Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 8
Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind, der um den weißen Schaum der Gießbäche und über das blauschimmernde Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle zu Tal, daß krankhafte Fieberhitze ihm nimmer stand hält; und der friedliche Klang der Herdenglocken und das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein überraschtes »Aber, Alixchen!« von einem strahlenden Lächeln begleitet, war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines unansehnliches Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« Bald darauf kam mein Lehrer. Wortlos blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. »Wie -- wie geht es -- Ihnen?« kam es dann zögernd über seine Lippen. Noch nie hatte er mich bis dahin »Sie« genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich in diesem Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten »Du« zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände ihres Verfassers nicht vergessen konnte.
Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein Spielzeug in einen großen Korb und ließ ihn auf den Boden schaffen.
Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Räderwerk der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich mich über meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, an dem ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwürfe gearbeitet hätte, zugleich aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die Tanzstunde, und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...
Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblaßter Schrift, die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte oder selbstgewählte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frühreife Weisheit in buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers oft widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem findet sich meist ein »Gut« oder »Recht gut« darunter, -- als ein Zeugnis für seine Objektivität mehr als für die Richtigkeit meiner Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich fast in jeder dieser Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem Aufsatz über die Balladen der beiden Dichter: »Goethe ist ein Naturdichter, das heißt ein Dichter von Gottes Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen,« -- hier steh ein »Oh!!« des Lehrers daneben -- »das sieht man an allen seinen Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die Unschuld beschützt; der Kampf mit dem Drachen, daß der Sieg über sich selbst größer ist als der über das Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir damit Goethes Erlkönig, der nicht einen reflektierenden Gedanken enthält, aber den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben, oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenüber dem Christentum deutlich entgegentritt,« hier steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« -- An einer andren Stelle sage ich über den Meistersang, den mein Lehrer sehr schätzte: »Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber der ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über Luther, für den mein Lehrer mich trotz aller Mühe nicht erwärmen konnte, heißt es: »Er hat das große Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber seine Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche den Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen aufgeprägt«, -- daneben steht: »Der Kölner Dom?« »Dürer?« »Bach?« -- In den zahlreichen historischen Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In einer Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin ungerechte Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles Göttlichen führt ... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen bedachte Fürsten, eine verdorbene Aristokratie, ein armes, durch übertriebene Aufklärungsschriften irregeleitetes Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den Fürsten der Neuzeit beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den »die Taten seiner Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« Stein feierte ich als den »Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was der Zweck der französischen Revolution gewesen war.«
Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik zu unterwerfen, die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach rückwärts radikal zu sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene Völkerfreiheitskämpfe zu begeistern, sich über die Schandtaten der Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, widersprach im allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als verächtlich, die Ehrbarkeit eines einfachen Familienlebens als größtes Gut. Das persönliche Verhältnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten stand, war die Brücke des Verständnisses für viele Wünsche und Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hörte ich oft darüber reden, daß es »oben« an der nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß das »Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische Tradition der Pflichterfüllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von irgendeiner Meldung aus Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf mich seine Empörung zu besänftigen, die sich in drastischen Erzählungen über das, was er gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und ihre Verschwägerung mit »Börsenjobbern«, der unpreußische Prunk der Hoffeste, die Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, -- das alles wurde immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was Gutes dabei herauskommen« blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abfälligen Kritik derer »oben«, ging eine schroffe Verurteilung jeder Auflehnungsversuche derer, die »unten« sind. Das patriarchalische Verhältnis war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. So war mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen Unternehmertums, -- Worte wie »Ausbeuter« und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm --, mit derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, ihn bis zum letzten Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz kämpften. Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; -- so schien es auch mir nach allem, was ich hörte und las, darum habe ich bei all meiner Begeisterung für die Freiheitshelden der Geschichte, die Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der für uns alle das geweihte Symbol der Einheit und Größe Deutschlands war, von Hödel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.
Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger Kasinogarten die Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die verwöhnte Tochter des allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen Krocket und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den Kaffeetisch, als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestürzt kam. »Herr Oberst, Herr Oberst --« mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen liefen ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts denn?« herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser --« er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien zitterten ihm -- »ist -- ist erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. »Das ist nicht wahr,« schrie er. Stumm reichte ihm der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, -- das Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Männer und Frauen, jung und alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen, nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah. Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts erschütternder Ereignisse stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse -- irgend etwas, das die gräßliche Spannung löst --, eilten wir alle dem Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, -- aus den Fenstern der ersten Häuser wehten vereinzelt schon schwarze Tücher, vom Turm der Garnisonkirche läuteten die Glocken --, und wir die weite Sandfläche des in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, der Kaiser lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue, Überraschende noch kaum gefaßt, als er seinen schäbigen Hut zwischen die harten Fäuste preßte: »Lieber Vater im Himmel«, -- alle Mützen flogen von den Köpfen, alle Hände falteten sich --, »schütze unsern guten Kaiser!«
Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im Gespräch oder bei der Lektüre konnte er auffahren und zähneknirschend murmeln: »Aufhängen soll man die Kerle -- einen neben den andern!« Ich aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die große Erschütterung dadurch zu bemeistern, daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine Freude war so groß, daß er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden zeigte; auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. Wenn auf einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen Ausdruck verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, daß meine Verse mich über den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten. Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters Tochter war, so umgab man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte, nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die, wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der Klasse bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und auf dem Fort Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des »interessanten« Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde -- jenes blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, -- war eine Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, die ernüchternd wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als »dummes Zeug« bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde es möglich, daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu vernichten drohten.
Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir natürlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das -- wie Mama sagte -- die Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es nie fehlte, steigerte nur das Quälende meines Zustands. Etwas Heißes, Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. Meine tobenden Freiheitsgesänge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut. Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde wählte ich sie, sondern aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei allein den Ausschlag, mit allem übrigen -- dem Glanz der Geburt, dem überragenden Geist und der Güte des Herzens -- schmückte sie meine Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen; alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen, Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheißen Händen füllte ich Bücher um Bücher mit meinem erträumten Glück und Leid.
Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten geschmacklosen Einbänden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt. Der Schmerz bildet überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:
Einstmals blühtest du wunderbar, Rose, du prächtige, süße, Sandtest zum Himmel blau und klar Duftend-berauschende Grüße.
Einstmals füllte der Liebe Macht Mich mit Wonnen und Schmerzen, Und es strahlte des Lenzes Pracht Wider in meinem Herzen.
Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht, Herbstlich umbraust mich das Wetter; Eines nur blieb, das den Sturm besteht: Dornen und dürre Blätter.
* * * * *
Im dunklen Buchengang Zur schönen Frühlingszeit Hast du mich heiß geküßt Voll Liebesseligkeit.
Im dunklen Buchengang Fielen die Blätter ab, Als ich zum Abschied dir Weinend die Hände gab.
Im dunklen Buchengang Liegt unter Eis und Schnee, Begraben all mein Glück -- Wach blieb mein Weh.
* * * * *
Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen, Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich, Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen, Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!
Ich möchte entfliehen und dich vergessen, Den Lippen fluchen, die ich dir bot. Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen, Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.
* * * * *
In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches: Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.
Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe, die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz besonders empfohlen worden war. Anna -- so hieß unsre neue Hausgenossin -- fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin, und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches, kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte. Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das, was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet, hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, -- das erzählte sie voll Stolz --, war niemals den Verführungskünsten der Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe und Alkohol berauschten. Freilich -- nachher mußten sie ihre Dummheit büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. -- Das Kind! -- Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund feuerrot entgegensprang. -- Das Kind! -- An den Storch glaubte ich längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer Heiligenschein.
Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven blauen Frageaugen mich aufklärte! -- -- Sie war so vertieft in alle Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« -- so mochte sie denken -- »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens, dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.
Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer bezahlen ließen. »Bezahlen?!« -- ich kämpfte schon wieder mit den Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! --« und sie verfiel wieder in Detailschilderungen. »Pfui! -- Pfui!« schrie ich auf und preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle fiel.
Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg. Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht. Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das -- das war Liebe -- Liebe, von der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! -- Ich wollte nicht mehr daran denken, -- ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind -- so?« Welch eine Erlösung wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein« doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, -- sie waren selten genug --, triumphierte mein Idealismus, und die alte Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.
Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe ließen, so verfolgten mich unablässig die gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte ich dagegen an, -- wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, dunkle Ringe umschatteten meine Augen, und die Überzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme sagte: »Hüte dich vor der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar nicht, senkte aber doch schuldbewußt die Augen.