Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Chapter 35

Chapter 353,589 wordsPublic domain

»Sie irren, -- atheistische Pfaffen, die wir in diesem Fall züchten würden, schaden unserer Sache mindestens ebenso viel wie kirchliche. Ethik wollen wir verbreiten, und in dieser Ethik ruht die Kraft der Wahrhaftigkeit, die allmählich alle alten Gespenster austreiben wird. Für mich -- wir beide sprechen offen miteinander! -- ist die Hauptaufgabe der Ethischen Gesellschaft nicht die, für Gerade und Krumme ein gleichmäßig passendes moralisches Mäntelchen zuzuschneiden, sondern im Dienst der sittlichen und sozialen Entwicklung dem Antichristentum und dem Sozialismus die Wege zu bereiten!«

Ich schwieg; ein tiefer Schrecken vor unbekannten Gefahren hatte mich erfaßt. Der Sozialismus! -- Männer mit niedrigen Stirnen und schwieligen Fäusten sah ich, schwindsüchtige Frauen und Kinder mit Greisengesichtern, ein Zug von Gestalten, haßerfüllt die Züge, die Fäuste drohend erhoben wider alles, was unser Leben schön und reich machte, eingehüllt in einen Geruch von Schweiß und Blut. Helfen wollte ich ihnen, -- einen Weg wollte ich hauen durch die Wildnis ihres Elends, ich fürchtete nicht die Dornen, die mir die Hände zerreißen, die fallenden Äste, die mich verwunden würden, -- aber mich ihrem Zuge einreihen --, mich schauderte.

»Wie sind Sie blaß und still geworden!« hörte ich Glyzcinskis warme Stimme. »Verzeihen Sie mir -- ich habe mich schon so daran gewöhnt, vor Ihnen laut zu denken, daß mir nicht einfiel, wie sehr ich Sie dadurch erschrecken könnte!«

»Sie haben nur, wie immer, zu gut von mir gedacht, und ich bedarf ihrer Verzeihung, -- nicht umgekehrt,« antwortete ich. »Sie müssen Geduld mit mir haben, -- ich muß mich erst an die Neuheit des Gedankens gewöhnen. Ich weiß ja auch im Grunde gar nichts vom Wesen des Sozialismus. Vieles, was ich hörte, stimmte wohl mit meinen eigenen Ansichten überein, vieles aber hat mich immer abgestoßen --.«

»Ich werde wieder meine stummen Freunde für mich sprechen lassen!« Und Glyzcinski bezeichnete mir die Bücher und Broschüren, die ich aus seinem Bücherschrank nehmen sollte. »Nur eins möchte ich Ihnen gleich heute sagen: Auf dem Wege wissenschaftlichen Studiums bin ich zu meinen ethischen Überzeugungen gelangt, auf demselben Wege habe ich erkannt, daß die Entwicklung zum Sozialismus eine gesetzmäßige, unabänderliche ist, gleichgültig, ob unser Gefühl sich dagegen sträubt oder nicht. Nachdem ich das aber einmal erkannt habe, kann es für mich von meinem ethischen Standpunkt aus keine andere Wahl geben, als die, mich in den Dienst der Entwicklung zu stellen und mit allen Kräften dahin zu wirken, daß sie eine möglichst friedliche, das Glück der Menschen möglichst wenig gefährdende sei. Andere denselben Weg der Erkenntnis zu führen, den ich gegangen bin, -- das ist daher meine Aufgabe --, das ist die Aufgabe, die die Ethischen Gesellschaften haben sollten.«

»Und Sie glauben, daß die Menschen sich dahin führen lassen werden?!«

Des Professors Gesicht nahm jenen kindlich-strahlenden Ausdruck an, der mich immer an gotische Heiligenbilder erinnerte.

»Ich glaube daran! Sonst müßte ich mich selbst für eine Ausnahme aller Regel halten!«

Auch Egidy, dachte ich auf dem Heimweg, ist solch ein Gläubiger; bei ihm soll das Einige Christentum vollenden, was der Professor von der Ethischen Kultur erwartet.

Und wieder las ich manche Nacht hindurch. Bei jedem Umschlagen einer Seite erwartete ich das Gräßliche zu finden, das so vielen Menschen das Recht gab, den Sozialismus zu verabscheuen und mit allen Mitteln zu bekämpfen. Aber ich fand es nicht. Nichts entsetzte mich, und wenn ich überrascht war, so nur über die Selbstverständlichkeit jeder Kritik am Bestehenden und jeder Forderung an die Zukunft. Oft lachte ich im stillen vor Freude, wenn ich eigene, längst vertraute Ideen wiederfand; und wo meine Gedanken nicht Schritt halten konnten, sagte mein Gefühl ja und tausendmal ja. Gleiche Rechte für alle: Männer und Frauen; Freiheit der Überzeugung; Sicherung der Existenz; Frieden der Völker; Kunst, Wissenschaft, Natur ein Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht für Alle; freie Entwicklung der Persönlichkeit, ungehemmt durch Fesseln der Kaste, der Rasse, des Geschlechts, des Vermögens --: wie konnte irgend jemand, der auch nur über seine nächsten vier Wände hinausdachte, sich der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschließen?!

Eugen Richters famose Broschüre, die ich im Sommer gelesen hatte, und die Onkel Walter in Pirgallen gratis unter die Arbeiter verteilte, fiel mir ein. Sollte der Verfasser wissentlich gelogen haben? Und war es Lüge, nichts als Lüge, was die Gegner vom Sozialismus verbreiteten? Daß der Professor mir irgend etwas vorenthalten haben konnte, war doch unmöglich!

Ich besprach alles mit ihm: meine freudige Zustimmung und meine Zweifel und Bedenken. Der erfurter Parteitag war eben geschlossen worden, das neue Programm lag vor, und Glyzcinski erklärte es mir in allen seinen Einzelheiten. Ich sah, daß die vielverlästerte und mir immer lächerlich erschienene Forderung nach der Verteilung allen Besitzes in Wirklichkeit nicht vorhanden war, daß nur der Grund und Boden, der seine privaten Besitzer reich machte, ohne daß sie arbeiteten, und die Produktionsmittel der Industrie, durch die ihre Eigentümer zu Millionären wurden und ihre Arbeiter zu abhängigen Sklaven, in den Besitz der Allgemeinheit übergehen sollten. Dabei konnten wir alle nur gewinnen, -- wir vielen, die wir doch auch nichts als Besitzlose waren! -- Warum sträubten wir uns dann?

»Sie sehen selbst: Unwissenheit und Selbstsucht sind die Gegner der Sozialdemokratie, die Lüge ihre Waffe,« sagte der Professor, »und wir sollten sie zu besiegen nicht imstande sein?!«

Die Zeit damals war geladen mit Elektrizität. Überall schien die alte Erde von unterirdischen Donnern erschüttert, und hie und da klaffte ein dunkelgähnender Abgrund, wo noch eben grüne Wiesen gelacht hatten. Schmutzige Geldgeschichten in preußischen Ministerhotels, Betrugsanklagen gegen Vertreter der deutschen Regierung im Ausland; Unterschlagungen von Kirchengeldern und wohltätigen Stiftungen durch christliche, vom Hof protegierte Bankhäuser erschütterten das noch vorhandene Vertrauen in die Unantastbarkeit preußischen Beamtentums und christlicher Tugenden. Und wer, wie ich, von den Tiefen menschlichen Elends und menschlicher Verworfenheit noch wenig wußte, dem riß der Prozeß Heintze die letzten Schleier von den Augen. Diese gewaltsame Enthüllung der Wahrheit, die selbst die, die nicht sehen wollten, zum Sehen zwang, wirkte wie Wetterleuchten, das großen Umwälzungen vorhergeht.

Im Egidyschen Kreise, den ich jetzt um so seltener fern blieb, als ich gerade hier die erfolgreichste Propaganda für die Ideen der Ethischen Kultur glaubte machen zu können, trat die durch die öffentlichen Ereignisse hervorgerufene Erregung deutlich zutage. Egidy pflegte kurze Vorträge zu halten, in denen Tagesfragen stets berührt wurden; selten nur begegnete ihm ein Widerspruch, fast immer konnte er der jubelnden Zustimmung seiner Gäste sicher sein, wenn er in seiner halb kindlichen, halb herrischen Weise alle Fragen spielend löste. »Wir brauchen nur Christen zu sein, ganz und gar Christen, und wir haben keine Rasse-, keine Geschlechts- und keine sozialen Probleme mehr,« erklärte er, und mit unerschütterlichem Optimismus hoffte er auf den Kaiser: »Nach einem Führer unserer Bewegung, die das ganze Volk ohne Ausnahme umfassen wird, braucht ein Land nicht zu suchen, dem Fürsten _geboren_ werden.« Ich war fast die einzige, die nicht nur skeptisch blieb, sondern alles daran setzte, die große Persönlichkeit dieses Mannes, die mir wie geschaffen zu sein schien, Hunderttausende mit sich zu reißen, den Ideen der Ethischen Bewegung zu gewinnen. Wir debattierten oft stundenlang und setzten dann noch brieflich unsere Diskussionen fort.

»Wir wollen beide dasselbe,« sagte er einmal, »und auf diesen ernsten Willen kommt es an.«

»Ist unser Wille der gleiche, und sind unsere Gedanken dieselben, so haben Sie so wenig das Recht wie ich, sich für neuen Wein alter Schläuche zu bedienen!« antwortete ich.

»Das Christentum -- mein Christentum Jesu ist aber nicht der alte Schlauch, den die Kirche gemacht hat, mit der ich ganz und gar nichts zu tun habe,« beharrte er.

»Ich will überhaupt nur, daß etwas wird,« schrieb er bald darauf: »Wir wollen die Religion _leben_; setzen Sie für das Wort: Religion -- Ethik, so ist's mir recht, aber für das Wort: leben sollen Sie mir kein anderes setzen. -- Wir müssen das Christentum ernst nehmen; setzen Sie für Christentum -- Ethik, so ist's mir recht, das Ernstnehmen aber lasse ich mir nicht fortstreichen. Wir haben lange genug entwickelt, -- ich will nun Entfaltung sehen. Wieder bloß reden, bloß predigen, bloß erziehen, derweilen die Menschen weiter hungern und die Welt aus Laune einzelner in Waffen starrt, -- nein! Mein Streben geht darauf hin, Zustände zu schaffen, die _verwirklichen_, was Sie predigen. Der Staat soll eine große ethische Gesellschaft sein, jede Schule eine in Ihrem Sinne ethische, in meinem Sinne religiöse Gemeinschaft erziehen. Glauben Sie mir: ich marschiere ganz auf realem Boden. Daß auch Fräulein von Kleve -- traurig oder lächelnd? -- den Kopf schüttelt, tut mir furchtbar weh. Entmutigen aber darf es mich nicht. Sie waren ja vor mir auf dem Schlachtfelde, -- ich weiß das recht gut. Die Frage wird schließlich einfach die sein: wer der Menschheit zumeist genützt haben wird, -- Ethische Gesellschaft oder Angewandtes Christentum. Sie beantwortet sich allenfalls heute schon daraus: womit begründet jemand seine Ansprüche an die Gemeinsamkeit wirksamer: indem er auf Grund ethischer Prinzipien -- 'neuer Werte' -- fordert, oder indem er auf Grund des 'gerade von euch, ihr Herren' gepredigten Christentums, im Namen des Jesus von Nazareth verlangt? ...«

»Auch ich will, daß etwas wird,« antwortete ich ihm, »aber ich sehe nicht, daß wir, die wir jede gewaltsame Durchsetzung neuer Zustände ablehnen, dieses Werden anders fördern können, als durch 'reden', 'erziehen', 'predigen', das heißt durch Verbreitung neuer Ideen. Sie tun doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir gewiß zugeben, daß Reden -- 'bloß reden' (!) -- eine mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann, als Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an, sagen Sie, und wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite. Wenn ich aber wirklich zuweilen traurig -- niemals lächelnd! -- den Kopf schüttele, so nur deshalb, weil ich überzeugt bin, daß die Folgen der von Ihnen ins Leben gerufenen Bewegung größere sein würden, wenn Sie sich anderer Mittel bedienten. Die ursprüngliche Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten übereinstimmen -- das zu entscheiden wäre Sache gelehrter theologischer Forschung --, aber das, was heute die ganze Welt unter Christentum versteht, ist etwas im Laufe der Jahrhunderte historisch Gewordenes, das umzustoßen viel mehr Zeit, viel mehr Kraft erfordern würde, -- falls es überhaupt möglich ist! --, als neue Werte unter neuem Namen in die Köpfe und Herzen zu pflanzen ...«

Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir im Grunde mit größerer Leidenschaft um einander, als um Ideen kämpften, blieben fruchtlos. »Also -- ich reite allein!« schrieb mir Egidy in einem Augenblick, wo wir, wie erschöpft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm voneinander gegangen waren, »aber -- den Glauben dürfen, richtiger: können Sie mir nicht rauben, daß Sie und ich im kleinsten Finger dasselbe meinen; ich habe Sie erfaßt, nur Sie mich nicht! Warum? ich werde es Ihnen einmal sagen, -- nicht schreiben; ich habe ein ganz klares Bewußtsein davon ...«

Glyzcinski gegenüber gab ich meinem Unmut über das Vergebliche meines Bemühens lebhaften Ausdruck. Er selbst hatte ursprünglich auf Egidy, als einen unserer künftigen Mitkämpfer, außerordentlichen Wert gelegt. Allmählich grub sich eine kleine Falte zwischen seine Brauen, wenn ich von ihm erzählte. »Sie sollten Ihre Kräfte nicht länger an eine verlorene Sache verschwenden,« meinte er dann. Aber ich konnte mich um so weniger beruhigen, als mir ein Zusammenstoß zwischen den beiden Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an Bedeutung gewannen.

Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas war auf Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen, seine Vorträge hatten große Aufmerksamkeit erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich Egidy und seine Anhänger das Auftreten des Ethikers empfanden. An den folgenden Dienstagabenden drängten sich die Menschen mehr als sonst in den Salons der Spenerstraße; die hektisch geröteten Wangen vieler Besucher verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und welcher Gruppe ich mich auch näherte: die Plaudernden verstummten oder stoben scheu auseinander.

»Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verdächtigt,« sagte lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer Freund und ständiger Gast des Egidyschen Hauses, den ich um Aufklärung bat. »Bande!« -- stieß ich zwischen den Zähnen hervor. »Sie haben mit Ihrer Bezeichnung, fürcht' ich, mehr recht, als Sie ahnen,« -- des jungen Dichters Züge waren ernst, fast traurig geworden -- »es ist ein Jammer, daß unser Freund diese Umgebung hat und duldet. Aber es muß anders werden!« fügte er nach einer Pause hinzu. »Ich denke an solche, die fähig und würdig sind, Träger seiner Ideen zu sein, und die -- vielleicht unbewußt -- nach Vertiefung und Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere jungen Künstler und Literaten.« Egidy begann zu reden und unterbrach unser Gespräch. Meine Gedanken waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz recht: die Dichter der »Ehre«, der »Familie Selicke«, des »Vor Sonnenaufgang« waren unsere geborenen Mitkämpfer. Unsere?! -- die der Ethischen Bewegung natürlich!

»... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, daß Orthodoxe und Liberale ihnen Beifall rauschen,« hörte ich Egidys klare, scharfe Kommandostimme, »weil sie erklären, die allgemein menschliche Moral zu vertreten und den religiösen Glauben des einzelnen nicht tasten. Ich aber muß es über mich ergehen lassen, daß man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen, daß ich jedem Dogma zu Leibe gehe, -- aber mit offenem Visire, nicht so, daß man erst gar nichts Böses hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer entpuppe, sondern: erst Ketzer -- dann ganzer und wahrer und Nur-Mensch, -- -- so sind noch nicht viele in die Schranken des öffentlichen Lebens eingeritten ...« Ein langer Blick traf mich, und irgend etwas Unbestimmtes -- wars Ärger, wars Beschämung? -- ließ mich erröten ... »Doch im Namen wahrer Religion tue ich es. Die Ethiker haben keinen Namen, der so alles in sich schließt, wie Religion. Hat man den Namen bisher mißbraucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen: Religion nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion! Und diese Religion bezeichne ich mit dem Worte Christentum. Mögen die Ethiker es doch versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen! Aufs Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen, den man gegen Begriffe und Worte hat, die achtzehnhundert Jahre lang der Deckmantel schnödester Frevel waren. Jetzt aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht, indem man das Banner fortwirft, und es der Menge überläßt, kopfscheu auseinander zu rennen, sondern indem man es höher denn je erhebt und mutig ausruft: Alle hierher! Eben entdecken wir erst, daß es noch nie richtig entrollt war -- in den Falten, die man unseren Blicken entzog, steht ja ganz was anderes --, die ganze Menschheit soll dies Banner stützen, und nicht die Kirche!«

Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein für allemal jede Beifallsäußerung streng verboten. Die Zunächststehenden sahen mich erwartungsvoll an. Das Herz klopfte mir bis zum Halse herauf -- mir wurde heiß und kalt --, ich fühlte, ich mußte sprechen. Es dunkelte mir vor den Augen, die Angst schnürte mir fast die Kehle zu, -- wie sollt' ich die Worte finden, wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke mir entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal, wo die Gelegenheit sich bot, die große Sache zu verteidigen, -- meine Sache! --, durfte ich feige schweigen?!

»Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es hieße: Hie Christentum -- hie Ethik,« begann ich, die zitternden Hände krampfhaft auf die Stuhllehne vor mir stützend, »während wir alle, deren gleiches Ziel die Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die Einheit unserer Aufgaben betonen sollten ...«

»Die Zerstörung der Kirche ist unsere Aufgabe!« rief eine krächzende Stimme dazwischen. Ich suchte einen Augenblick verwirrt nach dem zerrissenen Faden meiner Rede und fuhr dann fort. »Wir Vertreter der Ethischen Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den größten Wert und meinen, daß es weit richtiger ist, gegen Hunger und Not zu kämpfen, als gegen die Kirche ...«

Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in stumpfblonden Strähnen über die Stirne hing, reckte die dürren Hände plötzlich hoch empor und schrie gellend: »Sie verleumdet Egidy, -- duldet das nicht, duldet das nicht!« Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und stand dann wieder mit verschränkten Armen, die Blicke starr auf mich gerichtet, unter dem Türrahmen. Ich weiß, daß ich in diesem Moment, wo die Aufregung um mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hinübersah.

»Wir sind der Überzeugung, daß das Gemeinsame der Menschen --« fast mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos -- »nicht die Religion, die im Gegenteil die Welt in feindselige Lager teilt, wohl aber eine allgemeine Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln.« Mir wurde, angesichts der größeren Ruhe um mich her, freier ums Herz. »Das größte Glück der größten Anzahl -- diese sittliche Richtschnur kann von allen anerkannt werden, ohne daß der Glaube des einzelnen verletzt zu werden braucht.«

»Dazu sind Sie ja viel zu feige!« -- wie ein gut gezielter Pfeilschoß flogen mir die Worte zu.

Ich sah auf Egidy -- noch rührte er sich nicht -- das Herz tat mir weh, und zugleich kam mir blitzartig die Erkenntnis, daß er im Grunde in seiner Rede dasselbe gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und würdigte den Zwischenrufer keiner Antwort. »Herr von Egidy rühmte sich mit Recht, daß er mit offenem Visir kämpfe, -- und wir und meine Freunde sind die letzten, die seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede Überzeugung, indem wir sie nicht antasten und über ihre Schranken hinweg den anderen die Hände reichen ...«

Ein spöttisches Gelächter neben mir reizte meinen kaum unterdrückten Zorn, und alle Selbstbeherrschung verlierend, stürzten mir die Worte über die Lippen: »Sie sind feige, die Sie mich hinterrücks angreifen, -- nicht ich! Viel rücksichtsloser als bei irgend einem unter Ihnen ist meine Gegnerschaft zur Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum selbst, dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich ist.«

»Alix!« -- meiner Mutter Stimme war's, -- in ein fassungsloses Schluchzen brach sie aus. Meine harte Mutter, die Empfindungen kaum zu kennen schien, sie zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, -- meine Mutter weinte! Wir führten sie hinaus, Egidy und ich. Er sprach ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden trocken, ihre Lippen bewegten sich zu mühsamem Lächeln. An der Tür streckte er mir die Hand entgegen, -- ich übersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst als ich vor meinem Schlafzimmer ein leises »Gute Nacht« flüsterte, schien sie sich des Geschehenen wieder zu erinnern.

»Du -- du wagst es, mir eine gute Nacht zu wünschen?!« kam es stoßweise über ihre Lippen. »Hast du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun muß ich noch das Fürchterliche erleben, daß du in aller Öffentlichkeit unseren Herren und Heiland verleugnest?! ... Dazu also hast du die Freiheit benutzt, die wir törichte, mehr als rücksichtsvolle Eltern dir gewährten, hast dir von dem Professor, der uns gegenüber die Maske des duldsamen Ethikers trägt, den Kopf verdrehen lassen! Ein schöner Dank für all unsere Liebe -- -- Aber das schwör' ich dir zu: keinen Fuß setzt du mehr über die Schwelle dieses Elenden!« Ich wollte heftig erwidern, aber schon war sie fort und schob geräuschvoll den Riegel vor ihre Türe.

Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den einen an Egidy, worin ich mich bitter beklagte, daß er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen seiner Anhänger schutzlos preisgegeben habe, und daß ich dafür nur eine Antwort hätte: ihm von nun an fern zu bleiben, und einen anderen an meine Kusine Mathilde, durch den ich sie bat, mich so rasch wie möglich zu sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen müsse. In aller Frühe steckte ich beide in den Kasten und ging zu Glyzcinski. Als ich bei ihm eintrat, in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und Frieden und Vogelgezwitscher, überfiel mich ein Schwindel, -- sekundenlang lehnte ich mit fest auf das Herz gepreßten Händen an der Türe. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet und starrte mich an, die Augen angstvoll aufgerissen, die Züge leichenfahl. Und dann hielt er meine Hand in der seinen und ließ sie nicht los, so lange ich erzählte.

»Meine liebes, armes Schwesterchen!« sagte er immer wieder. »Aber es mußte einmal so kommen, -- Sie werden sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß schließlich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren unvermeidlich ist.« Ich ließ mutlos den Kopf sinken. »Dann erst werden Sie leisten können, was Sie zu leisten berufen sind.«

Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte sich wie ein Schleier über seine Augen, und ein fast unmerkliches Zucken ging durch seinen Körper. »Aber ich bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber ist,« fügte ich rasch hinzu. Er lächelte gezwungen: »Mir scheint es freilich fast unmöglich, Sie zu missen, -- aber gehen Sie -- gehen Sie nur! Wie könnt' ich verlangen, daß Sie mir ein Opfer bringen?!« ...

Ein Opfer?! schoß es mir durch den Kopf, -- ist nicht der Gedanke für mich selbst beinahe unerträglich, ihn zu verlassen?! -- --

Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. »Der Vorwurf, den Sie mir machen, bekümmert mich sehr,« hieß es darin. »Ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß mein Schutz Ihnen nötig war. Ich fand, daß Sie sich selbst an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betrübt es mir, daß Sie jetzt von einem Wegbleiben reden. Der Gedanke, Sie missen zu müssen, ist mir schmerzlich. Ich habe Herz und Kopf noch so voll für Sie, -- ich habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: daß Ihnen dies Wegbleiben gar etwa so schwer nicht würde! Ich meine: andernfalls dürften Ihnen Vorkommnisse solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr müßten Sie eine Befriedigung im Überwinden derartiger Dinge finden; dies um so mehr, als Sie meiner ritterlichen Verteidigung wohl überzeugt sein dürfen, sofern ich sehe, daß Sie derselben irgend benötigen. So wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines Bandes, das zu keinem anderen Zwecke besteht als zu dem: den Menschen zu dienen; -- -- ganz abgesehen von einem Gefühl wohltuender Freundschaft: 'oh reiß den Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei -- wird sie auch wieder fest -- ein Knoten bleibt dabei --' Wir werden uns aussprechen, -- ich bin in wenigen Stunden bei Ihnen ...«

Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter empfing ihn; er blieb lange bei ihr, und als er gegangen war, trat sie mir mit ganz verändertem Ausdruck entgegen. »Egidy läßt dich grüßen,« sagte sie, »danke es diesem prachtvollen Menschen, daß ich dir noch einmal verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.«