Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 41
»Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt betrachten -- und Ihre Frau mit beiden Füßen zugleich mitten in den Strudel springt --«, Professor Tondern ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. »Weil Ihnen gegenüber alle bösen Triebe der lieben Nächsten sich in den dunkelsten Winkel verkriechen -- Verleumdungssucht, Ehrgeiz, Neid -- und sie Ihrer Frau um so zähnefletschender an die Gurgel springen ...«
Ich sah ihm fest in die Augen: »Sie würden so nicht sprechen, wenn Sie nicht gewichtige Gründe hätten. -- Trotzdem: ich will -- ich darf nicht Ihrer Ansicht sein! Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine Kraft.«
Er nagte nervös an der Unterlippe. »Glauben Sie an die Sache, -- das wäre besser für Sie und uns!«
Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. Sie hatte nicht Worte genug, um die Größe meines Erfolgs zu schildern. »Und nun dürfen Sie sich uns nicht mehr entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen Augen mit einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen ihren Vortrag in unserem Verein wiederholen!«
»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich fast erschrecken. »Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, -- wir müssen vor der breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!«
Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! Aber das ist ja -- das ist ja -- sozialdemokratisch!« Es bedurfte jedoch nur eines kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu gewinnen.
»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! -- Aber nicht wahr -- meine liebe junge Freundin --, Sie werden ihre Wünsche vor unserem Vorstand selbst vertreten?«
Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war, mit einem triumphierenden »Nun?!« an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken, aus seiner Schweigsamkeit auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und verlangen von dem Nörgler, daß er den Staub von seinen Pantoffeln schüttele!« Und mit überstürzter Hast empfahl er sich.
Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: »Sie werden sich mit mir freuen, meine Damen, daß es mir gelungen ist, diese junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.« Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler Reserviertheit. Ich war doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an Verdiensten reich waren, sollte ich -- ein Neuling auf allen Gebieten -- meinem Willen gefügig machen!
Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam -- und es bedurfte zahlreicher Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwärts zu kommen --, desto mehr erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine Mauer gezogen hätte. Von dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und nur widerstrebend ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen Kämpfe und Siege und den Stand der Stimmrechtsbewegung überschauen konnten.
»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für uns deutsche Frauen,« meinte kopfschüttelnd ein rundliches, bebrilltes Persönchen, dessen Doktortitel sie mir äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer Rechte berühren wollten!«
»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen muß, würde zweifellos seine einflußreichen und opferwilligsten Mitglieder verlieren,« jammerte ein dürre alte Jungfer.
»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, meine Damen,« fügte eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf. »Angesichts der jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde es unseren Verein politisch anrüchig machen und der Gefahr der Auflösung aussetzen, wenn wir öffentlich eine sozialdemokratische Forderung aufstellen würden.«
»So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein Märtyrertum wird nur der großen Sache nützen!« rief ich ungeduldig. Mitleidiges Lächeln, mißbilligendes Kopfschütteln waren die Antwort. Es blieb bei der Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend gewesen.
»So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren Verein zu gewinnen.« Ohne jeden Nebengedanken hatte ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf gegangen war.
Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische Blicke zugeworfen hatte, war aufgesprungen. »Helma Kurz?! -- Niemals!« rief sie. »Das, meine Damen, werden Sie nicht zugeben!« Eine erregte, von allen zugleich geführte Debatte entspann sich. Ihr Resultat war, daß der Verein als solcher sich statutengemäß für die Stimmrechtsfrage nicht engagieren könne, daß er jedoch unter der Hand das Arrangement und die Kosten einer öffentlichen Versammlung und seine Vorsitzende ihre Leitung übernehmen wolle.
Ich mußte mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag vorher in extenso der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.
Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens suchte Georg mich zu trösten: »Das Wichtigste ist doch, daß du die Sache durchgesetzt hast!«
»Meinst du? -- Wenn aber der Sache die Träger, die Menschen, fehlen?!«
»Bist du nicht da? -- Und bin ich nicht bei dir?« Er streichelte mir leise den herabhängenden Arm, eine Bewegung, bei der mich immer ein Gefühl tiefer Ruhe überkam.
Dankbar küßte ich seine Stirn, -- unter meinen Lippen stieg es auf wie eine Flamme.
»Sag, Georg -- lieber Georg -- sag es mir ganz ehrlich --« flüsterte ich und trat beschämt von ihm zurück, »hast dus nicht gern, wenn ich dich küsse?«
Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten Pupillen sah er zu mir auf. Und ich sank vor ihm in die Kniee, preßte das erglühende Gesicht in die schwarze Pelzdecke und fühlte, wie seine zitternden Finger mir zärtlich die Locken von den Schläfen strichen ...
Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, kaum daß die Feder den einstürmenden Gedanken zu folgen vermochte. Und die Stimme zitterte mir vor Erregung, als ich ihn das erste Mal vorlas. Meine gestrengen Zuhörerinnen aber blieben merkwürdig kühl. Nur Frau Vanselow nahm meine beiden Hände mit einem verständnisinnigen Druck zwischen die ihren.
»Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ändern, respektive fortlassen müssen,« sagte das rundliche Fräulein Doktor und rückte die Brille fester auf ihr viel zu kurz geratenes Näschen. »Zunächst dürfen Sie nicht sagen, daß die Existenz von Wohltätigkeitsvereinen ein Armutszeugnis für den Staat sei und die Gebenden sich ihrer Wohltätigkeitsakte ebenso schämen müßten, wie die Empfangenden. Sie schlagen damit die Besten vor den Kopf --.«
Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung entschied gegen mich.
»Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu übertrieben und wirken in höchstem Maße aufreizend,« meinte die Hagere.
»So sollen sie wirken!« entgegnete ich, »und überdies stammen all meine Angaben aus amtlichen Quellen.« Nach einer kurzen, scharfen Auseinandersetzung gab meine Kritikerin seufzend nach.
»Unbedingt notwendig aber ist es, daß Sie den Satz über die Sozialdemokratie streichen,« erklärte eine andere Vorstandsdame, deren verwandtschaftliche Beziehung zu einem freisinnigen Abgeordneten ihr eine Art Respektstellung geschaffen hatte.
»Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmöglich;« widersprach ich. »Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt.«
»Schlimm genug! Wir werden darum immer verdächtig erscheinen, wenn wir ihre Wünsche zu den unseren machen, -- das habe ich ja schon oft betont, ohne Gehör zu finden.«
Ich hielt hartnäckig an dem beanstandeten Satze fest und war nahe daran, den ganzen Vortrag zurückzuziehen. Aber mußte ich nicht Konzessionen machen, um nur überhaupt etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder überstimmt, -- Frau Vanselow allein enthielt sich mit einem bedauernden Achselzucken der Abstimmung.
In dem großen Saal des Konzerthauses in der Leipzigerstraße fand an einem Sonntag Vormittag die Versammlung statt. Bis in die Gallerien hinauf drängten sich die Menschen. An langen Tischen unter der Rednertribüne saßen mit blasierten Gesichtern und gespitzten Bleistiften die Journalisten. Mit triumphierendem Lächeln, den Kopf von einem Spitzenschleier malerisch bedeckt, die ebenmäßige Gestalt eng von schwarzer Seide umschlossen, stand Frau Vanselow neben mir. »Helma Kurz, -- sehen Sie nur! Ganz grün ist sie vor Ärger --« hatte sie mir noch hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant saß an meiner anderen Seite, ein weißes Papier breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunächst nichts weiter als mein Name stand.
Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte. Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Händen. Ich bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir kräftigere Worte und stärkere Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung eines Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies, um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« rief ich aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann verhindert, Frauen in die Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und werdende Mütter in die Giftluft der Fabrik!« Frenetischer Beifall von den Galerien herunter ließ mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der Polizeileutnant stenographierte, -- entgeistert sah Frau Vanselow mich an: »Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. Ich lächelte.
»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu tun für euer Geschlecht? -- Denkt an die jüngste Vergangenheit, wo der Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete, aber dessen ungeachtet für einen 'tüchtigen und pflichttreuen Beamten' erklärt wurde, -- und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine Bürgerpflicht!... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hörte das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich vergaß mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von »den Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.«
Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der die dürren Blätter jauchzend niederschüttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu schaffen ...
Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, -- nur daß die Arme der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berührte. Im Verein Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich überschüttet. Die Zeitungen berichteten halb höhnisch, halb wegwerfend über die »verkappte Genossin«, konservative Blätter unterließen nicht, den »unerhörten Seitensprung der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« an die große Glocke zu hängen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen aus seiner Vorlesung zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene, als wäre ich noch zu Haus.
»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag -- im Klub kann ich mich nicht mehr sehen lassen ...« schrie er. Georg hatte sich, auf beide Hände gestützt, hoch aufgerichtet.
»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß Sie sich bei mir befinden!« Einen Moment lang maßen sich die beiden Männer mit einem Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das Zimmer, und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.
Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin viel zu erregt, um Dich sehen zu können. Wie könnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen verantworten, dem eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...«
So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blässe mich jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persönlich doch wie eine Erleichterung, daß meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen Gesellschaft mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir fuhren zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden Diskussionen. Mit einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu verbreiten, entspräche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie unethisch meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in meiner letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.
»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie alle Negation beiseite ließen --« sagte sie.
»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch hinzu. »Wer keine Kritik verträgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten wiedergibt, -- der soll sich nur gleich begraben lassen!«
Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, den er stellen wollte: »Die Ethische Gesellschaft nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis, daß der Kongreß für Hygiene sich für den Achtstundentag ausgesprochen hat, und erklärt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, sich dieser Forderung anzuschließen.«
»Das wird uns vorwärts bringen!« sagte ich und gab ihm freudig meine Unterschrift.
Er verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln: »Vorwärts bringen?! Gewiß, die reinliche Scheidung der Geister ist allemal ein Fortschritt!«
Zwei Tage später saßen wir einander an demselben Tisch gegenüber: seine Augenwinkel zuckten nervös, unruhig trommelten seine Finger auf der Tischplatte, während ich, totmüde von den langen Verhandlungen, gedankenlos in einer Zeitung blätterte.
»Was sagen Sie nun?!« unterbrach er unser langes Schweigen. »Ich -- ich bin noch ein Optimist gewesen! Eine Ethische Gesellschaft, die geschlossen gegen uns beide den Achtstundentag ablehnt! -- Weil er ein 'Schlagwort' ist! -- Weil seine Annahme den Verein sprengen würde! -- Weil es 'unethisch' ist, andere zu 'verletzen'! -- Was meinen Sie: ist es vom Standpunkt unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir immer noch nichts als heimliche Sozis sind?!«
Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an seine strahlenden, hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine zarten, schmalen Hände, seinen armen gelähmten Körper. »Nur eine Aufgabe kann ich erfüllen,« hatte er einmal gesagt, »von meinem Katheder aus die Jugend 'vergiften'!« Und dann fiel mein Blick auf den breiten Trauring an der Hand meines Gefährten, -- er hatte ein Weib daheim und vier kleine Kinder.
»Sind wir so frei, um tun zu können, was wir wollen?« kam es mir leise, wie im Selbstgespräch über die Lippen.
»Sie haben recht -- wir müssen uns abfinden -- so oder so!« ...
Früher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach Haus. Ganz leise schloß ich die Wohnungstür auf, -- um die Zeit war er immer in seine Studien vertieft, dann hörte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine Stimme entgegen --
»Alix!!« -- Ein einziger Laut, -- und der Jubel, die Sehnsucht, die Liebe eines ganzen Herzens darin! Ach, und wie seine Lippen bebten und brannten, -- zum erstenmal hatte er mich auf den Mund geküßt.
»Das Leben ist kurz, Alix, viel -- viel zu kurz! Du mußt mich nie mehr verlassen!«
»Nie mehr, Georg -- nie mehr!« -- Angstvoll forschte ich in seinen Zügen. -- »Hast du gelitten, -- mehr als sonst?«
»Sprechen wir nicht davon, -- jetzt ist es ja gut -- alles gut!« Und er lächelte mit seinem strahlendsten Lächeln.
Zwanzigstes Kapitel
An einem schönen Sommersonntag besuchten uns die Eltern wieder. Sie berührten das Vergangene nicht mehr. Und von da an kamen sie oft, aber meist jeder allein. »Bei Euch ist's so schön ruhig!« pflegte Mama zu sagen, wenn sie sich tief in den Lehnstuhl gleiten ließ. »So viel Sonne habt Ihr!« bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rücken ans Fenster in die hellsten Strahlen, als fröstle ihn. Auch das Schwesterchen lief oft herüber. Sie war ein bildhübscher Backfisch geworden, mit einem suchenden Glanz in den Augen. »Papa brummt immer, -- wir gehen ihm so viel als möglich aus dem Wege!« erzählte sie.
Sonntags mußte ich zu Tisch zu den Eltern kommen, oder zu Onkel Walters. Es war jedes Mal eine Quälerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, blieb mir nichts übrig, als zu schweigen, während mir das Blut oft vor Zorn in den Schläfen klopfte. Man vermied zwar von der Ethischen Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf Juden, Kathedersozialisten und Egidyaner, als den »Hilfstruppen« der Sozialdemokratie, und die Tante besonders fand ein Vergnügen darin, mich durch ihre schwärmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.
Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete schon eine wohlgemeinte politische Belehrung, als er von Egidy zu sprechen begann. »Er ist ein Phantast, aber trotz alledem ein Edelmann und dein Freund,« sagte er, »da gehört sich's, daß du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem notorischen Schwindler -- Wohlfahrt heißt der Kerl zum Überfluß! --, wie ich höre, das Näheren eingelassen. Warne ihn, ehe es zu spät ist.« Ich ließ mir die nötigen Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.
Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. Er aber sah um Jahre gealtert aus. Kaum hatte ich den Mut, diesem müden Gesicht gegenüber zu sagen, was ich wußte. Er starrte mich an, die Finger ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und plötzlich sank sein Kopf auf die gefalteten Hände, und seine breiten Schultern bebten, von lautlosem Schluchzen erschüttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der dem Spott und Haß einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen sieghafter Glaube an die Menschen ihn unüberwindlich zu machen schien, -- er saß hier vor mir, zusammengebrochen, als wäre ein Fels ihm auf den starken Nacken gestürzt, -- und weinte!
»Meine Kinder -- meine armen Kinder!« stieß er abgebrochen hervor -- »alles habe ich diesem Menschen geopfert, -- mein Letztes!«
Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um ihn zu begrüßen, aber die Kniee wankten ihm. Und dann war's, als müßte er sein Herz ausschütten, aussprechen, was er vielleicht vor sich selbst noch verhehlt hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen seiner Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer geworden war, seitdem er nicht mehr Wein und Braten aufzutischen vermochte.
»Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als einen Märtyrer bewundern, werden Sie zeigen können, daß Sie ein Mann sind!« sagte Georg, als er schwieg.
Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest von Schwäche verscheuchen, strich sich Egidy über die Stirn und reichte Georg die Hand: »Weiß Gott, -- ich werde es beweisen!« Und sich zu mir sich wendend, fuhr er fort: »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover sagte: 'Im schlimmsten Fall reite ich allein -- langsamen Schritt vorwärts -- nach Zählen -- im Kugelregen.' -- Leben Sie wohl.«
Mich ließ er schweren Herzens zurück. »Allein -- im Kugelregen!« wiederholte ich leise und kreuzte fröstelnd die Arme unter der Brust.
»Meine Alix fürchtet sich?! -- Vergiß niemals, was der große Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: Einer mit der Wahrheit im Bunde ist mächtiger als alle. In diesem Glauben siegte er!« Georgs blasse Haut leuchtete im Abenddämmer.
War ich so schwach, daß ich immer Menschen suchte -- Gleichgesinnte? -- und mich freute wie ein Kind, das hinter den Felsen hundert Gespielen wähnt, wenn irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...
Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner Sünden in seinen Vorstand gewählt: Ich war ein »Name«, -- damit hatte Frau Vanselow die Mitglieder für ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz meiner inneren Abneigung die Wahl angenommen: der Verein war am Ende doch ein wirksames Mittel zum Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die deutsche Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu befreien. Fünfundzwanzig Jahre hatte ich selbst gelebt, ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr. Die deutsche Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.
Es gelang mir zunächst -- nachdem ich von vornherein die Arbeit dafür auf mich genommen hatte --, eine Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen, und ich hatte die Genugtuung, daß meine Notizen in zahlreichen Blättern Aufnahme fanden. Nun mußte ein Organ geschaffen werden, -- eine weithin sichtbare Fahne für unsere Sache. Ich gewann den Verleger der Ethischen Blätter für die Idee und kam strahlend über diesen Erfolg in die Vorstandssitzung des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude begegnete ich allgemeinem Widerstand. Über die Verantwortung, die wir damit auf uns nehmen müßten, jammerte die eine, über die »seit Jahren liebgewordenen« Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift treten sollte, die andere.
»Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine schwer zu entscheidende,« meinte mit bedenklich hoch gezogenen Augenbrauen Frau Vanselow und sah mich prüfend an. Ich begriff.
»Selbstverständlich wird sie unserer verehrten Vorsitzenden anvertraut werden,« sagte ich rasch. »Und meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir hilfreich wie immer zur Seite stehen,« ergänzte Frau Vanselow und streckte mir über den Tisch hinweg die Hand entgegen.
»Ich halte dies Vorgehen für unethisch,« tönte Frau Schwabachs scharfe Stimme dazwischen. Erstaunt sah ich auf: »Das begreife, wer kann!«
»Unser liebes, heute leider fehlendes Fräulein Georgi hat die Mitteilungen bisher als Schriftführerin zu unser aller Zufriedenheit und -- unentgeltlich --« ein vielsagender Blick traf mich -- »in selbstloser Hingabe an die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht, wenn man sie beiseite schiebt!«
Empört fuhr ich auf: »Es handelt sich hier um die Sache und nicht um die Personen, um ein öffentliches Unternehmen und nicht um ein Vereinsblättchen! Jeder Fortschritt verletzt irgendwen, -- und wenn Ihre Ethik im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis und wähle diesen!«
Ich erhob mich rasch und überließ den Vorstand sich selber.
Vier Wochen später erschien die erste Nummer der »Frauenfrage« unter Frau Vanselows und meiner Redaktion. Georg eröffnete sie mit einem Artikel für das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte Helma Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine, durch das sie zur Gründung eines nationalen Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits bestehenden in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande anschließen sollte.