Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 36
Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein paar Zeilen von ihm: »Eben verläßt mich Egidy. Sein Besuch war mir eine doppelte Freude: Ich erfuhr, daß er Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann kennen, wie es -- trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten -- wenige geben mag. Nicht wahr, nun darf ich auch hoffen, daß Sie bleiben werden und bei mir wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!«
Egidy selbst schrieb mir nur vier Worte: »Hab ichs recht gemacht?!«
* * * * *
Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung sollte dem Einigen Christentum Egidys und der Ethischen Bewegung, die bisher beide einen verhältnismäßig kleinen Kreis Getreuer umfaßten, gewaltigen Vorschub leisten: der Zedlitzsche Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft vertrat, oder einen auch nur gemäßigten Fortschritt, fühlte sich in seinen Idealen persönlich verletzt und suchte nach Gleichgesinnten, um den Mut zu gemeinsamen Protesten zu finden, den er für sich allein nicht aufbrachte. Die sich Christen nannten, strömten Egidy zu, die Juden und die Freidenker zeigten ein täglich wachsendes Interesse an der Ethischen Bewegung. Egidy selbst war zuerst so gedrückt durch die Täuschung, die sein Vertrauen auf den Kaiser gefunden hatte, -- denn daß der Entwurf dessen persönlichstes Werk war, daran zweifelte kaum einer --, daß die neue Anhängerschaft ihn dafür nicht zu entschädigen vermochte. Vor der Menge zeigte er sich stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so schien mirs, als sänke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum erstenmal müde zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski, so fand ich den Gelähmten in einer Stimmung, die strahlend aus seinem Antlitz sprach und täglich zuversichtlicher wurde. »Denen, die das Gute wollen, müssen alle Dinge zum Besten dienen,« rief er mir zu, kaum daß ich eintrat. »Sehen Sie hier: --« und er schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, »nichts als Beitritts- und Zustimmungserklärungen. Mein alter Traum geht wirklich in Erfüllung: wir werden in Deutschland eine Ethische Gesellschaft haben!«
Ich erzählte es Egidy, -- seit jenem bösen Dienstagabend war die Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr erwähnt worden --, er schüttelte langsam den Kopf: »Wenn es doch bei der bloßen Bewegung geblieben wäre!« sagte er, »wie ganz anders flössen unsere Bestrebungen nicht nur neben- sondern ineinander, wenn Sie die Ihrigen nicht durch Satzungen zu einem künstlich gemauerten Kanal formen würden. Gedanken verbreiten, -- das ist das einzig Not tuende! -- Sie werden vor lauter Statutenberatungen und Vorstandssitzungen für diese Hauptsache gar keine Kraft und Zeit mehr übrig haben. Ein Verein -- nun ja, -- das ist ja ganz nett, aber -- und nun glauben Sie mir einmal! -- über kurz oder lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke ist am mächtigsten allein!«
»Das sagen Sie!« antwortete ich, ein wenig ärgerlich, »und doch tun Sie nichts anderes als Anhänger werben, die sich zwar nicht auf Statuten, wohl aber auf Ihren Namen verpflichten müssen. Sogar an Bebel hat sich Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie, neulich gewandt -- --«
»Gewiß -- und mit meiner Zustimmung,« unterbrach mich Egidy, »das Christentum schließt, wie alles andere Entwicklungsfähige, so auch den Sozialismus in seinen lebensfähigen und würdigen Forderungen in sich. Und einem Führer, wie Bebel, hätte ich eine richtigere Einsicht zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?«
Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur, sondern schrieb ihn auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen zu können. Es hieß darin: » ... Das Bürgertum sieht die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht, die seit zwölf bis fünfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte, und die Erscheinungen, die Herrn von Egidy zu seinem Kampfe gegen die herrschende Strömung aufreizten. Die Bürgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher in ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten, andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie nicht für diesen Kampf begeistern, weil seine Ziele ihrer Natur nach nur eine Halbheit sein können und an dem sozialen und politischen Zustande, der hauptsächlich auf den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe ist, nichts ändert. Sich für die Bestrebungen des Herrn von Egidy unsererseits zu engagieren, hieße unsere Kräfte zersplittern, aber auch zugleich seine Bestrebungen als sozialdemokratische stigmatisteren und ihm die Mehrzahl seiner Anhänger vertreiben ... Voller Sympathie also für die Sache an sich, insofern uns jeder Kampf gegen bestehende Übel willkommen ist und den bestehenden Bau erschüttern hilft, können wir doch nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit über das von Herrn von Egidy gesteckte hinausführt ... Da also der Berg nicht zu Mohammed kommen kann, muß Mohammed eben zum Berge kommen! ...«
Hier war kein Satz, dem ich hätte widersprechen können: gewiß, seine Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen entgegen gehen; sie bedurfte unser nicht. Aber eines, so schien mir, vergaß Bebel: daß es neben dem Proletariat Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen Erlösung ebenso würdig und bedürftig sind, die sich vielmehr auch im Augenblick, wo die Arbeiterklasse schon die Fahne des Sieges aufzupflanzen imstande wäre, ihr wie eine Barriere in den Weg stellen würden. Mich und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder Egidy noch Bebel. Und der Professor -- dessen war ich gewiß -- würde nicht anders denken als ich.
Mit Bebels Brief in der Hand, überschritt ich wieder einmal den engen Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen Flur, und stand schon vor seiner Türe, als eine Stimme von innen meinen Fuß stocken ließ. Sie klang tief und warm und hatte jenen österreichischen Akzent, der uns Norddeutsche, wie alles, was vom Süden kommt, so seltsam anheimelt.
»Alle Ströme fließen in unser Meer ...« sagte sie.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung und wünschte, daß Ihre Partei uns ebenso einschätzt: als einen Nebenfluß, der ihr reiche Schätze zuzutragen vermag,« antwortete der Professor. Noch ein Stühlerücken, ein paar Höflichkeitsphrasen, ein fester Tritt, -- ich öffnete rasch die Türe, um nicht als Horcherin ertappt zu werden. Ein großer, blonder Mann stand mir gegenüber, wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht, und mit einer stummen Verbeugung ging er an mir vorbei zum Zimmer hinaus.
»Wer war das?« frug ich erstaunt und strich mir mechanisch mit der Hand über die Stirne, -- ich mußte diesen Menschen schon irgendwo gesehen haben.
»Dr. Brandt, -- der bekannte sozialdemokratische Schriftsteller,« sagte Glyzcinski, er strahlte noch vor Freude über den Besuch. »Was meinen Sie, sollen seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir Beide an die Spitze unserer Satzungen stellen?«
»Alle Ströme fließen in unser Meer,« wiederholte ich und drückte fest die Hand, die er mir entgegenstreckte -- »hier haben Sie mich zum Bundesgenossen!«
Achtzehntes Kapitel
Kranz, 15. 6. 92 Verehrter Herr Professor!
Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich benutze den herrlichen Morgen, um Ihnen gleich die erste Nachricht zu geben. Seit gestern Abend, wo Onkel Walter, kaum daß ich den Reisestaub abgeschüttelt hatte, mich bereits ganz gegen seine Gewohnheit in ein politisches Gespräch verwickelte, zweifle ich nicht mehr daran, daß nicht meiner Schwester Bleichsucht, sondern mein 'gefährlicher' Geisteszustand die Eltern veranlaßte, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen zu schicken. Der Onkel erzählte mir, daß die Regierung, d. h. heute kaum etwas anderes als S. M., Egidy, diesem 'kompletten Narren', nur aus Rücksicht auf seine Familienbeziehungen noch 'keinen Maulkorb' vorgebunden habe, man werde dafür bei Zeiten seinen Parteigängern an den Kragen gehen, die im Polizeipräsidium als Anarchisten wohl bekannt seien. 'Aber Dein Professor ist viel gefährlicher', fügte er dann hinzu, 'und er wäre längst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann wäre.' Da mir die schlechte Gewohnheit des Schweigens inzwischen glücklich abhanden gekommen ist, gab es eine erregte Aussprache. 'Das kommt davon, wenn Frauen sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,' sagte der Onkel, als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf und zur Arbeitslosenbewegung verteidigt und als die meinige bezeichnet hatte. Wir seien nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie, erklärte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun war es mir nicht nur höchst interessant, ihn seinen eigenen Standpunkt auseinandersetzen zu hören, sondern -- lachen Sie mich bitte nicht aus! -- zum erstenmal, seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und zu begreifen. Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu besitzen, gesättigt von dem ganzen Pessimismus des Christentums, alle Menschen für Sünder und die Welt für ein Jammertal, bestenfalls für eine fegefeuerähnliche Durchgangsstation hält, daneben aber sich der ungeheuern Vorteile alter Kultur und angestammter Herrenrechte voll bewußt ist, der kann den Sozialismus und alle seine Begleiterscheinungen nur für das Ende aller Dinge halten, gegen das er sich naturgemäß wehren muß. Offen gestanden, sind mir solch ehrliche Junker hundertmal lieber als die Richter und Konsorten, die wir ja eben zur Genüge kennen gelernt haben. Übrigens nahm ich die Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus hin festzunageln, 'der mir angesichts der Haltung seiner Partei gegenüber den Handelsverträgen einigermaßen fadenscheinig vorkäme.' -- 'Unser Monarchismus besteht nicht in hündischer Treue gegenüber dem einzelnen Monarchen,' antwortete er 'sondern in der Hochhaltung und Verteidigung alles dessen, was die Monarchie stützt und kräftigt, -- auch gegen den Monarchen, wenn es sein muß!' Mich würde diese geistreiche Definition in seinem Munde verblüfft haben, wenn mir nicht rechtzeitig eingefallen wäre, daß in letzter Zeit seine ganze geistige Nahrung in den Apostata-Artikeln der 'Gegenwart' bestanden hat.
Hoffentlich höre ich bald von Ihnen, von Ihrem persönlichen Ergehen, von der Entwicklung der Beratungen. Soll ich Ihnen gestehen, daß ich ohne Bedenken auf die Teilnahme an ihnen verzichtet hätte, wenn meine Eltern mir dafür erlaubt haben würden jeden Nachmittag bei Ihnen allein meine Tasse Kaffee zu trinken?!
Mit herzlichen Grüßen
Ihre dankbar ergebene Alix von Kleve.«
»Berlin, 18. 6. 92 Gnädigstes Fräulein!
So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen, war eine aufrichtige Freude, und Ihre Schilderung Ihres Gesprächs mit Ihrem Herrn Onkel interessierte mich natürlich lebhaft. Daß man die Ethische Bewegung 'oben' nicht ohne Besorgnis betrachtet, weiß ich. Geheimrat Althoff ließ sich dieser Tage von mir alles auf sie bezügliche Material kommen, und in der Universität, wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten, höchst liebenswürdig zu begrüßen pflegte, ging er heute stirnrunzelnd an mir vorüber.
Ihr Urteil über die Junker teile ich nicht. Nur der krasseste Egoismus ist es, der sie, die Jahrhunderte lang alle Vorzüge des Besitzes und der Kultur genossen haben, den Forderungen der neuen Zeit verschließt. Mit vollem Recht kann von ihnen verlangt werden, daß sie auf dem Wege wissenschaftlicher -- das heißt in diesem Fall ethischer und sozialer -- Einsicht zu denselben Überzeugungen kommen, die sich die Armen und Entrechteten nur durch die Erkenntnis ihrer ökonomischen Lage zu erwerben vermögen. Adel verpflichtet! Und sind wir nicht auch 'Junker'?!
Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich stürmisch, und mir kamen wieder arge Bedenken über deren Zusammensetzung. Die einen forderten in erregtester Weise, daß die Religion innerhalb der Ethischen Gesellschaft überhaupt nicht berührt werden dürfte, die anderen, Professor Seefried an der Spitze, erklärten das Hineinziehen der sozialen Frage für außerordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der Erklärung gezwungen sah, daß eine Ethische Gesellschaft, die ihr aus dem Wege ginge, nicht wert sei, zu existieren. Die milde, versöhnliche Art unseres Vorsitzenden goß Öl auf die Wogen unserer Erregung, aber was er zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm. Eine hiesige Zeitung wollte aus 'bester Quelle' erfahren haben, die Haupttendenz unserer Gesellschaft sei eine antisozialistische; im Anschluß daran hielt Geheimrat Frommann eine höchst charakteristische kleine Rede, deren Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will. 'Ich kann nur insoweit mit der Sozialdemokratie mitgehen, als ich die Verstaatlichung des Grund und Bodens für notwendig und durchführbar halte,' sagte er, wobei ich ihn mit dem Zitat 'du wirst dich weiter noch entschließen müssen,' unterbrach. Die 'irdische Zukunftspoesie' der Sozialdemokratie erklärte er für utopischer als den Himmel der Frommen, und den Glauben an die Verwirklichung solcher Träume für eine gefährliche Ablenkung von ernster Arbeit. Ich ließ es bei meiner Erwiderung natürlich wieder an dem nötigen ethischen Maß fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: daß ich das Emporkommen der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat im Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen Individualismus für das erstrebenswerteste Ziel ansähe, das sich auch ohne Zweifel verwirklichen werde, -- in vernünftiger Weise, wenn die leitenden Kreise vernünftig, in unvernünftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und ich habe hinzugefügt, daß ich mich sofort von einer Bewegung lossagen würde, welche dem Sozialismus direkt oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit war der Anstoß zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so ungemein sympatisch machte, enttäuschte mich bitter, indem sie all ihre Waffen gegen die Sozis aus Eugen Richters Rüstkammer holte: 'Auflösung der Familie', -- als ob es nicht der Kapitalismus wäre, der Väter, Mütter und Kinder in die Fabriken hetzt! -- 'Weibergemeinschaft', -- als ob nicht die heutige Gesellschaftsordnung die armen Frauen zur käuflichen Waare machte!
Da ich mich etwas beschämt als den eigentlichen Ruhestörer empfand, bin ich nachher still gewesen, und das endliche praktische Resultat unserer Sitzung waren der beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen kann. Daß unsere Aufgabe sein soll, 'der Feindseligkeit und dem Unmaß in der Menschenwelt Schranken zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der Erziehung und der Lebensführung zu fördern', heißt, fürchte ich, Egidys Versöhnung noch übertrumpfen, und daß aus dem § 2 der Statuten die Worte 'Besitzlose' und 'Schutz vor Ausbeutung' gestrichen wurden, gab mir ordentlich einen Stich ins Herz. Für die Zukunft brauche ich dringend Ihre Unterstützung, wenn anders unsere Idee sich nicht allmählich in ihr Gegenteil verwandeln soll. Ich habe Sie darum als Kommissions-Mitglied vorgeschlagen und bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl zu bitten. Ich hoffe bestimmt, daß Sie sich nicht auch jetzt noch durch falsche Bescheidenheit und ebenso falsche Rücksicht auf Ihre Eltern abhalten lassen, in den Dienst unserer Sache zu treten.
Übrigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer Frau Mutter. Sie suchte mich zu bestimmen, meinen 'großen Einfluß' auf Sie geltend zu machen, um Sie wieder in den Schoß Weimars und unter den Schutz des weißen Falken zurückzuführen. Ich lehnte entschieden ab und betonte, daß Sie zu Größerem berufen seien, und daß es Pflicht der Eltern wäre, Ihnen vollkommen freie Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz recht kühl und, wie es schien, verletzt.
Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich fürchte, daß er mehr und mehr alle Distanz zu sich selbst und der Welt verliert. So sieht er uns -- ernstlich! -- als ein Konkurrenzunternehmen an und vermag in seiner ungeheuern Selbstüberschätzung nicht einzusehen, daß er doch nur, wie wir, einer der vielen Arbeiter ist, die von den Ruinen der Vergangenheit Stein um Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu machen.
Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen. Auch zu Pfingsten war ich dort und ließ die Menschen an mir vorüberfluten. Diese Physiognomien könnten selbst mich beinahe glauben machen, daß wir vom Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! -- Alle alten Bekannten fanden sich um den Stammtisch ein, -- wie schrecklich gleichgültig und langweilig sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie gern ich auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch nur einen einzigen Nachmittag wieder neben mir säßen!
Sie herzlichst grüßend, verbleibe ich
Ihr treuergebenster Georg von Glyzcinski.
Allerlei Lektüre, auch der 'Vorwärts', folgt anbei!«
»Kranz, 29. 6. 92 Verehrter Herr Professor!
Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den ich erst heute beantworte, weil wir inzwischen von einem sogenannten Vergnügen zum anderen hetzten und Ilschen den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm. Die Gesellschaft, in der ich mich ständig befunden habe und die doch eigentlich die meine ist, wird mir bis zur Verständnislosigkeit fremd. Ihre Atmosphäre legt sich mir beklemmend aufs Herz, wie die eines überfüllten Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu öffnen, so schreit alles, aus Angst vor Erkältung.
Nach Ihrem letzten Bericht über die Kommissionsverhandlungen und nach dem Empfang des Programms und der Statuten ist das glühende Feuer meiner Hoffnung freilich durch einen recht abkühlenden Wasserstrahl getroffen worden. Ich finde -- verzeihen Sie mir meine Ehrlichkeit! --, daß beide stark nach Phrase schmecken. Der Ausdruck 'Unmaß in der Menschenwelt' stört mich besonders. Zu sehr Maß halten, zu ängstlich darauf sehen, es mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch sein, kann aber zu sehr unethischen Konsequenzen führen. Und zu der Stellung von Professor Seefried und Helma Kurz kann ich nur sagen: wer nicht für uns ist, der ist wider uns.
Nach alledem ist es für mich selbstverständlich, daß ich die Wahl in die Kommission annehmen muß. Wenn ich nur nicht auch zu einer Enttäuschung für Sie werde! Es muß wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner Erziehung, sondern ein Teil meines Wesens sein, daß es mir so schrecklich schwer wird, vor Fremden meine innersten Gedanken zu entwickeln, -- als ob ich mich vor allem Volk nackt zeigen müßte! Da ich aber einsehe, daß die geistige Nacktheit das große Opfer ist, das die Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre Dienste stellen, so will ich versuchen, mich dazu zu erziehen.
Bei den Ausflügen, die wir in die Umgegend gemacht haben, bin ich durch das, was ich sah, in meinem Vorsatz bestärkt worden: wie viel Jammer und Elend auf dem Hintergrund des blauen Himmelsgewölbes und des unendlichen brandenden Meeres! Fast möchte man, wie die Menschen bisher, verzweifelt darüber die Hände untätig in den Schoß legen, oder, wie die Anarchisten, Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht möglich erscheint. Je mehr ich offenen Auges um mich sehe, desto mehr entwickelt sich bei mir ein Zug zum Fanatismus, und ich muß mir immerfort das Gebot der Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen, vorhalten. Von dem Augenblick an, daß man sich klar wird, -- es mag vielleicht paradox klingen, aber die meisten werden sich wirklich niemals klar darüber! --, daß jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene Fischerkind auch ein Mensch ist, genau wie man selber, kein fremdartiges Geschöpf, -- von dem Augenblick an beginnt man überhaupt erst zu sehen. Und wenn mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden ihr Elend nicht, -- so kann ich mich nicht mehr dabei beruhigen. Ich fühle vielmehr, -- und fühls mit allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, -- daß gerade dies, was ein Trost sein soll, das größte Unglück ist und jeder einzelne von uns die Verantwortung dafür trägt.
Das Erwecken der Menschen zu dem Bewußtsein ihres Elends ist sicher der erste Schritt zu ihrer Erhebung, und wenn ich jetzt den 'Vorwärts', dank Ihrer Güte, regelmäßig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der Sozialdemokratie darin zu bestehen, daß sie überall die Sturmglocke läutet. Womit ich mich aber nicht befreunden kann, -- das ist die unterschiedslose Verdammung aller Bestrebungen, die nicht von vornherein rot abgestempelt sind. Warum entdeckt der Vorwärts nicht, wie Dr. Brandt, die 'Ströme, die in sein Meer fließen'? So ist sein Angriff auf die Ethische Bewegung ebenso töricht wie ungerecht. Er müßte uns wahrhaftig von Bildungsanstalten Richterscher und Stöckerscher Art unterscheiden können! Und warum Haß und hämischen Neid gegen die einzelnen Mitglieder anderer Klassen groß ziehen, -- der nichts zur Folge hat, als lähmende Bitterkeit --, statt nur den Haß gegen die Zustände, der Mut und Kampflust auslöst? Gerade der Sozialismus lehrt doch, daß die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch zu den eigenen Grundprinzipien, wenn man den Haß gegen Personen verbreitet, die doch so werden mußten, wie sie wurden.
Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren alten Streitpunkt, die Junker betreffend, zurück. Sie erinnern mich daran und werden es vielleicht jetzt wieder tun, daß wir beide doch auch Junker wären und uns trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht, zum Sozialismus bekennen. Nun denn -- lachen Sie mich nur ruhig aus, ich höre Sie so gerne lachen! --, ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir nicht von Jugend an Abhängige gewesen, -- wir und unsere Eltern, -- von unserem Brotgeber, dem Staat? Hätten meine Eltern sich frei bewegen können, ohne sich den Kopf an der Mauer einzurennen, die der Staat um sie gezogen hat? Können Sie es? Und diese Abhängigkeit -- macht sie nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein Weib bin, gehöre von Rechts wegen noch tausendmal mehr als Sie zu der großen, dunkeln, darbenden Masse der Enterbten!
Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit erfüllt und mit neuer Hoffnung; gilt doch dann dasselbe für unseresgleichen wie für das arme Fischerkind: es bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer Kämpfer gesellen sich brüderlich zu denen, die vorangingen! Wie viele gibt es, deren ganzes Wesen nach Befreiung und Betätigung verlangt, deren geistige Kräfte, ihnen selbst vielleicht oft kaum bewußt, schon im Dienst der großen Menschheitssache stehen, -- denken Sie nur an all unsere jungen Künstler und Schriftsteller!
Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet, Burgen mit Schießscharten baut und Wildenbruch und Lauff zu Hofpoeten macht, so spricht das nicht nur für seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert, wo andere nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er zeigt sich abermals als unser bester Agitator, der nun auch die geistigen Arbeiter in die Schranken ruft. Wir sollten jetzt zur Stelle sein und das Eisen ihrer Entrüstung schmieden, solange es warm ist.
Vielleicht, daß ich demnächst nach dieser Richtung einen ersten Versuch machen kann. Eine alte Freundin von mir, einstiges Mitglied des Schweriner Hoftheaters, die mit einem Königsberger Professor verheiratet ist, lud mich ein. Zuerst zögerte ich, hinzugehen: sie konnte, solange sie Schauspielerin war, das gutbürgerliche Milieu, aus dem sie stammte, nicht vergessen; und nun, da sie dorthin zurückkehrte, klebt ihrem Wesen die Erinnerung an die Bühne an. Aber die Aussicht, Sindermann, einen jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen, war entscheidend, und ich warte nur noch auf die Bestimmung des Tages, um hinzufahren. Ein Mann, der durch seine Werke der bürgerlichen Welt das Verdammungsurteil ins Gesicht schleudern konnte, gehört von vornherein zu uns und müßte der Bannerträger des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter werden.
Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier niemanden, mit dem ich mich auszusprechen vermöchte, und Sie haben mich so sehr verwöhnt!