Minna von Barnhelm

Chapter 6

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Tellheim Wie kämen Riccaut und ein Minister zusammen?--Etwas zwar muß in meiner Sache geschehen sein. Denn nur jetzt erklärte mir der Kriegszahlmeister, daß der König alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgieret worden, und daß ich mein schriftlich gegebenes Ehrenwort, nicht eher von hier zu gehen, als bis man mich völlig entladen habe, wieder zurück- nehmen könne.--Das wird es aber auch alles sein. Man wird mich wollen laufen lassen. Allein man irrt sich; ich werde nicht laufen. Eher soll mich hier das äußerste Elend vor den Augen meiner Verleumder verzehren--

Fräulein Hartnäckiger Mann!

Tellheim Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre--

Fräulein Die Ehre eines Mannes wie Sie--

Tellheim (hitzig). Nein, mein Fräulein, Sie werden von allen Dingen recht gut urteilen können, nur hierüber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme unsers Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen--

Fräulein Nein, nein, ich weiß wohl.--Die Ehre ist--die Ehre.

Tellheim Kurz, mein Fräulein--Sie haben mich nicht ausreden lassen.--Ich wollte sagen: wenn man mir das Meinige so schimpflich vorenthält, wenn meiner Ehre nicht die vollkommenste Genugtuung geschieht, so kann ich, mein Fräulein, der Ihrige nicht sein. Denn ich bin es in den Augen der Welt nicht wert zu sein. Das Fräulein von Barnhelm verdienet einen unbescholtenen Mann. Es ist eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trägt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist ein nichtswürdiger Mann, der sich nicht schämet, sein ganzes Glück einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zärtlichkeit--

Fräulein Und das ist Ihr Ernst, Herr Major?--(Indem sie ihm plötzlich den Rücken wendet.) Franziska!

Tellheim Werden Sie nicht ungehalten, mein Fräulein--

Fräulein (beiseite zur Franziska). Jetzt wäre es Zeit! Was rätst du mir, Franziska?--

Franziska Ich rate nichts. Aber freilich macht er es Ihnen ein wenig zu bunt.--

Tellheim (der sie zu unterbrechen kömmt). Sie sind ungehalten, mein Fräulein--

Fräulein (höhnisch). Ich? im geringsten nicht.

Tellheim Wenn ich Sie weniger liebte, mein Fräulein--

Fräulein (noch in diesem Tone). O gewiß, es wäre mein Unglück!--Und sehen Sie, Herr Major, ich will Ihr Unglück auch nicht.--Mann muß ganz uneigennützig lieben.--Ebensogut, daß ich nicht offenherziger gewesen bin! Vielleicht würde mir Ihr Mitleid gewähret haben, was mir Ihre Liebe versagt.--(Indem sie den Ring langsam vom Finger zieht.)

Tellheim Was meinen Sie damit, Fräulein?

Fräulein Nein, keines muß das andere weder glücklicher noch unglücklicher machen. So will es die wahre Liebe! Ich glaube Ihnen, Herr Major; und Sie haben zuviel Ehre, als daß Sie die Liebe verkennen sollten.

Tellheim Spotten Sie, mein Fräulein?

Fräulein Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurück, mit dem Sie mir Ihre Treue verpflichtet. (Überreicht ihm den Ring.) Es sei drum! Wir wollen einander nicht gekannt haben!

Tellheim Was höre ich?

Fräulein Und das befremdet Sie?--Nehmen Sie, mein Herr.--Sie haben sich doch wohl nicht bloß gezieret?

Tellheim (indem er den Ring aus ihrer Hand nimmt). Gott! So kann Minna sprechen!--

Fräulein Sie können der Meinige in einem Falle nicht sein: ich kann die Ihrige in keinem sein. Ihr Unglück ist wahrscheinlich; meines ist gewiß.-- Leben Sie wohl! (Will fort.)

Tellheim Wohin, liebste Minna?

Fräulein Mein Herr, Sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen Benennung.

Tellheim Was ist Ihnen, mein Fräulein? Wohin?

Fräulein Lassen Sie mich.--Meine Tränen vor Ihnen zu verbergen, Verräter! (Geht ab.)

7. Szene

(v. Tellheim. Franziska.)

Tellheim Ihre Tränen? Und ich sollte sie lassen? (Will ihr nach.)

Franziska (die ihn zurückhält). Nicht doch, Herr Major! Sie werden ihr ja nicht in ihr Schlafzimmer folgen wollen?

Tellheim Ihr Unglück? Sprach sie nicht von Unglück?

Franziska Nun freilich, das Unglück, Sie zu verlieren, nachdem--

Tellheim Nachdem? was nachdem? Hierhinter steckt mehr. Was ist es, Franziska? Rede, sprich--

Franziska Nachdem sie, wollte ich sagen--Ihnen so vieles aufgeopfert.

Tellheim Mir aufgeopfert?

Franziska Hören Sie nur kurz.--Es ist für Sie recht gut, Herr Major, daß Sie auf diese Art von ihr losgekommen sind.--Warum soll ich es Ihnen nicht sagen? Es kann doch länger kein Geheimnis bleiben.--Wir sind entflohen!--Der Graf von Bruchsall hat das Fräulein enterbt, weil sie keinen Mann von seiner Hand annehmen wollte. Alles verließ, alles verachtete sie hierauf. Was sollten wir tun? Wir entschlossen uns, denjenigen aufzusuchen, dem wir--

Tellheim Ich habe genug!--Komm, ich muß mich zu ihren Füßen werfen.

Franziska Was denken Sie? Gehen Sie vielmehr und danken Ihrem guten Geschicke--

Tellheim Elende! für wen hältst du mich?--Nein, liebe Franziska, der Rat kam nicht aus deinem Herzen. Vergib meinem Unwillen!

Franziska Halten Sie mich nicht länger auf. Ich muß sehen, was sie macht. Wie leicht könnte ihr etwas zugestoßen sein.--Gehen Sie! Kommen Sie lieber wieder, wenn Sie wiederkommen wollen. (Geht dem Fräulein nach.)

8. Szene

(v. Tellheim)

Tellheim Aber, Franziska!--Oh, ich erwarte euch hier!--Nein, das ist dringender! --Wenn sie Ernst sieht, kann mir ihre Vergebung nicht entstehen.--Nun brauch ich dich, ehrlicher Werner!--Nein, Minna, ich bin kein Verräter! (Eilends ab.)

5. Akt

1. Szene

(Die Szene: Der Saal.) (v. Tellheim von der einen und Werner von der andern Seite.)

Tellheim Ha, Werner! ich suche dich überall. Wo steckst du?

Werner Und ich habe Sie gesucht, Herr Major; so geht's mit dem Suchen.--Ich bringe Ihnen gar eine gute Nachricht.

Tellheim Ah, ich brauche jetzt nicht deine Nachrichten: ich brauche dein Geld. Geschwind, Werner, gib mir, soviel du hast; und denn suche so viel aufzubringen, als du kannst.

Werner Herr Major?--Nun, bei meiner armen Seele, habe ich's doch gesagt: er wird Geld von mir borgen, wenn er selber welches zu verleihen hat.

Tellheim Du suchst doch nicht Ausflüchte?

Werner Damit ich ihm nichts vorzuwerfen habe, so nimmt er mir's mit der Rechten und gibt mir's mit der Linken wieder.

Tellheim Halte mich nicht auf, Werner!--Ich habe den guten Willen, dir es wiederzugeben, aber wenn und wie?--Das weiß Gott!

Werner Sie wissen es also noch nicht, daß die Hofstaatskasse Ordre hat, Ihnen Ihre Gelder zu bezahlen? Eben erfuhr ich es bei--

Tellheim Was plauderst du? Was lässest du dir weismachen? Begreifst du denn nicht, daß, wenn es wahr wäre, ich es doch wohl am ersten wissen müßte?--Kurz, Werner, Geld! Geld!

Werner Je nu, mit Freuden! hier ist was!--das sind die hundert Louisdor und das die hundert Dukaten. / (gibt ihm beides.)

Tellheim Die hundert Louisdor, Werner, geh und bringe Justen. Er soll sogleich den Ring wieder einlösen, den er heute früh versetzt hat.--Aber wo wirst du mehr hernehmen, Werner?--Ich brauche weit mehr.

Werner Dafür lassen Sie mich sorgen.--Der Mann, der mein Gut gekauft hat, wohnt in der Stadt. Der Zahlungstermin wäre zwar erst in vierzehn Tagen, aber das Geld liegt parat, und ein halb Prozentchen Abzug--

Tellheim Nun ja, lieber Werner!--Siehst du, daß ich meine einzige Zuflucht zu dir nehme?--Ich muß dir auch alles vertrauen. Das Fräulein hier--du hast sie gesehn--ist unglücklich--

Werner O Jammer!

Tellheim Aber morgen ist sie meine Frau--

Werner O Freude!

Tellheim Und übermorgen geh ich mit ihr fort. Ich darf fort, ich will fort. Lieber hier alles im Stiche gelassen! Wer weiß, wo mir sonst ein Glück aufgehoben ist. Wenn du willst, Werner, so komm mit. Wir wollen wieder Dienste nehmen.

Werner Wahrhaftig?--Aber doch wo's Krieg gibt, Herr Major?

Tellheim Wo sonst?--Geh, lieber Werner, wir sprechen davon weiter.

Werner O Herzensmajor!--Übermorgen? Warum nicht lieber morgen?--Ich will schon alles zusammenbringen--In Persien, Herr Major, gibt's einen trefflichen Krieg; was meinen Sie?

Tellheim Wir wollen das überlegen; geh nur, Werner!--

Werner Juchhe! es lebe der Prinz Heraklius! (Geht ab.)

2. Szene

(v. Tellheim)

Tellheim Wie is mir?--Meine ganze Seele hat neue Triebfedern bekommen. Mein eignes Unglück schlug mich nieder, machte mich ärgerlich, kurzsichtig, schüchtern, lässig: ihr Unglück hebt mich empor, ich sehe wieder frei um mich und fühle mich willig und stark, alles für sie zu unternehmen-- Was verweile ich? (Will nach dem Zimmer des Fräuleins, aus dem ihm Franziska entgegenkömmt.)

3. Szene

(Franziska. v. Tellheim.)

Franziska Sind Sie es doch?--Es war mir, als ob ich Ihre Stimme hörte.--Was wollen Sie, Herr Major?

Tellheim Was ich will?--Was macht dein Fräulein?--Komm!--

Franziska Sie will den Augenblick ausfahren.

Tellheim Und allein? ohne mich? wohin?

Franziska Haben Sie vergessen, Herr Major?--

Tellheim Bist du nicht klug, Franziska?--Ich habe sie gereizt, und sie ward empfindlich: ich werde sie um Vergebung bitten, und sie wird mir vergeben.

Franziska Wie?--Nachdem Sie den Ring zurückgenommen, Herr Major?

Tellheim Ha!--Das tat ich in der Betäubung.--Jetzt denk ich erst wieder an den Ring.--Wo habe ich ihn hingesteckt?--(Er sucht ihn.) Hier ist er.

Franziska Ist er das? (Indem er ihn wieder einsteckt, beiseite.) Wenn er ihn doch genauer besehen wollte!

Tellheim Sie drang mir ihn auf mit einer Bitterkeit--Ich habe diese Bitterkeit schon vergessen. Ein volles Herz kann die Worte nicht wägen.--Aber sie wird sich auch keinen Augenblick weigern, den Ring wieder anzunehmen.--Und habe ich nicht noch ihren?

Franziska Den erwartet sie dafür zurück.--Wo haben Sie ihn denn, Herr Major? Zeigen Sie mir ihn doch.

Tellheim (etwas verlegen). Ich habe--ihn anzustecken vergessen.--Just--Just wird mir ihn gleich nachbringen.

Franziska Es ist wohl einer ziemlich wie der andere; lassen Sie mich doch diesen sehen; ich sehe so was gar zu gern.

Tellheim Ein andermal, Franziska. Jetzt komm--Franziska (beiseite). Er will sich durchaus nicht aus seinem Irrtume bringen lassen.

Tellheim Was sagst du? Irrtume?

Franziska Es ist ein Irrtum, sag ich, wenn Sie meinen, daß das Fräulein doch noch eine gute Partie sei. Ihr eigenes Vermögen ist gar nicht beträchtlich; durch ein wenig eigennützige Rechnungen können es ihr die Vormünder völlig zu Wasser machen. Sie erwartete alles von dem Oheim, aber dieser grausame Oheim--

Tellheim Laß ihn doch!--Bin ich nicht Manns genug, ihr einmal alles zu ersetzen?--

Franziska Hören Sie? Sie klingelt; ich muß herein.

Tellheim Ich gehe mit dir.

Franziska Um des Himmels willen nicht! Sie hat mir ausdrücklich verboten, mit Ihnen zu sprechen. Kommen Sie wenigstens mir erst nach.--(Geht herein.)

4. Szene

(v. Tellheim ihr nachrufend.) Melde mich ihr!--Sprich für mich, Franziska!--Ich folge dir sogleich!--Was werde ich ihr sagen?--Wo das Herz reden darf, braucht es keiner Vorbereitung.--Das einzige möchte eine studierte Wendung bedürfen: ihre Zurückhaltung, ihre Bedenklichkeit, sich als unglücklich in meine Arme zu werfen; ihre Beflissenheit, mir ein Glück vorzuspiegeln, das sie durch mich verloren hat. Dieses Mißtrauen in meine Ehre, in ihren eigenen Wert vor ihr selbst zu entschuldigen, vor ihr selbst--Vor mir ist es schon entschuldiget!--Ha! hier kömmt sie.--

5. Szene

(Das Fräulein. Franziska. v. Tellheim.)

Fräulein (im Heraustreten, als ob sie den Major nicht gewahr würde). Der Wagen ist doch vor der Türe, Franziska?--Meinen Fächer!

Tellheim (auf sie zu). Wohin, mein Fräulein?

Fräulein (mit einer affektierten Kälte). Aus, Herr Major.--Ich errate, warum Sie sich nochmals herbemühet haben: mir auch meinen Ring wieder zurückzugeben.--Wohl, Herr Major; haben Sie nur die Güte, ihn der Franziska einzuhändigen.--Franziska, nimm dem Herrn Major den Ring ab! --Ich habe keine Zeit zu verlieren. (Will fort.)

Tellheim (der ihr vortritt). Mein Fräulein!--Ah, was habe ich erfahren, mein Fräulein! Ich war so vieler Liebe nicht wert.

Fräulein So, Franziska? Du hast dem Herrn Major--

Franziska Alles entdeckt.

Tellheim. Zürnen Sie nicht auf mich, mein Fräulein. Ich bin kein Verräter. Sie haben um mich in den Augen der Welt viel verloren, aber nicht in den meinen. In meinen Augen haben Sie unendlich durch diesen Verlust gewonnen. Er war Ihnen noch zu neu; Sie fürchteten, er möchte einen allzu nachteiligen Eindruck auf mich machen; Sie wollten mir ihn vors erste verbergen. Ich beschwere mich nicht über dieses Mißtrauen. Es entsprang aus dem Verlangen, mich zu erhalten. Dieses Verlangen ist mein Stolz! Sie fanden mich selbst unglücklich; und Sie wollten Unglück nicht mit Unglück häufen. Sie konnten nicht vermuten, wie sehr mich Ihr Unglück über das meinige hinaussetzen würde.

Fräulein Alles recht gut, Herr Major! Aber es ist nun einmal geschehen. Ich habe Sie Ihrer Verbindlichkeit erlassen; Sie haben durch Zurücknehmung des Ringes--

Tellheim In nichts gewilliget!--Vielmehr halte ich mich jetzt für gebundener als jemals.--Sie sind die Meinige, Minna, auf ewig die Meinige. (Zieht den Ring heraus.) Hier, empfangen Sie es zum zweiten Male, das Unterpfand meiner Treue--

Fräulein Ich diesen Ring wiedernehmen? diesen Ring?

Tellheim Ja, liebste Minna, ja!

Fräulein Was muten Sie mir zu? diesen Ring?

Tellheim Diesen Ring nahmen Sie das erstemal aus meiner Hand, als unser beider Umstände einander gleich und glücklich waren. Sie sind nicht mehr glücklich, aber wiederum einander gleich. Gleichheit ist immer das festeste Band der Liebe.--Erlauben Sie, liebste Minna!--(Ergreift ihre Hand, um ihr den Ring anzustecken.)

Fräulein Wie? mit Gewalt, Herr Major?--Nein, da ist keine Gewalt in der Welt, die mich zwingen soll, diesen Ring wieder anzunehmen!--Meinen Sie etwa, daß es mir an einem Ringe fehlt?--Oh, Sie sehen ja wohl (auf ihren Ring zeigend), daß ich hier noch einen habe, der Ihrem nicht das geringste nachgibt?--

Franziska Wenn er es noch nicht merkt!--

Tellheim (indem er die Hand des Fräuleins fahren läßt). Was ist das?--Ich sehe das Fräulein von Barnhelm, aber ich höre es nicht.--Sie zieren sich, mein Fräulein.--Vergeben Sie, daß ich Ihnen dieses Wort nachbrauche.

Fräulein (in ihrem wahren Tone). Hat Sie dieses Wort beleidiget, Herr, Major?

Tellheim Es hat mir weh getan.

Fräulein (gerührt). Das sollte es nicht, Tellheim.--Verzeihen Sie mir, Tellheim.

Tellheim Ha, dieser vertrauliche Ton sagt mir, daß Sie wieder zu sich kommen, mein Fräulein, daß Sie mich noch lieben, Minna.--

Franziska (herausplatzend). Bald wäre der Spaß auch zu weit gegangen.--

Fräulein (gebieterisch). Ohne dich in unser Spiel zu mengen, Franziska, wenn ich bitten darf!

Franziska (beiseite und betroffen). Noch nicht genug?

Fräulein Ja, mein Herr, es wäre weibliche Eitelkeit, mich kalt und höhnisch zu stellen. Weg damit! Sie verdienen es, mich ebenso wahrhaft zu finden, als Sie selbst sind.--Ich liebe Sie noch, Tellheim, ich liebe Sie noch, aber demohngeachtet--

Tellheim Nicht weiter, liebste Minna, nicht weiter! (Ergreift ihre Hand nochmals, ihr den Ring anzustecken.)

Fräulein (die ihre Hand zurückzieht). Demohngeachtet--um so viel mehr werde ich dieses nimmermehr geschehen lassen; nimmermehr!--Wo denken Sie hin, Herr Major?--Ich meinte, Sie hätten an Ihrem eigenen Unglücke genug.-- Sie müssen hierbleiben; Sie müssen sich die allervollständigste Genugtuung--ertrotzen. Ich weiß in der Geschwindigkeit kein ander Wort.--Ertrotzen--und sollte Sie auch das äußerste Elend, vor den Augen Ihrer Verleumder, darüber verzehren!

Tellheim So dacht' ich, so sprach ich, als ich nicht wußte, was ich dachte und sprach. Ärgernis und verbissene Wut hatten meine ganze Seele umnebelt; die Liebe selbst in dem vollesten Glanze des Glückes konnte sich darin nicht Tag schaffen. Aber sie sendet ihre Tochter, das Mitleid, die, mit dem finstern Schmerze vertrauter, die Nebel zerstreuet und alle Zugänge meiner Seele den Eindrücken der Zärtlichkeit wiederum öffnet. Der Trieb der Selbsterhaltung erwacht, da ich etwas Kostbarers zu erhalten habe als mich und es durch mich zu erhalten habe. Lassen Sie mich, mein Fräulein, das Wort Mitleid nicht beleidigen. Von der unschuldigen Ursache unsers Unglücks können wir es ohne Erniedrigung hören. Ich bin diese Ursache; durch mich, Minna, verlieren Sie Freunde und Anverwandte, Vermögen und Vaterland. Durch mich, in mir müssen Sie alles dieses wiederfinden, oder ich habe das Verderben der Liebenswürdigsten Ihres Geschlechts auf meiner Seele. Lassen Sie mich keine Zukunft denken, wo ich mich selbst hassen müßte. --Nein, nichts soll mich hier länger halten. Von diesem Augenblicke an will ich dem Unrechte, das mir hier widerfährt, nichts als Verachtung entgegensetzen. Ist dieses Land die Welt? Geht hier allein die Sonne auf? Wo darf ich nicht hinkommen? Welche Dienste wird man mir verweigern? Und müßte ich sie unter dem entferntesten Himmel suchen: folgen Sie mir nur getrost, liebste Minna; es soll uns an nichts fehlen.--Ich habe einen Freund, der mich gern unterstützet.

6. Szene

(Ein Feldjäger. v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.)

Franziska (indem sie den Feldjäger gewahr wird). St! Herr Major--

Tellheim (gegen den Feldjäger). Zu wem wollen Sie?

Feldjäger Ich suche den Herrn Major von Tellheim.--Ah, Sie sind es ja selbst. Mein Herr Major, dieses königliche Handschreiben (das er aus seiner Brieftasche nimmt) habe ich an Sie zu übergeben.

Tellheim An mich?

Feldjäger Zufolge der Aufschrift--

Fräulein Franziska, hörst du?--Der Chevalier hat doch wahr geredet!

Feldjäger (indem Tellheim den Brief nimmt). Ich bitte um Verzeihung, Herr Major; Sie hätten es bereits gestern erhalten sollen, aber es ist mir nicht möglich gewesen, Sie auszufragen. Erst heute auf der Parade habe ich Ihre Wohnung von dem Leutnant Riccaut erfahren.

Franziska Gnädiges Fräulein, hören Sie?--Das ist des Chevaliers Minister.--"Wie heißen der Minister da drauß auf die breite Platz?"--

Tellheim Ich bin Ihnen für Ihre Mühe sehr verbunden.

Feldjäger Es ist meine Schuldigkeit, Herr Major. (Geht ab.)

7. Szene

(v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.)

Tellheim Ah, mein Fräulein, was habe ich hier? Was enthält dieses Schreiben?

Fräulein. Ich bin nicht befugt, meine Neugierde so weit zu erstrecken.

Tellheim Wie? Sie trennen mein Schicksal noch von dem Ihrigen?--Aber warum steh ich an, es zu erbrechen?--Es kann mich nicht unglücklicher machen, als ich bin; nein, liebste Minna, es kann uns nicht unglücklicher machen--wohl aber glücklicher!--Erlauben Sie, mein Fräulein! (Erbricht und lieset den Brief, indes daß der Wirt an die Szene geschlichen kömmt.)

8. Szene

(Der Wirt. Die Vorigen.)

Wirt (gegen die Franziska). Bst! mein schönes Kind! auf ein Wort!

Franziska (die sich ihm nähert). Herr Wirt?--Gewiß, wir wissen selbst noch nicht, was in dem Briefe steht.

Wirt Wer will vom Briefe wissen?--Ich komme des Ringes wegen. Das gnädige Fräulein muß mir ihn gleich wiedergeben. Just ist da, er soll ihn wieder einlösen.

Fräulein (das sich indes gleichfalls dem Wirte genähert). Sagen Sie Justen nur, daß er schon eingelöset sei; und sagen Sie ihm nur, von wem; von mir.

Wirt Aber--

Fräulein Ich nehme alles auf mich; gehen Sie doch! (Der Wirt geht ab.)

9. Szene

(v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.)

Franziska Und nun, gnädiges Fräulein, lassen Sie es mit dem armen Major gut sein.

Fräulein Oh, über die Vorbitterin! Als ob der Knoten sich nicht von selbst bald lösen müßte.

Tellheim (nachdem er gelesen, mit der lebhaftesten Rührung). Ha! er hat sich auch hier nicht verleugnet!--Oh, mein Fräulein, welche Gerechtigkeit!-- welche Gnade!--Das ist mehr, als ich erwartet!--Mehr, als ich verdiene! --Mein Glück, meine Ehre, alles ist wiederhergestellt!--Ich träume doch nicht? (Indem er wieder in den Brief sieht, als um sich nochmals zu überzeugen.) Nein, kein Blendwerk meiner Wünsche!--Lesen Sie selbst, mein Fräulein, lesen Sie selbst!

Fräulein Ich bin nicht so unbescheiden, Herr Major.

Tellheim Unbescheiden? Der Brief ist an mich, an Ihren Tellheim, Minna. Er enthält--was Ihnen Ihr Oheim nicht nehmen kann. Sie müssen ihn lesen; lesen Sie doch!

Fräulein Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, Herr Major--(Sie nimmt den Brief und lieset.) ("Mein lieber Major von Tellheim!) Ich tue Euch zu wissen, daß der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu Eurem Vorteil aufgekläret hat. Mein Bruder war des nähern davon unterrichtet, und sein Zeugnis hat Euch für mehr als unschuldig erkläret. Die Hofstaatskasse hat Ordre, Euch den bewußten Wechsel wieder auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; auch habe ich befohlen, daß alles, was die Feldkriegskassen wider Eure Rechnungen urgieren, niedergeschlagen werde. Meldet mir, ob Euch Eure Gesundheit erlaubet, wieder Dienste zu nehmen. Ich möchte nicht gern einen Mann von Eurer Bravour und Denkungsart entbehren. Ich bin Euer wohlaffektionierter König" etc.

Tellheim Nun, was sagen Sie hierzu, mein Fräulein?

Fräulein (indem sie den Brief wieder zusammenschlägt und zurückgibt). Ich? Nichts.

Tellheim Nichts?

Fräulein Doch ja: daß Ihr König, der ein großer Mann ist, auch wohl ein guter Mann sein mag.--Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein König.

Tellheim Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Rücksicht auf uns selbst?

Fräulein Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant, Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen.

Tellheim Und Sie kennen mich nicht besser?--Nein, da mir das Glück so viel zurückgibt, als genug ist, die Wünsche eines vernünftigen Mannes zu befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst noch jemanden wieder zugehören soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Männern nichts als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht für welche politische Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden ehrlichen Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraulich zu machen und Kälte und Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen Beschäftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen, liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft unveränderlich bleiben.--Morgen verbinde uns das heiligste Band; und sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen, dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glückliches Paar. Da wollen wir wohnen; da soll jeder unserer Tage--Was ist Ihnen, mein Fräulein? (Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Rührung zu verbergen sucht.)

Fräulein (sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glück so reizend darzustellen, dem ich entsagen muß. Mein Verlust--

Tellheim Ihr Verlust?--Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das süßeste, lieblichste, holdseligste, beste Geschöpf unter der Sonne, ganz Güte und Großmut, ganz Unschuld und Freude!--Dann und wann ein kleiner Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn--Desto besser! desto besser! Minna wäre sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren müßte, den ich nicht lieben könnte. (Ergreift ihre Hand, sie zu küssen.)