Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 20

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Trotz aller Unvollkommenheiten des mexicanischen Bergbaus, fördert derselbe dennoch alljährlich mehr als 15 Millionen Pesos in Silber und Gold zu Tage, und Mexico führt diese auch aus! -- hauptsächlich durch die Packetfahrt nach England, wohin in der Regel auch Deutschland und Frankreich ihre Retouren in Geld gehen lassen, weil directe Verschiffungen +für Comptanten+ nach deutschen und französischen Häfen selten sind; nächstdem wird viel Geld nach Nordamerika versandt, sowohl von Vera-Cruz nach New-York, wie insbesondere von Tampico nach New-Orleans; endlich wird dann auch noch viel Silber, Gold und Goldstaub (letzteres aus den reichen Minen von Sonora) über die Häfen von St. Blas und Acapulco an der Westküste ausgeführt, dergestalt, daß die genannte Summe der Gesammt-Ausfuhr an edlen Metallen aus der Republik Mexico nicht zu hoch erscheint; auf die englischen Packete allein fallen davon bekanntlich circa 8 ~à~ 10 Millionen Pesos im Jahr.

Von allen Häfen der Republik führt anjetzo Tampico das meiste Silber aus. Dorthin dirigiren sich nämlich die reichen Conducten von Guanaxuato, Zaccatecas, St. Luis Potosi u. s. w., und es sammelt sich häufig mehr Geld im Hafen, als das englische Packet, welches gesetzlich auf eine Million Pesos beschränkt ist, auf einmal einnehmen kann.

Vera-Cruz erhält die Comptanten, zur Verschiffung ins Ausland, hauptsächlich durch die Conducten von Mexico, Puebla, Oaxaca u. s. w., zusammengenommen aber weniger als Tampico.

Die Gesetze über die Silber- und Gold-Ausfuhr aus Mexico haben oft darin geschwankt, daß die Ausfuhr in Barren, d. h. im ungemünzten Zustande, bald erlaubt bald verboten war. Geprägte Dollars zahlen 3½ pCt. Ausgangsrechte; Silberbarren dagegen 7 pCt., und man glaubte in diesen additionellen 3½ pCt. eine hinlängliche Entschädigung für die Nichtbenutzung der Münz-Anstalten im Lande zu erhalten. Das Gouvernement fand aber bald, daß die Münz-Etablissements hierunter allzusehr litten, und fast ganz unbeschäftigt blieben; die Ausfuhr von Silber, in anderer als gemünzter Gestalt, ward daher wieder verboten. Jetzt scheint man aber einen Mittelweg einschlagen und ausnahmsweise denen Minen-Districten, welche allzuweit von einem Münz-Etablissement entfernt liegen, die Silber-Ausfuhr in Barren gestatten zu wollen.

* * * * *

+Die Münze in der Hauptstadt Mexico+ ist ein schönes, großartiges und gut administrirtes, von dem Gouvernement in finanzieller Hinsicht gänzlich unabhängiges Etablissement, und diese Unabhängigkeit ist unter andern, während der Revolution von 1832, von allen Parteien, selbst unter den größten Geld-Verlegenheiten, respectirt worden! Die an der Spitze stehenden Männer sind in ihrem Fache wissenschaftlich gebildete Leute, und es herrscht in allen Zweigen der Münze die größte Ordnung und Pünktlichkeit. Man prägt in derselben nicht allein Gold und Silber, sondern auch viele Kupfer-Münzen, letztere fast alle für Rechnung der Regierung, die ein Gesetz erlassen hat, daß in allen Zahlungen ein Drittheil in Kupfergeld angenommen werden solle, da dies nun in Wechsel-Geschäften nicht wohl ausführbar ist, so verliert das Kupfergeld im Groß-Handel oft 2 bis 3 pCt.

In Guanaxuato hat, mit Genehmigung des Staats, eine englische Gesellschaft ein Münz-Etablissement errichtet, welches gut rendiren soll, und dem Minen-Besitzer den Vortheil und die Annehmlichkeit bietet, daß ihm gleich bei Einlieferung des Silbers der genaue Gegensatz in gemünzten Dollars ausbezahlt wird, während man in der Münze zu Mexico, zwei, drei, ja oft vier Wochen warten muß, ehe man das gemünzte Geld gegen die eingelieferten Silberbarren wieder erhält; sind nun gar die Barren goldhaltig, so dauert es oft Monate, ehe die Münze den Gegensatz dafür wieder giebt, da man für diese Ausscheidungs-Operation stets erst ein gewisses Quantum abwartet.

Diesem Uebelstande in der Münze ist es wohl zuzuschreiben, daß ein Franzose ein Privat-Etablissement für die Gold- und Silber-Scheidung durch chemische Procedur errichtet hat, was guten Fortgang haben soll.

Banco de Avio.

(Industrie-Belebungs-Bank.)

Mag es immer wahr seyn, daß Mexico in seiner Cultur noch weit zurück ist, und in der fortschreitenden Entwickelung seiner Civilisation durch die, leider nur allzuhäufigen, innern Unruhen sehr gehemmt wird, so kann es doch dem Auge des vorurtheilsfreien Beobachters nicht entgehen, daß, seit der Emancipation des Landes vom spanischen Joche, ungeheure Fortschritte in der Aufklärung gemacht worden sind, und daß sich überall ein Streben kund thut, die Nation auf eine höhere Stufe der Ausbildung zu führen. Die mitunter zum Erstaunen ausführlichen Berichte der verschiedenen Ministerien des Innern, der Finanz, Justiz u. s. w., welche gesetzlich jedes Jahr den Kammern vorgelegt und dann durch den Druck veröffentlicht werden, liefern schöne Beweise von dem bereits Geschehenen und von dem guten Willen mehr zu thun! Ich habe jene Berichte vom Jahre 1832 vor mir liegen, und finde darin vieles was kein europäisches Gouvernement zu adoptiren Anstand nehmen würde. Besonders erfreulich sind aber dabei die Unterstützungen, welche, obgleich freilich noch nicht in hinlänglichem Maße, den Civil-Institutionen und Unternehmungen zugewandt werden; denn wenn auch, wie nicht zu läugnen, dabei hier und da Mißgriffe stattfinden, so tragen solche Bestrebungen doch stets dazu bei, Licht zu verbreiten, Ideen zu wecken und zu berichtigen, kurz das Ganze vorwärts zu bringen.

Hierher gehört besonders die vielbesprochene ~Banco de Avio~ (Industrie-Belebungs-Bank), eine Schöpfung des Ministers Alaman, welche von seinen zahlreichen Widersachern häufig scharf getadelt worden ist, die ich aber in ihrer Theorie vollkommen billige und mithin auch den gemachten großartigen Versuch in Schutz nehme, ohne darum gerade jede einzelne Verhandlung der Bank gutheißen zu wollen.

Die Idee im Allgemeinen spricht mich aber sehr an! Alaman dachte, und wie mich dünkt mit Recht, da bereits aus mehreren Punkten der Republik ein gewisser Grad von Fabrik-Industrie existire, so würde die Anlage +von Normal-Anstalten+ dazu beitragen, die Zahl z. B. der Spinnereien und Webereien u. s. w. zu vermehren, und Kenntnisse des Auslandes heranziehen, welche die Verarbeitung derjenigen rohen Producte, die Mexico nicht mit Vortheil ausführen kann, wie z. B. Wolle und Baumwolle, im Lande selbst befördern müßten. Er dachte ferner, und wie ich glaube, mit gleichem Rechte, daß in einem Lande wie Mexico, wo der Zinsfuß so hoch ist, daß selbst das Gouvernement oft 3-4 ja 5 pCt. pr. +Monat+ bezahlt, Fabrik-Unternehmungen und neue Ackerbau-Anlagen einer wohlfeileren Capital-Unterstützung bedürften, und setzte es daher bei den Kammern durch, daß von den Zöllen auf Baumwollen-Waaren, ein Theil zurückgelegt würde, um daraus für die besagte ~Banco de Avio~, den Fond von einer Million Dollars zu bilden, der alsdann, unter der Leitung einer besonderen Administration, zu den oben angedeuteten Zwecken verwandt werden sollte. Dieser Fond war nun zwar noch nicht completirt, die Bank aber doch schon seit 14 Monaten in Wirksamkeit getreten, und die Direction, an deren Spitze der Minister Alaman steht, hat in diesem Jahre einen Bericht darüber erstattet, von dem ich hier einiges aushebe:

“Die Aufmerksamkeit des Etablissements richtete sich vor allen Dingen auf die Schaafzucht, auf die Bienenzucht für die Gewinnung des Wachses, und auf die Baumwollenstaude, in der Absicht, diesen wichtigen Zweigen im ganzen Lande nach Maaßgabe der verschiedenen climatischen und andern Verhältnisse, die möglichste Nachhülfe zu leisten. Die aus allen Theilen der Republik eingelaufenen Berichte haben leider ergeben, daß der jetzige Stand der Landes-Industrie keinesweges ein günstiger ist. Bedeutende Strecken Landes, welche Wasser und Wiesengrund genug haben, um große Heerden +Schaafe+ zu unterhalten, liegen brach und bleiben, theils aus Mangel an Capitalien zur Anschaffung der Heerden, theils aus Trägheit des Volkes, unbenutzt. Die wenige Wolle welche man sammelt, wird zu den gröberen Geweben verwandt, weil man die Kunst der Veredlung des rohen Materials nicht kennt, das feste und dauerhafte Färben nicht versteht und noch keine Begriffe von den Mitteln hat, wodurch die fremden Nationen die feinern und bessern Arbeiten dieser Art hervorbringen.”

“Die Zucht der +Seidenwürmer+ ist durchaus nicht allgemein; in den Staaten von Oaxaca und Jalisco beschäftigen sich zwar einige Personen damit zu ihrem Vergnügen, aber nirgends besteht ein förmliches Etablissement, welches versuchte, aus diesem Insekt einen einträglichen Handelszweig zu bilden, und im Allgemeinen kennt man die rechte Methode noch nicht den Wurm zu tödten und die Seide abzuwickeln; an vielen Orten ist ein Ueberfluß an Maulbeerbäumen, welche wild wachsen, aber niemand hat noch daran gedacht, sie methodisch zu ziehen und zu pflegen, und man scheint oft gar nicht zu wissen, daß die Blätter dieses Baums die alleinige Nahrung des Seidenwurms sind.”

“Die +Bienenzucht+ beschränkt sich gleichfalls auf wenige Orte und Personen, welche in ihren Gärten oder Feldern eine kleine Anzahl Bienenschwärme halten, jedoch mehr um des Honigs, als um des Handels mit Wachs willen. An mehreren Orten der Sierra-madre aber und in andern Gebirgsgegenden, in deren Nähe sich Gesträuche und Blumen befinden, giebt es eine solche Menge wilder Bienen, daß sich die dortigen Eingebornen keines andern Lichtes bedienen, als was sie aus dem Wachs anfertigen, welches sie so, ohne Mühe und Sorgfalt um die Bienen, in Felsenklüften und hohlen Bäumen finden. Dies Wachs ist gelb, weil sie es nicht zu bleichen verstehen, und der Honig ist dunkel; aber es geht doch hieraus zur Genüge hervor, daß die Elemente zur Gewinnung des Wachses im eignen Lande vorhanden sind, und daß es mithin zu beklagen ist, daß aus bloßem Mangel an Thätigkeit im Volke, jährlich so viel Geld dafür aus dem Lande geht. Nach genauen Berechnungen der Einfuhr in Vera-Cruz und andern Häfen, und Veranschlagung dessen, was der Wahrscheinlichkeit nach eingeschmuggelt wird, darf man den jährlichen Consum von Wachs in unserer Republik zu 28,000 Arroben annehmen, welches zum Mittel-Preis von 25 Pesos die Arroba geschätzt, die enorme Summe von 700,000 $ macht, welche alljährlich dem Auslande für eine Sache bezahlt wird, die wir in der Heimath gewinnen können.”[25]

“Der Anbau der +Baumwolle+, dieses köstlichen Productes aller heißen Länder, und so besonders passend für die Südküste der Republik, wo vor dem Jahre 1810 so viel, und selbst im Jahre 1825 noch 50,000 Arroben (1,250,000 ℔) gezogen wurden, ist so in Verfall gerathen, daß das Jahr 1830 nicht mehr als 5000 Arroben producirte. Hieran ist nun theils Mangel an Capital, theils der beklagenswerte Bürgerkrieg in jener Gegend, Schuld.”

“Um nun allen diesen, für das öffentliche Wohl so wichtigen Industrie-Zweigen aufzuhelfen, fordert die Direction dieser Bank die Staaten der Republik auf, Actien-Gesellschaften zu bilden, durch welche die Sachkenntniß mehrerer Personen in Ausübung gebracht werden würde, und welchen alsdann die ~Banco de Avio~ mit Capital-Zuschuß, so viel es ihre Kräfte erlaubten, nachhelfen wollte.”

Der Bericht fährt nun fort, zu sagen, wie sich, in Folge dieses Aufrufs, in den verschiedenen Theilen der Republik 14 Gesellschaften für die Belebung der Industrie auf Actien gebildet hätten, die jedoch noch zu sehr in ihrer Kindheit wären, um Resultate vorlegen zu können. Für mehrere derselben wären Maschinen in Nordamerika und Europa bestellt worden, wovon einige bereits angekommen, andere unterweges wären; auch hätte man Werkmeister und Mechanici vom Auslande kommen lassen, um die Kenntnisse der Fabrication von Wollen- und Baumwollen-Waaren im Lande zu verbreiten. In der +Seiden-Zucht+ waren große Fortschritte gemacht, ein Etablissement in Coyoacan (Staat von Mexico) hatte Ende 1831 bereits schöne Resultate geliefert und ein anderes in Celaya berechtigte zu großen Erwartungen und man dachte schon an die Fabrication von seidnen Bändern. Saamen der Seidenwürmer war nach allen Richtungen ausgetheilt worden, besonders in die Gegenden, wo bereits Ueberfluß an Maulbeerbäumen ist. Für die Beförderung der +Bienenzucht+ hatte man auf dem Lande Bienenkörbe vertheilt und junge Schwärme anzuschaffen getrachtet, wovon man zwar noch keine Resultate nachweisen konnte, aber schöne Hoffnungen daran knüpfte. Aus Frankreich hatte man Merino-Schaafe zur Veredlung der Race kommen lassen, so wie auch Tibet-Ziegen. In Peru waren Vigoña-Schaafe und Lamas bestellt, und man hoffte beide Gattungen in der Republik Mexico einheimisch zu machen. Sogar auf die Einfuhr von +Kameelen+ war man bedacht, und versprach sich davon die wohlthätigsten Resultate für den Waaren-Transport im Lande, falls es, wie man hoffte, gelingen sollte, diese nützlichen Thiere in Mexico zu nationalisiren. Nach manchen schwierigen und vergeblichen Unterhandlungen war die ~Banco de Avio~ mit einem Hause in Marseille übereingekommen, 20 Kameele, 6 männliche und 14 weibliche, direct von Alexandrien nach Vera-Cruz zu senden, und berechnete die Kosten, einschließlich der Fracht, für ein Schiff von 200 Tonnen, der nöthigen Fourage u. s. w., auf nicht mehr als 7000 $.

Endlich hatte man denn auch noch eine Anzahl Bücher über Gegenstände der Fabrication und des Ackerbaues angeschafft, und diese in den verschiedenen Staaten, wo sich Anregung für dergleichen Industrie zeigte, gratis vertheilt.

+So weit+ der amtliche Bericht des Ministers Alaman über diese von ihm gegründete Favorit-Anstalt. Seine Feinde werfen ihm vor, daß er darin der Zeit vorgegriffen, und Geld für bis jetzt noch unausführbare Projecte verschwendet habe, welches zu nützlicheren Zwecken hätte verwandt werden können und sollen. Kann seyn, -- aber trotz alle dem ist doch nicht zu läugnen, daß der Sache eine großartige und patriotische Idee zum Grunde lag, die gewiß alle Anerkennung verdient. Es ist daher auch zu bedauern, daß die bürgerlichen Unruhen des Landes und der Sturz des Ministeriums, die Entwickelung dieses Instituts unterbrochen, ja gleichsam in der Geburt erstickt haben! Ganz untergehen wird man es übrigens wohl nicht lassen, indem es bereits zu sehr im Lande verzweigt ist und an mehrere Anstalten zu starke Forderungen hat, wie z. B. 40,000 $ an die Eisen-Schmelzerei auf dem Sitio in der Nähe des Popocatepetl, von welcher ich in meinen Briefen geredet habe, und über welche ich hier noch einige Notizen hinzufüge.

[25] In dieser Veranschlagung irrt sich Herr Alaman sehr bedeutend, denn wenn er auch in der Schätzung der Quantität Recht haben sollte, was ich bezweifle, so ist doch der Mittel-Preis viel zu hoch gegriffen, und das was das +Ausland+ für das eingeführte Wachs erhält, dürfte, +nach Abzug der hohen Eingangs-Rechte, Frachten und Spesen+, den Durchschnitt von 10 $ die Arroba, gewiß nicht übersteigen.

Die Eisen-Schmelzerei

auf dem Sitio.

(Siehe Anhang zum Briefe vom 31. Mai, ~pag.~ 91.)

Die Eisenerz-Gruben liefern wöchentlich bei sehr langsamer Bearbeitung 300 Ctr. Erz.

Die Schaffungskosten eines Ctr. Erzes und Fuhrlohn bis aufs Werk kommen 2 Rl.

Ein Ct. Holzkohlen stellt sich auf 6 Rl.

26 Arroben Eisenerz } 5 „ Zuschlag } sollen 12 Arroben frisch Eisen in 24 44 „ Kohlen } Stunden liefern.

Das Gebläse ist das bekannte Wasser- oder Trommel-Gebläse. Die Erze sind so leicht flüssig und von so verschiedenem Gehalt (von 30 bis 70 pCt. eisenhaltig), daß die Mischung dergestalt bereitet werden kann, daß wenig oder gar kein Zuschlag nöthig ist.

Das ganze Gefälle ist 100 Fuß; das halbe Gefälle reicht aber schon zum vollständigen Betrieb hin.

Bevölkerung von Mexico.

+Die Bevölkerung der vereinigten Staaten von Mexico+ wird sehr verschiedentlich angegeben, dürfte sich aber doch wohl im großen Ganzen auf +acht Millionen+ Seelen belaufen, was noch immer eine sehr dünne Population ist, für einen Flächenraum von circa 10000 ☐ Leguas von 20 auf den Grad, die man der Republik in ihrer ganzen Ausdehnung beimißt. Nach dem Maaßstabe europäischer Bevölkerung könnte sich die mexicanische auf ihrem jetzigen Raume ganz bequem verzehnfachen.

Die außerordentliche Schwierigkeit einer genauen Volkszählung, in einem so weitläufigen Gebiete wie dem mexicanischen, leuchtet ein, denn nur wenige seiner Staaten sind für einen solchen Zweck so gut organisirt, wie z. B. der von Vera-Cruz; unbegreiflich bleibt es jedoch immer, wie in ein und demselben Jahre zwei so verschiedene Angaben der Volkszahl gemacht werden konnten, wie die, welche der Minister Alaman im Anfange des Jahrs 1832 dem Congreß vorlegte, und jene, welche in dem Almanach von Galvan fürs Jahr 1833 Ende 1832 erschien.

Nach untenstehender Tabelle schätzt der Minister die Population auf 6,382,264; Galvan dagegen auf 7,734,292, welche letztere Angabe aber der Wahrheit gewiß näher kommt als erstere, indem der Minister selbst in seinem amtlichen Bericht eingesteht, daß seine Veranschlagung auf alten Daten beruhe, der Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig sei, und die Volkszahl als 7 Millionen +übersteigend+ angenommen werden dürfe. Er drückt sich dabei wörtlich folgendermaßen aus:

“Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, eine Bevölkerung genau zu zählen, welche über ein so ungeheuer weitläufiges Territorium, begränzt von Regionen, wo Nomaden-Stämme in fruchtbaren Landstrichen und günstigen Climaten umher wandern, zerstreut ist, so wird es nicht übertrieben erscheinen, die Volkszahl der Republik, obgleich die vorliegende Tabelle nur 6,382,264 ausweise, als Sieben Millionen Seelen übersteigend anzunehmen, zumal da die Listen des Census, welche der Tabelle zur Basis gedient haben, mitunter 4, 6 ja 8 Jahre alt sind, und doch anzunehmen ist, daß trotz aller gelegentlichen Verluste, die Bevölkerung binnen einer solchen Zeit gradatim zugenommen hat. Ein ausgedehntes Land mit einem fruchtbaren Boden und einem den Menschen befreundeten Clima, begünstigt natürlich das Fortschreiten des Menschen-Geschlechts, und die Wohlthaten, welche diesem dann zu Theil werden, wenn freie Institutionen ihren heilsamen Einfluß über alle verbreiten, welche die unschätzbaren Vortheile einer volksthümlichen Regierung zu erkennen wissen, sind unberechenbar.”

Im Jahre 1830 hatte die Zunahme der Bevölkerung einen Stoß durch einen heftigen Ausbruch der Blattern-Epidemie (~epidemia de viruelas~) erlitten; man suchte der Seuche durch Vaccination möglichst entgegen zu arbeiten, aber die Materie (~el pus~) fing an zu mangeln und unwirksam zu werden; die von England verschriebene, obgleich in kristallenen Gefäßen gesandt, wollte nicht anschlagen; die Hoffnung, daß man in dem Staat von Chihuahua an den Kühen die ächte Materie entdeckt habe, schlug auch fehl, und schon drückte der Minister in seinem Jahres-Bericht von 1831 die Furcht aus, zu der umständlichen und kostspieligen Maßregel übergehen zu müssen, die Materie zur Impfung von den nächsten, aber sehr entlegenen, Puncten in Nordamerika durch Kinder, gleichsam von Arm zu Arm zu übertragen und so heranzuziehen. Aus dem ministeriellen Bericht von 1832 geht indessen hervor, daß man nicht nöthig hatte zu diesem Extrem Zuflucht zu nehmen, und daß die Kuhpocken-Impfungs-Materie nunmehr wieder vorhanden war, es wird jedoch nicht gesagt wie man sie sich verschafft hat. Der Bericht von 1832 lobt sodann den Gesundheits-Zustand der Republik, und drückt nur Furcht und Sorge aus, daß die Cholera das Land heimsuchen und die Bevölkerung decimiren werde, weshalb denn auch Quarantainen und andere Vorsichtsmaßregeln in Anwendung kamen, die aber, wie wir jetzt wissen, das gefürchtete Uebel nicht abzuhalten vermochten. Die Cholera hat im Jahr 1833 große Verwüstungen in Mexico angerichtet; in der Hauptstadt allein sind an 16 bis 17000 Menschen, also der zehnte Theil der Einwohner, das Opfer derselben geworden.

Alle Volkszählungen in Mexico ergeben übrigens eine Mehrzahl des weiblichen Geschlechts über das männliche; in manchen Staaten sogar eine bedeutende, wie z. B. in Jalisco eine von 11 pCt., in Puebla von 7 pCt. u. s. w.

Die in den verschiedenen Theilen der Republik herrschende große Verschiedenheit der Bevölkerung, mit Bezug auf den respectiven Flächenraum, geht aus der anliegenden Tabelle gleichfalls hervor, und es kann daher nicht auffallen, daß während in den ganz dünn bewohnten Regionen an Gewerbe und Kunstfleiß noch nicht zu denken ist, in den mehr bevölkerten Staaten und den oft sehr volkreichen Städten sich dessen in nicht unbedeutendem Maaße findet und auszudehnen verspricht. Im Parian zu Mexico und auf den Märkten anderer Städte, wie z. B. Puebla u. s. w., sieht man denn auch wirklich viele schön und gut gearbeitete Waaren, welche im Lande selbst angefertigt sind; z. B. wollene Decken aller Art (~poncho’s Zerapa’s~ u. s. w.) in allen Farben; sodann die bekannten bei der Bekleidung einer Mexicanerin, gleichviel ob reich oder arm, nie fehlenden langen Umschlagtücher von Baumwolle, oder Baumwolle und Seide; Hüte jeder Art mit breiten Rändern nach mexicanischer Sitte, nebst deren Zierrath, den silbernen oder goldenen Treffen und Tasseln; baumwollene Schnüre und Bänder; die oft sehr reichen mit vielem Gold und Silber besetzten Reiter-Mäntel, deren sich auch Damen bedienen; Leder-Arbeiten aller Art und namentlich mexicanische Pferde-Sättel (unsern Husaren-Sätteln nicht unähnlich), mit kostbaren Pelz-Ueberlagen u. dergl. m. Hierzu kommt in Puebla noch Glas und Seife, womit viel Handel nach andern Städten getrieben wird.

In Mexico selbst haben sich denn in der neusten Zeit auch mehrere Fremde, Deutsche und andere, als Hutmacher, Meubel-Schreiner, Kleidermacher u. s. w. niedergelassen und machen zum Theil sehr gute Geschäfte.

Mit Colonisations- und Einwanderungs-Plänen zur Vermehrung der Bevölkerung hat es den Mexicanern bis jetzt noch nicht glücken wollen, und wird ihnen auch nicht glücken, bis sie durch Annahme der Religionsfreiheit und liberalerer Grundsätze bei der Ansiedlung von Fremden, die Auswanderung aus Europa, die jetzt fast ausschließlich nach Nordamerika gerichtet ist, theilweise nach ihrem schönen Lande zu ziehen verstehen.[26]

Die Colonisirung einiger Hundert Franzosen am Fluß Cuatzacualcos im Staat Vera-Cruz schlug gänzlich fehl, weil die Unternehmer den Einwanderern Versprechungen gemacht hatten, die sie nicht erfüllen konnten, und weil sie in der Wahl der Subjecte nicht vorsichtig genug waren. Sie sind theils nach Frankreich zurückgekehrt, theils haben sie sich in andern Theilen der Republik niedergelassen.

Die Colonisirung von

+Texas+ oder +Tejas+ (sprich Techas)

hat dagegen zwar, was die Zahl der Ansiedler betritt, einen guten Fortgang, aber diese Vermehrung der Population, welche lediglich aus den angränzenden Staaten von Nordamerika herströmt, gereicht Mexico eher zur Last und zum Nachtheil, als zum Vortheil, denn die schwer zu zügelnden Nordamerikaner wollen sich nach den mexicanischen Gesetzen nicht fügen, sondern eigne machen und aufstellen, wie es wirklich bereits an dem Hauptorte der Ansiedlung, Austen Town (so genannt nach dem Namen des ersten Unternehmers), der Fall ist. -- Bei der außerordentlichen Entfernung von dem Sitze der mexicanischen Regierung, wird es dieser schwer fallen, wo nicht unmöglich seyn, ihre Autorität geltend zu machen, während andererseits der Andrang der nordamerikanischen Einwanderung so wachsen wird, daß vorauszusehen ist, es werde sich dort ein eigner Staat bilden, der mehr zur nordischen als zur mexicanischen Union gehört.