aber wie kann man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und mit dem Stuhle schaukeln."
Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten Geschichte; ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles. _Bibamus, diabole!_" sagte der alte Mensch, indem er selbst mit tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies: Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger Wein getrunken wird."
Du könntest recht haben, Jude!"
Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, wie stattlich nahmen sich sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche--so traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust, feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem Wohl bekomm's' die Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. Lustiges, unstetes Gesindel fährt in den Wirtshäusern umher, man weiß nie mehr, neben wen man zu sitzen kömmt, und das heißen die Leute K o s m o p o l i t i s m u s. Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"
Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, du Prediger in der Wüste, dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?"
Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, ich bin jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; laß uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!"
Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren Urvätern schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder trinken werde.
Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:
Wer seines Leibes Alter zählet Nach Nächten, die er froh durchwacht, Wer, ob ihm auch der Taler fehlet, Sich um den Groschen lustig macht, Der findet in uns seine Leute, Der sei uns brüderlich gegrüßt, Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude In seine sanften Arme schließt.
Wenn von dem Tanze sanft gewieget, Von Flötentönen süß berauscht, Fein Liebchen sich im Arme schmieget Und Blick um Liebesblick sich tauscht; Da haben wir im Flug genossen, Und schnell den Augenblick erhascht, Und Herz am Herzen festgeschlossen Der Lippen süßen Gruß genascht.
Den Wein kannst du mit Gold bezahlen, Doch ist sein Feuer bald verraucht, Wenn nicht der Gott in seine Strahlen, In seine Geisterglut dich taucht; Uns, die wir seine Hymnen singen, Uns leuchtet seine Flamme vor, Und auf der Töne freien Schwingen Steigt unser Geist zum Geist empor.
Drum, die ihr frohe Freundesworte Zum würdigen Gesang erhebt, Euch grüß' ich, wogende Akkorde, Daß ihr zu uns herniederschwebt! Sie tauchen auf--sie schweben nieder, Im Vollton rauschet der Gesang, Und lieblich hallt in unsre Lieder Der vollen Gläser Feierklang.
So haben's immer wir gehalten Und bleiben fürder auch dabei, Und mag die Welt um uns veralten, Wir bleiben ewig jung und neu: Denn wird einmal der Geist uns trübe, Wir haben ihn im alten Wein, Und ziehen mit Gesang und Liebe In unsern Freudenhimmel ein."