Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Chapter 5

Chapter 53,337 wordsPublic domain

Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen bleiben. Edith und ich waren natürlich noch mehr als früher aufeinander angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem sich Großmama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte, durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen. Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das ihnen für ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, -- denn er sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es unbehaglich in der Nähe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette über dem Spitzbauch. Nach einem reichlichen Imbiß spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor, wie immer, -- meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen --, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen ein kleiner Muschelwagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das schönste war.

Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern aus, aber sie teilten meine Freude nicht; Papa räusperte sich heftig, und Mama kniff die Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie warfen einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem Kinde solche Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie wieder hinüber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine Gegeneinladung wartete und von den gekränkten Eltern nun wohl auch ihre bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im sonntäglichen Familienkreis bei Großmama kam noch einmal die Rede auf die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander mit ihr und erklärte schließlich kategorisch: »Juden sind kein Umgang für Mädchen, die eine Position in der Gesellschaft haben.« Manch einer lächelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie um so empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden konnte, daß Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser hatte ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den Kerl zum Baron, ein Edelmann wird doch nie draus.« Selbst in der vierten Generation hatte das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu verwischen vermocht.

Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz für Edith Onkel Wolkensteins ältester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er war etwas älter als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen uns aber schließlich doch ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und Gutshöfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten. Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu beschränken zu wollen, wobei er stets in den höchsten Eifer geriet, und ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen ließ, um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen Herrlichkeiten zu bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die »wirklichen« Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«. Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock in meinem Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume für mich zu behalten. Es war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder war immer nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher, die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten Gefährten sich finden würden.

Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns besonders interessant war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich tanzten wir Quadrille und Polka, -- der Walzer war als »unschicklich« zu jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten --, und so tadellos war unser Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« war uns gesichert, ja wir besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen pflegte, immer komisch erschienen. Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können: die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder, der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was Kindergaumen reizt, -- es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes -- das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte, die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria, mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren nur die großen Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere entgegennahm, -- dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht siehst du aus,« flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein -- herrschen -- genießen!

Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...

Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle waren der Anlaß gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit Großmama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir immer so schwer war, hinten übergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine besondre Art von Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit bedeutender Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen und Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslöschlichen Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer Junge gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von Not und Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln seiner Stärke wurden, und wie der Genius des großen Dichters sich schon an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, -- wundervoll war es! »Das muß das Schönste sein im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der allen leuchtet« -- sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tönt mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle wärmt!«

Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen Jugendzeit, die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig in seiner Nähe, verleben durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor! Ich konnte überhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstörter, das Lachen immer seltner werden ließ. Selbst meines Vaters Humor versiegte mehr und mehr, und häufiger als je flüchtete ich vor seiner tobenden Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war zerstreut und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rätselhafte Bemerkung: »Die Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche Frühstücksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem geringfügigen Anlaß heftig angefahren, was mich immer ganz besonders entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt im tiefen Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da hörte ich nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus Ostpreußen angekommen und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie es schien, den Salon.

Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, das mir so oft zum Schmollwinkel diente, und nun hörte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung: Großmamas weiche, von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.

»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans hat sein kleines Vermögen völlig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend verringert, und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse und Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht Frau, nicht Kind, hast ein schönes Gut, -- du solltest ohne weiteres auskommen.«

»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete er.

»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heißt Alixchens ganze Zukunft gefährden.«

Onkel Walter stöhnte schwer.

»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? -- Sprich dich doch aus, mein Junge!« schmeichelte Großmamas Stimme.

Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die schließlich Großmamas leises Weinen so wehevoll begleitete, daß sich mir das Herz schmerzhaft zusammenzog.

Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte sich mir ein: irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch Überschwemmungen zerstört worden war -- »ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht hilfst,« schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama erhob sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die Kissen und hielt den Atem an.

»Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!« sagte sie; ihr hatte seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen Eindruck gemacht. »Schämst du dich nicht? Wie viele fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen Groschen am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, noch dazu Tausende, die dir gar nicht gehören! Oder ist es etwas andres als Diebstahl, wenn du deine Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen wirfst?! Wenn du noch eine Spur von Ehrgefühl hast, so wirst du dir selber helfen und nicht verlangen, daß deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern. Setz dich auf dein Gut und arbeite!«

Niemals hatte ich Großmama so reden hören, auch Onkel Walter mochte erstaunt sein, denn er schwieg lange Zeit. Dann brachs von neuem los, nicht heftig, wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun tröstete ihn Großmama, wie ein krankes Kind, ohne in der Sache nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm ein neues Leben aufbauen helfen, in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau gefunden haben würde ...

»Ich habe eine Geliebte,« stieß er hervor.

»Auch das noch!« murmelte sie. »Kannst du sie heiraten?« fügte sie rasch hinzu.

»Damit wir beide am Hungertuch nagen?« höhnte er.

Auf Großmamas Bitten berichtete er von seinem Verhältnis zu dem Mädchen. Ich glaube, sie war anständiger armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie fürs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner Bühne untergebracht: »Talent hat sie keins, aber sie ist hübsch, damit wird sie sich schon weiter helfen! Für das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaßen sicher ist, muß gesorgt werden!«

»Und du -- du bist mein Sohn!« hörte ich Großmama mit halberstickter Stimme sagen. Hätte ich ihr nur zu Füßen fallen und ihre Hände küssen können!

Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu sprechen an: mit ruhiger Geschäftsmäßigkeit, wie zu einem völlig Fremden, setzte sie Onkel Walter auseinander, welche Schritte zur Regelung seiner Angelegenheiten zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre Übersiedlung nach Pirgallen vornehmen würde. »Für das unschuldige Würmchen und die arme Mutter sorge ich,« schloß sie, »und nun gute Nacht!«

Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Onkel Walter das Zimmer.

Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich mir verborgen hatte, waren in dieser kurzen Stunde zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da trat Großmama über die Schwelle. »Alixchen!« rief sie entsetzt. Ich sprang auf, und den heißen Kopf in die kühlen Sammetfalten ihres Kleides pressend, erzählte ich ihr, daß ich alles, alles gehört hätte.

»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten Pläne sich in meinem Hirne kreuzten. »Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend sah ich auf zu ihr; mit wehmütigem Lächeln streichelte sie mir die glühenden Wangen, und durch ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt du, wenn ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld für mich auszugeben« -- -- Großmama war noch immer still -- -- »vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal gesagt, daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich tanze doch so gut -- Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet -- der nimmt mich gewiß zum Theater.«

»Du kleiner Hitzkopf du -- was für törichte Gedanken du dir machst,« unterbrach mich Großmama. »Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit ließ sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Füßen, wie in jenen glücklichen Stunden, wo ich ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich sprach sie auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, daß ich viel helfen könne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn ich überflüssige Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen zu stehen vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig herabgestimmt. Gar kläglich kam mir vor, was Großmama mir als eine Aufgabe ans Herz legte. »Und -- das kleine Kind?« wagte ich noch einmal schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Großmamas Schläfen schwollen. »Versprich mir, daß du niemandem sagst, was du von ihm gehört hast,« sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich verspreche es,« hauchte ich.

Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun komm! Ich bring dich in dein Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still und in mich gekehrt folgte ich ihr.

Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, -- ich pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen --, und, die Hände gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich noch einmal auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit Anstrengung über meine Lippen, »sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?« Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«

Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.

Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der Stille unaufhörlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner etwas mitbrachte als früher, wo er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas Empörung über die »Verschwendung« so groß, daß mir von vornherein jede Freude verging. Ich sah, wie im stillen überall gespart und geknausert wurde, ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte französische Köchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmädchen, unter deren Händen Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmäßig unbeweglichen Züge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.

Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte rasch ein halbes Wort, ein vielsagendes Lächeln verstehen: da mußte der eine den Abschied nehmen, weil er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde einer im Duell erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm im Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.

Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das sich in Ohnmachtsanfällen allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der Stärkung durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel sollte eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften Formen wegen immer besonders liebte, vor mir stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu spielen. »Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte Tante Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie hatte keine Spur von Verständnis für mich; sie wußte nicht, daß ich die Kosthäppchen des Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was er entbehrt.

Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante uns zum Spazierenfahren ab und unterließ es dabei nie, ihrem Ärger über die Nichte, die eine »gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen. Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu werden, daß mich ihre Bemerkung einigermaßen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach für ihre Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; Mama hielt mich abwechselnd für unartig oder für launisch; sie befand sich überdies bald in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden, daß ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten allein mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume darin standen in Reih und Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz der fernen Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der Natur vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, kleiner Springbrunnen in der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern war.