Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 39
Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater meinen Brief zu ignorieren, erst als ich das Haus verlassen wollte, trat er mir im Flur entgegen.
»Du bleibst!« rief er und umklammerte mein Handgelenk. »Die sechs Monate Frist, die ich dir gestellt habe, sind noch nicht um, -- aber du zwingst mich, meine Bedingungen zu ändern. Du wirst von heute ab deine Besuche einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir nicht ganz und gar deine Seele vergiften.«
»Du brichst dein Versprechen, Papa --« stieß ich hervor und riß mich gewaltsam los. In demselben Augenblick griff er nach der alten Reiterpistole auf seinem Schreibtisch --.
»Ein Schritt noch und ich schieße --.« Aber schon lief ich die Treppe hinunter -- über die Straße -- über den Platz, -- Menschen und Wagen und Häuser sah ich wie Schatten an mir vorüberfliegen.
Wie ich zu Georg kam, -- ich weiß es nicht, -- der gelle Angstschrei, den er ausstieß, als ich mitten in seinem Zimmer niederfiel, brachte mich zur Besinnung. Noch an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von ihm, die mir auf alle Fälle ihr Haus schon zur Verfügung gestellt hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich den Eltern mit, daß ich nicht mehr zu ihnen zurückkehren werde. Aber noch ehe mein Brief sie erreicht haben konnte, benachrichtigte mich Georg, daß Onkel Walter mich zu sprechen wünsche. Er erwarte mich im Reichstag. Ich ging hin. Und während im Plenarsaal die Redeschlacht um die Militärvorlage tobte, gingen wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und ab, und niemand konnte ahnen, daß sich hier ein Schicksal entschied.
»Hans war bei mir, -- gleich nach jener Szene. Er sprach, dramatisch wie immer, von Verstoßen, Verfluchen und dergleichen,« begann Onkel Walter in geschäftsmäßigem Ton. »Ich habe ihm erklärt, daß es unser aller Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, und daß ich -- wenn er auf seinem Standpunkt beharren wolle -- meine Nichte, die Tochter meiner Schwester, in mein Haus nehmen, und daß sie dort unter meinem Schutz heiraten würde. Ilse ist, Gott Lob, ganz meiner Meinung. Ein Zustand, wie der bisherige, ist für alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir aus ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm zugeredet hat, nachzugeben, und dich und deinen Verlobten in den höchsten Tönen pries. Infolgedessen hat dein Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen meine Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner Mutter, alle Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, an der er natürlich selbst nicht teilnehmen wird.«
Mir traten die Tränen in die Augen, -- die Erschütterung dieses neuen plötzlichen Umschwungs war zu groß für mich!
»Du hast keine Ursache, mir zu danken,« schnitt Onkel Walter schroff jede Antwort ab, »ich tat nur meine Pflicht im Interesse der Ehre unserer Familie. Im übrigen ist es hohe Zeit, daß wir Ruhe vor dir haben.« Damit war ich entlassen.
Ich kehrte nach Hause zurück, nachdem mein Vater abgereist war.
Mit ihrem kühlsten Gesichtsausdruck empfing mich die Mutter. »Deiner Heirat steht nichts mehr im Wege,« sagte sie, »außer einer Kleinigkeit, die du natürlich vergessen hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du weißt, nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich also mit der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung begnügen müssen. Und was die Wohnung betrifft, so -- --«
Ich mußte wider Willen lachen: »Das sind aber doch wirklich nichts als Kleinigkeiten, Mama!« unterbrach ich sie. »Wir haben, was wir brauchen, -- und Georgs Wohnung ist viel zu hübsch, als daß ich sie aufgeben möchte!«
»Eine Hofwohnung -- und nur drei Zimmer!« Mama kräuselte verächtlich die Lippen.
»Übergenug für uns! -- du siehst: wenn das Aufgebot morgen erfolgt, können wir in vierzehn Tagen getraut werden -- --«
»Selbstverständlich! -- Ich werde heute noch mit Euren Papieren auf das Standesamt und womöglich auch gleich zum Geistlichen gehen.«
»Zum -- Geistlichen?!« Ich starrte sie verständnislos an. Wir »dezidierten Nichtchristen« sollten uns geistlich trauen lassen?!
»Georg ist Atheist --«
»Schlimm genug!« rief die Mutter, »aber du heiratest unter dem Schutz deiner gläubigen Eltern und wirst es nach unserem Glauben tun -- oder gar nicht.«
All meine Erklärungen und Bitten prallten an ihrem unbeugsamen Willen ab. Ich sah aufs neue die schwer erkämpfte Zukunft gefährdet. Aber als ich Georg mit vor Aufregung zitternder Stimme von der mütterlichen Entscheidung erzählte, zog nur ein leichter Schatten über seine Züge.
»Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hängt, so lassen wir ihr die Freude,« meinte er nach kurzem Überlegen. »Dürfen wir unser Leben und seine Aufgabe von einer bloßen Formel abhängig machen?!« Ich senkte stumm den Kopf, so recht aufrichtig hätte ich seiner Ansicht doch nicht zustimmen können.
Den nächsten Verwandten war meine bevorstehende Heirat mitgeteilt worden. Mit einer gewissen Genugtuung zeigte mir die Mutter, um deren Mundwinkel sich die Falten der Bitterkeit täglich tiefer gruben, ihre teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante Klotilde hatte ich selbst geschrieben; ein paar Tage vor der Hochzeit antwortete sie mir: »Was du tust, ist Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatürliches Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, habe ich schon durch deine potsdamer Kusinen erfahren. Daß es aber soweit mit dir kommen würde, hätte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, daß meine schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft nicht in Erfüllung gehen! Das ist der einzige Wunsch, mit dem ich deine Heirat begleite...«
Aber je näher ich meinem Ziele war, desto gleichgültiger ließen mich all die Nadelstiche des täglichen Lebens.
Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum letztenmal in die elterliche Wohnung zurückkehrte, stockte mir schon vor der Türe der Atem, und in den dunkeln Räumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz. In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, selbst die Uhr tickte nicht mehr; -- hatte ich -- ich, die Tochter, die er am meisten liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! Stumm und in sich gekehrt saßen Mutter und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbröckelten das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe wollte heute nicht leuchten, und der Teekessel summte schwermütig, -- groß und vorwurfsvoll sah mir zuweilen das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, -- die Mutter vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam ihr rauh und hart aus der Kehle. In mein Zimmer trieb es mich früher als sonst. Ich legte mechanisch meine letzten zurückgebliebenen Sachen in den Koffer. Da klopfte es leise -- und in den unruhigen Schein der Kerze trat Klein-Ilse mit heiß-geweinten Wangen, einen Kranz von Orangenblüten in der Hand und einen weißen Schleier. Sie wollte sprechen, -- sie konnte es nicht, -- unaufhaltsam flossen ihr die Tränen aus den Augen; -- mit einer Bewegung, die Schmerz, Haß und Liebe zugleich zu diktieren schienen, warf sie ihre Gabe auf den Tisch und war im nächsten Augenblick wieder verschwunden. Ich lächelte müde, -- einen anderen Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren erträumt; -- fort mit allem blassen Erinnern, -- draußen stand die Arbeit, stand das Leben und begehrte meiner!
Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:
»Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der Ferne Gute Nacht. Von morgen ab wirst Du bei mir sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe liegt vor uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfüllen wollen, und eine, die unsere bräutliche Ehe uns persönlich auferlegt.
Nach meinem Tode kannst Du -- aber ganz aufrichtig, meine tapfere Alix! -- der Welt erzählen, wie ihre Lösung gelang, -- anderen zur Warnung, oder zur Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute von Dir: sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, vor der die Menschen uns warnen, und die sich auf mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, -- so denke, ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. Ich werde mich seiner würdig erweisen, und nie soll ein Stück Papier für Dich eine Fessel werden. In keiner Lebenslage würdest Du mich verlieren.
Dein in Zeit und Ewigkeit! Georg.«
Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig und glücklich schlief ich dem Morgen entgegen.
Meine Kusine Mathilde war gekommen, -- auch sie mit einem Gesicht, als sollte sie an einer Beerdigung und nicht an einer Hochzeit teilnehmen. Zu Fuß gingen wir vier in die Nettelbeckstraße. Wir gingen rascher -- immer rascher, als wollte einer dem anderen entlaufen. Kein Wort der Liebe war meiner Mutter bisher über die Lippen gekommen. Vor der Haustür blieb sie aufatmend stehen. »Nun hast du deinen Willen durchgesetzt,« stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
In meinem künftigen Schlafzimmer, einem großen Raum, dessen einziges Fenster auf den dunklen Hof hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz und Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie waren alle vorn und schmückten den Altar! Da hört' ich eine zaghafte Stimme an der Tür: »Darf ich?«, und eine kleine Frau schlüpfte herein, verlegen und lächelnd an der großen weißen Schürze zupfend, in den roten Händen einen bunten Nelkenstrauß. Ich kannte sie flüchtig: die Frau vom Tischler nebenan war's, dem Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt täglich kam, um sich den »Vorwärts« zu holen. »Ich konnt' doch heut nicht fehlen,« stotterte sie, »ich mußt' doch dem gnädigen Fräulein zeigen, wie mächtig wir uns freuen, mein Karl und ich! So schön ist's, daß der gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, -- so heilig schön, daß Sie seine Frau werden!« Dabei faltete sie die Hände und sah mich aus ihren hellen runden Augen an, wie der gute Katholik ein wundertätiges Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren groben Arbeitshänden ganz leicht und zart den Kranz darauf: »Der liebe Gott segne Sie! --«
War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil helle Freudentränen mir in den Augen standen, -- ich sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts als Wogen goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns nichts angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich hörte Worte, mit denen sich mir kein Sinn verband, und leises Schluchzen, das von weit her kam. Um den Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte eine Woge weichen Blumendufts zu mir herüber, ein weißes Kreuz leuchtete auf grünem Grund, -- es hatte einst auf Großmamas Schreibtisch gestanden -- und die schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich allein vernahm: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ein paar Händedrücke fühlt' ich noch, eine paar zeremonielle Küsse auf der Stirn -- Kleiderrauschen -- halblautes Schwatzen -- Türen schlagen -- und noch einmal den grellen Ton der Glocke: Ein Telegramm. »In zärtlichster Liebe bin ich bei dir und Georg. Dein Vater.«
Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren allein.
Neunzehntes Kapitel
In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels, kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne Licht war wie ein mütterliches Lächeln.
Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst -- ohne Streit, daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend zurückriß, wenn ich vom Berge weit -- weit in die Ferne sah? Einer war neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran, ein Pfadfinder.
Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit, aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle unsere Wunden ...
Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der goldenen Schätze zum anderen springt.
Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch, der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk -- »mein« Volk!, -- das Kind, das willenlose, und immer nur waren es »Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten. Darum galt ihm das Heer, -- ein durch die Macht der Disziplin in das Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk --, stets als »die einzige Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst gegebene Macht, -- »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben --, verkündete er seinen Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.
Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der »Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der Wahlstatt.
»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm von Polenz. »Überrascht er nicht immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich komme dieser Tage nach Berlin und möchte Sie gern in eine seiner Wahlversammlungen begleiten.«
Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber als diesem ersten Besuch einer Volksversammlung!
Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, in den wir eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne Weiber, kühl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drängten sich die russischen Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte es herein von Männern und Frauen, von denen ich nicht recht wußte, wohin sie gehörten. »Arbeiter!« sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen, deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und die feinen Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.
»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen mit wund gestichelten Fingern am Tisch neben mir. »Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr Begleiter. »Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will -- un nachher is er doch man bloß ein Junker mehr!«
»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen Zeiten!« -- tönte es von der Rednertribüne, »aus dem Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott gewollte Entwicklung hemmt« -- irgendwo pfiff einer durch die Finger --, »wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen« -- »Quatsch!« schrie jemand -- »Sst -- sst!« antwortete einmütig die Menge, -- »ein Reich des Friedens gründen, wo jeder -- Männer und Frauen -- ein Recht an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern schwelgen.« -- Die Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen winkten mit Hüten und Taschentüchern. -- »Wir sind ein mündiges Volk und werden uns aus eigener Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen sollen uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. Das Alte stürzt, und neues Leben blüht aus den Ruinen, -- damit an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall, wie ein plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, -- die Damen rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an der Türe Spalier. Da plötzlich stand das blasse Mädchen mit den zerstochenen Fingern auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen konnte, und die Züge formte, so daß sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich sich über den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.
»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen nicht üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen« -- ein paar Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, und klemmten sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen zu können -- »während seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was er sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit Jahrzehnten zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafür von seiten der herrschenden Klassen unterdrückt, verfolgt und mißachtet wird,« -- ein paar Damen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen --, »die Gleichheit vor dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden Heere, -- das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und für die Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb Millionen deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen Damen in ihren Wohltätigkeitskränzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flüstern wagen.« -- »Aber -- aber!« rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. Ich jedoch zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich getroffen fühlen. -- »Und wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer für den gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so hätte er -- zur Aufklärung für all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen -- wohl ein Wörtchen darüber sagen können, daß wir es waren und sind, deren rastloser Arbeit, nach Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den inneren Feind und winseln nach Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.
»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.
»Ach so -- meine Frage --« ein verlegenes Lächeln ließ sie plötzlich ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte. »Wenn Sie dasselbe wollen, wie wir, -- warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«
Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse, erregte Gesicht Egidys. »Das hab' ich gefürchtet --« flüsterte Polenz neben mir.
»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner Überzeugung willen, -- darnach gibt es für mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten Herzens bringen könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, niederhöhnt und niedertrampelt -- --«
»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um einen Schein blasser.
»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine gute Sache mit schlechten Waffen kämpft --«
Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. »Bravo« -- »sehr richtig« klangs von der einen Seite -- »Pfui« -- dröhnte es langgedehnt aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken hinausdrängende Menge, die kleine Näherin suchte sich vergebens Gehör zu schaffen.
Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze Haarsträhnen um gelbe, eingefallene Züge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur Tribüne. »Genosse Reinhard, -- Gott Lob«, die kleine Näherin streckte ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu, und neben ihr stand er.
»Genossen --« wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, -- der Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne Ruhe kehrte das Leben zurück; -- »es ist unser unwürdig, eine Versammlung durch Lärm zu stören, in der wir nichts als Gäste sind. Noch weniger haben wir einen Grund, uns darüber aufzuregen, daß Herr von Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war seine Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann würden uns eine ähnliche haben geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von Egidy, --« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm stehenden, »darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen: rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann -- Sie mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, -- aber unsere Sache bedarf solcher Kerle, wie wir sind -- die den Dreschflegel und den Hammer -- 'die schlechten Waffen!' -- zu führen gelernt haben, denen die Maschine die Glieder zerriß, --« er hob die Krücke wie ein Trophäe -- »an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« -- er reckte den mageren Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, daß Eure christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, -- jetzt ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht ritterlich genug sind, -- Ihr selbst seid daran schuld, daß wir sie brauchen müssen!« --
Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne, hinweg über die Menschen unter ihm, die Krücke fiel krachend zu Boden, und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur die eigenen Atemzüge, -- dann brach es los: »Hoch Genosse Reinhard« --, »Hoch die Sozialdemokratie« -- »Nieder der Militarismus«, -- und plötzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender Massen, die überwältigende Einheit eines beherrschenden Gefühls, die rücksichtslose Kraft der Jugend lag darin.
»Kommen Sie --« sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf. Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribüne stand Egidy noch mit der kleinen Näherin.
»Lassen Sie mich --« antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden zu. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« -- ganz zaghaft nur sprach ich dem jungen Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« -- Und ich notierte ihre Adresse.
Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ mir nicht die Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzählen, was ich erlebt hatte. Er hörte mich lächelnd an. »Was ist mein Liebling für ein feuriger Redner,« sagte er, als ich endlich schwieg.